Berlin-Chemie Newsletter vom 23. September 2021

Berlin-Chemie Newsletter vom 23. September 2021

Interview:

  • Nicht an Innovationen sparen!
    EinBlick sprach mit Prof. Dr. Volker Amelung über die Versorgungsforschung und den Innovationsfonds

Kurzstrecke:

  • Mehr Arzneimittel gegen COVID-19
    150 Millionen Euro Fördersumme für sechs Forschungsvorhaben von Karliczek und Spahn

  • Keine Sorgen mehr vor Corona-Impfung für Schwangere und Stillende
    Stiko gibt Empfehlung bekannt

  • Fünf deutsche E-Health Unternehmen gründen ›DiGA info‹
    Informationen über neue Versorgungsangebote an die Praxen bringen!

  • Anhaltender Streit um die ePA zwischen Datenschützern und Kassen
    Verzögern funktionale Erweiterungen der Akte deren Einführung?

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Finanzzahlen der GKV
    Reserven werden langsam abgebaut

  • Long-Covid-Versorgung
    Netzwerk schafft spürbare Unterstützung für Patient:innen zuhause

  • Wahlprogramme zur Bundestagswahl
    Knackpunkt duales Krankenkassensystem

  • Notfallversorgung in Brandenburg
    Rettungswagen brauchen mehr als 15 Minuten


Interview

 

Nicht an Innovationen sparen!

Einblick sprach mit Prof. Dr. Volker Amelung über die Versorgungsforschung und den Innovationsfonds

 

 

Prof. Dr. Volker Amelung

studierte in St. Gallen und Paris Betriebswirtschaftslehre. Nach seiner Promotion arbeitete er an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg. Er war über mehrere Jahre Gastwissenschaftler an der Columbia University in New York. 2001 wurde er zum Universitätsprofessor an der Medizinischen Hochschule Hannover für Gesundheitsmanagement und Gesundheitssystemforschung berufen. Seit 2007 ist er Vorstandvorsitzender des Bundesverbandes Managed Care (BMC).

 

 

 

 

Wo stehen wir aktuell in der Versorgungsforschung?
Das ist eine spannende Frage. Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Und der Innovationsfonds hat immense Impulse gegeben, die Versorgungsforschung auf zwei Ebenen voranzutreiben: zum einen die Förderung der Projekte der Versorgungsforschung, zum anderen über neue Versorgungsformen, in denen Evaluation und Forschung an konkreten Beispielen geleistet werden. Daneben ist auch die Theorieentwicklung vorangeschritten. Wir haben uns zunehmend mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir komplexe Interventionen evaluieren können. Das ist eine zentrale Herausforderung der Versorgungsforschung und vor allem ein Gegensatz zur klinischen Forschung. Wir haben hier einen bunten Strauß von Einflussfaktoren und Dingen, die sich permanent verändern. Daraus Schlüsse zu ziehen und Ursachen herauszufinden, also die klassische Interventionswirkung, ist ein unzureichender Ansatz. Wir sind nicht in klinischen Studien: neuer Wirkstoff versus Placebo. Unsere Herausforderung ist es, Wirkmechanismen zu verstehen, die sehr viel komplexer sind. Was hat wie gewirkt? Welche Elemente waren beteiligt oder wurden kombiniert? Deshalb halte ich viel davon, mit ›mixed-methods‹ heranzugehen, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Aber: Beides ist gleichermaßen wichtig, sowohl saubere klinische Studien als auch Versorgungsforschung mit vielen Einschränkungen.

Wichtiger und interessanter als nur das Rechnen mit Routinedaten ist das Lernen und Auseinandersetzen mit Ergebnissen – wir brauchen eine neue Diskussionskultur. Eine muntere und kontroverse Diskussion der Erkenntnisse über konstruktive Dialoge passiert noch viel zu wenig. Es gibt Ergebnisberichte und ellenlange Dokumente, die kaum jemand liest… Spannender wäre es, die richtigen Leute zusammenzubringen und nach klassischen Diskussionsregeln die Tür zu schließen (Chatham House Rules); und dann gemeinsam zu besprechen, was man aus den Projekten lernen kann. Das hat auch ein bisschen damit zu tun, dass sich der Innovationsfonds aufgrund eher starrer Regeln in einer Art Rechtfertigungsmodus befindet anstatt in einem Lernmodus, bei dem man sich fragt, was es letztendlich gebracht hat.

Welche Projekte des Innovationsfonds sind besonders aussichtsreich?
Das sind sehr viele und ich möchte hier keine einzelnen Projekte hervorheben. Wir sollten vielmehr nach den Goldkörnern in den Projekten und Querevaluationen (etwa analog zu Meta-Analysen) schauen und herausfinden, welche Instrumente sich dabei als sinnvoll erwiesen haben. Wenn wir Versorgung verbessern wollen, müssen wir vor allem pragmatisch sein.

In der aktuellen Situation, in der jeder, der ein bisschen rechnen kann, sieht, dass die Kassen im nächsten Jahr unter massiven wirtschaftlichen Restriktionen stehen werden, ist es von zentraler Bedeutung, dass man nicht dort anfängt zu sparen, wo man sich selbst die Zukunft wegschneidet. Hier sind gerade die Innovationen gefährdet, wegrationalisiert zu werden, obwohl man diese besser fördern sollte – weil im Gesundheitswesen ein Grundsatz gilt, der in anderen Wirtschaftszweigen nicht gilt: Eine bessere Versorgung ist gleichzeitig eine günstigere. Das klingt paradox, ist aber wahr! Es gibt nichts Teureres als ein schlecht versorgter Mensch mit Diabetes – und das gilt gleichermaßen für nahezu alle anderen Indikationen. Darum sollten wir nicht bei den Innovationen ansetzen, sondern konsequent schauen, wie wir unser System weiterentwickeln können!

Wie kann die Regelversorgung aus Sicht des BMC transformiert werden?
Ich glaube, sie muss permanent transformiert werden. Sie darf keine statische Größe sein. Wir müssen immer wieder schauen, was sich auf der Angebots- und Nachfrageseite ändert, und zwar auch aus Sicht der Patient:innen: Welche Bedürfnisse haben sie, welche Konstellationen und Rahmenbedingungen werden bedeutender? Ebenso sind die Digitalisierung und viele weitere Faktoren wichtig. Noch einmal, die Regelversorgung darf kein statisches Konstrukt sein, sondern muss sich permanent anpassen … Und deshalb ist auch ein G-BA vom Grundsatz her richtig aufgestellt. Wir müssen eine Kultur haben, die immer wieder der Frage nachgeht, was optimiert werden kann – und die pragmatisch herangeht. In Israel wird das ›basic benefit package‹ jedes Jahr neu hinterfragt. Wir haben in Deutschland exzellente Marktzugangsmechanismen und sind vielleicht nur ein bisschen zu zögerlich, auch den Marktaustritt zu betrachten: Wie bekommen wir ein Gesundheitssystem so gestaltet, dass nicht nur Neues hinzukommt, sondern dass ebenso Altes, Überholtes auch wieder aus dem System verschwinden kann.

Wäre das auch Ihr Blick in die Zukunft?
Ja, selbstverständlich. Es gibt immer mehrere Optionen, doch diese werden im Gesundheitswesen häufig falsch verstanden: Aktuell sind wir in einer faszinierenden Situation und haben ein Luxusproblem, denn wir können viel mehr machen, als wir finanzieren wollen (oder dürfen). Hier müssen Wahlentscheidungen getroffen werden. Das ist nicht negativ, sondern extrem positiv, da man aus vielen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen kann.


Kurzstrecke

 

Mehr Arzneimittel gegen COVID-19

150 Millionen Euro Fördersumme für sechs Forschungsvorhaben von Karliczek und Spahn

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) haben gemeinsam bekanntgegeben, dass sie die Entwicklung von Arzneimitteln gegen COVID-19 vorantreiben wollen. Anfang September stellten Forschungsministerin Anja Karliczek und Gesundheitsminister Jens Spahn sechs Forschungsvorhaben vor, in denen bereits getestete Arzneimittel klinisch weiterentwickelt werden sollen. Die Auswahl geht zurück auf eine gemeinsame Förderrichtlinie vom Mai 2021.
 
»Selbst bei flächendeckender Verfügbarkeit von COVID-19-Impfstoffen werden nicht alle Menschen eine Impfung erhalten können. Daher werden weitere wirksame Arzneimittel gebraucht, um Erkrankte zu behandeln«, sagt Karliczek. So würden Menschen aufgrund unterschiedlicher Schwere und Stadien der Erkrankung unterschiedliche Therapien benötigen. Deshalb setze sie auf ein breites Behandlungsrepertoire. Die beiden Ministerien planen, die Projekte der Unternehmen AdrenoMed AG, Apogenix AG, Atriva Therapeutics GmbH, CORAT Therapeutics GmbH, InflaRX GmbH und der DRK Baden- Württemberg-Hessen gGmbH mit einer Fördersumme von insgesamt ca. 150 Millionen Euro zu unterstützen. »Wir investieren in die Zukunft, weil wir damit auch den deutschen Forschungs- und Entwicklungsstandort im Bereich Biotechnologie stärken«, so Jens Spahn.

 

Keine Sorgen mehr vor Corona-Impfung für Schwangere und Stillende

Stiko gibt Empfehlung bekannt

Auch Schwangere und Stillende können sich nun sorgenfreier impfen lassen. Das geht aus einer aktuellen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) hervor. »Nach eingehender Beratung und Bewertung der vorhandenen Evidenz« empfiehlt die Stiko eine Impfung für Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und für Stillende mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs, so das Robert Koch-Institut (RKI).

Laut RKI hat die Stiko in den vergangenen Wochen die vorliegenden Daten zu einer Corona-Impfung in der Schwangerschaft einer Nutzen-Risiko-Bewertung unterzogen. Dabei geht es sowohl um Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe für Schwangere und ungeborene Kinder als auch um einen möglichen schweren Verlauf einer Corona- Erkrankung in der Schwangerschaft. »Auch schwangere und stillende Frauen haben nun eine klare Empfehlung zur Impfung. Das bedeutet nach vielen Monaten mit vielen offenen Fragen nun endlich wissenschaftlich begründete Gewissheit«, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er appelliert an Schwangere und Stillende, sich impfen zu lassen, und empfiehlt, mit Ärzt:innen Rücksprache zu halten.

 

Fünf deutsche E-Health Unternehmen gründen ›DiGA info‹

Informationen über neue Versorgungsangebote an die Praxen bringen!

Die Anfang September gegründete Gesellschaft ›DiGA info‹ will medizinischen Fachkreisen umfassende Informationen zu Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) nahebringen. Medizinprodukte aus diesem jungen Versorgungsbereich dürfen Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen seit Oktober 2020 verordnen. Aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Anwendungen besteht in den Praxen ein hoher Informationsbedarf. Eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom und des Ärzteverbandes Hartmannbund im November 2020 zeigte, dass sich 58 Prozent des befragten medizinischen Personals eine zentrale Plattform für diese Informationen wünschen.

›DiGA info‹ stellt allgemeine Angaben zu den Anwendungen und die Nutzung der DiGA im Praxisalltag vor, daneben gibt es Informationen zu einzelnen Indikationen, Online- Fortbildungen, bestellbares Informationsmaterial und persönlichen Kontakt zu geschulten Berater:innen. Gründer der Gesellschaft sind die Unternehmen aidhere, mementor, Newsenselab, Selfapy und Vivira Health Lab. Die Gesellschaft möchte als zentrale Anlaufstelle eng mit Berufsverbänden, Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen zusammenarbeiten.

 

Anhaltender Streit um die ePA zwischen Datenschützern und Kassen

Verzögern funktionale Erweiterungen der Akte deren Einführung?

Der Streit zwischen den Krankenkassen und dem Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber um die elektronische Patientenakte (ePA) hält an. Laut Tagesspiegel wies Kelber einige Kassen schriftlich an, Funktionen ihrer ePA zu verändern, um DSGVO-Konformität herzustellen. Ferner sollen sie die Nutzung auch für Nicht-Smartphonebesitzer ermöglichen; wogegen die Kassen Klagen ankündigten. Auf Nachfrage stellte Kelber klar, es gehe bei seiner Forderung um eine zusätzliche Funktionalität zum 1. Januar 2022 – ein ›feingranulares Zugriffsmanagement‹ –, das die bereits begonnene Einführung nicht verzögere. Damit könnten Patient:innen einzelne Dokumente für bestimmte Arztgruppen sperren.

Daneben sollen für Versicherte ohne digitale Endgeräte »mittels dezentraler Infrastruktur der Leistungserbringer oder in den Geschäftsräumen der Krankenkassen« ab dem Jahr 2023 neue Zugangsmöglichkeiten geschaffen werden. Dies hatte der Bundesdatenschutz- beauftragte bereits im Gesetzgebungsverfahren gefordert. Der Streit, ob die Kassen mit der Bereitstellung der ePA gegen die DSGVO verstoßen, schwelt schon seit rund zwei Jahren.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


Startup-Telegram

 

Weil Angststörungen bei etwa 15 Millionen Deutschen vorkommen, Ressourcen und therapeutisches Personal jedoch knapp sind und nicht von jedem bezahlbar, gibt es den alternativen Lösungsansatz Pocketcoach. Der digitale automatisierte Coach unterstützt Menschen in Stresssituationen oder Angstzuständen durch hochqualitative und individuell zugeschnittene verhaltenstherapeutische Hilfen. Kern der Anwendung ist ein Chatbot, der die Erkrankten durch Selbsthilfeprogramme lotst. Das Konzept wurde von der Zentralen Prüfstelle Prävention zertifiziert, alle gesetzlichen Krankenkassen Deutschlands bezuschussen die App. https://www.pocketcoach.co/de

Alve ist eine interaktive Telemedizinplattform. Über diese können DSVGO-konforme und Ende zu Ende verschlüsselte Videotherapien erfolgen. Die Heilmittelerbringer bzw. Reha-Kliniken zahlen dafür eine monatliche Nutzungsgebühr, Patient:innen nutzen das Angebot kostenfrei. Daneben hält die Plattform interaktive Tools bereit, die das digitale Zusammenarbeiten vereinfachen sollen. Betreiber ist die Relearnlabs GmbH in Berlin. https://alvetherapy.com/

Glaucare ist eine App zur unterstützenden Behandlung des Glaukoms. Diese chronische Augenkrankheit kann nur durch Tropftherapie stabil gehalten werden, wobei der Augendruck stets kontrolliert und niedrig gehalten werden muss. Die durch Appamedix entwickelte App ist intuitiv und einfach zu bedienen, dazu mit großen berührungsempfindlichen Flächen, großer Schrift, hohem Farbkontrast und einer Vorlesefunktion ausgestattet. Als Abo-Modell ist sie über alle App Stores weltweit erhältlich, in Deutschland bereits CE-zertifiziert und im Zulassungsprozess als DiGA. https://glau.care/

Eine Rehabilitations-App in der Uroonkologie, insbesondere für die Prostatakarzinom- Nachsorge und die uroonkologische Rehabilitation, hat Uroletics entwickelt. Kern der App ist ein digitales 3D-visualisiertes Beckenbodentraining für Erkrankte. Daneben gibt es ein postoperatives Komplikationsmonitoring zur Früherkennung von Komplikationen und digitale PSA-Nachsorge. Die App kann relevante klinische Endpunkte wie Inkontinenz, erektile Dysfunktion und Lebensqualität messen; ferner ermöglicht sie Auswertungen durch die betreuenden niedergelassenen Ärzt:innen, auch als digitaler Tumornachsorgekalender nutzbar. Aktuell befindet sich die App im Zulassungsprozess als DiGA. https://www.uroletics.com/

 


Meldungen

 

Finanzzahlen der GKV

Reserven werden langsam abgebaut

Die Finanzzahlen der gesetzlichen Krankenkassen vom ersten Halbjahr liegen vor. So haben die 103 gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland im ersten Halbjahr 2021 ein Defizit von 1,9 Milliarden Euro verbucht.

Damit betrugen die Finanzreserven der gesetzlichen Krankenkassen Ende Juni 2021 rund 14,8 Mrd. Euro. Das entspricht im Durchschnitt 0,6 Monatsausgaben. Der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitragssatz lag im ersten Halbjahr stabil bei 1,28 Prozent und damit leicht unterhalb des Ende Oktober 2020 für das Jahr 2021 bekanntgegebenen durchschnittlichen Zusatzbeitrags von 1,3 Prozent. Im Oktober wird dann errechnet, wie der Zusatzbeitrag für 2022 aussehen wird. »Die Pandemie hat auch im ersten Halbjahr 2021 die Einnahmen- und Ausgabenentwicklung der gesetzlichen Krankenversicherung deutlich geprägt. Trotzdem ist es uns gelungen, für 2021 die Zusatzbeitragssätze der Krankenkassen stabil und damit die Sozialabgaben unter 40 Prozent zu halten«, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er wolle im Oktober prüfen, ob der von der Koalition beschlossene ergänzende Bundeszuschuss von sieben Milliarden Euro angepasst werden müsse. Das wiederum verärgert den GKV- Spitzenverband, denn dort plant man mit dem Bundeszuschuss in Höhe von sieben Milliarden Euro, der eigentlich Anfang September mit Jens Spahn besprochen werden sollte. Doch entgegen der Ankündigung heißt es nun in einer Pressemitteilung, man müsse erst die Koalitionsverhandlungen abwarten.

Die Finanzzahlen zeigen außerdem die Unterschiede in der Finanzentwicklung verschiedener Krankenkassenarten auf. Die Landwirtschaftliche Krankenkasse, die keine Finanzreserven an den Gesundheitsfonds abführen muss, erzielte einen Überschuss von 22 Mio. Euro. Alle anderen Krankenkassenarten verzeichneten Defizite in unterschiedlichen Höhen. So betrug das Defizit der Allgemeinen Ortskrankenkassen rund 1,6 Mrd. Euro, das der Ersatzkassen 14 Mio. Euro, die Innungskrankenkassen verzeichneten ein Defizit von 25 Mio. Euro, die Betriebskrankenkassen 235 Mio. Euro und die Knappschaft verbuchte ein Defizit von 18 Mio. Euro. Einzelkassenbezogen verbuchten 72 Krankenkassen Defizite und 30 Krankenkassen Überschüsse. Der Gesundheitsfonds, der zum Stichtag am 15. Januar 2021 über eine Liquiditätsreserve von rund 5,9 Mrd. Euro verfügte, verzeichnete im ersten Halbjahr 2021 ein Defizit von 311 Mio. Euro.

 

Long-Covid-Versorgung

Netzwerk schafft spürbare Unterstützung für Patient:innen zuhause

Die Long-Covid-Versorgung in Deutschland ist unzureichend. Digitale Technologien wie Tele-Rehabilitation über ein entsprechendes Netzwerk helfen dabei, betroffene Menschen zu unterstützen und schneller wieder arbeitsfähig zu machen.

Laut Studien leiden vor allem Menschen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren ohne Vorerkrankungen unter Long-Covid-Folgen. Nach einem oft milden akuten Verlauf der Erkrankung treten bis zu sieben Monate später Symptome wie Fatigue, Konzentrationsprobleme, Kurzatmigkeit, Gerinnungsstörungen und Gefäßerkrankungen auf. Die Betroffeneninitiative ›Long Covid Deutschland‹ sieht darin »Dimensionen einer drohenden gesundheitlichen und sozialen Krise«, da die Wartezeit bis zur Behandlung für Betroffene oft drei bis sechs Monate beträgt. Die Initiative wünscht »flächendeckende und bundesweit einheitliche Netzwerke zur ambulanten und rehabilitativen Versorgung aller Long-Covid-Betroffenen«.

Ein bundesweit aktives Long-Covid-Netzwerk, das durch das Deutsche Telemedizin Zentrum (DTZ e. V.) initiiert wurde, unterstützt Forschungsansätze und stellt Versorgung sicher. Dafür führt es bestehende medizinische Kompetenz mit verfügbaren Ressourcen zusammen, um Patient:innen im häuslichen Umfeld über Teletherapie zu behandeln. So dient die indikationsübergreifende digitale Behandlung von ›EvoCare‹ der schnellen Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit. Die Deutsche Rentenversicherung Bund hat dieses Verfahren bundesweit anerkannt und eine Vergütungsmöglichkeit geschaffen. Erkrankte erhalten das Equipment zum Trainieren und die klinische Expertise nach Hause geliefert. Die Inhalte stammen vom jeweiligen Behandlerteam, mit dem die Patient:innen per Webapplikation oder Leihgerät interagieren – sicher und DSGVO-konform.

Ferner bietet das Long-Covid-Netzwerk CME-fähige Veranstaltungen zum »wichtigen und wertvollen Austausch von Wissen und Erfahrung unter den Mediziner:innen in den beteiligten Disziplinen«, erklärt Dr. Martin Schultz, ehemaliger Leiter des Instituts für angewandte Telemedizin im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen.

 

Wahlprogramme zur Bundestagswahl

Knackpunkt duales Krankenkassensystem

Im Gesundheitsbereich sind sich alle derzeit im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien zumindest darin einig, dass die Versorgung der Patient:innen verbessert werden soll. Differenzen bestehen besonders beim dualen System aus gesetzlichen Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen. Das bestehende System der Sektorenfinanzierung soll auf den Prüfstand gestellt werden. Spannend wird nach der Wahl am 26. September sein, wie die Fachleute der Parteien dies in die Koalitionsverhandlungen einbringen und welche konkreten Forderungen und Maßnahmen sich schlussendlich im Koalitionsvertrag für die kommende Legislatur finden werden.

Einer der deutlichsten Unterschiede in den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl ist beim Thema Zukunft des dualen Krankenkassensystems zu finden. Während die Union aus CDU und CSU die Einführung einer Bürgerversicherung ebenso wie die FDP ablehnt, findet sich diese Forderung in den Programmen von SPD, Grünen und Linkspartei. Diese drei Parteien unterscheiden sich jedoch bei der Ausgestaltung der Bürgerversicherung. Am weitesten dürfte der Ansatz der Linken gehen, die eine solidarische Gesundheitsvollversicherung fordern, in die alle einzahlen – ohne Zuzahlungen und Eigenanteile. Die Freien Demokraten plädieren für mehr Wettbewerb zwischen den Krankenkassen und wollen auch die gesetzlichen Spielräume zwischen den Krankenkassen und den Leistungserbringern erweitern – Stichworte hier: Selbstbeteiligungen, Bonuszahlungen, Beitragsrückerstattungen und Wahlfreiheit zwischen den Kassensystemen. Die Union möchte einkommensabhängige paritätische Beiträge und Eigenbeteiligung sowie einen Steueranteil für versicherungsfremde Leistungen wie beispielsweise in der Pandemiebekämpfung. Dazu werden Sondierungen und Koalitionsverhandlungen mit der Union sicher länger dauern.

Einigkeit besteht zwischen allen Parteien, dass das Schulgeld für Gesundheits- und Pflegeberufe abgeschafft werden soll. Die Linkspartei erweitert dies zur Forderung einer gebührenfreien Finanzierung der Aus- und Weiterbildung. Die Grünen verlangen explizit auch eine höhere Vergütung von Therapieberufen, bei der Linken soll das Grundgehalt in der Pflege um 500 Euro angehoben werden.

Bei den Krankenhäusern steht die Abschaffung der Fallpauschalen in den Programmen von SPD, Grünen und Linkspartei. Die FDP möchte, dass die Fehlanreize für eine Überversorgung und Überangebote an Krankenhausleistungen bereinigt werden. Deutlich mehr soll in die Krankenhäuser investiert werden. Die Union möchte die Digitalisierung der Häuser voranbringen, die SPD wiederum eine bedarfsgerechte Grundfinanzierung der Kliniken. Die Grünen wollen Krankenhäuser nicht nach Fallzahl, sondern auch nach einem gesellschaftlichen Auftrag finanzieren. Die Linkspartei fordert einen Fonds des Bundes für die Rekommunalisierung der Krankenhäuser. Sie möchte des Weiteren ein Verbot der Entnahme von Gewinnen erwirken. Ähnlich klingt das auch bei den Sozialdemokraten, die formulieren, dass sie die Renditeorientierung im Gesundheitswesen begrenzen wollen, da  
diese sich negativ auf die Versorgung der Patient:innen und Beschäftigten auswirke. Gewinne, die aus Mitteln der Solidargemeinschaft erwirtschaftet werden, sollen mehrheitlich wieder in das Gesundheitssystem zurückfließen, so das Zukunftsprogramm der SPD weiter. Die FDP möchte die Qualität im Vergütungssystem als relevanten Faktor einführen.

Im Hinblick auf die Versorgung der Patient:innen steht bei den Parteien die stärkere Vernetzung auf der Agenda. Die Sektorengrenzen zwischen ambulanten und stationären Leistungserbringern sollen aufgehoben werden, so SPD, FDP und Grüne. Die Union fordert hier allgemein eine stärkere Vernetzung in der Zusammenarbeit der einzelnen Akteure sowie die Bündelung klinischer Angebote für komplexe Behandlungen. Die Linkspartei möchte die Einstellung von jeweils 100.000 Pflegekräften mehr in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Weiter fordert die Partei eine Personalbemessungsgrenze für alle Berufe in diesen Einrichtungen.

Weitgehende Einigkeit besteht zwischen den demokratischen Parteien bei der Förderung des ÖGD sowie bei der Stärkung der Medikamentenproduktion im Inland.

EinBlick – Der Podcast hat sich ebenfalls mit den Programmen zur Bundestagswahl befasst. Ergänzt wird die Analyse durch Beobachtungen und Einschätzungen von Miriam Hollstein, der Chefreporterin Politik in der Funke-Zentralredaktion Berlin.
Hier können Sie direkt in die Podcast-Folge reinhören: https://t1p.de/e4nl

 

 

Notfallversorgung in Brandenburg

Rettungswagen brauchen mehr als 15 Minuten

Das IGES Institut hat über drei Jahre die Notfallversorgung im Land Brandenburg analysiert. Laut dem Marktforschungsinstitut werden in Brandenburg Rettungswagen und stationäre Notfallversorgung überdurchschnittlich oft in Anspruch genommen. Gründe dafür seien eine niedrige Arztdichte, der hohe Altersdurchschnitt sowie mangelnde Transportalternativen.

Während im Jahr 2017 in Brandenburg 76 Prozent der Notfälle in Krankenhäusern behandelt wurden, waren es im Bundesdurchschnitt nur 55 Prozent. Auch der Rettungswagen kommt in Brandenburg überdurchschnittlich häufig zum Einsatz: In 2018 wurde dieser 121 Mal je 1.000 Einwohner:innen gerufen, bundesweit hingegen nur 78 Mal je 1.000 Einwohner:innen. Dabei sind mehr als die Hälfte der stationär aufgenommenen Notfallpatient:innen Pflegebedürftige, häufig aus Pflegeheimen. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Ärzt:innen, die Dienste in Pflegeheimen machen, zwar zugenommen, jedoch könnte eine weitere Verbesserung der vertragsärztlichen Versorgung dazu beitragen, Notfalleinweisungen aus Pflegeheimen zu verhindern, heißt es im Report.

Mehrheitlich seien die Brandenburger:innen mit der medizinischen Notfallversorgung zufrieden. Jedoch ist ein weiteres Fazit der Studie, dass in dünn besiedelten Regionen Brandenburgs die ambulante Versorgung ausgebaut werden muss, damit auch dort schwerwiegende Notfälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall schnell behandelt werden können. So gibt jede:r zehnte der Befragten an, außerhalb von Praxisöffnungszeiten eher den Rettungsdienst zu rufen. Alarmierend ist dabei, dass die gesetzlich vorgegebene Dauer von 15 Minuten, bis ein Rettungsdienst nach dem Anruf da sein muss, in keinem der Landkreise Brandenburgs erreicht wurde. Nur die kreisfreien Städte konnten sich an die vorgegebene Zeit halten. Außerdem hatten von 154 Rettungswachen rund 28 Wachen weniger als eine Fahrt am Tag. Die Autor:innen der Studie empfehlen deshalb, die Wachen zu zentrieren und dafür den Ausbau der Luftrettung mittels Hubschrauber voranzutreiben.

Im Rahmen der Studie zur Notfall- und Akutversorgung in Brandenburg hatten Verbände der Krankenhäuser, Ärzt:innen, Krankenkassen und die Politik analysiert, wie Brandenburger:innen in Notsituationen ärztliche Hilfe finden und wie diese optimiert werden kann. Initiiert hatte das Vorhaben die brandenburgische Landesregierung im Jahr 2016. Finanziert wurde die Studie mit Mitteln des Innovationsfonds.


Bemerkt

 

 

»Die Gendermedizin muss zum verpflichtenden Bestandteil der Curricula in Studium und Lehre werden. Darüber hinaus gilt es, in klinischen Studien, Leitlinien und Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses zukünftig gendermedizinisch Aspekte zu berücksichtigen.«

Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Spitzenfrauen Gesundheit

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) verweist auf eine Studie, die zeigt, dass regelmäßige Grippeimpfungen das Demenzrisiko signifikant um 12 Prozent reduzieren können. Untersucht wurde dabei in den USA von 2009 bis 2019 der Gesundheitszustand von rund 120.000 ehemaligen US-Militärangehörigen. Die Wissenschaftler:innen analysierten, wie Grippeimpfungen das Stadium von Demenz beeinflussen.
 
Die Analyse ergab, dass die Inanspruchnahme von Grippeimpfungen mit einem geringeren Demenzrisiko einherging. Allerdings kam der Effekt nur dann zum Tragen, wenn insgesamt mehr als sechs Grippeimpfungen innerhalb des Beobachtungszeitraums verabreicht wurden. Damit wurde in dieser Erhebung das Demenzrisiko durch die Impfungen signifikant um 12 Prozent gesenkt »Dieser Effekt ist nicht unerheblich. Bei jährlich etwa 330.000 Demenz-Neuerkrankungen in Deutschland könnten somit durch regelmäßige Grippeimpfungen fast 40.000 Menschen jährlich vor der Diagnose Demenz bewahrt werden«, sagt DGN-Demenzexperte Professor Dr. Richard Dodel. Er betont jedoch, dass es sich um eine retroperspektive Auswertung handelt, die dennoch keinen Beweischarakter hat, sondern nur eine Assoziation aufzeigen kann.

Übersicht beim Informationsdienst Wissenschaft idw: https://idw-online.de/de/news775511
Hier kommen Sie direkt zur Studi: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0264410X21010793


Empfehlung

 

Zukunft Gesundheit

Der Herausgeberband ›Zukunft Gesundheit‹ bündelt die Diskussion um die Zukunft der Gesundheitsversorgung. Die Autor:innen beschäftigen sich mit regionalen Strukturen und Prozessen, den Perspektiven von Prävention, Rehabilitation und Pflege sowie mit der Frage, was Deutschland aus internationalen Erfahrungen für die regionale, vernetzte und patientenorientierte Ausrichtung lernen kann. Weitere Themen sind der Steuerungsbeitrag der Krankenkassen, Digitalisierung und E-Health sowie integrative und interprofessionelle Patientenorientierung. 


Herausgeber sind Dr. Helmut Hildebrandt, Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG, und Rolf Stuppardt, Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Gremien, Beiräte und Aufsichtsräte des Gesundheitswesens und der Gesundheitswirtschaft.

Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier: https://www.medhochzwei-verlag.de/Shop/ProduktDetail/978-3-86216-845-3-Zukunft-Gesundheit


Zuletzt:

 

80 Prozent der Studierenden in Berlin geimpft

Mehr als 80 Prozent der Berliner Studierenden, die an einer aktuellen Umfrage der Berliner Hochschulen im Zeitraum von Mitte August bis Anfang September teilnahmen, sind vollständig geimpft. »Obgleich die Umfrage nicht repräsentativ ist, legen die Ergebnisse den Schluss nahe, dass mehr als drei Viertel der insgesamt rund 200.000 Studierenden an Berliner Hochschulen vollständig geimpft sein dürften, heißt es in der Pressemitteilung. Die Ergebnisse der Umfrage unter den Studierenden seien eine gute Basis für die weiteren Planungen zum Lehrbetrieb im Wintersemester 2021/2022. So solle das Wintersemester wieder in Präsenz stattfinden können.

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