Berlin-Chemie Newsletter vom 21. September 2023

Berlin-Chemie Newsletter vom 21. September 2023

Interview:

  • Digitales Lehren und Lernen in der medizinischen Ausbildung
    EinBlick sprach mit Prof. Dr. Daniel Tolks über Veränderungen durch KI-Tools wie ChatGPT

Kurzstrecke:

  • MFA fit für die Zukunft
    Medizinische Hochschule Hannover digitalisiert Ausbildung

  • Unterdiagnose und Unverständnis bei chronischen Schmerzen in Deutschland
    Neue Umfrage zeigt Versorgungslücken

  • Telemedizin für die hausärztliche Versorgung in der Fläche
    App mit Lotsenfunktion dient als Grundlage

  • Zero-Trust-Architektur in der Telematikinfrastruktur
    Konsortium stellt Konzept zur Umsetzung vor

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Ressourcenknappheit bedroht junge Patient:innen
    Kinderärzt:innen schlagen Alarm

  • GKV-Spitzenverband spricht sich für eine ausgewogene Honorardebatte aus
    Niedergelassene Ärzt:innen erzielen Rekorderträge

  • Rettungsdienst-Konzept
    Klare Strukturen und Standardisierung in der Notfallversorgung gefordert

  • Digitalgesetze beschlossen
    Kommt der Durchbruch in der digitalen Transformation?


Interview:

Digitales Lehren und Lernen in der medizinischen Ausbildung

EinBlick sprach mit Prof. Dr. Daniel Tolks über Veränderungen durch KI-Tools wie ChatGPT

 

 

Prof. Dr. Daniel Tolks

ist Professor for Medical and Health Education an der Medical School Hamburg und Gastdozent an der Leuphana Professional School.

Neben einer Erstausbildung zum Krankenpfleger hat er einen Master in Public Health und agiert in vielfältigen Forschungsbereichen rund um Digital Health und der Digitalisierung in der Lehre.

 

 

Welche digitalen Tools waren die Gewinner in der Pandemie und was sind aus Ihrer Sicht Ergebnisse aus der Online-Lehre?
Die großen Gewinner aus der Pandemie waren für mich drei Bereiche, die auch vorher schon besonders gut waren, weil sie den höchsten Evidenzgrad aufwiesen. Zum einen handelt es sich dabei um das Inverted- oder Flipped-Classroom-Modell, bei dem der klassische Lernprozess umgedreht und die Selbstlernphase in eine Onlinephase transferiert wird. Die Aneignung der Fakten erfolgt in der Selbstlernphase, die Anwendung in der nachfolgenden Präsenzphase. Die Pandemie veranlasste uns hier zu einem Umbau: Statt der Präsenz- wurde eine Online-Synchronphase eingebaut. Mehrere Metaanalysen und Reviews zeigten gute Lernergebnisse, auch die Motivation und Zufriedenheit der Studierenden stiegen. Der zweite Gewinner waren Online-Abstimmungstools wie Mentimeter für Umfragen und systemische Fragetechniken, die die Teilnehmenden in eine aktive Rolle zwingen. Und drittens haben sich Gamification-Ansätze bewährt, sie motivieren durch Auszeichnungen wie Punkte, Bestenlisten etc. Am besten wirkt eine Kombination aus Flipped-Classroom mit Gamification, dies unterstützt den Lernvorgang am besten.

Die Pandemie ist vorbei, die Präsenz zurück: Was wollen Studierende wirklich?
Die Studierenden rufen zwar nach Präsenz, aber sie meinen damit nicht die Präsenzlehre. Sie wollen auf den Campus und Menschen treffen, mit Gleichgesinnten und Professor:innen interagieren. Ich frage mich, warum viele Universitäten und Fachhochschulen das nicht verstehen. In einer Studie im Jahr 2021 sagten bereits 91 Prozent der Medizinstudierenden eindeutig, sie möchten keine Vorlesungen mehr, Aufzeichnungen würden reichen. Hier haben wir eindeutig ein Zuhörproblem, die Forderungen der Studierenden gehen an dem vorbei, was die Hochschulen tatsächlich machen.

Wie wird sich denn die neue Normalität entwickeln?
Ich hätte mir tragfähige Lernkonzepte mit einer Mischung aus Präsenz- und Online-Lehre gewünscht, da viel Material bereits digital zur Verfügung steht. Aber aktuell geht es leider zurück zur traditionellen Lehre, also dem Zustand vor der Pandemie. Auf die Kompetenzen, die Studierende und Lehrende sich online angeeignet haben, hätte man aufbauen müssen, um weitere Level zu erreichen. Bisher sehe ich nur die Grundlagen von E-Learning, allerdings ohne fortgeschrittene Level oder echte digitale Transformation. Da der Innovationsdruck nicht mehr vorhanden ist, passiert jetzt eher wenig. Ich glaube, die Studierenden müssen länger laut werden, damit man sie endlich hört.

Welche Veränderungen ergeben sich für Lehrende durch ChatGPT?
Für Lehrende ergeben sich positive Veränderungen und vielfältige Möglichkeiten, weil derartige Modelle uns die unangenehme Arbeit abnehmen können. So ist damit beispielsweise die Entwicklung eines Curriculums über nur einen Klick möglich. Auch Lehrfilme mit Regieanweisungen oder Multiple-Choice-Fragen werden automatisch generiert und sogar ansprechend gestaltet. Allerdings ist ChatGPT eine eher dumme KI und die Texte werden zufällig erstellt; man muss die Ergebnisse überprüfen und anpassen, damit alles korrekt ist. Immerhin kann der erste, oft schwere, Aufschlag durch ein solches Tool erfolgen – und wenn man es richtig einsetzt, ist es durchaus eine Hilfe.

Und welche Veränderungen ergeben sich für Studierende?
Dieser Bereich ist noch viel spannender, denn Bachelorarbeiten können so zumindest in Teilen geschrieben werden. Allerdings muss man die Studien, die ChatGPT erwähnt, genau überprüfen, oft gibt es diese nicht. Doch auch hier erhält man einen ersten Aufschlag und sitzt nicht mehr vor dem gefürchteten leeren weißen Blatt. Studierende in höheren Semestern können durch KI erstellte Texte besser einschätzen; für die Erstsemester, die sich im Thema noch nicht auskennen, ist das noch etwas schwerer: Einfach nur copy und paste funktioniert nicht. Darüber hinaus kann man sich über ChatGPT prüfen lassen, anstatt reale Lernpartner:innen zu fragen, und beim Schreiben lernen hilft es auch.

Verändert dies die bestehenden Prüfungsordnungen?
Ja, das ist so. Wenn die Studierenden nicht mehr selbst schreiben wollen oder können, muss man argumentieren, warum es trotzdem wichtig ist und welche Kompetenzen wir in Zukunft noch benötigen. Vielleicht müssen Lehrende und Lernende neue Dinge, Future Skills, lernen, beispielsweise: Wie erstelle ich bessere Eingaben, was sind die richtigen offenen Fragestellungen? Und dann muss man all das trainieren, die aktuellen und neuen Fähigkeiten mischen, die KI einbinden, eine Art agiles Projektmanagement für die Entwicklung der Curricula. Da passiert aktuell sehr viel.


Kurzstrecke

 

MFA fit für die Zukunft

Medizinische Hochschule Hannover digitalisiert Ausbildung

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) startet eine digitale Ausbildungsoffensive für Medizinische Fachangestellte (MFA) in Kooperation mit der Lernplattform simpleclub. Die digitale Ausbildung soll die traditionelle Wissensvermittlung ergänzen und so die Gesundheitskompetenz der MFA stärken. Dabei stehen 392 Themen und über 2.000 Lerninhalte zur Verfügung, darunter Texte, Videos, Grafiken und Übungsaufgaben. Die App bietet eine interaktive Lernumgebung und ist mit Smartphones nutzbar, was die Ausbildung praxisnah und attraktiv gestaltet.

»Die MHH unterstützt die MFA-Ausbildung mit voller Kraft, um die Azubis möglichst gut auf die zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten. Die immense Bedeutung digitaler Bildung für alle Gesundheitsberufe ist offensichtlich, und wir engagieren uns daher für die Mitarbeitenden in Kliniken und Praxen«, sagt Professor Dr. Frank Lammert, Vorstand für Krankenversorgung und Vizepräsident der MHH. Die Hochschule plant außerdem, die Ausbildungsoffensive auf weitere Berufe auszudehnen und damit die digitale Bildung im Gesundheitssektor voranzutreiben.    

 

Unterdiagnose und Unverständnis bei chronischen Schmerzen in Deutschland

Neue Umfrage zeigt Versorgungslücken

Eine Umfrage des Medizintechnikunternehmens Boston Scientific zeigt, dass chronische Schmerzen in Deutschland häufig unterdiagnostiziert sind. Etwa 3,25 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Die Personengruppe zwischen 18 und 34 Jahren bleibt dabei besonders häufig ohne Diagnose. In dieser Alterskohorte sind es vier von zehn Betroffenen, die chronische Schmerzen haben, jedoch keine Diagnose erhalten. Fast die Hälfte der jungen Menschen gibt als Grund an, dass sie keine Zeit für einen Arzttermin haben, fast doppelt so viele wie in der Altersgruppe über 55 Jahre (23 Prozent). Als Alternative zur Arztkonsultation greifen sie wesentlich häufiger zur Selbstbehandlung mit frei erhältlichen Schmerzmitteln (44 Prozent) im Vergleich zu 25 Prozent in der Altersgruppe über 55 Jahre.

Auch im Verhalten der Geschlechter zeigen sich Unterschiede. Während 38 Prozent der befragten Frauen angaben, dass ihre Familie ihre Schmerzen nicht verstehe, sah nur ein Viertel der männlichen Befragten (27 Prozent) dies genauso. Prof. Dr. med. Jarek Maciaczyk, Leiter der Sektion Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Bonn betont die Bedeutung frühzeitiger professioneller Hilfe: »Es kann die Leidenszeit deutlich verkürzen, wenn Menschen mit chronischen Schmerzen frühzeitig professionellen Rat suchen und eine für sie geeignete Behandlungsmethode finden.« Professionelle Hilfe zeigt bei drei Viertel der Befragten Verbesserungen.

 

Telemedizin für die hausärztliche Versorgung in der Fläche

App mit Lotsenfunktion dient als Grundlage

Das Start-up Lillian Care will die Versorgung von Patient:innen weitgehend von der räumlichen Anbindung an Hausarztpraxen entkoppeln. Im neuen Versorgungsmodell sollen telemedizinische Supervisionen im Rahmen der zugelassenen ärztlichen Delegation zum Regelfall werden und Vor-Ort-Termine nur in Ausnahmefällen erlaubt sein. Mit Hilfe einer App werden die Patient:innen auf die Behandlung vorbereitet und während der Behandlungsdauer begleitet.

Geplant ist, dass angestellte Ärzt:innen, Physician Assistants (PA) und Pflegefachkräfte zum Jahreswechsel die Versorgung in den ersten Praxen in Rheinland-Pfalz sicherstellen; Bewerbungen dafür gibt es ausreichend. Ein Testlauf in Nordrhein-Westfalen verlief bereits erfolgreich. Praxistauglichkeit und Akzeptanz hätten die Erwartungen erfüllt, die Behandlung pro Fall betrug zehn bis 20 Minuten, bestätigte Wolfgang Gerlach-Reinholz, niedergelassener Hausarzt in Heek.

 

Zero-Trust-Architektur in der Telematikinfrastruktur

Konsortium stellt Konzept zur Umsetzung vor

Ein Konsortium aus fünf Organisationen legte kürzlich einen 160 Seiten langen Entwurf für die Telematikinfrastruktur (TI) 2.0 vor. Drei Unternehmen der Bundesdruckerei, die CompuGroup Medical Deutschland AG und das Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit (AISEC) entwarfen eine nutzerfreundliche und robuste Zugangsarchitektur für 200.000 Leistungserbringer und 80 Millionen Versicherte auf Basis des IT-Sicherheitsparadigmas ›Zero Trust‹.

Die TI 2.0 soll künftig unabhängig von vorhandener Hardware wie Konnektoren, Praxis- und Heilausweisen funktionieren. Mobiles Arbeiten und stärkere Benutzerfreundlichkeit, etwa mit wenigen Anmeldevorgängen, erhöhen zudem die Akzeptanz. Digitale Identitäten sollen ab 2024 integriert werden. Die Zero-Trust-Architektur ermöglicht es, die Sicherheit auch in mobilen Umgebungen zu gewährleisten, sogar bei einem Zugriff über das offene Internet und über private Endgeräte.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zwölf Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


Startup-Telegram

 

Im Bereich der Rehabilitation gibt es verschiedene Start-ups. So unterstützt das Rehaportal die Suche nach einer passenden Einrichtung – mit Informationen zu Qualität, Ausstattung und zum Leistungsangebot. Die Bewertungen basieren auf Patientenbefragungen nach wissenschaftlichen Kriterien. Aufgrund aktueller gesetzlicher Änderungen ist die Nachfrage deutlich gestiegen, da das Wahlrecht für die Patient:innen verbessert wurde. https://www.qualitaetskliniken.de/

Die Pixformance Sports GmbH möchte Therapeut:innen durch die computergestützte Therapie entlasten und Patient:innen effektiv auf dem Genesungsweg begleiten. Dazu hat das Unternehmen ein digitales Sportgerät zum funktionellen betreuten Training entwickelt – mit Feedbackfunktion in Echtzeit. Der Trainierende stellt sich vor die Station und schaut sich die Übung am Bildschirm an. Eine Kamera scannt 26 Gelenkpunkte des Trainierenden und analysiert die Bewegungen während der Übung, ein virtueller Trainer gibt visuelles Feedback. https://www.pixformance.com/

Das Unternehmen Online Physiotherapie unterstützt sowohl bei der Prävention als auch bei akuten Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen mit kostenlosen Onlinekursen und einem YouTube-Kanal. Ferner gibt es kostenpflichtige zertifizierte Kurse, die von verschiedenen Krankenkassen zu 70 bis 100 Prozent erstattet werden. Alle Inhalte werden per Video vermittelt, stehen aber ebenso als PDF-Download zur Verfügung. https://www.online-physiotherapie.de


Meldungen

 

Ressourcenknappheit bedroht junge Patient:innen

Kinderärzt:innen schlagen Alarm

In der kinderorthopädischen Versorgung, so die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), drohe eine ernsthafte Krise, da die Finanzierung nicht im Einklang mit dem hohen Pflegeaufwand für junge Patient:innen stehe. Die Konsequenz: Krankenhäuser verkleinern oder schließen ihre kinderorthopädischen Abteilungen und die Wartezeiten für dringend benötigte Operationen werden immer länger. Hier sei deshalb dringender Handlungsbedarf geboten, betont die Gesellschaft.

»Wenn gesundheitspolitisch nicht gegengesteuert wird, droht eine Unterversorgung im kinderorthopädischen Bereich«, sagt Prof. Dr. Maximilian Rudert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Eine Analyse, erschienen in der Fachzeitschrift ›Die Orthopädie‹, zeigt exemplarisch, wie wichtig und gleichzeitig unterfinanziert eine gute kinderorthopädische Versorgung ist.

Als Beispiel für die Unterfinanzierung führt die DGOU die Sonografie der Hüfte bei Säuglingen an. Diese Untersuchung nimmt viel Zeit in Anspruch, denn Babys müssen stillgehalten und Eltern dabei mit eingebunden werden. Sie wird jedoch lediglich mit 20 Euro vergütet, was dem Aufwand in keiner Weise gerecht wird. Und das, betont die DGOU, angesichts der Bedeutung von Prävention bei Fehlstellungen bzw. dem Wiederherstellen eines gesunden Bewegungsapparates im Kindes- und Jugendalter. »Die jungen Menschen haben noch ihr ganzes Leben vor sich. Sie haben es verdient, dass wir in ihre Zukunft investieren«, sagt Dr. Burkhard Lembeck, Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU).

Es bestehe deshalb die Notwendigkeit, die abzurechnenden Leistungen für medizinische Verfahren im Bereich der Kinderorthopädie grundlegend zu überarbeiten, um die Kosten der Einrichtungen dem tatsächlichen Aufwand entsprechend zu berücksichtigen. Die Analyse liefere hierfür einen möglichen Ansatz. Andernfalls würde es trotz der Einführung von Vorhaltepauschalen schwer sein, sicherzustellen, dass Familien auch in Zukunft einen angemessenen Zugang zur orthopädischen Versorgung für Kinder und Jugendliche erhalten, so die DGOU.

 

GKV-Spitzenverband spricht sich für eine ausgewogene Honorardebatte aus

Niedergelassene Ärzt:innen erzielen Rekorderträge

Die wirtschaftliche Lage niedergelassener Ärzt:innen in Deutschland bleibt stabil, wie aktuelle Angaben des Statistischen Bundesamtes zeigen. Doch die steigenden Erträge werfen Fragen zur zukünftigen Honorarentwicklung auf. Der GKV-Spitzenverband setzt sich für eine ausgewogene Lösung ein.

Laut Statistischem Bundesamt verdienten Praxisinhaber:innen im Jahr 2021 durchschnittlich 237.000 Euro pro Jahr, was monatlich etwa 19.700 Euro entspricht. Dies gleicht einem Anstieg von fünf Prozent pro Jahr im Vergleich zu 2019. Angesichts dieser positiven Entwicklung fordert der GKV-Spitzenverband eine besonnene Herangehensweise an die Honorarentwicklung und betont, dass die Erträge der Ärzt:innen eine wichtige Grundlage für die ambulante Versorgung der gesetzlich Versicherten darstellen.

»Die Reinerträge der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sind eine gute wirtschaftliche Grundlage für die sichere ambulante Versorgung der gesetzlich Versicherten. In den aktuell laufenden Verhandlungen streben wir entsprechend eine angemessene, moderate Weiterentwicklung der Honorare an. Dabei nehmen wir sowohl die aktuelle wirtschaftliche Situation der Ärzteschaft als auch die der Beitragszahlenden in den Blick, aus deren Taschen die Honorare finanziert werden«, sagt Stefanie Stoff-Ahnis, Vorständin beim GKV-Spitzenverband.

Die Angaben des Statistischen Bundesamtes verdeutlichen, dass der Großteil der Einnahmen aus der Kassenabrechnung stammt, während der Privatabrechnungsanteil bei 24,5 Prozent liegt und sonstige selbstständige ärztliche Tätigkeiten 3,8 Prozent ausmachen. Im Durchschnitt erzielte jede ärztliche Praxis im Jahr 2021 Einnahmen von 756.000 Euro bei Aufwendungen von 420.000 Euro, was einen durchschnittlichen Reinertrag von 336.000 Euro ergibt. Diese Durchschnittswerte werden jedoch von Praxen mit sehr hohen Einnahmen und Aufwendungen beeinflusst. Es sei wichtig zu beachten, dass der Reinertrag nicht gleichbedeutend mit dem Einkommen der Ärzt:innen ist und bestimmte Ausgaben wie etwa Praxisübernahmen oder Versicherungen darin nicht berücksichtigt sind. Die Statistiken zeigen auch Unterschiede zwischen ärztlichen, zahnärztlichen und psychotherapeutischen Praxen, wobei letztere den Großteil ihrer Einnahmen aus der Kassenabrechnung erzielen.

 

Rettungsdienst-Konzept

Klare Strukturen und Standardisierung in der Notfallversorgung gefordert

Eine Regierungskommission soll notwendige Reformen im Krankenhausbereich angehen. Sie empfiehlt in der neunten Stellungnahme einheitliche Vorgaben zu Organisation, Leistungsumfang, Qualität und Bezahlung des Rettungsdienstes.

Die im Mai 2022 eingerichtete Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung formuliert die Ziele für eine auf Leistungsgruppen und Versorgungsstufen basierende Krankenhausplanung, spricht Empfehlungen aus und orientiert sich dabei an der Erreichbarkeit der Dienstleistungen sowie der demographischen Entwicklung. So soll eine bedarfsgerechte präklinische Notfallversorgung entstehen – mit Patientenzentrierung, Transparenz und hoher Qualität, die bundesweit vergleichbaren Vorgaben folgt.

Die Empfehlungen der neunten Stellungnahme beinhalten die Regelung des Rettungsdienstes im Sozialgesetzbuch SGB V in eigenständiger Norm und folgenden Punkten: Mehr Transparenz und bessere Qualitätssicherung sollen sowohl durch Vorgaben für eine Mindestpersonalausstattung, Qualifikation und Weiterqualifizierung als auch für Rettungsmittel erreicht werden. Dabei sollen einheitliche Qualitätsstandards länderübergreifend gelten, wobei sie sich auf die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität sowie die Qualifikation des eingesetzten Personals in Leitstellen und der Notfallrettung beziehen. Die Etablierung eines Notfallversorgungsregisters mit Kerndaten zu KV-Notdienst, Rettungsdienst, Notaufnahmen und Notfallzentren ist anzustreben. Für eine bessere Patientensteuerung soll ein digitales Echtzeit-Register aufgebaut werden; für die Leitstellenorganisation sollen die Länder die Koordinierung des Rettungsdienstes straffen.

Die Befugnisse von Notfallsanitäter:innen sollen ausgeweitet werden und besonders qualifiziertes Personal – etwa mit fachgebundener Heilkundebefugnis – soll den Notarztdienst substituieren, Spezialkräfte sollen bei Bedarf angefordert und Notärzt:innen nur in komplexen Fällen hinzugezogen werden. Für die Notfallversorgung in ländlichen Regionen sollen der Luftrettungsdienst erweitert und an öffentlichen Stellen die allgemeine Gesundheitskompetenz ausgebaut werden. Zur Finanzierung des Rettungsdienstes ist eine Vergütung durch die Krankenkassen geplant, die sich aus einem Vorhalte- sowie einem Leistungsanteil zusammensetzt und, neben bundesweiten Entgelten, regionale Anpassungsfaktoren enthält.

 

Digitalgesetze beschlossen

Kommt der Durchbruch in der digitalen Transformation?

Die Entwürfe für zwei Digitalgesetze wurden vom Kabinett verabschiedet, in Kraft treten werden sie nach dem parlamentarischen Verfahren im ersten oder zweiten Quartal 2024. Die Gesetze zielen darauf ab, die Versorgung und Forschung mit Hilfe von digitalen Lösungen zu verbessern.

Die beiden Digitalgesetze – das Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens (Digitalgesetz, DigiG) und das Gesetz zur verbesserten Nutzung von Gesundheitsdaten (Gesundheitsdatennutzungsgesetz, GDNG) – wurden Ende August beschlossen. Kernelement des DigiG ist die elektronische Patientenakte (ePA), die ab dem Jahr 2025 mit Widerspruchsmöglichkeit bereitgestellt wird. Mit der Einführung des digitalen Medikationsmanagements und des E-Rezeptes als Standard für die Arzneimittelversorgung beginnt die digitale Transformation im deutschen Versorgungsalltag. Die Versicherten sollen das Rezept über die elektronische Gesundheitskarte oder die ePA-App nutzen können. Ferner werden digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) transparenter in vorhandene Versorgungsprozesse integriert und als Medizinprodukte der Risikoklasse II b für komplexere Behandlungsprozesse wie das Telemonitoring nutzbar. Die Mengenbegrenzung in der Telemedizin wird aufgehoben, die assistierte Telemedizin dient als niedrigschwelliger Zugang zur Versorgung. Ein neuer Digitalbeirat bei der gematik soll künftig Empfehlungen zu Fragen des Datenschutzes, der Datensicherheit, der Datennutzung und der Anwenderfreundlichkeit geben.

Das GDNG schafft die Grundlage für eine bessere Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten. Zentraler Bestandteil ist die einfachere Nutzung von Gesundheitsdaten für gemeinwohlorientierte Zwecke. Dafür sorgt eine dezentrale Gesundheitsdateninfrastruktur mit einer zentralen Datenzugangs- und Koordinierungsstelle. Für die Antragsberechtigung im Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist nur noch ausschlaggebend, wofür etwas beantragt wird. Die Datenschutzaufsicht für länderübergreifende Forschungsvorhaben soll ausgeweitet und koordiniert werden. Kranken- und Pflegekassen dürfen Daten verarbeiten, wenn es dem individuellen Schutz der Versicherten dient. Zudem wird der Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Gesundheitsdateninfrastruktur vorangetrieben.

Einige Verbände begrüßen die Gesetze, die laut BMC-Vorstandsvorsitzendem Prof. Dr. Lutz Hager »spürbare Vorteile in der Versorgung mitbringen werden«. Der TMF-Geschäftsführer Sebastian C. Semler spricht von einem »bedeutsamen Schritt zur besseren Datennutzung in der medizinischen Forschung zum Wohl der Patient:innen in Deutschland«. Kritiker hingegen bemängeln, das GDNG erfülle noch nicht alle Anforderungen an die Kontrolle der Gemeinwohlorientierung. Eine verlässliche Anonymisierung sei nicht hinreichend gegeben, erklärt Thilo Weichert vom Netzwerk Datenschutzexpertise. Ferner werde das Bundesverfassungsgericht eine Entscheidung zum strafprozessualen Schutz von Forschungsdaten noch in diesem Jahr treffen, danach erfolge eine Bewertung durch das Bundesjustizministerium mit einem Regelungsvorschlag.


Bemerkt

 »Mit dem vorgelegten Haushaltsentwurf der Bundesregierung für den Bereich Gesundheit entzieht sich die Bundesregierung erneut ihrer finanziellen Verantwortung für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Statt ihre Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag umzusetzen, gilt das Spardiktat.«

Die gemeinsame Erklärung der Krankenkassenverbände Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek), BKK Dachverband e. V., IKK e.V. und KNAPPSCHAFT führt weiter aus, dass es nicht mehr über einen dynamisierten Steuerzuschuss in der GKV diskutiert wurde. Auch von höheren Beiträgen für Bürgergeld-Empfänger aus Steuermitteln wird nicht mehr gesprochen. Zudem stehen die zuvor zugesagten Empfehlungen zur stabilen, verlässlichen und solidarischen Finanzierung der GKV noch aus.


Weiterlesen:

 

Klimawandel und Gesundheit: Neue Studie zu nichtübertragbaren Erkrankungen

Das Robert Koch-Institut hat den zweiten Teil seines Sachstandsberichts ›Klimawandel und Gesundheit‹ veröffentlicht. Dieser Teil legt den Fokus auf nichtübertragbare Erkrankungen und enthält sechs Beiträge, die verschiedene Aspekte beleuchten. Dazu gehören gesundheitliche Risiken, die durch Hitze und Extremwetterereignisse entstehen, der Einfluss des Klimawandels auf Allergien und auf die psychische Gesundheit sowie die Auswirkungen veränderter UV-Strahlung und Luftverschmutzung.

Die Studie, an der 37 Autor:innen von 23 Institutionen beteiligt waren, untersucht Risikofaktoren und Risikogruppen, analysiert die Auswirkungen des Klimawandels auf das Gesundheitswesen und dessen Infrastruktur und gibt Handlungsempfehlungen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der Klimawandel weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hat und dringende Maßnahmen erforderlich sind. »Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit, er bedroht unsere Lebensgrundlagen und somit unsere sichere Zukunft«, hatten die Leiter:innen von Institutionen in Deutschland, an denen zu Public-Health-Themen gearbeitet und geforscht wird, im Editorial des ersten Berichtsteils formuliert.

Hier finden Sie den kompletten Sachstandsbericht https://www.rki.de/DE/Content/GesundAZ/K/Klimawandel_Gesundheit/KlimGesundAkt.html


Empfehlung:

 

The Health Gap: The Challenge of an Unequal World

von Michael Marmot ist ein Werk, das sich mit den sozialen Determinanten der Gesundheit befasst und die Ungleichheit im Gesundheitswesen untersucht. In dem Buch präsentiert Marmot dazu umfangreiche Forschungsergebnisse und Daten, um aufzuzeigen, wie soziale und wirtschaftliche Faktoren die Gesundheit von Menschen auf der ganzen Welt beeinflussen.

Der Autor plädiert dafür, dass Gesundheitspolitik nicht allein auf medizinische Interventionen beschränkt sein sollte, sondern auch soziale und ökonomische Faktoren berücksichtigen müsse und fordert eine verstärkte politische Aufmerksamkeit für soziale Ungleichheiten. Das Buch bietet konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens von benachteiligten Bevölkerungsgruppen und liefert damit eine Grundlage für die Diskussion über die Gestaltung von Gesundheitssystemen und die Förderung der Gesundheit für alle Bevölkerungsgruppen.

Michael Marmot ist ein renommierter britischer Epidemiologe und Mediziner. Besonders bekannt ist Marmot für seine Arbeiten im Bereich der sozialen Determinanten von Gesundheit. Er hat umfangreiche Forschungen betrieben und zahlreiche Studien durchgeführt, um die Zusammenhänge zwischen sozialen und wirtschaftlichen Faktoren und der Gesundheit von verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.

Weitere Informationen finden Sie hier https://www.hugendubel.de/de/buch_gebunden/michael_marmot-the_health_gap_the_challenge_of_an_unequal_world-23549327-produkt-details.html


Zuletzt:

 

Gesunde Schule für mehr Inklusion

Wissenschaftler:innen fordern Schulgesundheitsfachkräfte

Gesundheitsexpert:innen setzen sich für den flächendeckenden Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften ein. Laut einer aktuellen Initiative verschiedener Organisationen, darunter die Deutsche Diabetes Gesellschaft und diabetesDE, können Schulgesundheitsfachkräfte dazu beitragen, Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen besser zu unterstützen. In Deutschland leben etwa 15 Prozent der Kinder mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Allergien. Lehrkräfte sind häufig überfordert, neben dem zu vermittelnden Lehrpensum für diese Schüler:innen eine angemessene medizinische Betreuung zu gewährleisten.

Schulgesundheitsfachkräfte könnten diese Lücke schließen, indem sie sich um die medizinische Grundversorgung, Gesundheitsaufklärung und die Betreuung von Kindern mit täglichem Unterstützungsbedarf kümmern. Derzeit sind sie im Schulsystem jedoch nicht finanziert. Die Initiative #InklusionStattAusgrenzung fordert mehr öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Anliegen. Studien zeigen, dass Gesundheitsfachkräfte an Schulen Familien entlasten und die Diskriminierung chronisch kranker Kinder verhindern können. Sie tragen dazu bei, dass diese Kinder reguläre Schulen besuchen können, ohne dass Eltern, meist Mütter, beruflich zurückstecken müssen. Unterstützer:innen können die Kampagne #InklusionStattAusgrenzung auf verschiedenen SocialMedia-Plattformen verfolgen und sich einbringen.

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