Berlin-Chemie Newsletter vom 23. November 2016

Berlin-Chemie Newsletter vom 23. November 2016

  • Innovationsfonds: Der Vorhang wird gelüftet
  • Politischer Schutzschild
  • Jobkiller Bürgerversicherung?
  • Umstrittene Demenzforschung: Bundestag stimmt zu
  • Honorarärzte im Notdienst: Versorgung gefährdet
  • Pharmabranche will Biosimilarsquote
  • Diabetes: Notwendiger Fortschritt
  • AM-VSG: Rabattverträge zum Schutz vor Engpässen öfter vergeben?
  • Digitaler Zusatzstoff?

Innovationsfonds: Der Vorhang wird gelüftet

296 Projekte standen dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zur Auswahl. Die ersten Kostenträger haben nun bekanntgegeben, dass sie mit einigen Anträgen erfolgreichen gewesen sind. Vor allem die Techniker Krankenkasse (TK) darf sich über jede Menge Geld für die Versorgungsforschung freuen. Der Vize-Chef Thomas Ballst sieht dennoch die Laufzeit von vier Jahren durch den Innovationsfonds als viel zu kurz und fordert eine verbindliche Innovationsquote für Krankenkassen nach dem Vorbild des Präventionsgesetzes.

Wettbewerbsinstrument, technologische Insellösungen oder begrenzte Projektregionen, die mit Hinblick auf die Versorgungsstrukturen einmalig sind in Deutschland – Projektmodelle sind häufig gar nicht für den Sprung in die Regelversorgung gedacht oder scheitern schon an der Basis. Die Versorgungsforschung erhofft sich aus solchen Modellen dennoch großartige neue Erkenntnisse. Deshalb wird der Gesundheitsfonds um 300 Millionen Euro pro Jahr erleichtert und das Geld scheint nun durch die Entscheidungen des G-BA-Ausschusses Empfänger gefunden zu haben. Die TK erhielt gleich Förderzusagen für 15 Projekte aus dem Bereich Versorgung. Damit sei mehr als die Hälfte der eingereichten TK-Konzepte ausgewählt worden. Das Fördervolumen beträgt nach Kassenangaben insgesamt 120 Millionen Euro. Als Konsortialführerin verantwortet die Techniker Krankenkasse unter anderem das NetzWerk LebenPlus (NWLP), welches die Selbstständigkeit von älteren Menschen fördern will, wodurch der Eintritt in die Pflegebedürftigkeit verzögert werden soll. Partner für das Projekt sind unter anderem die Barmer GEK, die DAK Gesundheit, die Knappschaft und die Johanniter-Unfall-Hilfe. Im Arzneimittelbereich wird VERO, ein Projekt zur Verbesserung der Versorgungsqualität in der Indikation Rheumatoide Arthritis, gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Rheumatologen, Kliniken aus Hamburg und Erlangen sowie 13 weiteren Krankenkassen durchgeführt. Die Betriebskrankenkassen fokussieren sich naheliegender Weise derweil auf Angebote im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Hier hat das Projekt „BGM-innovativ“ einen Förderzuschlag über 3,7 Millionen Euro für vier Jahre erhalten. 15 Betriebskrankenkassen werden das Projekt zur Versorgung von Beschäftigten mit Muskel-Skelett-Erkrankungen an 22 Betriebsstandorten durchführen und dabei insgesamt 1.500 Versicherte teilnehmen lassen. Das Projekt beginnt am 1. Januar 2017, Ende 2020 sollen die Evaluationsergebnisse vorliegen. Bei Erfolg könnte das Programm auf weitere Indikationen ausgeweitet werden.

Politischer Schutzschild

Die Stellungnahme des Gesundheitsministeriums in NRW stellt das Bundesversicherungsamt (BVA) und die Ärzteschaft bloß.

Diagnosen von Patienten werden nachträglich so verändert, dass diese auf dem Papier kränker werden. Für die Kassen praktisch, weil sie dadurch erhöhte Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds erhalten. Für alle anderen ist dies eher schlechter Umgang, ja eigentlich sogar illegal. „Upcoding“ klingt wie eine Modeerscheinung, ist aber kein neues Problem. Dennoch sorgte das Verfahren AOK Rheinland/Hamburg gegen das BVA durchaus für Aufsehen. Nach Angaben des Landessozialgerichts NRW (LSG NRW) forderte das BVA von der AOK Rheinland/Hamburg sieben Millionen Euro (5,6 Millionen + 1,4 Millionen Euro Strafaufschlag) aus den Zuweisungen des Gesundheitsfonds für 2011 zurück. Die AOK zog vor Gericht, klagte gegen den BVA-Bescheid. Nun wurde sich außergerichtlich geeinigt, die Klage zurückgezogen und somit das BVA-Ansinnen bestandskräftig. Die Sache schien erledigt – bis sich in Düsseldorf das Ministerium von Gesundheitsministerin Barbara Steffens zu Wort meldete. Dort ging man hart ins Gericht mit dem LSG NRW. Die Meldung sei „irreführend“ gewesen und es habe sich nicht um Upcoding, sondern Rightcoding gehandelt. Im Wortlaut heißt es von Seiten des Ministeriums: „Vielmehr handelt es sich um die Möglichkeit der nachträglichen Korrektur einer zunächst fehlerhaften oder nicht ausreichend dokumentierten Diagnose, die im Zusammenhang mit einer Arzneimittelverordnung zu Regressanforderungen gegenüber Ärztinnen und Ärzten führen kann. Für solche Fälle hat das NRW-Gesundheitsministerium für alle Kassenarten und Kassen ein entsprechendes Verfahren zur Wirtschaftlichkeitsprüfung toleriert mit der Möglichkeit einer Korrektur fehlerhafter Diagnosen. […] Eine Diagnosekorrektur durfte aber nur mit ausdrücklicher Zustimmung der im Rahmen der Wirtschaftlichkeitsprüfung insoweit auffällig gewordenen Ärztinnen und Ärzte erfolgen. Die Entscheidung über die zutreffende Codierung oblag damit allein dem jeweiligen Arzt bzw. der Ärztin.“ Das BVA ermittelt übrigens gegen zehn weitere Kassen.

Jobkiller Bürgerversicherung?

Rechtzeitig vor dem Wahlkampf hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung noch einmal eine erweiterte Studie zu beschäftigungspolitischen Auswirkungen einer Bürgerversicherung vorgelegt.

Noch sind wesentliche gesundheitspolitische Gesetzesvorhaben der großen Koalition nicht abgearbeitet, da beginnen die Parteien auch schon mit der strategischen Planung ihrer Wahlkampfziele. SPD, Linke und Grüne machen keinen Hehl daraus, dass sie im Falle einer denkbaren rot-rot-grünen Regierung umgehend mit der Umsetzung einer Bürgerversicherung beginnen würden. Da passt die jetzt veröffentlichte Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung so gar nicht ins Konzept. Das Ausstiegsszenario würde bereits kurzfristig bei der PKV zum Abbau von 22.700 bis 51.000 Stellen führen. Insgesamt geht die Studie von 68.000 Beschäftigten in PKV-Unternehmen aus. Auswirkung in der Ärzteschaft und anderen Bereichen des Gesundheitswesens nicht gerechnet.

Prompt widersprach auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Prof. Dr. Karl Lauterbach. Durch Abbau von Versicherungs-Bürokratie würden keine Stellen verlorengehen, sondern im Gegenteil. In der Pflege beispielsweise könnten tausende Stellen neu geschaffen werden.

In der PKV sind rund neun Millionen Menschen versichert. Der PKV-Verband legte schon häufig durch Studien gestützte Berechnungen vor, dass jeder Euro in der PKV weitere 2,10 Euro an zusätzlicher Bruttowertschöpfung in anderen Unternehmen bewirke. Und mit jedem einzelnen Arbeitsplatz seien weitere 4,6 Arbeitsplätze verbunden. In der Ärzteschaft rechnet man mit bis zu 40 Prozent sinkenden Einnahmen, gäbe es keine Privatpatienten mehr. Viele Praxen könnten dann nicht mehr existieren.

Für die Studie hatte das beteiligte IGES Institut auf Grundlage der wissenschaftlichen Fachliteratur sehr unterschiedliche Szenarien einer Umgestaltung des Krankenversicherungssystems entwickelt. Gemeinsam sind diesen Szenarien die Ziele, durch eine Veränderung des Ordnungsrahmens in der Krankenversicherung Wahlmöglichkeiten der Versicherten zu erweitern, Wettbewerbsbedingungen auf dem Krankenversicherungsmarkt anzugleichen, die solidarische (d. h. einkommensabhängige) Finanzierung auszuweiten und Unterschiede in der Beitragsbemessung abzubauen. Einbezogen wurde auch die Beihilfe. Gemeinsam mit externen Fachexpertinnen und -experten sowie einer Steuerungsgruppe der Hans-Böckler-Stiftung wurden Szenarien ausgewählt und vergleichend bewertet. Die damit verbundenen Einschätzungen der Beschäftigungswirkungen kamen zu folgenden Ergebnissen:

  • Die mit den Szenarien beschriebenen Umgestaltungen des Krankenversicherungsmarktes würden den Marktanteil der PKV längerfristig verkleinern.
  • Die Beschäftigung im Bereich der PKV würde sich damit in allen Szenarien verringern, das Ausmaß variiert jedoch stark in Abhängigkeit von den jeweiligen Rahmenbedingungen: Die Größenordnungen liegen geschätzt zwischen rund drei Viertel am oberen Ende und knapp einem Drittel am unteren Ende.
  • Beschäftigungsrelevante Spielräume für die Gestaltung von Transformationsprozessen bestehen insbesondere im Hinblick auf eine Umgestaltung des Beihilfesystems.

Umstrittene Demenzforschung: Bundestag stimmt zu

Medikamententests sind ab sofort auch dann möglich, wenn Probanden keinen Nutzen davon haben.

Forschung an Demenzkranken ist in Zukunft auch dann möglich, wenn der betroffene Patient keinen Nutzen davon hat. Der Bundestag stimmte mehrheitlich (330 von 581 Parlamentariern) für die viel kritisierte Neuregelung des Arzneimittelrechts. Mit dem Gesetz werden von der EU geforderte Anpassungen im Arzneimittelgesetz (AMG) vorgenommen. Kritik kommt dafür nun von allen Seiten, die Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe entschieden zurückweist. Damit seien sehr viel strengere Regelungen für gruppennützige klinische Prüfungen erlassen, als es die bereits erheblichen Voraussetzungen des europäischen Rechts vorgeben. Gegner und Befürworter der Liberalisierung gibt es in allen Fraktionen. Die Befürworter argumentierten, ihnen gehe um das Selbstbestimmungsrecht von Menschen, die bereit sind, sich an Studien zur Erforschung von Alzheimer und Demenz zu beteiligen. Die Gegner um die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt kritisieren, dass das Schutzniveau Demenzkranker damit erheblich herabgestuft wird. Mit einem guten Zweck, wie Gröhe sagt: „Hochwertige klinische Prüfungen seien wichtige Voraussetzung für einen schnellen und sicheren Zugang zu neuen Arzneimitteln.“ Daher seien auch gruppennützige klinische Prüfungen, an denen zum Beispiel ein Patient mit einer fortgeschrittenen Demenz teilnimmt, wichtig und nötig, um beispielsweise die Behandlung von Demenzkranken zu verbessern. Er betont: „Hierbei stehen der Wille und der Schutz des Einzelnen zu jedem Zeitpunkt an erster Stelle. Gleichzeitig müssen zu jedem Zeitpunkt die hohen Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden.“ Auch für den CDU-Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, ist die Neuregelung ein Tabubruch. Er malt sich düstere Zukunftsszenarien aus: Schon in wenigen Jahren werde es heißen, „öffnet das bitte ganz, sonst kriegen wir diese notwendige Forschung nicht zu Gange.“

Honorarärzte im Notdienst: Versorgung gefährdet

Jetzt versucht die Politik Lücken aufzutun, die die Tätigkeit von Honorarärzten im Notdienst gefährdet.

Dass die Politik einmal prüfen würde, wie man die Sozialversicherungspflicht umgehen kann, hätten sich wohl die wenigsten vorstellen können. Doch in der Frage, ob Honorarärzte im Notdienst sozialversicherungspflichtig sind oder nicht, sind ungewöhnliche Maßnahmen offenbar erforderlich, um die notärztliche Versorgung sicherstellen zu können. Das Bundesarbeitsministerium und das Bundesgesundheitsministerium prüfen derzeit, welche Änderungen im Sozialversicherungsrecht nötig wären, um Honorarkräfte im Rettungsdienst unter Umständen von der Sozialversicherungspflicht auszunehmen. In Neustrelitz brachte im August ein Urteil des Landessozialgerichts Mecklenburg-Vorpommern die Diskussion um die Sozialversicherungspflicht von Honorarärzten ins Rollen. Festgestellt wurde, dass Honorarärzte, die entsprechend ihrer ärztlichen Ausbildung in den klinischen Alltag eingegliedert sind und einen festen Stundenlohn erhalten, regelmäßig abhängig beschäftigt und damit auch sozialversicherungspflichtig sind. Die Notärzte im Rettungsdienst mussten sich in der Folge dem Vorwurf der Scheinselbstständigkeit stellen. Das Urteil sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit. Laut Bundesverband der Honorarärzte stellt die Deutsche Rentenversicherung im Zuge von Betriebsprüfungen bei Rettungsdiensten für die dort tätigen Ärzte inzwischen „regelhaft eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung fest”. In Mecklenburg-Vorpommern halte man „die notärztliche Versorgung” für „akut gefährdet”. Diese Einschätzung teilt offenbar auch das Bundesgesundheitsministerium. In einem aktuellen Bericht heißt es, die Angelegenheit bedürfe „in jedem Fall einer zeitnahen Lösung, die eine notärztliche Versorgung im Rettungsdienst weiterhin ermöglicht”.

Pharmabranche will Biosimilarsquote

110 Milliarden Euro könnten US- und europaweit eingespart werden.

Immer mehr Pharma-Unternehmen stellen mittlerweile Biosimilars her. Doch damit sich die teure Produktion für sie auch lohnt, fordern einige dieser Pharmaunternehmen mal wieder eine Arzneimittelvereinbarung mit Biosimilars-Quote. Das soll diesen Unternehmen Gewinne und die hohen Produktionskosten sichern, aber auch Krankenkassen entlasten, indem die Effizienz in einem kostenintensiven Sektor der Spezialpräparate gesteigert wird. Die Nachahmerprodukte von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln sind im Schnitt 20 bis 30 Prozent günstiger als die Originalprodukte. In Europa und den USA könnten 110 Milliarden Euro gespart werden, wenn man anstatt auf die Originalpräparate auf Biosimilars zurückgreift. Dazu muss sich allerdings die Vermarktungspolitik ändern, erläuterte Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen bei einem Round Table in Berlin: „Richtgrößen und vor allem selektive Verträge sollten klare Quotierungen für Biosimilars enthalten und Sanktionen bei Nichterreichen vorsehen“, sagt er. Die richtige Quote liege Glaeske zufolge bei 50 Prozent. Momentan gebe es in Deutschland noch extreme regionale Unterschiede. Der neueste Arzneiverordnungsreport 2015 zeigt, dass diese jeweils bezogen auf den gesamten biosimilarfähigen Markt von drei Prozent in Sachsen-Anhalt bis zu 15 Prozent in Hamburg reichen. Im gesamten Bundesgebiet hatten Biosimilars einen Marktanteil von 5,9 Prozent. Braucht es also wirklich eine Quote? Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen, Birgit Fischer, sagt nein: „Biosimilar-Quoten oder regionale Zielvereinbarungen für deren Verordnung sind überflüssig, denn Biosimilars sind längst in den ärztlichen Verordnungen etabliert und haben bereits heute hohe Verordnungsanteile.” Und was die Sorge betrifft, dass Biosimilars anders wirken als Originalpräparate sei Glaeske zufolge unbegründet. „Alle Studien weisen auf eine unproblematische Ersteinstellung mit Biosimilars hin und können demnach wie Originalprodukte eingesetzt werden. Und das sowohl bei neuen als auch weiterbehandelten Patienten.” Eine Ansicht, die in der Ärzteschaft nicht von allen geteilt wird. Biologika seien zudem keine Arzneimittel für die Masse, sondern kommen vor allem als Zweitlinientherapie in Betracht. „Die Frage sollte am Ende immer lauten: Mit welchen Arzneimitteln kann ich welche Effizienz erreichen?“, so Glaeske.

Diabetes: Notwendiger Fortschritt

Immer mehr Patienten erhalten eine leitliniengerechte Labordiagnostik. Die Bundesregierung fördert derweil einen gänzlich anderen Ansatz zur Prävention.

2006 erklärten die Vereinten Nationen den 14. November zum Weltdiabetestag. An diesem Tag – allerdings im Jahr 1891 - wurde der Kanadier Sir Frederick Banting geboren, welcher 1922 gemeinsam mit Charles Best das lebenswichtige Insulin entdeckte. Inklusive Dunkelziffer sind heute bundesweit etwa 7,6 Millionen Menschen an Diabetes mellitus erkrankt; täglich kommen 1000 Neuerkrankte hinzu. Die Hauptrisikofaktoren Übergewicht, ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung sind längst bekannt und hinreichend diskutiert worden. Inzwischen geschieht aber auch einiges im Bereich der Prävention, Behandlung und Entwicklung von neuen Messgeräten. Über 80 Prozent der diagnostizierten Diabetiker erhalten inzwischen in ihrer Arztpraxis eine leitliniengerechte Labordiagnostik. Der Langzeitblutzuckerwert (HbA1c) wurde 2015 mindestens ein Mal im Jahr bei 81 Prozent der Patienten bestimmt – vier Jahre zuvor lag die Quote noch bei 75 Prozent. „Die Entwicklung beim Messen des Langzeitblutzuckers ist erfreulich und lässt hoffen, dass in absehbarer Zeit bis auf begründete Ausnahmen alle Patienten diese Untersuchung erhalten. Die Bestimmung des HbA1c ist ein Parameter einer guten und leitliniengerechten Prozessqualität in der Betreuung, um den Patienten eine gute Lebensqualität zu ermöglichen und Folgekomplikationen zu vermeiden“, erklärte Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI). Die Deutsche Diabetes-Hilfe fordert dennoch eine Ausweitung des „Gesundheits-Check 35“ zu einem „Gesundheits-Check 35 plus D (Diabetes)“ mit einer Erweiterung um den HbA1c- Langzeitblutzuckertest. „Der Umfang der im Rahmen der hausärztlichen Versorgung angebotenen Untersuchung ‚Check-up 35‘ reicht nach unser Ansicht zur Frühdiagnostik nicht aus“, betont der Vorstandsvorsitzende Dr. Jens Kröger. Die Bundesregierung setzt hingegen in der Prävention künftig verstärkt auf Nanotechnologie in Lebensmitteln. Konkret heißt es im Aktionsplan Nanotechnologie 2020 der Bundesregierung: „Durch Verkapselung oder Größenreduktion in den Nanobereich lassen sich Lebensmittel mit einem geringeren Salz-, Zucker- und Fettgehalt herstellen, ohne dass das Geschmacksempfinden beeinträchtigt wird.“ Die Kleinstteilchen können zudem für eine verzögerte Freisetzung oder einen verbesserten Transport durch die Darmwand sorgen. Gleichzeitig erhöhe sich durch die Nanoverkapselung von Biowirkstoffen auch die Stabilität der Lebensmittelmatrix. Die Idee überzeugt jedoch offenbar noch nicht jeden: „Das geht auch einfacher“, kritisiert Professor Dr. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Er meint, dass die Hersteller lediglich angehalten werden müssten, ihre Rezepturen zu ändern. „Generell brauchen wir nicht mehr, sondern weniger Zusätze in unserem Essen“, ergänzt Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der DDG.

AM-VSG: Rabattverträge zum Schutz vor Engpässen öfter vergeben?

Pro Generika-Chef fordert Nachjustierung im Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AM-VSG).

Das AM-VSG ging kürzlich in die Erste Lesung durch den Deutschen Bundestag. Pharmaverbände kritisieren, dass sich die Versprechen aus dem Pharma-Dialog nicht in zufriedenstellender Form im Gesetzesentwurf wiederfinden. Ein Punkt, bei welchem der Gesetzgeber mit dem AM-VSG nachkorrigieren möchte, ist die Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln. Engpässe bei Arzneimitteln wollen weder Pharmaunternehmen, Krankenkassen, Versorger noch Patienten. Etwa die Hälfte der ausgehandelten Rabattverträge ist derzeit exklusiv vergeben und somit hängt auch die Versorgung von der Lieferfähigkeit eines Unternehmens ab. „Daher sollte der Gesetzgeber das AM-VSG jetzt nutzen und klarstellen, dass Generikarabattverträge künftig an mehr als nur ein Unternehmen zu vergeben sind“, meint Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika. Zuletzt ist der Verordnungsanteil von Generika in der gesetzlichen Krankenversicherung immer weiter gestiegen. Lag der Generika-Anteil an den verordneten Tagestherapiedosen 2010 noch bei 71 Prozent, waren es im vergangenen Jahr bereits 77 unter 100 Dosen. Die Anhörung im Bundestag findet am 14. Dezember 2016 statt. Die 2./3. Lesung des AM-VSG ist auf den 16. und 17. Februar 2017 datiert. Das Gesetz soll voraussichtlich am 01. April 2017 in Kraft treten.

Digitaler Zusatzstoff?

Die vorrangige Aufgabe eines Arzneimittelherstellers ist die Sicherstellung der Versorgung von Patienten mit geeigneten Präparaten. Aber können Hersteller womöglich die Adherence und Compliance verbessern? Darüber wurde auf dem Unternehmertag des Bundesverbands Pharmazeutische Industrie diskutiert.

Je nach Studienlage werden bis zu 50 Prozent der Behandlungsmisserfolge auf Non-Adherence seitens des Patienten zurückgeführt. Dies und Non-Compliance belasten das Gesundheitssystem mit unnötigen sieben bis zehn Milliarden Euro jährlich. Einnahmeanweisungen auf dem Beipackzettel und auch der Rat des Arztes erfolgen schließlich aus gutem Grund. Die Unternehmensberatung Accenture hat in diesem Jahr die Ergebnisse einer Befragung unter 200 Pharma-Führungskräften in Europa und den USA vorgestellt. 85 Prozent der Unternehmen sollen demnach Pläne für die Entwicklung von mehr Patienten-Zusatzdiensten haben. Ob in spielerischer Form, als Erinnerung oder Tagebuch – Möglichkeiten gibt es durch die Digitalisierung und neuen Applications oder Wearables jede Menge. Aber nutzt dies Patienten überhaupt, um bei der Stange zu bleiben? Auf seinem diesjährigen Unternehmertag „Patient – Information – Gesetze…in der digitalen Welt“ diskutierte der BPI den Nutzen von Versorgungsbesserungsansätzen. Im Norddeutschen Epilepsiezentrum wird das telemedizinische Programm „Epi-Vista“ (Vertriebsrechte liegen beim Pharmaunternehmen Desitin) seit einiger Zeit erfolgreich eingesetzt. In der Basis ein internetgestützter Anfallkalender, wird über das Programm die gesamte Behandlung organisiert und verwaltet – beispielsweise auch Online-Arztaustausch oder Medikationsanpassungen. Nahezu alle Patienten der Einrichtung würden laut Geschäftsführer Dr. Jörn-Dieter Korsch inzwischen in „Epi-Vista“ geführt. Über einen IV-Vertrag seien unter anderem die Barmer GEK, die Techniker Krankenkasse, die Knappschaft und die HEK angeschlossen. „Die Ärzte waren die Triebfeder des Programms! Als Geschäftsführer musste ich überzeugt werden 70.000 € für die Einflechtung der Patienten in Epi-Vista in die Hand zu nehmen. Dies sei aber schnell gegangen“, berichtete Korsch. Aus der Sicht eines Arzneimittelherstellers ist die Situation komplizierter. „Versorgungsbesserungsansätze sollen nicht nur bleiben, sondern ausgedehnt werden“, findet Dr. Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI. Weil die Programme erst einmal unabhängig von den Präparaten sind, sei die Entwicklung und Bereitstellung für Pharma-Unternehmen eine Hürde und wirtschaftliche Entscheidung.

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