Berlin-Chemie Newsletter vom 19.09.2018

Berlin-Chemie Newsletter vom 19.09.2018

  • Gremium für Bürokratieabbau – Ja oder Nein?   
    Ärzte wollen Abbauverpflichtungen
  • Macht sinnlose Arbeit krank?
    Der Einfluss von Arbeit auf die Gesundheit
  • ASV will Gas geben, doch die Bremse schleift     
    Bürokratische Uneinigkeit bremst Versorgungsform
  • Rheumatologie: Lange Wartezeiten, kaum Lehrstühle    
    Zeitkritische Behandlung beginnt zu spät
  • Umverteilung statt echter Hilfe     
    Die DKG hält Spahns Personalstärkungsgesetz für eine Mogelpackung
  • Zu- und Abschläge für die Qualität?    
    Schlechte Qualität soll bald Folgen haben
  • Neue Horrorzahlen für die Pflege    
    Vier Millionen Pflegebedürftige bis 2035

Gremium für Bürokratieabbau – Ja oder Nein?

Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung fordert feste Ziele zum Bürokratieabbau. Diese lehnt der GKV-Spitzenverband ab.

Zwischen 2013 und 2016 sah es so aus, als ob den Akteuren des deutschen Gesundheitssystems tatsächlich ein großer Coup gelungen ist: Die Belastung der Ärzte durch Bürokratie ging in diesem Zeitraum um fast fünf Prozent zurück. Inzwischen ist bekannt: Der Verwaltungsaufwand steigt wieder; zuletzt um 0,2 Prozent. 54 Millionen Stunden bringen allein die niedergelassenen Arztpraxen für die Informationspflichten aus den Vorgaben der gemeinsamen Selbstverwaltung auf. Zwar soll die abgespeckte, neue Chroniker-Bescheinigung (Muster 55), die im Formularlabor einer Arbeitsgruppe im KV-Bezirk Westfalen-Lippe entwickelt wurde, bei einer Fallzahl von über sechs Millionen im Jahr 2017 eine Entlastung von knapp 300.000 Stunden erzielt haben, aber das sind eben nur Lichtblicke. Neue Reformen und Dokumentationspflichten im Zuge der Qualitätssicherung bringen ein Mehr an Bürokratie mit sich. Wenn Dr. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) also sagt: „Jede Minute mehr an Bürokratie fehlt in der Patientenversorgung“, dann ist dies zwar platt und schon tausende Male gehört, aber deshalb noch lange nicht weniger wahr. Es liegt also auf der Hand, dass die Ärzte ernstgemeinten Bürokratieabbau sehen wollen. „Ein Abbauziel würde die Akzeptanz und die Verpflichtung gegenüber diesem Thema erhöhen“, so Kriedel zuletzt in Berlin. Als Größenordnung nennt er 25 Prozent. Organisiert werden könne dies in einem neuen, kleinen Gremium in der Selbstverwaltung, denn aktuell gebe es keine regelmäßige Plattform für dieses Thema. Beides lehnt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung ab. Erstens: Johann-Magnus Freiherr von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, bezweifelt, dass der Bürokratieabbau mit festen Zielen erreicht werden könne. Zweitens: „Wir brauchen doch kein Gremium. Mehr Bürokratie zum Abbau von Bürokratie?“, so Stackelberg. Die regelmäßigen Treffen in den Spitzengesprächen würden als Plattform vollkommen ausreichen. „Wenn alle Akteure mitmischen, dann kommt Gematik raus und darauf habe ich keine Lust. Dann fange ich lieber bilateral mit Ihnen an“, so Stackelberg zu Kriedel.

Die Ärzte bekommen Unterstützung vom Nationalen Normenkontrollrat (NKR), dem zehnköpfigen Gremium zur Bewertung von Gesetzvorhaben mit Blick auf effektive Begrenzung von Kosten und Bürokratie. Alle Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften in Deutschland werden ex ante geprüft – keine Kabinettbefassung findet ohne Stellungnahme des NKRs statt, der wiederum eng mit dem Statistischen Bundesamt zusammenarbeitet. „Wenn Menschen an Zielen gemessen werden, dann denken sie wesentlich ernsthafter nach“, so Dr. Johannes Ludewig, Vorsitzender des NKR. Er würde das Thema auf Ebene der Staatssekretäre im Bundesgesundheitsministerium ansiedeln. Eine Idee, die weder Kriedel noch Stackelberg rigoros ablehnten. Bei einem einmaligen Treffen im Jahr sollen Ziele festgelegt werden, die bis zum nächsten Treffen abgearbeitet werden sollen. Die Vertreter der Akteure würden sich bei einem solchen Treffen nicht blamieren wollen, so Ludewig.

Immerhin eins dürfte sicher sein: Langfristig wird die gesamte Verwaltung auf digitale Möglichkeiten umgestellt werden. Stackelberg sieht darin einen großen Vorteil, weil die elektronische Prüfung durch Plausibilitäts-Checks viel Bürokratie abfangen könne, denn oftmals müssten die Kassen aufgrund von Unleserlichkeit oder fehlenden Angaben nachfragen.

Macht sinnlose Arbeit krank?

Der Fehlzeitenreport 2018 des AOK Bundesverbands untersucht neue Gefahren für die Gesundheit von Arbeitnehmern.

„In dem Augenblick, in dem ein Mensch den Sinn und Wert des Lebens bezweifelt, ist er krank“, soll Sigmund Freud einst gesagt haben. Und Albert Einstein wird folgender Satz zugeschrieben: „Wer sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen als sinnlos empfindet, der ist nicht nur unglücklich, sondern kaum lebensfähig.“ Und: Fehlt die Arbeit, hat dies nicht nur materielle Folgen, sondern auch das Gefühl von Nutz- und Sinnlosigkeit tritt auf. Zu diesem Schluss kam bereits 1933 die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld. Wenn der Sinn verloren geht, leiden Körper und Psyche – und dies führt unweigerlich zu mehr Fehlzeiten sowie wirtschaftlichen Ausfällen für den Arbeitgeber. Durchschnittlich 12,1 Tage haben die Befragten einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr krankheitsbedingt gefehlt. Passen der eigene Anspruch an das Sinnerleben im Beruf und die Wirklichkeit in der Wahrnehmung des Beschäftigten gut zueinander, berichten sie nur von 9,4 krankheitsbedingten Fehltagen. Unterscheiden sich Wunsch und Wirklichkeit stark voneinander, dann liegen die Zeiten mit 19,6 Fehltagen mehr als doppelt so hoch. Die Erfolgsformel: „Da wo es gelingt Sinn zu vermitteln, da sind die durchschnittlichen Fehlzeiten geringer“, so Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands. Er sieht die Führungskräfte in der Verantwortung. Sie seien „eine Stellgröße in unserer Gesellschaft“. Zudem beten Kassenbosse beim Thema Betriebliches Gesundheits-management rauf und runter, dass dieses doch bei der Führungsebene anzusiedeln sei. Es macht also Sinn auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer zu achten. Den Befragten war es demnach besonders wichtig, dass sie sich „am Arbeitsplatz wohlfühlen“. Zudem legen sie auf eine „gute Zusammenarbeit mit den Kollegen“ und „ein gutes Betriebsklima“ wert. Auch die „Loyalität des Unternehmens gegenüber den Mitarbeitern“ (z. B. in Stresssituationen) ist Arbeitnehmern wichtig. Darüber hinaus wünschen die Befragten ein „gutes Verhältnis zum Vorgesetzten“. All diesen Punkten stimmten mehr als 90 Prozent der Umfrage-Teilnehmer zu. "Leider stimmen gerade hier Wunsch und Wirklichkeit oft nicht überein", so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. Ein positives Betriebsklima würden demnach nur 78 Prozent der Beschäftigten erleben.

Deutlich machen lassen sich die Baustellen an der Pflege. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verspricht dringend benötigte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in der Pflege mit dem geplanten Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG). Darin enthalten ist auch die Idee zu mehr Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) in Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen. Rund 70 Millionen Euro jährlich stehen dafür bereit. „Das PpSG-Geld ist gut angelegt. Wir wehren uns da nicht. Wir als Krankenkassen können Angebote machen, aber am Ende sind die Arbeitgeber selbst gefragt. Pflegekräfte haben ein hohes Ansehen in der Gesellschaft und bewerten ihre Arbeit auch selbst als gesellschaftlich relevant. Ihr Arbeitsalltag ist jedoch häufig geprägt von Zeitdruck und nicht verlässlichen Arbeitszeiten", so Litsch. Die hohe Belastung zeige sich auch an ihrem Krankenstand, der mit 6,8 Prozent deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 5,3 Prozent liegt. Das Beispiel zeigt: Das Einbeziehen des Aspekts sinnstiftender Arbeit für die Arbeitnehmer ist sicher in keinem Unternehmen verkehrt. Aber ist die Belastung im Job zu hoch, dann geht der Arbeitnehmer letzten Endes trotzdem daran kaputt.

ASV will Gas geben, doch die Bremse schleift

Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) verbreitet sich – langsam und nicht flächendeckend.

Wann immer Dr. Axel Munte über die ambulante spezialfachärztliche Versorgung spricht, dann wird er so richtig energiegeladen und kämpferisch. Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands ASV glaubt an die Versorgungsform, die angetreten war, um die Sektorengrenzen zu überwinden. Obwohl dies der Willen des Gesetzgebers bei der Einführung zum 1. Januar 2012 war, hat dies bisher nicht wirklich geklappt. Auf dem Papier ist die Versorgungsidee zur Behandlung von Patienten mit komplexen oder seltenen Erkrankungen auch eine gute: Interdisziplinäre Teams von Spezialisten, die nicht nur in einem Fall, sondern langfristig miteinander bei bestimmten Indikationen zusammenarbeiten – das klingt einfach richtig. Mit der Rheumatologie ist ASV inzwischen für elf vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossene Indikationen bzw. Konkretisierungen erlaubt. Fast 150 Rheumatologen wollen die Zulassung für die ASV beantragen, sagte unlängst Professor Dr. Hanns-Martin Lorenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, in Berlin. Er zeigte sich überzeugt, dass die ASV, die er „ein tolles Konstrukt“ nennt, in seinem Fachbereich kommen wird. „ASV ist ein deutsches Produkt und somit Bürokratie ohne Ende. Wir beschäftigen in Heidelberg mehrere Juristen, um die Verträge mit den ambulanten Praxen auszuarbeiten“, so Lorenz, der auch Leiter der Sektion Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg ist. Und genau hier ist eines der großen Probleme. Das Anzeigeverfahren ist so kompliziert und aufwändig, dass Krankenhäuser die Leitung der ASV-Teams stark dominieren. Sie haben die Möglichkeit Personal für den initialen Bürokratiewust anzustellen oder abzustellen – eine niedergelassene Praxis hat dies in der Regel nicht. Die extrem unterschiedlichen Vorgaben und Vorgehensweisen der 17 Erweiterten Landesausschüsse (ELA) beim Anzeigeverfahren dürfe der Gesetzgeber nicht länger tolerieren, so Munte. „Die Spaltung zwischen ambulant und stationär wird so aufrechterhalten. Eine Katastrophe.“ Das einzureichende Papier kann, so der Bundesverband, zwischen 100 und 3000 Seiten dick sein – je nach ELA. Die Vorbereitung und Sammlung aller Unterlagen zur Teambildung dauert im Schnitt sechs Monate. Vom Eingang der Unterlagen bei den ELAs hin zur Zulassung dauere es im Schnitt weitere 4,5 Monate. Zur Vereinfachung spricht sich der Verband für das Angebot eines elektronischen Anzeigeverfahrens ähnlich der elektronischen Steuererklärung aus. So könnte auch durch eine Plausibilitätsprüfung Zeit gespart und vermieden werden, dass Inhalte fehlen.

Inzwischen gibt es wohl um die 200 ASV-Teams in Deutschland, schätzt Munte. 60 Prozent aller ASV-Teams sind in Großstädten (100.000 Einwohner und mehr) entstanden und nur 10 Prozent im ländlichen Raum. „Wir haben aber eine gigantische Differenz in der Verbreitung der ASV in den Bundesländern“, so Munte. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen stellen allein mehr als 50 Prozent aller ASV-Teams. Die neuen Bundesländer und Bayern seien sehr restriktiv und unterrepräsentiert. In Mecklenburg-Vorpommern gebe es nach wie vor kein einziges Team. So richtig etabliert hat sich die ASV bisher nur bei der Indikation der gastrointestinalen Tumore und Tumore der Bauchhöhle (GIT). Um die 100 Teams widmen sich allein diesem Bereich. In allen anderen Indikationen stottert der Motor noch gewaltig.

Rheumatologie: Lange Wartezeiten, kaum Lehrstühle

Es fehlen Fachkräfte und Lehrstühle im zunehmend interdisziplinär arbeitenden Feld der Rheumatologie.

Der Erhalt der Gesundheit ist ein Thema, das gerade im Rahmen der immer besseren Erforschung chronischer Krankheiten wichtiger wird. Dass Menschen bei Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung im Schnitt sechs bis neun Monate auf einen Ersttermin warten müssen, widerspricht jeglicher medizinischen Logik. Bei der rheumatoiden Arthritis, von der 550.000 Erwachsene in Deutschland betroffen sind, sollte die Therapie laut Leitlinien innerhalb von drei Monaten nach dem Einsetzen der Beschwerden begonnen werden. Wartet ein Patient also weitere Monate, dann schreitet die chronische Gelenkentzündung, die zu Gelenkverformungen und kompletten Gelenkzerstörungen führen kann, ungehindert voran. In der Praxis fehlt vielen der 17 Millionen Menschen mit rheumatischen Erkrankungen der frühe Zugang zur Behandlung, denn Deutschland ist um 600 Rheumatologen in der ambulanten Versorgung, 400 in Krankenhäusern und 80 in Reha-Einrichtungen unterbesetzt, meint die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie.
Dem Fachkräftemangel stehen nur sieben Lehrstühle für Rheumatologie in Deutschland gegenüber. Im mehrjährigen Medizinstudium werden gerade einmal 14 Stunden der Rheumatologie gewidmet. So wird die Attraktivität des Fachgebiets ganz sicher nicht gesteigert.

Die Rheumatologen sind in ihrer Arbeit immer öfter auf die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen angewiesen. „Wir haben Krankheiten bei uns, die nicht an einem Symptom zu erkennen sind, sondern an einem Muster. Sehr heterogene Krankheitsbilder machen die Behandlung sehr schwierig“, so Professor Dr. Matthias Schneider, Direktor der Poliklinik und des Funktionsbereichs für Rheumatologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Die Diagnose sei immer nur die Spitze des Eisberges, meint zudem Professor Dr. Hanns-Martin Lorenz, Präsident der DGRh. Die seltene Autoimmunerkrankung Lupus sei so zum Beispiel interdisziplinär unter der Einbeziehung von Dermatologen, Nephrologen, Rheumatologen und weiteren Facharztgruppen zu behandeln.

Umverteilung statt echter Hilfe

Die Krankenhäuser fürchten, dass ihnen auf der einen Seite Geld gegeben und auf der anderen genommen wird.

Die deutschen Krankenhäuser müssen weiterhin zusehen, wie sie über die Runden kommen und dabei gleichzeitig den Qualitätsanforderungen gewachsen bleiben. Ein Viertel aller Krankenhäuser schafft das nicht mehr, sie haben 2016 Verluste geschrieben. Und das ist nicht nur eine Momentaufnahme, wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) betont, sondern eine Entwicklung, die mittlerweile über mehrere Jahre anhält.

Dafür sind zwar mehrere Faktoren verantwortlich, doch das Hauptproblem sei die Unterfinanzierung im Personalbereich, so der Präsident der DKG, Dr. Gerald Gaß. Er appelliert an die Politik, die Krankenhausfinanzierung und alle Faktoren, die sich darum ranken, noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und die aktuelle Gesetzgebung zu korrigieren. „Die Krankenhäuser haben im Jahr 2017 mehr als 10.000 zusätzliche Vollzeitkräfte eingestellt. Dahinter steht ein Personalkostenzuwachs von 0,6 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Tarifsteigerungen in 2017 mit 2,26 Milliarden Euro. Dem stehen Erlöse aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von gerade mal 1,19 Milliarden Euro gegenüber. Dies macht deutlich, wie groß die Finanzierungslücke der Krankenhäuser bei den Personalkosten ist, uns fehlen allein im Jahr 2017 mehr als eine Milliarde Euro“, erläutert Gaß.

Und trotzdem muss man feststellen, dass der vorgelegte Entwurf das Ziel der Beendigung der Personalunterfinanzierung nicht erreicht, weil den Krankenhäusern in 2020 eine halbe Milliarde Euro weggekürzt wird. "Eine gute Reform wird schlecht gemacht. Denn die vorgesehenen Verbesserungen für die Pflege müssten von den Krankenhäusern selbst finanziert werden. Die Reform wird so zur Mogelpackung. Die DKG begrüßt, dass die Bundesländer dies im Bundesrat moniert haben. Wer Personalstärkung ernst meint, muss die Mittel aus dem Pflegezuschlag den Krankenhäusern lassen", so DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Zu- und Abschläge für die Qualität?

Qualität in der Versorgung soll sich auszahlen, da sind sich alle einig. Doch selbst das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) ist sich unsicher, welcher dabei der richtige Weg ist.

Mit dem Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) wurde gesetzlich verankert, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) für zugelassene Krankenhäuser einen Katalog von Leistungen oder Leistungsbereichen beschließt, die sich für eine qualitätsabhängige Vergütung mit Zu- und Abschlägen eignen. Aber die Entwicklung eines soliden Instrumentariums braucht Zeit. Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) hat den Auftrag zur Entwicklung weiterer planungsrelevanter Indikatoren erhalten, die gerade fristgemäß vorgelegt wurden. Im Januar soll das Stellungnahmeverfahren beginnen.

Institutsleiter Dr. Christof Veit hat an der Wirkung der Zu- und Abschläge bereits Zweifel geäußert: „Wenn man die wissenschaftliche Literatur verfolgt, so bestehen nach wie vor Zweifel, ob man mit Zu- und Abschlägen wirklich auf Dauer nachhaltige Verbesserungen erreichen kann, die den vergleichsweise hohen Aufwand für so ein Verfahren rechtfertigen. Dennoch ist es wichtig, dass sich die Qualitätssicherung im Rahmen der Zuschläge auch der Darstellung von herausragender Qualität zuwendet und dass Modelle gefunden werden, die mit Qualitätszu- und -abschlägen temporäre, schnellwirkende Verbesserungsimpulse setzen. Denn kurzfristige Wirkungen sind mit finanziellen Anreizen erreichbar, das sollte man nutzen.“

Neue Horrorzahlen für die Pflege

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hat errechnet, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Zukunft noch größer ausfällt als erwartet.

Besorgniserregend ist die Zahl der zu erwartenden Pflegebedürftigen nicht nur im Hinblick auf die finanziellen Folgen des demografischen Wandels, sondern vor allem wegen der fehlenden Pflegekräfte. Um all diese Menschen versorgen zu können, müssten bis 2035 weitere 150.000 Stellen besetzt werden, das entspricht einer Steigerung um 44 Prozent. Angesichts des schon heute herrschenden Fachkräftemangels eine schier unlösbare Aufgabe. 2017 kamen auf 100 offene Stellen rechnerisch gerade einmal 22 Arbeitslose.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt kontinuierlich. 2015 waren rund drei Millionen Menschen pflegebedürftig, rund 50 Prozent mehr als 1999. Mittlerweile sind 3,05 Millionen Menschen in Deutschland auf Hilfe angewiesen; bis 2035 wären es 4,05 Millionen. Vor allem in Ostdeutschland sei der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung hoch, mit zum Beispiel rund 5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bei 3,7 Prozent im Bundesschnitt.

Wie kann diese Lücke geschlossen werden? Bemühungen, ausländische Fachkräfte anzuwerben, würden Engpässe bestenfalls mildern, so die Experten. Die Digitalisierung könnte zwar bürokratische Erleichterungen bringen, nicht aber die Lücke beseitigen. Die geplanten Fördermaßnahmen des Bundesgesundheitsministeriums im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz bewertet das Institut als bürokratisch „mit letztlich wenig oder nur kurzfristigem Nutzen“.

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