Berlin-Chemie Newsletter vom 22. September 2022

Berlin-Chemie Newsletter vom 22. September 2022

Dr. Susanne Ozegowki beim #KFGN22:

  • »Machen Sie mit, Digitalisierung geht nicht mehr weg!«
    Kongress für Gesundheitsnetzwerker in Berlin thematisierte neue Versorgungsformen und Transformation in der Gesundheitsversorgung

Kurzstrecke:

  • Erweiterte Prüfkriterien für digitale Gesundheitsanwendungen
    Neue Zertifikate sollen für Datenschutzkonformität sorgen

  • Telemedizin erfolgreich gestalten
    DGIV und bvitg stellen gemeinsame Publikation vor

  • Weniger Darmkrebs-Operationen und Rückgang von Herzinfarkt-Behandlungen
    AOK spricht von alarmierenden Zahlen

  • 90 Prozent Rückmeldungen zur Tariftreue in der Altenpflege
    Werden die Kosten nur an Pflegedürftige weitergereicht?

Interview:

  • Was braucht eine erfolgreiche DiGA?
    Einblick sprach auf dem Gesundheitsnetzwerker-Kongress mit Henrik Emmert, Managing Director (CEO) bei der aidhere GmBH und Vorstand des Spitzenverbandes Digitale Gesundheitsversorgung

Start-up Telegram

Meldungen:

  • BMC entwickelt neue Ideen
    Projekte des Innovationsfonds endlich in Regelversorgung überführen

  • Interprofessionelle Medikationsanalyse 
    Teamarbeit zwischen Ärzt:innen und Apotheker:innen hilft am besten

  • Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern
    Sichere Polymedikation ist eine besondere Aufgabe für Niedergelassene

  • Pflege und niedergelassene Ärzt:innen enger einbeziehen
    Lauterbach plant bundesweite Gesundheitskioske


Dr. Susanne Ozegowki beim #KFGN22:

»Machen Sie mit, Digitalisierung geht nicht mehr weg!«

Dr. Susanne Ozegowksi, Abteilungsleiterin Digitalisierung und Innovation · Bundesministerium für Gesundheit, beim 17. Kongress für Gesundheitsnetzwerker »Versorgung der Zukunft: Wie viel digital ist gesund?«

Von A wie Arztnetze bis V wie Versorgungskonzepte herrschte Themenvielfalt beim 17. Kongress für Gesundheitsnetzwerker in Berlin und seinen prominent besetzten Podiumsdiskussionen, Workshops und Vorträgen zum Thema „Versorgung der Zukunft: Wie viel digital ist gesund?« Drei innovative Versorgungsprojekte wurden mit dem »Preis für Gesundheitsnetzwerker« ausgezeichnet.

Der Kongress, der von der Berlin-Chemie AG ins Leben gerufen wurde, bringt seit 2006 Expert:innen aus der Gesundheitsversorgung zum praxisorientierten Austausch zusammen. Zum ersten Mal seit 2019 wieder in Präsenz, bot der Kongress seinen Besucher:innen die Möglichkeit zu intensivem Gedankenaustausch – auch abseits des kuratierten Programms. Bei den mehr als 400 Besucher:innen, Ausstellern sowie Start ups stieß der Kongress auf eine sehr gute Resonanz. Viele Gesundheitsnetzwerker:innen hatten ihr jährliches Gipfeltreffen vermisst.
Mehrere Bundestagsabgeordnete, Vertreter:innen von Krankenkassen, Verbänden und Unternehmen diskutieren lebhaft und durchaus kontrovers.

Dr. Susanne Ozegowski, Abteilungsleiterin Digitalisierung & Innovation im Bundesgesundheitsministerium stellte in ihrem Vortrag heraus, dass Digitalisierung ein Muss und ein Hebel sei, um die Gesundheitsversorgung voranzubringen. Kernelement der Digitalisierungsstrategie werde die elektronische Patientenakte (ePA) sein. Diese müsse u.a. durch das Opt-Out-Verfahren zur Massenanwendung werden. Ebenso möchte Ozegowski, dass das E-Rezept mit dem Anfang September gestarteten Rollout endlich vorangebracht wird.

Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, nutzte den Kongress, um zur Zukunft des Innovationsfonds zu sprechen: »Die AOK-Gemeinschaft schlägt ein Innovationsbudget vor. Die Krankenkassen würden danach gesetzlich verpflichtet, pro Jahr einen Mindestbetrag für innovative Versorgungsformen aufzuwenden, ähnlich wie bei der Präventionsförderung.«

Dr. Dirk Heinrich, Vorsitzender des Virchowbundes, forderte: »Was beim Fliegen geht, muss auch beim Arztbesuch möglich sein: Online direkt ins Wartezimmer.« Der Chef der niedergelassenen Ärzt:innen plädierte für Digitalisierung mit Mehrwert – beispielsweise mit online Check-in für die Praxis per App oder Computer mit Anamnese-Möglichkeit.
Das Fazit der Initiatorin des Kongresses, Dr. Susanne Eble vom Gesundheitsmanagement der BERLIN-CHEMIE AG, lautete: »Das Gesundheitswesen braucht Innovation, insbesondere Prozessinnovation!«

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen war einer der Schwerpunkte im Programm. Passend zum Start der Erarbeitung einer neuen Strategie durch das Bundesgesundheitsministerium bot sich Raum zu Analyse, Reflexion und zur Präsentation von richtungsweisenden Projekten für eine bessere Gesundheitsversorgung.

Mit dem ersten Preis für Gesundheitsnetzwerker wurden zwei Versorgungsprojekte ausgezeichnet. ›SALUTE: das hybride Online-Behandlungstool für Psychoonkologie‹ sowie das ›Aktiv nach COVID-19‹. Der zweite Preis wurde für den ›Aufbau eines Zentrums für Gesundheitskompetenz im Land Brandenburg‹ vergeben. Die mit insgesamt 20.000 Euro dotierten Preise wurden am 6. September 2022 zum Auftakt des Kongresses für Gesundheitsnetzwerker in Berlin übergeben.

In einem Sonder-Podcast zum Kongress stellen sich in Interviews neben den Gewinner:innen auch weitere Projekte aus der Preis-Shortlist vor. Hier können Sie den Podcast »EinBlick – nachgefragt zum Preis für Gesundheitsnetzwerker« anhören: https://soundcloud.com/einblick-berlin-chemie/einblick-nachgefragt-20220909


Kurzstrecke

 

Erweiterte Prüfkriterien für digitale Gesundheitsanwendungen

Neue Zertifikate sollen für Datenschutzkonformität sorgen

Seit fast zwei Jahren gibt es die Apps auf Rezept, kurz DiGA – im aktuellen Verzeichnis sind 33 gelistet. Neben weiteren Kriterien werden diese Anwendungen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auch auf Einhaltung der Datenschutzanforderungen geprüft. Durch die erste Verordnung zur Änderung der DiGA-Verordnung und die Novellierung des § 139e SGB V wurden nun erweiterte Regelungen aufgestellt, die künftig eine verstärkte Prüfung und die Vorlage eines Datenschutzzertifikats vorsehen.

Hersteller von Gesundheits-Apps müssen ab sofort nachweisen, dass ihre Anwendungen datenschutzkonform sind. Das heißt, sie müssen die Anforderungen der europäischen Datenschutz-Grundverordnung und die erweiterten Anforderungen für digitale Anwendungen erfüllen. Somit ist das BfArM europaweit eine der ersten Behörden, die ein spezielles Datenschutzzertifikat entwickelt, das die Rechte von Patient:innen gezielt stärkt.

 

Telemedizin erfolgreich gestalten

DGIV und bvitg stellen gemeinsame Publikation vor

Wie sieht erfolgreiche Telemedizin aus? Diese Frage beantwortet die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung e.V. (DGIV) gemeinsam mit dem Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e.V. in ihrer Publikation ›Success Stories Telemedizin‹. Das Dokument beinhaltet eine Sammlung von Statements und Interviews mit Expert:innen aus der Politik, Leistungserbringende sowie Leistungsträger:innen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Die Publikation enthält eine Ist-Analyse, einzelne Meinungsbreiträge sowie Best Practice Beispiele.

»Das Bundesministerium für Gesundheit wird sich gemeinsam mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens dafür einsetzen, dass Telemedizin bald nicht nur ein fester, sondern auch ein für alle selbstverständlicher Teil der Versorgungslandschaft ist«, schreibt Prof. Dr. Edgar Franke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, in seinem Grußwort.

 

Weniger Darmkrebs-Operationen und Rückgang von Herzinfarkt-Behandlungen

AOK spricht von alarmierenden Zahlen

Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK sind die Darmkrebs-Operationen in Krankenhäusern in Deutschland drastisch zurückgegangen. Die Krankenkassen verzeichnen einen Rückgang im Zeitraum Januar bis Mai dieses Jahres von 20 Prozent im Vergleich zu 2019. »Die Vermutung liegt nahe, dass ausgebliebene Diagnostik und Früherkennung dazu führen, dass Darmkrebs-Erkrankungen nicht rechtzeitig erkannt und frühzeitig behandelt werden«, sagt WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. So sei der anhaltend starke Rückgang in seinem Ausmaß alarmierend. Auch haben die Krankenhäuser 14 Prozent weniger Herzinfarkte und 13 Prozent weniger Schlaganfälle behandelt.

»Dieser Befund, den wir auch schon bei unseren letzten Analysen gesehen haben, deutet darauf hin, dass Patient:innen mit milderen Symptomen oftmals nicht die Notärztin oder den Notarzt gerufen haben und in vielen Fällen nicht oder nur mit Verzögerung im Krankenhaus angekommen sind«, so Klauber.

 

90 Prozent Rückmeldungen zur Tariftreue in der Altenpflege

Werden die Kosten nur an Pflegedürftige weitergereicht

Auch wenn die verpflichtende tarifliche Bezahlung von Pflegekräften mittlerweile zu 90 Prozent umgesetzt wurde, ist die Finanzierung durch die Politik laut Sozialverband VdK gescheitert. Es entstehen immer höhere Belastungen für Pflegebedürftige, da viele Träger die Kosten einfach weiterreichen. Hintergrund ist, dass seit dem ersten September Versorgungsverträge nur noch mit Pflegeheimen abgeschlossen werden dürfen, die ihre angestellten Pflegekräfte tariflich entlohnen.

Eine angemessene Bezahlung für Pflegekräfte ist unstrittig, doch wer die erhöhten Kosten tragen soll, bleibt unklar. Die Pflegeversicherung kann es nicht. Der Pflegebeitrag für Menschen ab 23 Jahre stieg bereits von 3,3 auf 3,4 Prozent. Jährlich eine Milliarde Euro Zuschuss in die Pflegeversicherung kommt zudem vom Bund, Entlastungen für Heimbewohner:innen beim Eigenanteil wurden seit Jahresbeginn umgesetzt. Allerdings tragen die künftig steigenden Energiekosten eher zu einer Verschlimmerung der Situation bei.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


Interview

 

Was braucht eine erfolgreiche DiGA?

Einblick sprach auf dem Gesundheitsnetzwerker-Kongress mit Henrik Emmert, Managing Director (CEO) bei der aidhere GmBH und Vorstand des Spitzenverbandes Digitale Gesundheitsversorgung

 

 

Henrik Emmert

ist Managing Director (CEO) bei der aidhere GmBH und Vorstand des Spitzenverbandes Digitale Gesundheitsversorgung. Zuvor hat er knapp zehn Jahre bei der Boston Consulting Group gearbeitet. Er hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und einen Master in Business Administration. aidhere ist ein Digital Health-Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von digitalen Gesundheitsanwendungen spezialisiert hat.

 

 

Was ist Ihr Erfolgsrezept für eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA)?
Damit eine DiGA erfolgreich ist, braucht es auf jeden Fall ein gutes Versorgungskonzept. Für dieses Produkt muss dann zum einen Interesse bestehen und damit eine Bedarfslücke vorhanden sein. Zum anderen sollte solide wissenschaftliche Evidenz vorliegen. Es muss sichergestellt sein, dass der Effekt groß genug ist. Darüber hinaus brauchen Hersteller ein regulatorisches Verständnis für den Markt. Außerdem sollte ein Modell zur sinnvollen Kommerzialisierung vorliegen. Eine DiGA allein ist noch keine Garantie für einen Erfolg, sondern eben erst ihre richtige Vermarkung. Hier trennt sich ein bisschen die Spreu vom Weizen.

aidhere hat sich nicht nur auf ein Produkt spezialisiert. Was bieten Sie alles an?
Unsere App ›zanadio‹ ist die erste Anwendung, die im DiGA-Verzeichnis gelistet ist. Gerade sind wir dabei, vier weitere Produkte zu entwickeln. Auch hier ist das Ziel, diese als digitale Gesundheitsanwendungen zu launchen. Wir glauben an das Konzept DiGA. Unser Fokus liegt bei den weiteren Produkten im kardiovaskulären Bereich. Für das zweite und dritte Quartal 2023 planen wir die nächsten zwei Produkte zu launchen, dort sind wir gerade mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Austausch.

Auf Ihrer Website steht, dass die Therapien datenbasiert sind. Welche Daten nutzt aidhere?
Wir können auf die gesamten Daten unserer Patient:innen zugreifen und sehen, was sie wie nutzen. Wir versuchen dann, basierend auf den Patient:innendaten, innerhalb der DiGA, natürlich auf den höchst regulatorischen Anforderungen, datengetrieben die Therapie weiterzuentwickeln. Hier stellen wir uns die Frage: Was wäre der nächste sinnvolle Schritt in der Therapie? Wir haben das Ganze so modular aufgebaut, dass wir die Therapie einzeln für die Patientin oder den Patienten anbieten können, je nachdem, was die Person braucht. Beispielsweise benötigt jemand, der nie Alkohol trinkt, kein Modul, das etwas zu den schlechten Folgen des Alkoholkonsums aufzeigt. Die individuellen Daten der Patient:innen sind also wesentlicher Bestandteil unseres Produktes. Durch die individuellen Daten kann die Therapie so ausgespielt werden, wie sie für die jeweilige Patientin oder den jeweiligen Patienten geeignet ist.

Welche Projekte stehen bei Ihnen in der Pipeline?
Die Projekte zwei bis sechs sind in der Entwicklung, Nummer sieben bis elf befinden sich gerade in der Konzeptphase. Darüber hinaus beschäftigen wir uns aktuell, bedingt durch die Regulatorik, mit Dingen wie der Anbindung an die elektronische Patientenakte (ePA) oder mit den Datensicherheitszertifikaten. Wir schauen außerdem, wie sich der Markt in Frankreich entwickelt und ob dort eine Gesetzesänderung folgt. Wenn im französischen Gesundheitswesen entsprechende Gesetze umgesetzt werden sollten, würden wir auch über den Markteintritt in Frankreich nachdenken.


Startup-Telegram

 

Das Start-up Mentalis will mit digitalen Produkten die Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen (Depressionen, Essstörungen, Alkoholproblemen und Borderline) verbessern. Bereits während eines Klinikaufenthaltes werden Patient:innen an die digitale Nachsorge angebunden. Sie erhalten Behandlungsempfehlungen, die zu einem personalisierten Therapieplan verarbeitet werden. Hinzu kommen nachsorgespezifische Übungen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und die telefonische Begleitung durch Psycholog:innen. Die Lösung soll die Zeit bis zum Therapiebeginn überbrücken, damit Behandlungserfolge gefestigt und Rehospitalisierungen reduziert werden können. Das Start-up arbeitet eng mit Krankenkassen und Krankenhäusern in Deutschland zusammen. https://www.mentalis-health.com/

Caspar Health bietet eine interdisziplinäre Rehabilitationsplattform für eine effektive, ergebnisorientierte, zeit- und ortsunabhängige Rehabilitation. Das medizinische Fachpersonal der eigenen Klinik (Casper Clinic) kann bei der Leistungserbringung unterstützen und beispielsweise die Tele-Reha-Nachsorge im Auftrag von Partnerkliniken und Kostenträgern übernehmen. Das Unternehmen bietet seine Leistungen medizinischen Einrichtungen an. Im Dezember 2021 wurde es mit seiner multimodalen Tele-Reha-Nachsorge in die unbefristete Regelversorgung der Deutschen Rentenversicherung aufgenommen. https://caspar-health.com/

Telehealth Competence Center (TCC) ermöglicht die Fernbetreuung von Intensivpatienten rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche. Dadurch werden lokale IT- oder Personalstrukturen der Krankenhäuser entlastet. Die fortschrittlichere Telemedizin-Technologie aus den USA wurde auf deutsche Gesundheitsstrukturen adaptiert und zu Weblösungen transformiert. Das Start-up zielt darauf ab, die Qualität der medizinischenBehandlungen über strukturierte und leitliniengerechte Versorgung zu erhöhen, indem es ärztliche Leistungen gezielt und bedarfsorientiert auch in der Fläche auf hohem medizinischen Niveau sicherstellt. https://tcc-clinicalsolutions.de/


Meldungen

 

BMC entwickelt neue Ideen

Projekte des Innovationsfonds endlich in Regelversorgung überführen

Selbst bei positiven Evaluationsergebnissen gelingt neuen Versorgungsmodellen bislang nicht der Sprung in die Regelversorgung. Der Bundesverband Managed Care (BMC) hat deshalb Ideen erarbeitet, um den Innovationsfonds weiterzuentwickeln.

Laut BMC verfehlt der Innovationsfonds bislang sein Ziel, die Versorgung strukturell und flächendeckend zu verbessern. »Der Innovationsfonds hat seit seiner Gründung das Innovationsklima im Gesundheitssystem erheblich verbessert, beteiligte Akteure zu innovativen Ideen ermuntert und vielfältige neue Kooperationen ermöglicht. Er schöpft sein Potenzial aber bei weitem noch nicht aus«, sagt BMC-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Lutz Hager. Insbesondere seien trotz zahlreicher positiv bewerteter Projekte noch keine Anpassungen in der Regelversorgung erfolgt. Aus diesem Grund müsse die Koalition den Innovationsfonds mutig weiterentwickeln, um die innovative Energie, die im Gesundheitswesen steckt, effektiv zu nutzen. Der BMC schlägt deshalb vier Ideen für die Weiterentwicklung vor.

Die erste Idee ist, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Erfordernisse für die Überführung in die Regelversorgung anhand eines Pilotprojekts in einem Pflichtenheft zusammenführt und den Prozess zur Nachverfolgung und Koordinierung an das Bundesministerium für Gesundheit übergibt. So sollen Strukturen für die Regelversorgung geschaffen werden. Zum Zweiten sollen Einzelprojekte in Themenfeldern geclustert werden, um Erkenntnisse zu bündeln. Dabei könnten Projektergebnisse aufeinander abgestimmt in die Regelversorgung implementiert werden.

Als dritten Änderungshinweis schlägt der BMC vor, dass Projekte mehr aus Patient:innenperspektive konzipiert und bewertet werden sollten. So müsse eine angemessene Patient:innenbeteiligung von Beginn an eine Voraussetzung für eine Förderzusage sein. Und viertens fordert der Verband den Abbau von Bürokratie. Musterverträge, einheitliche Prozesse und eine retrospektive Rechenschaftspflicht wären vereinfachte Verfahren. Durch diese Änderungen könnten für die Umsetzung auch verstärkt Akteure aus der ambulanten Versorgung als Partner:innen gewonnen werden.

 

Interprofessionelle Medikationsanalyse 

Teamarbeit zwischen Ärzt:innen und Apotheker:innen hilft am besten

Weil ein gutes Medikationsmanagement nur interprofessionell gelingen kann, braucht es Absprachen zwischen ›Arzt und Apotheke‹. Das Projekt ARMIN zeigt, wo die Heilberufler:innen dabei ihre Kernkompetenzen sehen.

Eine gemeinsame Betreuung durch Ärzt:innen und Apotheker:innen sorgt für eine bestmögliche Arzneimitteltherapiesicherheit bei Patient:innen. Wenn beide Berufsgruppen vorab klären, wer für welche Aufgaben zuständig ist, ermöglicht dies gute Ergebnisse. Die Umsetzung dieser Aufgabenteilung wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Evaluation der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) abgefragt. In der Umfrage sollten die Heilberufler:innen bei 15 Aufgaben darlegen, wer welchen Anteil übernimmt. Es handelte sich dabei beispielsweise um die Erfassung klinischer Parameter, die Feststellung einer Über- oder Unterversorgung mit Medikamenten oder die Erfassung der Gesamtmedikation.

Zwischen November 2020 und April 2021 antworteten 114 Hausärzt:innen und 166 Apotheker:innen. Davon hatten 51 ›Arzt-Apotheken-Paare‹ gemeinsam Patient:innen betreut. Die Umfrage zeigte, dass die Ersterfassung der Medikation mittels Brown-Bag-Analyse oder die Überprüfung von Lagerbedingungen hauptsächlich durch die Apotheker:innen erfolgte. Ärzt:innen kümmerten sich eher um die Erfassung klinischer Parameter und den Arzneimittelüber- bzw. -untergebrauch. Gemeinsam arbeiteten sie an der Überprüfung von Nebenwirkungen, Non-Adhärenz und der kontinuierlichen Aktualisierung der Medikation. Die Zuständigkeit für Probleme mit der Selbstmedikation und das Einpflegen in den Medikationsplan waren unklarer. Die Ärzt:innen sahen darin eine gemeinschaftliche Aufgabe, die Apotheker:innen hielten sich dafür oft allein verantwortlich.

Insgesamt ist eine interprofessionelle Medikationsanalyse gut machbar, lautet das Fazit der Studie. Wichtig sei es, dass Apotheken vorher mit den verordnenden Ärzt:innen sprechen, wie die gemeinsame Betreuung konkret aussehen soll, so Studienleiterin Professor Dr. Hanna Seidling. Man könne Hausärzt:innen beispielsweise fragen, in welchem Umfang sie über die Selbstmedikation ihrer Patient:innen informiert werden möchten. Auch würde im gegenseitigen Austausch weniger übersehen und keine Doppelarbeit geleistet: Kurzum, die Patient:innen sind besser informiert und versorgt.

 

Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern

Sichere Polymedikation ist eine besondere Aufgabe für Niedergelassene

Bei der Einnahme von mehr als fünf unterschiedlichen Arzneimitteln – Polymedikation – besteht ein erhöhtes Risiko von Wechsel- und Nebenwirkungen. Die zeitintensive Beratung betroffener Patient:innen kann durch digitale Unterstützung verbessert werden.

Ärzt:innen müssen das hohe Risiko klinisch relevanter Wechselwirkungen bei Patient:innen, die mehrere Medikamente benötigen, konkret abschätzen. Diese besondere Beratung bei Polymedikation, einhergehend mit der Gefahr von Medikationsfehlern, ist für Niedergelassene schwer umzusetzen, da sie sehr zeitintensiv ist. Der Zi-Vorstandsvorsitzende Dominik von Stillfried erklärte in einer Onlineveranstaltung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), dass digitale Hilfen bei der Auswahl und Bewertung der Verordnungen helfen können.

Daneben empfahl er eine gute Abstimmung und klare Kommunikation mit Patient:innen, mitbehandelnden Ärzt:innen, Apotheken, Pflegediensten und Familienangehörigen. Ein Beispiel zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit ist die Schnittstellenlösung AdAM (Anwendung für digital gestütztes Arzneimitteltherapie- und Verordnungsmanagement). Das durch den Innovationsfonds geförderte Projekt ermöglicht Hausärzt:innen eine strukturierte Übersicht zu allen Verordnungen, auch von mitbehandelnden Kolleg:innen. Daneben sind in AdAM bestehende Krankenhausdaten ebenso enthalten wie Heil- und Hilfsmittelverordnungen. Zusätzlich führt das System Risikoanalysen durch, gibt spezifische Hinweise zu Kontraindikationen und schlägt Optimierungen bei der Medikation bzw. der Dosierung vor. Ferner werden aktuelle Rote-Hand-Briefe aufgelistet.

Das Projekt wird gemeinsam von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und der Barmer Krankenkasse durchgeführt. Es soll in die Regelversorgung überführt werden. Laut Zi sind zudem standardisierte Schnittstellen für Informations- und AMTS-Module in den Praxissoftwaresystemen sowie ein Standard für die Kodierung von Arzneimitteln und Dosierungen geplant.

 

Pflege und niedergelassene Ärzt:innen enger einbeziehen

Lauterbach plant bundesweite Gesundheitskioske

Um Menschen in Deutschland gesundheitliche Beratungsangebote anzubieten, sollen in sozial benachteiligten Regionen Gesundheitskioske eingerichtet werden. Geplant ist, dass die neuen Einrichtungen eng mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst kooperieren. Sozial- und Pflegeverbände befürworten den Plan, sehen jedoch Optimierungsbedarf bei der Umsetzung.

Langfristig sollen 1.000 Gesundheitskioske bundesweit aufgebaut werden. »Selbst in strukturell schwachen Gebieten sollen alle die Möglichkeit haben, schnell und kompetent in Gesundheitsfragen beraten zu werden und unbürokratisch Hilfe zu erhalten«, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Initiiert werden sollen die Anlaufstellen von den Kommunen, finanziert mehrheitlich von den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen unter Beteiligung der Kommunen. Hauptaufgabe der Kioske sei es, den Zugang zur Versorgung der Patient:innen mit besonderem Unterstützungsbedarf zu verbessern und die Versorgung zu koordinieren.

»In sozial benachteiligten Quartieren sollen Versorgungslücken durch niedrigschwellige medizinische Angebote geschlossen werden. Warum dies allerdings nur in einer engen Anbindung an den Öffentlichen Gesundheitsdienst geschehen soll, ist nicht nachvollziehbar«, sagt Dr. Dominik von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Laut Zi sei es jedoch wichtig, eng mit hausärztlichen und fachärztlichen Praxen zusammenzuarbeiten, denn diese würden Hauptaufgaben der Versorgung und Aufklärung übernehmen.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) betont ebenfalls die Wichtigkeit der eigenen Mitarbeit. So fordert Vorstandsmitglied Prof. Dr. Katja Boguth: »Wenn es um den Ausbau der Kioske geht, sollten die Kommunen, die laut Eckpunktepapier die Verantwortung tragen sollen, eng mit den Expert:innen des DBfK Nordost zusammenarbeiten. Hier gibt es langjährige Erfahrungen mit den Besonderheiten der Region, und die Netzwerke des DBfK Nordost bieten eine umfangreiche pflegetheoretische und praktische Expertise.« Laut Eckpunktepapier sollen die Gesundheitskioske von examinierten Pflegefachkräften geleitet werden. Ziel sei es, pro 80.000 Einwohner:innen einen Kiosk zu errichten, also bundesweit insgesamt 1.000 Kioske.


Bemerkt

 

 

»Jeder und jede Einzelne einzelne kann sein Verhalten ändern und ungesunde Gewohnheiten aufgeben. Doch Krebsprävention ist keine reine Privatsache. Die Politik ist in hohem Maße gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine gesunde Lebensweise fördern.«

 

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Leben wir bald alle im Metaverse?

Diese Frage untersuchte der Joint Innovation Hub am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI). Auf Basis einer neuen internationalen Online-Umfrage fanden die Forscher:innen heraus, dass jede:r Fünfte sich ein vollständig digitales Leben vorstellen kann. Die Mehrheit der Menschen aus allen betrachteten Ländern kann sich zumindest eine teilweise Verlagerung von Aktivitäten ins Metaverse vorstellen. Im internationalen Vergleich zeigten sich jedoch deutliche Unterschiedein bei einzelnen Aspekten der Untersuchung.. So kann sich zum Beispiel nur jede:r zehnte Deutsche ein vollständig digitales Leben vorstellen, in China hingegen ist die Bereitschaft mehr als dreimal so hoch (34 Prozent).

Bei der Frage nach den akzeptierten Kosten für nötiges technisches Equipment sowie monatliche Kosten für den Zugang zum Metaverse ergab die Befragung vor allem bei Menschen aus China eine hohe Zahlungsbereitschaft. So sind Befragte aus China bereit, für den Zugang zum Metaverse monatlich umgerechnet 304 Euro zu zahlen. Befragte aus Deutschland hingegen waren nur bereit, durchschnittlich 42 Euro im Monat hierfür auszugeben, Befragte aus den USA umgerechnet 124 Euro. Die Studie errechnete so ein potenzielles jährliches Marktpotential von insgesamt 5,3 Billionen Euro.

Außerdem wurde den Teilnehmenden die Frage gestellt, ob sie dazu bereit wären, zugunsten des Metaverses auf bestimmte Teile ihres Wohnraums, der Arbeitszeit und des Reisens in der Realität zu verzichten. Insgesamt waren etwa drei Viertel der Befragten dazu bereit, die geringste Veränderungsbereitschaft lag hier bei Deutschen vor, die höchste bei chinesischen Befragten.

Hier kommen Sie zur direkt zur Studie https://publica.fraunhofer.de/entities/publication/eb21bc61-ecae-4c16-af55-9a2c0eec9223/details


Empfehlung

 

»Praxiswissen Pflegebudget im Krankenhaus«

In dem jüngst veröffentlichten Buch »Praxiswissen Pflegebudget im Krankenhaus« beleuchten die Autor:innen aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Wechselwirkungen, die bei Verhandlungen des Pflegebudgets zwischen Pflegedienst und ärztlichem Dienst auftreten können, und liefern Entwicklungsansätze für das Management, um diesen Herausforderungen sicher begegnen zu können. Schwerpunkte dabei sind der Magnetkrankenhaus-Ansatz sowie das Kompetenzmanagement. Die Autor:innen geben Tipps und teilen Erfahrungen aus vielen Budgetverhandlungen in unterschiedlichen Verhandlungsbezirken Deutschlands.

Weitere Informationen finden Sie hier https://www.medhochzwei-verlag.de/Shop/ProduktDetail/Praxiswissen-Pflegebudget-im-Krankenhaus-978-3-86216-802-6


Zuletzt:

 

Gender-Pay-Gap: Lohnungleichheit sinkt in der Pharmaindustrie

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. gibt bekannt, dass in den vergangenen 15 Jahren die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern von gut 22 auf zwölf Prozent in der Pharmaindustrie gesunken ist. Einer der Gründe für den deutlicheren Rückgang in der Pharmabranche sei, dass Frauen immer mehr hochqualifizierte und gut bezahlte Tätigkeiten ausübten. »Unter dem Strich zählt die Pharmaindustrie zu den Branchen mit den höchsten und am wenigsten diskriminierenden Löhnen«, sagt Dr. Claus Michelsen, Geschäftsführer Wirtschaftspolitik im vfa. Der Verband betont jedoch auch: »Trotz der vergleichsweise positiven Ergebnisse besteht der Gender-Pay-Gap in der Pharmaindustrie genauso wie in der Gesamtwirtschaft fort und sollte dringend ausgeglichen werden.« So müssten gleiche Löhne für gleiche Arbeit als selbstverständliches Prinzip weiter etabliert und gelebt werden.

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