Berlin-Chemie Newsletter vom 27. April 2016

Berlin-Chemie Newsletter vom 27. April 2016

  • Ärzteschaft steuert ins Chaos
  • Gröhes schöne neue Pharma-Welt
  • Bessere Diagnostik – weniger Resistenzen
  • Prävention nur ein Verlustgeschäft?
  • Mafia erobert Pflegemarkt
  • Bestechung im Gesundheitswesen jetzt ein „Offizialdelikt“
  • Antikorruptionsgesetz – alles klar oder alle Fragen offen?

Ärzteschaft steuert ins Chaos

Die verfasste Ärzteschaft befindet sich zurzeit im Chaos. Die ärztliche Selbstverwaltung ist quasi lahmgelegt. Streit um die GOÄ einerseits, interne Krisen, Skandale und Machtkämpfe bei der KBV andererseits scheinen nicht zu enden. Jetzt rufen sogar eigene Standesvertreter nach dem Staatskommissar.

Sollte die Situation der ärztlichen Körperschaften in diesen Tagen einmal zu einem Theaterstück verarbeitet werden – man müsste ohne Zweifel von einer Tragödie sprechen. Die Unfähigkeit der Bundesärztekammer, selbstbewusst eine neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) zu verhandeln, könnte beim kommenden Ärztetag zum Showdown für die Führungsspitze führen. Die Fronten sind verhärtet und es gibt aktuell wohl keinen der entscheidenden Akteure, der sich offen zuversichtlich gäbe, noch in dieser Legislaturperiode zu einer neuen GOÄ zu kommen.

Eine volle Breitseite gibt es nicht nur von fachärztlichen Verbänden. Auch der Hausärzteverband wirft der BÄK vor, nicht in der Lage zu sein, in einer neuen GOÄ hausärztliche Tätigkeit, insbesondere die Betreuung chronisch Kranker abzubilden. „Mit Sicherheit wird es beim Ärztetag“, so Hauärzteverbandschef Ulrich Weigeldt, „dazu auch Diskussionen um Personen geben. Auch um den Präsidenten Montgomery“.

Derweil hat in der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes, den Vorsitz des Gebührenordnungsausschusses übernommen. Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery (Er hatte bereits spekuliert, dass es in dieser Legislaturperiode keine neue GOÄ gebe) übernimmt dennoch die Verhandlungsführung in Sachen GOÄ, unterstützt von Dr. Bernhard Rochell, der inzwischen für die KBV tätig ist. Noch vor dem Ärztetag am 24. Mai will man das Ruder herumreißen und eine konsensfähige Novelle der GOÄ vorlegen. Überarbeitet werden soll nach aktueller Pressemitteilung der Kammer bereits bis zum 11. Mai das Leistungsverzeichnis, das man dann mit den ärztlichen Berufsverbänden abstimmen will. Insider sehen darin eher einen Zweck-Aktionismus von Montgomery gegen einen möglichen Abwahlantrag auf dem Ärztetag.

Weniger Diskussionen, dafür aber Kündigungen und Freistellungen gab es bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Immer offener wird der interne Konflikt zwischen der hausärztlichen Vertreterin Regina Feldmann und dem fachärztlichen Vorstand Dr. Andreas Gassen. Während Gassens Abwesenheit hatte Feldmann den langjährigen Justiziar der KBV, Horst-Dieter Schirmer, in den „vorzeitigen Ruhestand“ entlassen. Auf der anderen Seite ist das jüngste „Opfer“ der hausinternen „Schlacht“ um Macht und Zuweisung von früheren Verfehlungen Dr. Thomas Liedke, Dezernatsleiter, der auch Geschäftsführer der Apo Vermietungsgesellschaft ist. Bekanntlich wird gerade auf Einschreiten des Bundesgesundheitsministeriums hin ermittelt, ob bei den KBV-Immobiliengeschäften und Vermietungen alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Liedke hatte sich offenbar ins Feldmann-Lager geschlagen, die ihn selbst nach Freistellung durch Gassen als Berater zu einem Gespräch ins BMG mitnehmen wollte. Dagegen wehrte sich Gassen erfolgreich. Mittlerweile ist die Situation unabhängig der juristischen Klärung vergangener Ereignisse allerdings derart verfahren, dass gleich mehrere Chefs von Landes-KVen – unter anderem der Vorsitzende der KV-Westfale-Lippe, Dr. Wolfgang-Axel Dryden – Bundesgesundheitsminister Gröhe aufforderten, nun endlich einen Staatskommissar einzusetzen, um die völlige Zerrüttung und Geschäftsunfähigkeit der Institution noch zu verhindern.

Neuwahlen zur KBV-Vertreterversammlung und zum Vorstand stehen erst Anfang kommenden Jahres an. Dem Vernehmen nach will Regina Feldmann nicht mehr antreten, Dr. Gassen machte dieses von den Chancen des von der Vertreterversammlung kürzlich diskutierten Konzepts „KBV 2020“ abhängig. Der damit verbundene Plan, neben dem hausärztlichen Primärarztsystem eine fachärztliche Patientensteuerung als eigene Versorgungsstruktur einzuführen, wird allerdings von den Hausärzten inzwischen massiv attackiert. HÄV-Chef Weigelt: „Das zunehmende Unvermögen, die hausärztliche Versorgung sicherzustellen, ist inzwischen unübersehbar. Damit entzieht sich das KV-System selbst seine Existenzberechtigung.“ Eine krankheits- und nicht patientenorientierte Steuerung sei weder aus Kosten- noch aus Qualitätsgründen vertretbar.

Als Alternative bringt Weigeldt sein „freiwilliges Primärarztsystem“ ins Gespräch. Daran nähmen 5,8 Millionen Patienten teil. Mit „pro Versorgung“ sei ein Konzept der Kooperation haus- und fachärztlicher wie ambulanter und stationärer Versorgung geschaffen worden. Nachdem man bereits einen Vertrag zur Rheumaversorgung realisiert habe, plane man einen Vertrag zur Diabetesversorgung. Dieser scheitere aber momentan noch an bestehenden DMP. Weigelt äußerte sich aber zuversichtlich, bald eine Alternative zum Kollektivvertrag auf freiwilliger Basis anbieten zu können, der auch von fachärztlichen Organisationen unterstützt werde.

Gröhes schöne neue Pharma-Welt

Weißen Rauch am Berliner Himmel durfte man in diesen Tagen nicht nur als Ausdruck der noch anhaltenden Heizperiode empfinden. Er passte auch zum Ende des fast eineinhalbjährigen Pharmadialogs, den die Politik nahezu überschwänglich würdigte. Immerhin wurde ein Zeichen der Wertschätzung für den Pharma- und Forschungsstandort Deutschland gesetzt. Ob am Ende mehr daraus wird, soll ein neues Gesetz zeigen, dessen Entwurf noch vor der Sommerpause vorliegen soll.

Nur wenige Veranstaltungen im Gesundheitswesen wurden in der letzten Zeit mehr zelebriert als der Abschluss des Pharmadialogs. Der auf Wogen des Applauses getragenen Politlyrik folgte allerdings schnell eine eher nüchterne Betrachtung der Ergebnisse durch Pharmaverbände und Analysten vom Fach. Immerhin aber wurde der Dialog als Zeichen einer Wertschätzung empfunden. „Wir stellen gemeinsam die Weichen für eine starke Forschung und Produktion am Pharmastandort Deutschland auch in Zukunft“, so Bundesgesundheitsminister Gröhe. Folgte man der gemeinsam verbreiteten Euphorie, müsste es eigentlich nun bald Überlegungen geben, den AMNOG-Prozess gründlich zu überdenken. Entgegen vielen Erklärungen saß bei den Beratungen übrigens auch der GKV-Spitzenverband in Person seines Stellvertretenden Vorsitzenden von Stackelberg mit am Tisch.

Ein Punkt, der den Kassen allerdings auf den Nägeln brannte, war die einjährige freie Preisgestaltung nach Markteinführung neuer innovativer Arzneimittel. Der so genannte „Sovaldi“-Schock, den das hochpreisige Hepatitis-C-Medikament mit erheblichem Zusatznutzen und Alleinstellungsmerkmalen den GKV-Strategen versetzt hatte, ließ diese fortan von „Mondpreisen“ bei neuen Arzneimitteln sprechen. Künftig soll ein Budgetdeckel eingeführt werden. Vornehm wird das „Gedeckelter Schwellwert“ genannt, den die Ausgaben dieses Präparats in dem Jahr nicht übersteigen dürfen. Tun sie dieses, so wird ab dem erreichten Schwellenwert auf den nach der ersten Nutzenbewertung mit der GKV verhandelten Erstattungspreis heruntergestuft.

Auch wenn in der Diskussion noch unklar blieb, ob der Schwellenwert eher bei 100 Mio. oder eher bei 500 Mio. Euro liegen werde, so ließ Gröhe doch durchblicken, dass man wohl in der Mitte landen könnte. Zahlen gibt es freilich nicht. Das Thema wird sicherlich Gegenstand der kommenden parlamentarischen Beratungen werden.

Folgende zentrale Vereinbarungen wurden weiterhin getroffen:

  • Zur Sicherung und zur Gewinnung von Fachkräften werden weitere Anstrengungen unternommen.
  • Die weltweite Spitzenposition Deutschlands als Standort für klinische Prüfungen soll weiter gestärkt werden. Dazu trägt der Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Forschung und Bildung "Klinische Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung" bei. Mit einem Strahlenschutzgesetz soll die Dauer von Genehmigungsverfahren von klinischen Prüfungen, bei denen radioaktive Stoffe oder ionisierende Strahlung eingesetzt werden, verkürzt werden.
  • Das BMG wird prüfen, ob im Rahmen der Nutzenbewertung den Besonderheiten von PUMA-Arzneimitteln (Wirkstoffe, deren Anwendung bei Kindern geprüft wurde) besonders Rechnung getragen wird, beispielsweise um sie von der Festbetragsgruppenbildung auszunehmen oder als nicht rabattfähig zu deklarieren. Ziel ist eine Erweiterung der Palette dieser Arzneimittel für eine bessere kindgerechte Versorgung.
  • Um Lieferengpässen von Arzneimitteln entgegenzuwirken, wird eine Liste besonders versorgungsrelevanter, engpassgefährdeter Arzneimittel erarbeitet. Ein "Jour Fixe" unter Beteiligung der Bundesoberbehörden (BfArM, RKI) und Fachkreise soll die Versorgungslage beobachten, bewerten und so mehr Transparenz bei der Versorgung mit Arzneimitteln und Impfstoffen schaffen.
  • Der Schutz vor Arzneimittelfälschungen wird verstärkt.
  • Die Rabattverträge zwischen den Krankenkassen und den pharmazeutischen Unternehmen sollen künftig so ausgestaltet werden, dass den pharmazeutischen Unternehmern möglichst 6 Monate zur Umsetzung verbleiben.

Beim Thema "Antibiotika" wurden umfangreiche Maßnahmen festgehalten:

  • Das Bundesforschungsministerium wird die Förderung neuartiger Therapieansätze und Diagnostika für bakterielle Infektionen ausbauen.
  • Gemeinsam mit anderen Ländern und der WHO wird, koordiniert durch das Bundesgesundheitsministerium, eine Liste mit den weltweit wichtigsten bakteriellen Erregern und Resistenzen (List of threat organisms) erstellt. Die Dialogpartner werden ihr Wissen in die Erarbeitung einbringen. Das trägt dazu bei, die Forschung und den Einsatz von Antibiotika besser auf tatsächliche Bedarfe auszurichten.
  • Um den Einsatz von Antibiotika besser zu steuern und so Resistenzen verringern zu können, wird das Bundesgesundheitsministerium zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gezielt Informationen für Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten bereitstellen.

Noch vor der Sommerpause soll übrigens ein Referentenentwurf für ein neues/erweitertes Arzneimittelgesetz vorliegen, der noch in dieser Legislaturperiode Gesetzesreife erlangen soll. Die Regierungskoalitionen haben inzwischen schon ein Strategiepapier entwickelt. Danach soll zur finanziellen Absicherung des Pharmapakets zunächst das Apothekenhonorar gedeckelt werden, so es den Drei-Prozent-Zuschlag betrifft, die Importförderklausel soll nur noch ab einer Preisdifferenz ab 15 Prozent greifen. Außerdem will man über „vorgelagerte Rabattverträge“ nachdenken. Das heißt, mit den Herstellern hochpreisiger Medikamente möchte man schon – wie im Fall Sovaldi geschehen – bereits vor Jahresfrist auf eine verhandelte Rabattlösung kommen. Dagegen sollen OTC-Produkte für multimorbide Ältere sowie für Kinder zwischen 14 und 18 Jahren wieder Kassenleistung werden.

Bessere Diagnostik – weniger Resistenzen

Personalisierte Medizin ist angesichts immer zielgenauerer Therapien längst eines der Schlagworte moderner Gesundheitspolitik. Verstärkt soll aber auch zielgerichtete Diagnostik helfen, den Einsatz hochpreisiger Arzneimittel zu begleiten oder den zurückhaltenden Einsatz von Antibiotika zu sichern.

Ein Ergebnis, das in der allgemeinen Diskussion um den Pharmadialog fast zu kurz kam, könnte für die Versorgung künftig wesentliche Bedeutung gewinnen: Eine Stärkung der Diagnostika. Dafür sollen sogar eigene neue Abrechnungsziffern in den EBM eingeführt werden. Dem Bewertungsausschuss will das BMG dazu eine Frist vorgeben. Damit triff man zumindest zum Teil auch die Argumentation der Kostenträger, die vor dem Einsatz hochpreisiger Therapien – ob nun medizinisch-technischer oder pharmazeutischer Natur – eine gewisse Garantie auf Wirksamkeit haben wollen. Zunehmend ist das durch Gentests und Biomarker auch möglich. Die Begleitdiagnostik („Companion Diagnostics“) soll also einen neuen Stellenwert bekommen. Insbesondere sollen aber, das betonte Bundesgesundheitsminister Gröhe als eines seiner Kernanliegen, neue Therapien gegen bakterielle Infektionen erforscht und diagnostisch begleitet werden. Insgesamt werden dazu 28 Millionen Euro jährlich an öffentlichen Zuschüssen gezahlt. Der zielgenaue Einsatz von Antibiotika sei eine Sache moderner Diagnostik. Gröhe: „Es müssen mehr Diagnostika entwickelt werden. Ein wichtiger Anreiz dafür ist die rasche Erstattung durch die Krankenkassen.“

Prävention nur ein Verlustgeschäft?

Prävention lohnt sich für viele Kassen nicht – zumindest nicht ökonomisch. Eine aktuelle Studie zeigt die negative Wirkung des Verteilermechanismus durch den Morbi-RSA auf.

Dass viele gesetzliche Krankenkassen, insbesondere aus den betriebsnahen Kassen IKK und BKK, alles andere als zufrieden sind mit dem Finanzverteilerschlüssel des Morbi-RSA, ist nicht neu. Nur eine Zahl verdeutlich das Problem. Während AOK 2014 insgesamt 888 Millionen profitierten, lagen die IKK bei der Zuweisung rund 155 Millionen in den Miesen. Nun aber belegt ein Gutachten eine weitere Folge des Verteilerschlüssels: Für viele Kassen lohnen sich Investitionen in Präventionsleistungen nicht mehr. Obwohl der Sinn medizinisch wie auch volkswirtschaftlich in der Langfristperspektive absolut eindeutig zu belegen ist, sinken die Investitionen der Kassen – zwischen 2009 (Einführung des Morbi-RSA) bis 2014 im Schnitt von 3,9 auf 3,1, Prozent der Kassenausgaben. 4,16 Euro gibt eine gesetzliche Kasse im Schnitt noch für Prävention aus, bei den IKKn waren es laut einer Studie des Leipziger Instituts für Gesundheitsökonomie und Gesundheitssystemforschung (WIG2) immerhin 4,36 Euro pro Versichertem und Monat. Aber: „Wir schwimmen damit gegen den Strom unserer eigenen wirtschaftlichen Interessen“, versichert Hans Peter Wollseifer, Vorstandsvorsitzender des IKK e.V. Das werde geradezu dramatisch, wenn Kassen laut Präventionsgesetz künftig 7 Euro pro Monat und Versichertem ausgeben müssten. Die Anreize, die der Morbi-RSA setze, stünden konträr zu den Bemühungen, beispielsweise qualifizierte Ältere länger im Arbeitsprozess zu halten oder Chronifizierungen und Multimorbidität einzudämmen. IKK-Geschäftsführer Jürgen Hohnl: „Krankheitsdiagnosen dürfen nicht mehr wiegen als Präventionserfolge! Wir brauchen dringend eine Reform.“ Das Gutachten zeigt dazu Alternativen auf. So könnte ein erster Schritt zur zielgerichteten Präventionsförderung eine andere Gewichtung der Prävalenz von Krankheiten im Morbi-RSA sein. Die IKKn schlagen zur Stärkung eindeutig erfolgreicher Präventionsstrategien einen „gedeckelten Ist-Kosten-Ausgleich“ vor. Die dazu notwendigen Mittel sollten durch ein prozentuales Abschmelzen von Krankheitszuschlägen gewonnen werden. IKK classic-Vorstand Gerd Ludwig: „Es kann nicht weiterhin so bleiben, dass Prävention bestraft wird!“

Mafia erobert Pflegemarkt

Kaum zu glauben aber wahr: Offenbar von mafiösen Strukturen organisierte Pflegedienste betrogen die Sozialkassen. Und das über Jahre. Erst jetzt fiel die Systematik der Fälle auf. Auf der Strecke bleibt zur Zeit leider oft, dass in der Pflege – gerade in Deutschland – exzellente Arbeit geleistet wird.

Der Gesundheitsmarkt ist zu einem unserer größten Wirtschaftsfaktoren geworden. Kein Wunder, dass nicht nur manche „schwarze Schafe“ dort agieren. Während die Politik aber über ein Korruptionsgesetz stritt, um vor allem bei Ärzten im Alltag vermeintliche Vorteilsnahme unter Strafe zu stellen, bedienten sich offenbar russisch geführte „Pflegedienste“ in bisher unvorstellbarem Ausmaß aus der Pflegekasse. Rund 1,25 Milliarden Euro sollen sie in den letzten Jahren durch Sozialbetrug erwirtschaftet haben. Den mafiösen Strukturen kam das Bundeskriminalamt nach zahlreichen Anzeigen auf die Spur. Auffällig war dabei wohl auch die Tatsache, dass unverhältnismäßig viele Russland-Aussiedler auffällig hohe Raten an schwersten Pflegepatienten hatten. Die Rede ist inzwischen von einem siebenfach höheren Durchschnitt als bei deutschen Pflegebedürftigen.

Die Betrugsformen sind den Ermittlern zufolge vielfältig. Regional traten die meisten Fälle in Berlin, Niedersachsen und Bayern auf. Systematisch wurden Pflegeprotokolle gefälscht, Intensivpatienten simuliert oder bei tatsächlichen Koma- und Beatmungspatienten die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch kurze Besuche 2-3mal täglich ersetzt. Experten rechnen inzwischen damit, dass allein im letzten Jahr 20 Prozent der Pflegekosten durch organisierte Banden widerrechtlich aus dem System gezogen wurden.

Im Gesundheitsministerium und beim Pflegebeauftragen zeigte man sich sehr verblüfft über das Ausmaß des Betrugs. Offenbar waren in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle zur Anzeige gebracht worden. Kontrollen und Regeln wurden, so die Sprecherin von Minister Gröhe, kontinuierlich verschärft. Eine Arbeitsgruppe, in der nicht nur Pflegeexperten sondern inzwischen auch Spezialisten des Bundeskriminalamtes für organisierte Kriminalität sitzen, soll nun zusammen mit Kassen und Justiz neue Kontrollmechanismen schaffen.

Offenbar liegen beim BKA inzwischen Papiere vor, die die Strukturen der russischen Mafia im Pflegemarkt belegen. Das Geschäft, so ein Experte, ist zumindest regional lukrativer als der Drogenhandel. Ermittlungen werden zudem durch den Druck mafiöser Organisationen erschwert, die ein absolutes Aussageverbot erpressen.

Bestechung im Gesundheitswesen jetzt ein „Offizialdelikt“

Am Ende ging es ganz schnell. Nach langer Diskussion um das „Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen“ hatten final die Rechtspolitiker der Koalition das Ruder in der Hand. Der gesetzliche Rahmen ist entschieden, die Umsetzung dürfte noch einige offene Fragen aufwerfen.

Bei Bestechung und Bestechlichkeit im Gesundheitswesen muss künftig der Staatsanwalt „von Amts wegen“ tätig werden. Das heißt, hat die Staatsanwalt einen Fall ermittelt, muss sie zwangsläufig ein Verfahren einleiten. Quasi auf der Zielgeraden der Gesetzgebung wurde die ursprüngliche Fassung von einem „bedingten Antragsdelikt“ in den Status des formellen „Offizialdelikts“ geändert. Das heißt, dass das Antragsrecht auf Strafverfolgung für Gewerbetreibende, Verbände und Kammern sowie auch für Kassen entfällt. Diese können – wie jeder Bürger – weiterhin ein Delikt zur Anzeige bringen, dürfen aber direkt keinen Strafantrag stellen. Zuständig bleiben ausschließlich die Staatsanwaltschaften.

Die Verletzung heilberufsrechtlicher Unabhängigkeitspflichten gegen Entgelt, die von Medizinrechtlern wie auch aus der Ärzteschaft massiv kritisiert wurde, ist nicht mehr als Straftatbestand im Anti-Korruptionsgesetz vorgesehen. Rechtexperten hatte erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken an dieser „Tatbestandsalternative“ gehabt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund regional unterschiedlicher berufsrechtlicher Regelungen.

Die exakte Formulierung des § 299 a StGB lautet nun: „Wer als Angehöriger eines Heilberufes, der für die Berufsausübung oder die Führung der Berufsbezeichnung eine staatlich geregelte Ausbildung erfordert, im Zusammenhang mit der Ausübung seines Berufes einen Vorteil für sich oder einen Dritten als Gegenleistung dafür fordert, sich versprechen lässt oder annimmt, dass er

  1. bei der Verordnung von Arznei- Heil- oder Hilfsmitten oder von Medizinprodukten,
  2. bei dem Bezug von Arznei- oder Hilfsmitteln oder von Medizinprodukten, die jeweils zur unmittelbaren Anwendung durch den Heilberufsangehörigen oder einen seiner Berufshelfer bestimmt sind, oder
  3. bei der Zuführung von Patienten oder Untersuchungsmaterial einen anderen im inländischen oder ausländischen Wettbewerb in unlauterer Weise bevorzuge, wird mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft“. Eine Strafbarkeit entfällt, wenn der Heilberufsangehörige die ihm beim Bezug gewährten Rabatte und sonstigen Vorteile zugunsten des Patienten bzw. des zuständigen Kostenträgers annimmt, um sie weiterzureichen.

Während § 299a StGB die aktive Bestechung abbildet, beinhaltet spiegelbildlich dazu § 299b StGB die Strafbarkeit der Bestechlichkeit.

Antikorruptionsgesetz – alles klar oder alle Fragen offen?

Niedergelassene Ärzte können nun auch für korruptes Verhalten strafrechtlich verfolgt werden – so will es das jüngst beschlossene Antikorruptionsgesetz. In letzter Minute wurden noch einige Änderungen des ausführlich diskutierten Entwurfs beschlossen, rechtzeitig um beim Kongress für Gesundheitsnetzwerker über die gültigen neuen Paragraphen im Strafrecht zu diskutieren. So richtig und wichtig das Gesetz ist, birgt es für gewünschte und gewollte Kooperationen doch einige Gefahren. Denn was wohlmeinend organisiert und vereinbart wurde, sieht manchmal für Dritte nach Straftatbestand aus. Auf dem Kongress der Gesundheitsnetzwerker interessieren uns vor allem die Fragen, die die ärztlichen Kooperationen betreffen. Mit Noah Krüger wird ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main erklären, was aufgrund der neuen Strafrechtsnorm verfolgt werden kann und wird. Die Pharmaindustrie hat auf die Diskussion um Bestechung mit dem FSA-Kodex reagiert. Dr. Holger Diener, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie, wird das neue Gesetz vor diesem Hintergrund einschätzen. Und für alle Ärzte wird Rechtsanwalt Dr. Christian Rybak, Partner der Ehlers, Ehlers & Partner Rechtsanwaltsgesellschaft, beantworten, worauf Ärzte bei Kooperationen jetzt achten müssen, wie sie rechtssicher Kooperationen aufbauen können.

Moderiert wird der Workshop von Thorsten Reh, Jurist der Resmed GmbH.

Der Workshop findet im Rahmen des Kongresses für Gesundheitsnetzwerker am 4. Mai 2016 von 13:00 bis 14:30 Uhr statt.

www.gesundheitsnetzwerker.de

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