Berlin-Chemie Newsletter vom 29. November 2017

Berlin-Chemie Newsletter vom 29. November 2017

  • Politik nach der Jamaika-Krise
  • Algorithmen in der Medizin: Fluch oder Segen?
  • EMA-Verlegung: Mailand oder Bonn – am Ende siegt Amsterdam
  • Studie: Viele schlafen zu wenig und zu schlecht
  • Mitgliederversammlung des vfa: AMNOG bleibt sitzen
  • Teamwork im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen
  • 40. Krankenhaustag: Weichen müssen gestellt werden
  • BKK Gesundheitsreport 2017: Macht digitale Arbeit krank?

Politik nach der Jamaika-Krise

Nachdem die Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition geplatzt sind, bleibt die gesundheitspolitische Agenda weiterhin unklar. Dabei sind die Themen, die angepackt werden müssen, eigentlich allen klar.

Es war der Versuch etwas passend zu machen, was nicht passend zu machen ist. Nicht nur in Fragen der Klima- und Flüchtlingspolitik hat es zwischen Union, FDP und Grünen offenbar zu große Differenzen gegeben, sondern auch im Hinblick auf Gesundheitsthemen. Seit Jahren kämpfen die Grünen für eine Bürgerversicherung, CDU/CSU und FDP hingegen halten am dualen System aus Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung fest. Bei den Sondierungsgesprächen einigte man sich daher auf einen eher schlechten als rechten Kompromiss – die Deckelung der Zusatzbeiträge in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Strittig blieb bis zuletzt jedoch die Höhe.

Ein weiterer großer Diskussionspunkt: der Apotheken-Versandhandel. Die Union bestand wie angekündigt darauf, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln zu verbieten; Grüne und FDP hingegen konnten sich keinerlei Einschränkungen der Vertriebsstrukturen vorstellen.

Trotz aller Streitpunkte: „Jamaika ist nicht an der Gesundheitspolitik gescheitert“, erklärte Wolfgang Greiner, Professor für Gesundheitsökonomie und Mitglied des Sachverständigenrates. Aus den Ergebnissen der Sondierungsgespräche ging hervor, dass die Parteien durchaus willig waren, sich in gesundheitspolitischen Fragestellungen zu einigen. Im Hinblick auf den Versandhandel etwa wollte man eine Einigung in den Koalitionsverhandlungen erreichen. In anderen Themen kamen die Politiker sogar weiter. Einigung herrschte zudem bei der sektorenübergreifenden Bedarfsplanung, der Reform der Notfallversorgung und ein Sofortprogramm für die Pflege, das höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte vorsah. Um das deutsche Gesundheitssystem auch in Zukunft gesund zu erhalten, ist das nicht genug. In den Gesprächen fehlten etliche Themen, darunter etwa eine eHealth-Strategie.

Auf der Fachtagung des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschlands (kkvd) erklärte Greiner, dass die gesundheitspolitische Agenda am Ende aber nicht unbedingt davon abhängen wird, wer letztlich in die Regierungsverantwortung kommt. „Wir haben keine Glaskugel, aber an einer ganzen Reihe von Themen wird niemand vorbeikommen“, so der Professor. Dazu zähle etwa die Umstrukturierung des Morbi-RSA, das Aufbrechen der Sektorengrenzen, wirksame Konzeptentwicklungen gegen die Unterversorgung auf dem Land, die Förderung digitaler Innovationen sowie die Qualitätsfragen.

Algorithmen in der Medizin: Fluch oder Segen?

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich für mehr Tempo und Mut bei der Digitalisierung ausgesprochen. Ein Digitalisierungsexperte fordert für die Zukunft die konsequente Einbindung von lernenden Algorithmen. Dies soll auch den Ärzten zugutekommen.

Ärzte sehen sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie sich doch gegen die Digitalisierung wehren würden und ihre ablehnende Haltung den Fortschritt ausbremse. Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), weist in diesem Zusammenhang immer wieder daraufhin, dass zwischen dem Bremsen und der kritischen Betrachtung neuer digitaler Lösungen zwingend unterschieden werden müsse. Sein Vorstandskollege, Dr. Thomas Kriedel, der sich innerhalb der KBV verstärkt im Bereich Digitalisierung betätigt, ging nun in Berlin ein Stück weiter und erklärte, dass die Ärzte bei der Digitalisierung schneller werden können. Ein Ausprobieren der Fernbehandlung halte die KBV so zum Beispiel für notwendig. Kriedel betonte aber auch, dass dies ein Zuständigkeitsthema der Bundesärztekammer sei. Aus dem Ausland habe er aber von guten Erfahrungen gehört. Zudem habe Baden-Württemberg mit seiner Öffnung der Berufsordnung für Fernbehandlung, vorerst zwar nur für Modellversuche, nun einen Vorreiterschritt getan. Professor Dr. Klaus Juffernbach, Vorsitzender der Expertengruppe „Intelligente Gesundheitsnetze“ des Digital-Gipfels der Bundesregierung, und Diskussionspartner Kriedels, warnte vor ausbleibender Kontinuität. „Wir haben viele Pilotprojekte im Bereich der Telemedizin, die gute Ergebnisse gehabt haben. Davon sehen wir aber wenige in der Selbstverwaltung“, so Juffernbach. „Wir haben in Deutschland leider die Position, dass wir uns erst mal zurückziehen und alles was neu und innovativ ist, vorerst blockieren. Das gilt für alle möglichen Versorgungsformen“, kritisierte er. „Wir haben die besten Ärzte in der Welt und ich finde, dass diese auch bei der Digitalisierung mehr das Heft in die Hand nehmen könnten.“ Und für diese Forderung nach dem Einsatz von deutlich mehr künstlicher Intelligenz hat er gute Gründe. Es brauche schließlich Überlegungen, wie man den Versorgungslücken durch fehlende Arztkapazitäten begegnen könne. Radiologen könnten zum Beispiel künftig viel Zeit sparen, wenn künstliche Intelligenz die Röntgen-Thorax-Aufnahmen auswerten würde. Der Arzt würde anschließend den Befund bestätigen oder zu einer anderen Meinung kommen. Der Arzt könnte so deutlich mehr Patienten in derselben Zeit schaffen, denn eine Auswertung würde nur einen Bruchteil der heute üblichen 30 Minuten dauern.

„Der Algorithmus ist so gut wie die Daten, die eingefügt werden. Als Mediziner weiß ich nicht, was der Algorithmus macht. Ich muss mich darauf verlassen, dass der Algorithmus die Daten richtig verwendet“, so Kriedels Reaktion. „Wenn Sie einen Arzt schlecht ausbilden, dann wird er auch ein schlechter Arzt sein“, erwiderte Juffernbach. Dasselbe gelte für lernende Algorithmen. Trainingsdaten aus den Fachgesellschaften seien zum Beispiel von guter Qualität. Kriedel sieht vor allem zwei Anwendungsbereiche für Algorithmen. Diese könnten zum einen in der Triage zum Einsatz kommen und dem Patienten bei der Frage helfen, ob ein Arztbesuch notwendig ist oder nicht. Zum anderen könne der behandelnde Arzt durch Algorithmen unterstützt werden und so eine Diagnosefindung beschleunigt werden. „Algorithmen müssen ein Unterstützungsmechanismus sein“, so der KBV-Vorstand. „Stand heute glaube ich nicht, dass der Arzt ersetzt werden kann.“ Das habe auch haftungsrechtliche Gründe.

Am Ende geht es aber wohl wie so oft ums Geld. „Wir schaffen es bisher nicht, die Vergütung am Patientennutzen auszurichten“, kritisierte Juffernbach. Darin sieht er einen entscheidenden Schlüssel für die Durchsetzung der modernen Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung. „Wenn es eine Verbesserung der Qualität ist, dann muss es bezahlt werden“, meinte auch Kriedel. Er zeigte für die vorsichtige Haltung der Gesetzlichen Krankenversicherung aber Verständnis, da diese bei der Telemedizin nicht nur die Behandlung, sondern auch zusätzlich die Technik bezahlen müsse. „Wir sind alle gezwungen zu belegen, warum eine telemedizinische Leistung schneller und besser ist. Es muss in unseren Gremien nachgewiesen werden, dass eine Leistung den entsprechenden Erfolg hat“, so Kriedel.

EMA-Verlegung: Mailand oder Bonn – am Ende siegt Amsterdam

Seit Bekanntwerden der Brexit-Verhandlungen stand fest, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) einen neuen Standort benötigt. Die Entscheidung wurde nun getroffen. Auf London wird Amsterdam folgen. Bonn scheiterte auch, weil keine passenden Räumlichkeiten bezugsfähig gewesen wären. Die Arzneimittel-Branche begrüßt derweil die relativ schnelle Entscheidung.

Anfang August wurde eine Liste mit 19 Städtenamen bekanntgegeben. 19 Städte, die der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) nach dem Brexit eine neue Heimat geben wollten. Am Ende hat sich Amsterdam nach einem Unentschieden in der Stichwahl im Losverfahren gegen Mailand durchgesetzt. Der Umzug soll möglichst 2018, spätestens Anfang 2019 erfolgen.

Für die niederländische Hauptstadt sprachen neben der hohen Anzahl internationaler Schulen der Zugang zu medizinischer Versorgung in der Muttersprache der EMA-Mitarbeiter sowie die Jobmöglichkeiten für Ehepartner in der Region. Zudem hatten sich zwei Drittel der knapp 900 EMA-Mitarbeiter zuvor in einer Umfrage zu einem Umzug nach Amsterdam bereit erklärt.

Die deutsche Bewerbung aus Bonn hatte prominente Unterstützung, scheiterte aber bereits in der ersten Abstimmungsrunde. Der frühere Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens und Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit a.D., Wolfgang Clement, unterstützte die deutsche Bewerbung als Sonderbeauftragter des Bundesgesundheitsministers. „Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, die Universitäten und Forschungseinrichtungen bieten ein ideales Umfeld für die EMA in Bonn. Hier kann sie ihre wichtige Arbeit als Wächter über die Arzneimittelsicherheit und die Patientensicherheit lückenlos fortsetzen“, erklärte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe noch im August. Auch mit der guten logistischen Anbindung wollte Bonn punkten. An der Bewerbung wurde jedoch unter anderem kritisiert, dass die EMA in Übergangsräume hätte ziehen sollen.

Als „eine vernünftige Entscheidung“ bezeichnete Dr. Martin Zentgraf, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI), das Ergebnis der Standortwahl. Amsterdam erfülle alle geforderten Kriterien, um die täglichen Aufgaben der Agentur reibungslos fortzuführen, so der Verbandschef. „Die Handlungsfähigkeit der EMA ist für das gesamte Gesundheitswesen der EU von größter Bedeutung. Diese muss deshalb vor, während und nach dem Umzug gewährleistet sein“, erklärte Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Im Sinne der Kontinuität hoffe der vfa, dass die EMA möglichst viele ihrer Mitarbeiten zum Umzug nach Amsterdam bewegen kann. Fischer warnte aber auch, dass im Brexit-Kontext weitere Hürden neben der EMA-Verlegung überwunden werden müssten. Vor allem Zulassungsfragen verfügbarer und neuer Medikamente müssten geklärt werden. „Übergangslösungen und langfristige Kooperationsvereinbarungen könnten sicherstellen, dass unabhängig von den Verhandlungen über andere Rechtsfragen der Zugang von Patienten zu oft überlebenswichtigen Therapien in der EU ebenso wie in UK nicht beeinträchtigt wird", so Fischer weiter.

Studie: Viele schlafen zu wenig und zu schlecht

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in einer Studie den Schlaf der berufstätigen Menschen in Deutschland untersuchen lassen. Ergebnisse: Die Schlafqualität ist ausbaufähig und Schlaf wird zunehmend ein Thema, das auch die Unternehmen interessieren sollte.

„Schlaf gut, Deutschland“ heißt eine neue Studie der Techniker Krankenkasse. Das „gut“ kann ein Drittel der Befragten streichen, denn sie schlafen nach eigenem Empfinden nur mittelmäßig, schlecht oder sogar sehr schlecht. Auch die von Gesundheitsexperten empfohlene Mindestschlafdauer von sechs Stunden erreicht gut ein Viertel nicht. Beides wirkt sich auf die Gesundheit aus. 54 Prozent der Menschen, die schlechten Schlaf angaben, leiden unter Muskelverspannungen und Rückenschmerzen. Von den Gutschläfern betrifft dies laut Studie nur 35 Prozent. Das gleiche Bild gibt es bei Erschöpfung (44 zu 21 Prozent), Niedergeschlagenheit (21 zu sechs Prozent) und Gereiztheit (33 zu neun Prozent). Peter Wendt, bei der TK für die Umfrage zuständig, berichtete in Berlin zudem, dass knapp 40 Prozent der Menschen den Jobstress als Hauptursache für schlechten Schlaf betrachten. "Weitere Gründe sind vor allem private Probleme mit 28 Prozent und gesundheitliche Beschwerden mit 22 Prozent", so Wendt.

Besonders eine wachsende Arbeitnehmergruppe zeigt eine auffällige Entwicklung. Unter den Berufstätigen mit unregelmäßigen Arbeitszeiten oder Schichtdienst ist der Anteil der Schlechtschläfer am höchsten. Rund dreißig Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland ist inzwischen in so einem Flex-Verhältnis beschäftigt. Von diesen klagen 40 Prozent der Umfrageteilnehmer über schlechte Schlafqualität. „Wer nachts arbeiten muss - und das betrifft etwa jeden fünften Schichtarbeiter - liegt über Kreuz mit seinem natürlichen Biorhythmus. Gegen die innere Uhr zu arbeiten, kostet zusätzliche Energie und wirkt sich negativ auf die Schlafqualität aus", so Dr. Utz Niklas Walter vom Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG). 42 Prozent der befragten Schichtarbeiter gaben an, dass sie Umstellungs- und Schlafprobleme haben, wenn sich ihr Schichtplan ändert.

Das Thema Schlaf ist deshalb auch ein wichtiger Teil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Im Personenverkehr kann es lebensgefährliche Folgen haben, wenn der Bus- oder Zugfahrer übermüdet oder erschöpft ist und das Unfallrisiko steigt. Aber auch für „Denkfabriken“ hat es Nachteile – und womöglich finanzielle Ausfälle zur Folge – wenn durch unkonzentrierte Mitarbeiter die Fehlerquote steigt. BGM ist heute mehr als die Salatbar in der Kantine oder der ergonomische Bürostuhl, so betont Dr. Jens Baas, TK-Vorstandsvorsitzender, seit Jahren. Einige Mitarbeiter, vor allem die Führungskräfte, sollten zu Schlafexperten geschult werden und bei ernsten Problemen ihrer Mitarbeiter eine Lotsenfunktion einnehmen. Auch sei die Gesundheitskompetenz der Mitarbeiter zu adressieren. Alkohol, Kaffee, der Konsum von digitalen Medien sowie das Beantworten von Dienstmails sind schlafschädigend. Dies wissen zwar viele Menschen, dennoch leben sie nicht danach und haben zum Beispiel das Smartphone trotzdem auf dem Nachttisch.

Mitgliederversammlung des vfa: AMNOG bleibt sitzen

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) hat seine Mitglieder nach Berlin eingeladen, um die großen Themen der Zukunft abzuklopfen. Darunter fallen insbesondere die Planungssicherheit und der Abbau von unnötigen Hürden im Hinblick auf die Einführung von Innovationen.

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer, hat sich bei der Mitgliederversammlung in Berlin für den Fortschritt stark gemacht und an die Politik appelliert, nicht im Stillstand auszuharren: „Stillstand ist Gift für jeden Fortschritt.“ Und Fortschritt brauche Deutschland ganz dringend. Insbesondere, wenn es um neue Behandlungsmethoden bei Diabetes Typ II und Alzheimer geht – zwei Krankheiten, die immer häufiger auftreten und enorme Kosten verursachen.

Um Innovationen in der Patientenversorgung künftig schneller auf den Weg zu bringen, brauche es mehr Mut. Zudem müssen unnötige Hürden abgebaut werden. Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) habe es Pharmaunternehmen in der Vergangenheit schwerer gemacht, neue Medikamente auf den Markt zu bringen. Der geforderte Zusatznutzen sei eine nachvollziehbare Anforderung, allerdings sei das Bewertungsverfahren nach wie vor umstritten. Auch der wiedergewählte Vorstandsvorsitzende des vfa, Han Steutel, sieht das kritisch: „Es heißt immer, es sei noch ein lernendes System. Doch wenn es ein Schüler wäre, wäre es schon oft sitzen geblieben.“

Die große Herausforderung der Zukunft sei es, einerseits Innovationen zu fördern und andererseits – in Zeiten des demografischen Wandels – darauf zu achten, dass nicht unnötig Geld verschwendet wird. Für Prof. Matthias Tschöp, wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz Diabetes-Zentrums München, ist Forschung immer eine lohnenswerte Investition. Er erklärte bei der Mitgliederversammlung, dass bis 2030 64 Prozent mehr an Diabetes Typ II erkrankt sein werden. Das allein sei Grund genug, um das kleine Zeitfenster jetzt zu nutzen, um die Epidemie aufzuhalten. „Dazu braucht es eine interdisziplinäre Zusammenarbeit“, so Tschöp.

Teamwork im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen

Der europäische Antibiotikatag hat den Fokus noch einmal auf die Dringlichkeit des Problems hingewiesen: Resistenzen sorgen dafür, dass einige Krankheiten nur noch schwer behandelbar sind. Es braucht dringend neue Wirkstoffe und Maßnahmen, die weltweit greifen. Das hat die Forschung längst begriffen und arbeitet zusammen.

In Berlin wurde jüngst der „Global Collaboration Hub on Research and Development on AMR“ als Koordinationsplattform für Antibiotikaforschung ins Leben gerufen. Es müsse weltweit und gemeinsam geforscht werden. Denn der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen ist nur zu gewinnen, wenn europa- und weltweit an einem Strang gezogen wird. Das sagte auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Professor Frank Ulrich Montgomery, im Vorfeld des europäischen Antibiotikatages.

Mit dem Global Collaboration Hub leistet Deutschland einen wertvollen Beitrag, die internationalen Aktivitäten der akademischen wie industriellen Forschung zu Antibiotika zielgerichtet zu gestalten, meint auch Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen. Die Einrichtung des Global Collaboration Hubs kommt zu einer Zeit, in der die Pharma-, Biotech- und Diagnostika-Industrie ihre Aktivitäten gegen Antibiotikaresistenzen wieder ausweitet, nachdem sich damit in den 2000er-Jahren nur wenige Unternehmen befassten. So haben sich mehr als 80 Unternehmen und Verbände 2016 zu mehr Anstrengungen gemeinsam mit der Politik bekannt.

Auch in Deutschland sind die Ziele klar definiert: Der Vorstandsvize der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Stephan Hofmeister, warb gemeinsam mit der Vorstandsvorsitzenden des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), Ulrike Elsner, für das RESIST-Projekt. Das Gemeinschaftsprojekt von vdek, KBV und acht Kassenärztlichen Vereinigungen will die Zahl unnötiger Antibiotika-Verordnungen in Deutschland senken. 3000 Haus-, Kinder- und HNO-Fachärzte sowie Internisten machen dazu spezielle Schulungen.

40. Krankenhaustag: Weichen müssen gestellt werden

Die ganze Bandbreite an Themen, die die stationären Einrichtungen in Deutschland derzeit beschäftigen, wurde beim 40. Krankenhaustag in Düsseldorf zur Diskussion gestellt. Der Ruf nach Bürokratieabbau und mehr Geld wird nun immer lauter.

Die deutschen Krankenhäuser sorgen sich um ihre Existenz. Das wurde gleich zum Auftakt des 40. Deutschen Krankhaustages in Düsseldorf deutlich. Der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), Dr. Josef Düllings, erklärte: „Wir dringen darauf, dass die flächendeckende stationäre Versorgung nicht durch falsche politische Entscheidungen oder das Ignorieren von Problemen aufs Spiel gesetzt wird. Es geht uns nicht um Aktionismus, sondern um die richtigen Weichenstellungen.“ Die Unterfinanzierung der Häuser müsse ganz dringend beendet werden, dürfe aber nicht durch Schließungen kompensiert werden. Insgesamt geht es um einen Bedarf von 6,5 Milliarden Euro. Nur 2,8 Milliarden Euro stammen derzeit aus dem Länderhaushalten. Zu wenig, findet Düllings.

Ein weiteres großes Thema für die Krankenhäuser ist der Fachkräftemangel. Dem wolle man mit einer Digitalisierungsoffensive begegnen. So könne das Personal zumindest mittelfristig entlastet werden. Um dann jedoch auch neues Personal gewinnen zu können, brauche es vor allem eine bessere Bezahlung. Die Tarifsteigerungen sollten nach Ansicht des VKD von den Krankenkassen vollständig gegenfinanziert werden. Zudem muss die Ausbildung dringend überholt werden. „Das Pflegeberufegesetz muss nunmehr durch eine adäquate Ausbildungs- und Prüfungsverordnung untermauert werden", erklärte Irene Maier für den Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland (ADS).

BKK Gesundheitsreport 2017: Macht digitale Arbeit krank?

Das Smartphone hat heute fast jeder ständig dabei. Daheim, auf der Arbeit, beim Einkaufen und abends in der Bar. Somit ist nicht nur das Smartphone ein ständiger Begleiter, sondern auch die Arbeit. Der BKK Gesundheitsreport hat ermittelt, was Arbeitnehmer über den hohen digitalen Anteil der modernen Arbeitswelt denken.

Ja, Arbeit, die sehr stark durch die digitale Transformation beeinflusst ist, kann krank machen. Dies liegt dann aber in der Regel nicht an den digitalen Helferlein und Arbeitsprozessen, sondern der fehlenden Gesundheitskompetenz und Standhaftigkeit des Arbeitnehmers. Die ständige Verfügbarkeit in der heutigen Arbeitswelt ist ein zweischneidiges Schwert, meinte Professor Jan Dettmers, Medical School Hamburg (MSH), bei der Vorstellung des BKK Gesundheitsreports 2017 in Berlin. Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen. „Wir freuen uns, dass wir nicht mehr an einen Arbeitsort gebunden sind. Dienstreisen können zum Beispiel durch digitale Kontaktmöglichkeiten ausfallen. Aber Erholungsprozesse finden nicht mehr in der normalen Form statt, weil wir nicht mehr so gut abschalten können und immer die Erwartung haben, dass noch etwas Wichtiges kommen könnte.“ Ein zentraler Faktor für die psychische Gesundheit sei die eigene Kontrolle über die eigene Erreichbarkeit. Kann ich dies kontrollieren oder bin ich den Anliegen der Kollegen und Vorgesetzten vollkommen ausgeliefert? Fehlende Vertretungsregelungen im Urlaub seien ebenfalls ein Problem.

Firmen würden bereits darüber nachdenken, welche Regeln sie für digitale Kommunikation aufstellen, so Professor Holger Pfaff, Institut für Medizinische Soziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaften, Humanwissenschaften und Medizinische Fakultät, Universität Köln. Virtuelle Führung sei ebenfalls ein wichtiges Thema. „Wie kann ich führen, wenn ich die Mitarbeiter gar nicht sehe?“, so der Herausgeber des Gesundheitsreports. Dies sei in Unternehmen ein Problem, bei denen die Experten an verschiedenen Standorten sitzen. Ein anderes Thema: Wie kriege ich Teamsitzungen hin, wenn alle Mitarbeiter auf die Work-Life-Balance achten? Allgemein könne man sagen, dass wir einen digitalen Führerschein brauchen, so Pfaff.

Betriebe werden sich verstärkt auch auf die psychische Gesundheit fokussieren müssen, bestätigte Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands e.V. psychische Gefährdungsbeurteilungen, die derzeit oftmals wegfallen würden, müssen deutlich häufiger durchgeführt werden. Es brauche zudem neue Konzepte, um auch in veränderten Organisations- und Kommunikationsstrukturen Arbeit gesund zu gestalten

Mit Bezug auf Jobs im Gesundheitswesen deutete Pfaff an, dass durch die digitale Transformation Jobs mit Mustererkennung gefährdet seien, weil ein lernender Algorithmus Muster besser erkennen könne als ein Mensch. Dies könne vor allem die Radiologie und Labordiagnostik treffen. Jobs in der Pflege seien hingegen wahrscheinlich nie gefährdet.

„Diejenigen, die von Digitalisierung in ihrem Arbeitsleben komplett verschont bleiben, sind eine Minderheit von zehn Prozent“, erklärte Knieps. Die repräsentative Umfrage unter 3000 Arbeitnehmern ab 16 Jahren habe gezeigt, dass Digitalisierung weniger als Entlastung denn als Belastung wahrgenommen werde. „Von der Digitalisierungsmüdigkeit, welche die Politik den Unternehmen gerne unterstellt, ist nichts zu spüren“, so Knieps weiter. Der Umfrage zufolge ist die Digitalisierung heute schon für mehr als jeden zweiten Beschäftigten (52,5 Prozent) fester Bestandteil der Arbeit; für weitere 38,5 Prozent spielen diese neuen „Werkzeuge“ zumindest zeitweise eine wichtige Rolle. Mit 38 Prozent ist der Anteil derjenigen, die eher einen Wegfall von Arbeitsplätzen befürchten, mehr als doppelt so hoch wie der Beschäftigten, die Digitalisierung eher als Jobmotor sehen. Bezogen auf den eigenen Arbeitsplatz sind es vor allem die Berufe mit hohem Automatisierungsgrad, die in Zukunft einen Wegfall ihres Arbeitsplatzes befürchten.

Weitere Themen