Berlin-Chemie Newsletter vom 5. September 2017

Berlin-Chemie Newsletter vom 5. September 2017

  • Finanzreserven der GKV steigen munter weiter
  • Versichertenbefragung: Längere Wartezeiten?
  • Rheumatologie der Zukunft
  • Am Scheideweg: Bürgerversicherung oder duales System?
  • Pflegepolitik wird immer teurer
  • Apothekenzahl sinkt weiter
  • Zusatznutzen von Telemonitoring bei Herzerkrankungen: Ja oder Nein?

Finanzreserven der GKV steigen munter weiter

Die Gesetzliche Krankenversicherung hat im ersten Halbjahr 2017 erneut einen gewaltigen Überschuss erzielt. Die Finanzreserven sind demnach auf aktuell rund 17,5 Milliarden Euro gestiegen.

Im ersten Halbjahr 2016 wiesen die gesetzlichen Krankenkassen einen Überschuss von 598 Millionen Euro aus. Ein Jahr später konnte die GKV ihr Ergebnis deutlich verbessern: Der Überschuss für das erste Quartal(!) 2017 betrug allein schon 612 Millionen Euro. Zur Jahreshalbzeit soll der Überschuss bereits 1,4 Milliarden Euro betragen und damit mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr sein. Demnach sind die Finanzreserven der Krankenkassen von rund 15,9 Milliarden Euro zum Jahresende 2016 auf inzwischen 17,5 Milliarden Euro gestiegen. Zusätzlich befanden sich zum Jahresende 2016 noch rund neun Milliarden Euro an Finanzreserve im Gesundheitsfonds.

Die AOK-Gemeinschaft vermeldete kürzlich zudem: „Nachdem schon die ersten drei Monate des Jahres mit einem Plus von 361 Millionen Euro abgeschlossen worden sind, konnte der Überschuss im zweiten Quartal noch einmal auf rund 650 Millionen Euro gesteigert werden.“ Im Vorjahr hatten die AOKen das zweite Quartal mit einem Plus von 125 Millionen Euro abgeschlossen. Als Ursache nannte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, den Versichertenzuwachs von 3,4 Prozent im ersten Halbjahr und einen unterdurchschnittlichen Anstieg der Leistungsausgaben.

Versichertenbefragung: Längere Wartezeiten?

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beauftragte die Forschungsgruppe Wahlen und die Patientenprojekte GmbH mit Versichertenbefragungen. Die rund 6000 Befragten sind überwiegend zufrieden mit der ärztlichen Versorgung in Deutschland. Vieles hat sich zu den Vorjahren nicht verändert. Auffällig ist eine Angleichung bei den Wartezeiten der knapp neun Millionen privat Versicherten und rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten.

Anfang 2016 starteten die Kassenärztlichen Vereinigungen regional sogenannte Terminservicestellen. Sie sollen Patienten mit einer Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt oder beim Psychotherapeuten vermitteln. Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hatte dieses Instrument schon vor dessen Einführung als überflüssig bezeichnet. Und tatsächlich: Die Wartezeiten sind dadurch nicht kürzer geworden.

Wenig überraschend ist, dass 85 Prozent der 18- bis 79-jährigen befragten Bürger in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal beim Arzt waren. Dies hat sich über Jahre kaum geändert. 37 Prozent von ihnen waren ausschließlich beim Hausarzt; 19 Prozent statteten nur Fachärzten einen Besuch ab. Dies entspricht einem leichten Rückgang auf Hausarztseite und einem leichten Plus bei den Fachärzten. Bei den 15 Prozent, die angeblich keinen Arzt aufsuchten, wurden Zahnärzte und Krankenhausaufenthalte nicht berücksichtigt. Eine medizinische Behandlung könnte folglich trotzdem stattgefunden haben. Auch bei der durchschnittlichen Anzahl der Arztkonsultationen pro Jahr gibt es seit 2008 nur marginale Unterschiede. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten, die im vergangenen Jahr beim Arzt waren, suchten eine Arztpraxis drei- bis zehnmal auf. Sofort und ohne jegliches Warten wurden insgesamt 42 Prozent der Patienten behandelt (2016: 47 Prozent). Insgesamt 40 Prozent musste sich länger als drei Tage gedulden. Für weitere 15 Prozent wurde ein Termin erst drei Wochen in der Zukunft vereinbart. Länger als drei Wochen dauerte es bei 15 Prozent der Befragten, bis sie ihren Termin bekamen. Vor allem in den neuen Bundesländern haben die Wartezeiten zugenommen und der Anteil derer, die gleich einen Termin bekommen haben, abgenommen. 80 Prozent einer befragten Teilgruppe sei mit der Wartezeit beim letzten Termin zufrieden gewesen, so Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen.

Der Anteil der PKV-Versicherten, die ohne Wartezeit einen Termin bekommen haben, hat deutlich abgenommen. Ein ähnlichen, aber weniger stark ausgeprägten, Rückgang gibt es hierbei auch in der GKV. Der Unterschied ist nun deutlich geringer, was den KBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Gassen dazu anregte, sich wie folgt zu äußern: „Von einem Gerechtigkeitsprobleme kann keine Rede sein.“ Den Wandel ließe sich dadurch erklären, dass es in der GKV überproportional mehr junge Menschen gebe, während in der PKV schlichtweg ein Nachwuchsproblem existiere.

Und wie sieht es bei der Ärzteabdeckung aus? Für 73 Prozent aller Befragten gibt es dort, wo sie wohnen, genügend Hausärzte. Von denen, die es nicht so sehen, meinen 32 Prozent wiederrum, dass es schwierig sei, einen Hausarzt zu finden. Was die Versorgung mit Fachärzten vor Ort angeht, halten diese nur 51 Prozent für ausreichend. Dass sie persönlich schon einmal ein Problem hatten, einen geeigneten Facharzt zu finden, sagt in allen Regionen und Gruppen jedoch immer nur eine Minderheit.

Rheumatologie der Zukunft

Seit den 1950er-Jahren wird Cortison als Basismedikament bei rheumatologischen Erkrankungen eingesetzt. Die Nebenwirkungen sind allerdings nicht ohne. Auf dem Kongress der Rheumatologen werden neue Alternativtherapien vorgestellt, die Patienten Hoffnung machen.

Rheuma-Erkrankungen sind in Deutschland weit verbreitet. Doch die Behandlungsmöglichkeiten werden immer besser. Prof. Heinz-Jürgen Lakomek, Vorstandsvorsitzender des Verbandes Rheumatologischer Akutkliniken, sprach im Vorfeld des Rheumatologen-Kongresses über die Zukunft der Versorgung, die er in der ambulant spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) sieht. Damit steigen die Versorgungskapazitäten in der Ambulanz um 20 Prozent – und das ist dringend notwendig, um alle Erkrankten zeitnah behandeln zu können. Nach der Onkologie ist die Rheumatologie erst der zweite Bereich, der sich mit einer ASV aufstellen kann. Der Gemeinsame Bundesausschuss muss dazu jedoch noch die Anlage „Rheumatologie“ der ASV veröffentlichen, damit das Bundesgesundheitsministerium zustimmen kann. Und auch im Hinblick auf die Arzneimittelversorgung gibt es positive Neuigkeiten. Gerade erobert eine neue Medikamentengruppe den europäischen Markt: „Mit den neuen Wirkstoffen ist es gelungen, Entzündungsprozesse, die die Arthritis hervorrufen, auf zellulärer Ebene zu unterbinden“, erklärt DGRh-Präsident, Prof. Hanns-Martin Lorenz. Der Stellenwert der neuen Therapie sei derzeit noch schwer einzuordnen, dennoch bestehe Grund zur Hoffnung. Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird Cortison als Basismedikament bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt und mit anderen Medikamenten, die fortwährend entwickelt werden, kombiniert. Ziel ist es, den Anteil von Cortison zu reduzieren, um die Nebenwirkungen einzudämmen. Biologika und nun auch die Signaltransduktionsinhibitoren zählen mittlerweile zu den effektivsten Therapien. „Ärzte und Patienten sind stets darauf angewiesen, dass neue Wirkstoffe entdeckt werden, die den Patienten helfen, die noch keine effektive Therapie genießen“, sagt Hellmich.

Am Scheideweg: Bürgerversicherung oder duales System?

Die Prämien für Privatversicherte schießen in die Höhe. Schuld sind steigende Behandlungskosten, schrumpfende Zinserträge und die sinkende Zahl an jungen Versicherten. Auch die GKV muss wegen des demografischen Wandels strenger haushalten. Hat das duale System noch Zukunft?

Die Zukunft des dualen Krankenversicherungssystems ist gleich zu Beginn des Wahljahres weit nach oben auf die politische Agenda gerückt. SPD, Linke und Grüne wollen eine Bürgerversicherung. CDU/CSU halten an der Trennung von Gesetzlicher (GKV) und Privater Krankenversicherung (PKV) fest. Während die Prämien für Privatversicherte zuletzt um bis zu 20 Prozent in die Höhe geschossen sind, muss die GKV angesichts des demografischen Wandels strenger haushalten und die Zusatzbeiträge sukzessive anheben. Muss das System komplett überholt werden? Auf dem Euroforum der PKV ging es genau darum. Thomas Stritzl (CDU), Mitglied im Gesundheitsausschuss, ist strikt gegen eine Einheitsversicherung: „Wir brauchen GKV und PKV. Das Gesamtsystem kann so entlastet werden.“ Die privaten Versicherer sparen schließlich einen Teil der Prämien für das Alter ihrer Versicherten, die andernfalls der GKV auf der Tasche liegen würden. Bisher wurden knapp 220 Milliarden Euro am Finanzmarkt angelegt. Stritzl erklärt darum: „Wir sind gut beraten, wenn wir uns nicht mit der Axt an der Wurzel zu schaffen machen.“ Auch Dr. Frank Wild, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der PKV, hält am dualen Versicherungssystem fest. Die PKV sei nicht weniger als eine Milliardenstütze für das Gesundheitssystem und würde es subventionieren. Dieses Argument kontert die Gegenseite. Es sei die GKV, die die gesamte Infrastruktur bezahle und somit erst eine Behandlung von privat Versicherten möglich mache. Abwarten ist angesagt. Erst die Bundestagswahl wird zeigen, wie es weitergeht.

Pflegepolitik wird immer teurer

Das Urteil könnte kaum härter ausfallen: Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) vergleicht die aktuelle Pflegepolitik mit einem Riesentanker ohne Kapitän, der ahnungs- und ziellos ins Verderben steuere.

Die Leistungsausweitung, die die Pflegestärkungsgesetze nach sich gezogen haben, kommen uns auf Dauer teuer zu stehen; vermutlich noch teurer als anfangs gedacht. Die Halbjahresbilanz der DAK-Gesundheit hat bereits gezeigt, dass seit der jüngsten Reform der Pflegeversicherung die Ausgaben für Pflege um rund ein Fünftel gestiegen sind. Bis Jahresende rechnet man sogar mit einem Gesamtanstieg von 23 Prozent. Auf Dauer müssen die Beiträge für die Pflegeversicherung angehoben werden. Und zwar früher, als erwartet. Verbandssprecher und AGVP-Vizepräsident, Friedhelm Fiedler, glaubt, dass schon 2020 die nächste Erhöhungswelle ansteht und die Pflegestärkungsgesetze IV und V bald kommen werden – um Fehler zu korrigieren. Von einem Politikversagen spricht der AGVP-Präsident Thomas Greiner. Und von Gesetzen, die die Situation nur schlimmer gemacht hätten und ahnungslosen Politikern, die gar nicht richtig im Thema drin steckten: „Von einer zukunftsweisenden Politik sind wir in der Altenpflege in Deutschland noch meilenweit entfernt. Bei drei beteiligten Bundesministerien, 16 Landesregierungen, unterschiedlichen Kostenträgern und vielen weiteren Akteuren entsteht Chaos.“

Apothekenzahl sinkt weiter

Die Anzahl der Präsenzapotheken sinkt weiter. Während es immer weniger Einzelapotheken gibt, steigt die Zahl der Filialbetriebe.

Die Apothekenzahl in Deutschland ist auf das Niveau von 1988 abgesunken. Seit Jahresende 2016 habe sich die Apothekenzahl von 20.023 um 143 auf 19.880 Apotheken reduziert. Auffällig, so die Einschätzung der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, sei der Verlust an selbständigen Apothekeninhabern, deren Zahl in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 209 sank. Diese Entwicklung wird unter anderem durch die Schwierigkeiten der Nachbesetzung mit Fachpersonal verstärkt. Die Zahl der Filialen hingegen wächst: Im ersten Halbjahr 2017 gab es einen Zuwachs an 66 Filialbetrieben. Das Fremd- und Mehrbesitzverbot erlaubt es Apothekern, neben der Hauptapotheke bis zu drei Filialen in enger räumlicher Nähe zu betreiben. Für diese tragen sie die volle fachliche und wirtschaftliche Verantwortung.

Zusatznutzen von Telemonitoring bei Herzerkrankungen: Ja oder Nein?

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wurde mit der Untersuchung des Nutzens von Telemonitoring bei Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen beauftragt. In manchen Fragen – zum Beispiel Lebensqualität – konnten keine adäquaten Aussagen getroffen werden, weil das vorhandene Studienmaterial lückenhaft oder schwer zugänglich ist.

Aus Patientensicht klingt Telemonitoring erst einmal verlockend. Die Vorstellung, dass nicht mehr alle paar Wochen zur Kontrolle zum Spezialisten gefahren werden muss und ewige Wartezeit gespart werden kann, ist eine schöne. Telemonitoring soll nicht nur eine durchgängigere Kontrolle der Patienten ermöglichen. Moderne Implantate können bei Bedarf auch selbstständig den Herzschlag über das Aussenden von elektronischen Impulsen stimulieren (implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren/ICDs) oder schwerwiegende Rhythmusstörungen ausgleichen (kardiale Resynchronisationstherapie/CRTs). Bei Auffälligkeiten wird der Behandler alarmiert. Eine regelmäßige ambulante Nachsorge – in der Regel alle drei Monate – bleibt dennoch notwendig. Das IQWiG sollte nun untersuchen, ob Telemonitoring Patienten mit Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen mit hoher Herzfrequenz (ventrikuläre Tachyarrhytmien) Vorteile bietet. Ein klares Ergebnis bleibt vorerst aus. Die Behandlungsergebnisse bei verschiedenen Zielkriterien wie beispielsweise die Sterblichkeit, das Auftreten von Schlaganfällen oder psychischen Problemen, seien weder besser noch schlechter. Zu wichtigen Fragen wie der Lebensqualität oder unerwünschten Ereignissen, zu denen etwa Nebenwirkungen gehören, konnte man überhaupt keine Aussagen treffen. Die Studienlage sei schlichtweg zu schlecht. Insgesamt wurden 16 Studien mit rund 8.500 Patienten im Gutachten berücksichtigt, darunter die größeren Studien TRUST, ECOST, IN-TIME und CONNECT. Die Wissenschaftler sahen sich aufgrund der reduzierten Datengrundlage nicht im Stande, eine vor Verzerrungen geschützte Aussage zu treffen. Das sorgt beim Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Dr. Hans-Friedrich Spies, für Unbehagen. Er plädierte auf mehr Zurückhaltung und erklärte: „Fehlende Studien oder unzureichendes Studiendesign dürfen in der Öffentlichkeit nicht dazu führen, dass ein Verfahren als nicht effektiv eingestuft wird.“ Er wünscht sich eine differenziertere Wertung. Häufig können durch das Telemonitoring subjektive Beschwerden objektiviert oder beispielsweise asymptomatisches Vorhofflimmern erkannt werden. „Für diese Erkenntnis ist die Forderung nach Studien mit Endpunkten wie Mortalität und Schlaganfall glatt überzogen“, so Spies weiter. Die Lebensqualität müsse in der Betrachtung eine größere Rolle spielen.

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