Berlin-Chemie Newsletter vom 19. August 2019

Berlin-Chemie Newsletter vom 19. August 2019

  • Von wegen Sommerpause
    Urlaubsstimmung mag im BMG nicht so richtig aufkommen
  • Rahmenvertrag Arzneimittel: Kleine Änderung mit großer Wirkung
    Der neue Rahmenvertrag ändert die Zuordnung von Co-Marketing-Präparaten ohne Debatte
  • Weg für Nutzenbewertung im Arztinformationssystem ist geebnet
    Arzneimittel mit Zusatznutzen sollen in der Versorgung ankommen
  • Masern und Co: Vermeidbare Rückschläge beim Impfen
    Fallzahlen nehmen weltweit zu
  • Lebensmittelkennzeichnung: Die deutsche Lösung schwächelt
    Verbraucherschutz im Bundesernährungsministerium falsch?
  • Arzttermine: Patienten empfinden hohe Dringlichkeit
    Ärzte wollen bessere Patientensteuerung gegen subjektive Selbsteinschätzung
  • Vorschlag für Pflegepersonalbemessung bis Jahresende
    DKG, Pflegerat und ver.di an einem Tisch
  • Vernetzt zu einer besseren Versorgung
    NRW plant virtuelles Krankenhaus
 

Von wegen Sommerpause    

Eigentlich sollte die parlamentarische Sommerpause allen Beteiligten im Gesundheitswesen eine Atempause verschaffen. Doch Minister Spahn legte stattdessen noch mal nach.

Als stünde im Herbst noch nicht genug Arbeit an, lässt es sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auch in der Sommerpause nicht nehmen, neue Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen. Auf die Reform der Notfallversorgung hatte man schon länger gewartet, Ende Juli bekamen die Länder dann tatsächlich einen Arbeitsentwurf präsentiert, der ihnen in der vergangenen Woche im Bundesgesundheitsministerium als Diskussionsgrundlage diente. Klar ist, dass die Länder Kompetenzen abgeben müssen, wenn die Reform ein Erfolg werden soll. Vermutlich werden es lange Verhandlungen, schließlich sollen regional sehr unterschiedliche Strukturen erneuert und vereinheitlicht werden. Nach wie vor beklagen viele Krankenhäuser „eine wachsende Inanspruchnahme von Notfallambulanzen auch bei leichteren Erkrankungen und Verletzungen“. Insofern sei eine „weitergehende Verknüpfung von ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen erforderlich“.

Mit seinem Gesetzesentwurf zur Stärkung von Rehabilitation und intensiv-pflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (RISG), das Spahn in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, ist ihm eine richtige Überraschung gelungen. Zwar ist das darin behandelte Problem seit Längerem bekannt, doch zum jetzigen Zeitpunkt hatte diese Reform niemand so richtig auf dem Schirm. Mit dem RISG sollen ambulante Versorgungsformen in der außerklinischen Intensivpflege künstlich beatmeter Menschen zurückgefahren werden. Zu häufig sei diese Betreuungsform ausgenutzt worden, um mit schwerkranken Menschen Geschäfte zu machen. Finanzielle Anreize würden dazu führen, eine invasive Beatmung fortzusetzen und nicht die Potenziale der Beatmungsentwöhnung, das so genannte „Weaning“, auszureizen. Verschärfen will das BMG auch die Zugangsvoraussetzungen von Pflegedienstleistern zur außerklinischen Intensivpflege – eine Forderung, die qualitätsorientierte Intensivpflegedienste schon lange erheben.
Die Beratungen zur Reform der Notfallversorgung und zum RISG dürften sich allerdings noch etwas hinziehen. Denn mit diesen Gesetzesvorhaben müssen sich Sachverständige und Politiker nach der Sommerpause außerdem beschäftigen:
1. Digitale Versorgung: Kabinettsentwurf vom 10.7.2019
2. Stärkung der Vor-Ort-Apotheken: Referentenentwurf vom 25.3.2019, Kabinettsbeschluss am 17.7.2019.
3. Faire-Kassen-Wahl: Referentenentwurf vom 25.3.2019, Ressortabstimmung.
4. MDK-Reform: Referentenentwurf vom 30.4.2019, Kabinettsbeschluss am 17.7.2019.
5. Implantateregister-Errichtung: Kabinettsentwurf vom 3.4.2019, Bundesrat 1. Durchgang 17.5.2019.
6. Masernschutzgesetz: Referentenentwurf vom 3.5.2019, Kabinettsbeschluss am 17.7.2019.
7. OTA-/ATA-Ausbildung: Kabinettsbeschluss vom 26.6.2019.
8. PTA-Reform: Referentenentwurf vom 16.4.2019, Ressortabstimmung.
9. Hebammenreform: Kabinettsentwurf vom 15.5.2019, 1. Lesung im Bundestag am 6.6.2019.
10. Psychotherapeutenausbildung: Kabinettsentwurf vom 27.2.2019, 1. Lesung im Bundestag am 9.5.2019.

Rahmenvertrag Arzneimittel: Kleine Änderung mit großer Wirkung    

Mit dem neuen Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung müssen sich die Apotheken in Deutschland auf zahlreiche Änderungen bei der Rezeptbelieferung einstellen. Aber vor allem die Arzneimittelhersteller sind ohne jede Vorwarnung betroffen.

Seit 1. Juli 2019 gilt der neue Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung nach § 129 Absatz 2 SGB V. Inzwischen zeigen sich Umsetzungsschwierigkeiten in der Praxis. Der Sonderfall, dass zwei patentgeschützte Originale im Markt sind, also sogenanntes Co-Marketing stattfindet, unterlag einer folgenschweren Änderung, die in den Verhandlungen nicht thematisiert wurde.
Im Mittelpunkt steht die Trennung des Arzneimittelmarkts in einen „generischen Markt“ und einen „importrelevanten Markt“. Dies ist bereits lange Bestandteil der Arzneimittelversorgung in Deutschland. Bisher wurden alle patentgeschützten Originalarzneimittel dem importfähigen Markt zugerechnet, für den spezielle Austauschregeln (Stichwort Importförderklausel) galten. Neu ist nun eine Definition im aktuellen Rahmenvertrag, nach welcher ein Arzneimittel automatisch dem „generischen Markt“ angehört, wenn ein weiteres identisches Produkt existiert. In der Praxis heißt das: Die Programme in den Apotheken zwingen den Apotheker zur Abgabe eines der vier preisgünstigsten Produkte, die hier zwangsläufig Importe sind, weil noch Patentschutz besteht. Aus guten Gründen werden Austausche bei Importen im Gesetz an einen relevanten Preisabstand geknüpft, denn es soll nicht der europäische Markt wegen wenigen Cent Preisvorteil leergekauft werden. Genau das passiert nun aber, zu Lasten der weniger starken Versorgungssysteme in der Europäischen Union. Von dort fließen die Produkte als Importe in den deutschen Markt und hinterlassen Versorgungsengpässe.
Importe stehen oft zwar in den Handelslisten, sind aber nicht in ausreichender Menge verfügbar. Für die Apotheken bedeutet die deutlich gesteigerte Zahl an Austauschvorgängen einen gewaltigen zusätzlichen Arbeitsaufwand - für wenig wirtschaftlichen Gewinn der Kassen. Die verlorene Arbeitszeit würden die Apotheker lieber in den Ausbau der pharmazeutischen Dienstleistungen – zum Beispiel in die Kontrolle von Medikationsplänen zur Reduktion der AMTS-Risiken durch Multimedikation und Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung -investieren. Da hätten dann Apotheken (zusätzliche Vergütung) und Patienten (bessere Arzneimittelversorgung) gewonnen.

Weg für Nutzenbewertung im Arztinformationssystem ist geebnet

Ärzte sollen künftig häufiger Arzneimittel mit einem Zusatznutzen verschreiben. Dazu wurde nun der Weg bereitet.

Die Elektronische Arzneimittelinformations-Verordnung (EAMIV) ist in Kraft getreten und regelt die lang erwartete Neuerung des Arztinformationssystems (AIS). Damit werden Ärzte künftig in ihrer Praxissoftware über den vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegten Zusatznutzen neuer Arzneimittel informiert und müssen nicht mehr danach suchen. Bislang hatte der G-BA entsprechende Informationen nur auf seiner Homepage veröffentlicht. Mit der Neuerung im AIS möchte der Gesetzgeber bessere Informationen über den Zusatznutzen von neuen Arzneimitteln bereitstellen. Aus dem ersten AMNOG-Report aus dem Jahr 2015 ging hervor, dass neue Arzneimittel, denen ein Zusatznutzen nachgewiesen wurde, nicht zwangsläufig häufiger verordnet werden. Das hat sich auch zwischenzeitlich nicht geändert, bestätigt der aktuelle AMNOG-Report, der im Mai erschienen ist. „Basierend auf Daten von 127 Wirkstoffen (alle Wirkstoffe, für die bis zum 30. September 2018 ein volles Beobachtungsjahr nach Veröffentlichung des G-BA-Beschlusses vorlag) zeigt sich, dass das Ergebnis der Nutzenbewertung gemessen am festgestellten Zusatznutzen auch nach sieben Beobachtungsjahren nur begrenzten Einfluss auf die Marktentwicklung neuer Wirkstoffe hat“, heißt es darin. Das Arzneimittelstärkungsgesetz, das 2017 in Kraft getreten ist, hatte die EAMIV schließlich in Auftrag gegeben.
Jetzt, wo sie auch in Kraft getreten ist, muss die Implementierung in die ärztliche Praxissoftware erfolgen. Dazu muss zunächst der G-BA die Beschlüsse entsprechend aufarbeiten. „Ein Großteil der Anforderungen ist bereits jetzt in den Beschlussdokumenten enthalten, wie beispielsweise eine Zusammenfassung der Tragenden Gründe“, erklärt der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Prof. Josef Hecken. Weitere Anforderungen könnten erst jetzt nach Inkrafttreten der Rechtsordnung umgesetzt werden. Zum 1. Juli 2020 soll das System startklar sein.
In den vergangenen Monaten hatte es lange Diskussionen um die Ausgestaltung des AIS gegeben. Im Oktober 2018 legte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) schließlich einen ersten Verordnungsentwurf über die Inhalte des AIS vor, im März folgte dann die überarbeitete Version. Während der G-BA den Aufwand zur Implementierung als gerechtfertigt ansieht, sind die Ärzte skeptisch. Sie fürchteten von Anfang an einen bürokratischen Mehraufwand und die Regressbedrohung für Niedergelassene. In der letzten Fassung des Verordnungsentwurfs hatte das BMG den geschätzten einmaligen Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft von ursprünglich 300.000 Euro auf 1,2 Millionen Euro angehoben. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mahnte bereits mehrfach an, dass die die Mehrkosten nicht auf die Ärzte abgewälzt werden dürfen.
Das ist allerdings nicht die einzige Befürchtung: Die KBV und die Bundesärztekammer vermissen in der EAMIV eine eindeutige Vorgabe, dass über das AIS keine Verordnungssteuerung stattfindet. Ärzte fürchten, in ihrer Therapieentscheidung beeinflusst zu werden. Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa), erklärte bereits nach Veröffentlichung des ersten EAMIV-Entwurfs: „Die Entscheidung eines Arztes für oder gegen die Verordnung eines Arzneimittels ruht auf mehr als nur der Zusatznutzenbewertung: Die Zusatznutenbewertung wurde als Preissteuerungsinstrument konzipiert, nicht als Instrument zur Versorgungssteuerung.“

Masern und Co: Vermeidbare Rückschläge beim Impfen    

Jahrelang gab es Fortschritte beim Schutz vor Infektionskrankheiten. Nun folgt eine Kehrtwende, die als ernste Warnung verstanden werden muss.

Die Verpflichtung Deutschlands, die Masern-Elimination bis 2015 erreichen zu wollen und sich vorrangig mit diesem Thema zu befassen, wurde in einem Beschluss vom Juni 2011 von der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) bestätigt. Das Eliminieren hat bekanntermaßen nicht funktioniert. Bis 2020 strebt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Eradikation der hochansteckenden Virusinfektion Masern an. Dass auch dieses Ziel bei weitem verfehlt wird, dürfte sich in Genf inzwischen auch der größte Optimist eingestehen. Bis Ende Juli 2019 wurden in 182 Ländern nach vorläufigen an die WHO gemeldeten Daten fast 365.000 Masernfälle registriert – und somit fast drei Mal so viele wie im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres und mehr als im Gesamtjahr 2018 (350.000 Meldungen). Letztmals waren die Fallzahlen 2006 ähnlich hoch. 2019 wurden in Deutschland bis Mitte Juni bereits 429 Masern-Fälle registriert – 2018 waren es noch 544 Fälle im gesamten Jahr. Vor allem in der WHO-Afrikaregion nahm die Zahl der gemeldeten Fälle in den ersten sechs Monaten diesen Jahres mit +900 Prozent drastisch zu. In der WHO-Europaregion – nicht zu verwechseln mit dem EU-Raum – wurden +120 Prozent neue Fälle (90.000 insgesamt in den ersten 6 Monaten) gemeldet. Die Vereinigten Staaten von Amerika berichten sogar von den höchsten Masern-Fallzahlen in den letzten 25 Jahren. Die Behörde mit Sitz in Genf spricht inzwischen von einer „weltweiten Gefahr“, auch, weil nur ein Bruchteil der tatsächlichen Erkrankungen gemeldet werden soll. Nach WHO-Schätzungen habe es allein im Jahr 2017 vermutlich rund 110.000 Todesfälle bei circa 6,7 Millionen Masernerkrankungen gegeben.
Die Impflücken in Deutschland sind groß: Mehr als jedes fünfte im Jahr 2015 geborene Kind soll laut dem neuen Barmer-Arzneimittelreport in den ersten beiden Lebensjahren nicht oder unvollständig gegen Masern geimpft gewesen sein. Im Jahr 2017 waren damit hochgerechnet bundesweit knapp 166.000 Zweijährige ohne vollständigen Masernschutz. „Es gibt kein gutes Argument gegen die Impf-Empfehlungen der Ständige Impfkommission (STIKO)“, so Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Dass nach dem im Juli beschlossenen Kabinettsentwurfs zum Masernschutz ab 2020 eine Masern-Impfung bei der Kita- oder Schulanmeldung eines Kindes nachgewiesen werden müsste, findet der Kassenfunktionär richtig: „Damit werden die anderen Kinder geschützt. Als ich 1989 im Krankenhaus angefangen habe, musste ich eine Hepatitis-B-Impfung nachweisen. Diese Form von Zwang finde ich richtig. Gesetze sind wichtig, aber dennoch nicht zwingend notwendig für den Impfstatus in der Bevölkerung.“ Strukturierte Informationen – auch Impf-Erinnerungen per App – und Programme der Krankenkassen seien wichtig und müssten flächendeckend eingesetzt werden. Denn die Impf-Problematik hört nicht beim Thema Masern auf: 3,3 Prozent der 2015 geborenen Kinder hatten in den ersten beiden Jahren demnach überhaupt keine der 13 Impfungen erhalten, welche die STIKO empfiehlt. Das entspricht knapp 26.000 ungeimpften Mädchen und Jungen. Auch bei den Kindern im einschulungsfähigen Alter wurde bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten ein Durchimpfungsgrad von 90 Prozent im Jahr 2017 erreicht. Für eine ausreichende Herdenimmunität, die auch nicht geimpften Personen Schutz bietet, wäre eine Immunisierungsrate von mindestens 95 Prozent erforderlich, sind sich Experten einig. Die Report-Autoren um Prof. Dr. Daniel Grandt, Mitglied im Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, haben zudem eine „enttäuschende und besorgniserregende Versorgungsrealität bei der HPV-Impfung gegen eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV) festgestellt. Jedes dritte Mädchen sei bis zum 18. Lebensjahr überhaupt nicht gegen HPV geimpft worden. Jede fünfte begonnende Immunologisierung werde nicht beendet. HPV zählt zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Die meisten Zervixkarzinome sind mit HPV-Infektionen assoziiert. Als eine Impf-Barriere machten die Autoren den zeitlichen Korridor der Impfung aus. Empfohlen werde die HPV-Impfung im Alter von neun bis 14 Jahren. Grandt schlägt vor, die Empfehlung zur HPV-Impfung auf einen oder zwei Zeitpunkte zu beschränken.

Lebensmittelkennzeichnung: Die deutsche Lösung schwächelt    

Weil Brüssel keine verbindliche EU-weite Lösung zur Nährwertkennzeichnung von Lebensmittel umsetzt, werden viele Regierungen selbst aktiv. Einige Staaten folgen dem französischen Modell. Deutschland hat eine vermutlich schlechtere Lösung selbst entwickelt, die von medizinischen Fachgesellschaften abgelehnt wird.

Dezember 2015: In Frankreich beschließt die Regierung die Modernisierung des Gesundheitssystems. Wissenschaftler, Verbraucherschützer und auch Vertreter der Lebensmittelindustrie wurden daraufhin auch beauftragt, um eine einheitliche Kennzeichnung der Nährwerte von Lebensmitteln zu entwickeln. Aus verschiedenen Vorschlägen entschied sich die Politik im März 2017 für die Einführung des Nutri-Score. Das Modell nimmt eine Gesamtbewertung der Nährwertzusammensetzung eines Produktes vor, indem es ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Nährwertbestandteile miteinander verrechnet und auf einer von grün nach rot abgestuften Farbskala einordnet. Frankreich hat damit ein Vorreitermodell geschaffen, das Belgien bereits eingeführt hat und Spanien einführen wird. Auch in Portugal, der Schweiz und Luxemburg deutet vieles darauf hin, dass der Nutri-Score dort künftig auf allen Packungen abgedruckt wird. Das deutsche Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) lehnt die Ampelkennzeichnung – ebenso wie die Verbände der Lebensmittelindustrie – ab. Das staatliche Max-Rubner-Institut musste deshalb in aller Kürze einen deutschen Vorschlag entwickeln. Der „Wegweiser Ernährung“ ist farblich nüchtern in Weiß und Blautönen gehalten. Er bildet neben einem Rating von null bis fünf Sternen noch die Nährwertinformationen pro 100g ab, die sowieso schon auf der Packung abgedruckt sind. Die leicht verständlichen und gut sichtbaren Ampelfarben fehlen gänzlich. Deutlich ersichtlich auf einen schnellen Blick ist da jedenfalls nicht, ob ein Lebensmittel gesund oder ungesund ist. Und genau das sieht der Koalitionsvertrag vor; von einer verbraucherfreundlichen Lebensmittelkennzeichnung ist darin die Rede.
22 wissenschaftliche Fachgesellschaften, Organisationen und die Verbraucherorganisation Foodwatch beauftragten Forsa mit einer Umfrage zum Vergleich von Nutri-Score und Wegweiser Ernährung. Die Darstellung muss laut den 1.003 Befragten vor allem „eindeutig“ (72 Prozent halten dies für sehr wichtig), „leicht verständlich“ (70 Prozent) und „unkompliziert“ (61 Prozent) sein. 69 Prozent der Befragten zogen bei der Betrachtung der Produktbeispiele den Nutri-Score gegenüber dem BMEL-Vorschlag vor. 35 wissenschaftliche Studien zum Nutri-Score gibt es bereits. „Der Nutri-Score kann deshalb mit Fug und Recht als Goldstandard in der Nährwertkennzeichnung bezeichnet werden“, meint Luise Molling, Foodwatch-Expertin für Übergewichtsprävention. „In Deutschland gibt es den Systemfehler, dass der gesundheitliche Verbraucherschutz beim BMEL ansiedelt ist“, kritisiert Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK) und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. „15 Prozent der Kinder in Deutschland sind bereits übergewichtig. Das neue Kennzeichnungssystem muss gerade für die besonders von Fehlernährung und Übergewicht betroffenen Bevölkerungsgruppen verständlich sein“, meint Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. „Wenn Eltern einen geringen Bildungsstand haben oder übergewichtig sind, dann haben ihre Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko, auch dick zu werden. Der Nutri-Score erreicht diese Bevölkerungsgruppen offenbar gut und kann deshalb wirksam helfen, Kinder vor Übergewicht zu schützen.“ In Chile, Israel, Kanada und einigen weiteren Ländern geht man inzwischen sogar noch einen Schritt weiter. Dort bekommen besonders ungesunde Lebensmittel inzwischen Aufkleber mit Warnhinweisen – ähnlich den Zigarettenschachteln in Deutschland.

Arzttermine: Patienten empfinden hohe Dringlichkeit    

Die Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: Patienten empfinden die eigenen Arztbesuche als zwingend notwendig. Und: Die Zwei-Klassen-Medizin baut sich vielleicht von selbst ab.

Die Forschungsgruppe Wahlen befragt seit 2006 Versicherte zur Zufriedenheit mit der Versorgung durch die Ärzte in Deutschland. 66 Prozent der Versicherten schätzten ihren letzten Arztbesuch als dringlich ein. 20 Prozent der Befragten suchten 2018 die Notaufnahme eines Krankenhauses auf und sahen dies zu 87 Prozent als sehr zwingend an. „Die Tatsache, dass wir einen nahezu barrierefreien Zugang zu ärztlichen Leistungen haben, ohne Steuerung, bei gleichzeitig steigendem medizinischem Bedarf, führt zwangsläufig zu einer höheren Nachfrage“, so Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die gefühlte Dringlichkeit sei in vielen Fällen höher als die tatsächliche, ergänzt Vorstandsvize Dr. Stephan Hofmeister. Objektive Untersuchungen würden die subjektive Wahrnehmung der Versicherten nicht stützen, so die KBV. In der Medizin müsse nach Dringlichkeit behandelt werden und da brauche es eine Patientensteuerung – zum Beispiel über die im Referentenentwurf zur Notfallversorgung angedachten gemeinsamen Tresen oder die Nummer des Bereitschaftsdienstes 116117. Dass viele Patienten am Wochenende eher ins Krankenhaus gehen, könne laut Gassen daran liegen, dass viele Menschen noch immer nicht wissen würden, dass es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt. Die Bekanntheit der Rufnummer steige aber langsam. 2018 wurde die Nummer des Bereitschaftsdienstes rund sieben Millionen Mal gewählt. Mit einer groß angelegten Werbekampagne will die Körperschaft die Bekanntheit demnächst weiter steigern, um so auch die Notaufnahmen zu entlasten.
Privatversicherte müssen laut Befragung zunehmend länger auf einen Arzttermin warten. Das führt dazu, dass sich die Wartezeiten zwischen gesetzlich und privat Versicherten langsam angleichen – ausschlaggebend dafür ist die immer knapper werdende Arztzeit, argumentiert die KBV. 29 Prozent der gesetzlich und 30 Prozent der privat Versicherten mussten bei ihrem Arztbesuch 2018 gar keine Wartezeit in Kauf nehmen. Der Anteil der Patienten, die länger als drei Wochen auf einen Termin warten mussten, ist in allen Versichertengruppen in den vergangenen Jahren jedoch am stärksten gestiegen. Bei den Hausärzten ist nach Meinung der Versicherten die Wartezeit signifikant geringer als bei den Fachärzten, bei denen fast jeder Dritte Versicherte über drei Wochen auf einen Termin wartete. Dass auf eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung im Zweifel länger gewartet werden müsse als im Akutfall bei einer Grippe, sei richtig und verständlich, so Gassen weiter.
Für eine wohnortsnahe Versorgung, so die KBV, brauche es jedoch zwingend mehr Medizinstudienplätze und vor allem viele neue Hausärzte, denn die große Ruhestandswelle der jetzigen Praxisinhaber stehe noch bevor.

Vorschlag für Pflegepersonalbemessung bis Jahresende    

Wie viele Pflegefachkräfte sind genug für eine gute Versorgung? Mit dieser Frage müssen sich aktuell unter anderem die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Pflegerat und ver.di befassen.

Die Eckpunkte für die Entwicklung eines Instruments zur Bemessung des Pflegepersonalbedarfs und der Pflegepersonalausstattung für alle bettenführenden Bereiche deutscher Krankenhäuser stehen. Gemeinsam stellten sie die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), der Deutsche Pflegerat (DPR) und die Vereinte Dienstleistungsgesellschaft ver.di vor. Die Pflegepersonaluntergrenzen, die Minister Spahn eingeführt hat, werden das Problem des Pflegemangels nicht lösen, meint das Trio. Denn die Untergrenzen würden ein Maß an Personaleinsatz vorgeben, das für eine gute Pflege nicht ausreicht. „Mit unserem Vorschlag wollen wir deutlich darüber hinausgehen“, so der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß.
Bis zum 31. Dezember 2019 wollen die drei Partner einen Vorschlag für ein Pflegepersonalbemessungsverfahren vorstellen und dieses dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) präsentieren. Sie erwarten, dass das Ministerium den Vorschlag aufnimmt und diesen in einer Regierungskommission unter Beteiligung von DPR, DKG und ver.di berät. In den Eckpunkten hat man sich darauf geeinigt, ein pragmatisches Instrument zur Definition einer angemessenen Pflegepersonalausstattung unter wissenschaftlicher Begleitung zu entwickeln. Es heißt: „Das Instrument definiert den notwendigen Pflegebedarf für das gesamte Krankenhaus. Ein neues Instrument kann auch auf bestehenden Ansätzen zur Personalbemessung aufsetzen und diese im Sinne einer gestuften/modularisierten Betrachtung weiterentwickeln.“ Die Akteure wünschen sich darüber hinaus, dass Krankenhäuser individuell entscheiden können, wie und wo sie ihr Personal einsetzen. Ein Pflegemix sei dabei angestrebt. Da Pflege ein dynamisches Arbeitsfeld ist, müsse auch die Personalbemessung dynamisch sein und Entwicklungen ermöglichen. Auch sollten sie die unterschiedlichen Ausgangslagen der Häuser respektieren.

Vernetzt zu einer besseren Versorgung    

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wird hoch gelobt. Doch was kann sie wirklich leisten? In Nordrhein-Westfalen wird das virtuelle Krankenhaus erprobt.

Das größte Bundesland in Deutschland, Nordrhein-Westfalen, will die Krankenhauslandschaft besser miteinander vernetzen und geht dazu neue Wege. Der Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) plant, ein virtuelles Krankenhaus in den neuen Krankenhausplan aufzunehmen, der für 2020 angekündigt ist. So kann das virtuelle Krankenhaus von Anfang an eigenständige Verträge mit Krankenkassen aushandeln. Die Aufbauphase unterstützt das Landesgesundheitsministerium mit zwei Millionen Euro pro Jahr. Doch was steckt hinter dem Vorhaben? Im Grunde geht es nicht um mehr als eine Datenautobahn und ein paar Verträge. Das virtuelle Krankenhaus kommt immer dann zum Tragen, wenn behandelnde Ärzte in schwierigen Fällen nicht weiter wissen. Sie können dann Spezialisten zu Rate ziehen und auf einfachstem Weg konsultieren. „Wir wollen Räume überwinden, Wissen teilen und so das Leben verbessern und verlängern“, kündigt Laumann das Projekt an, das er selbst „eines der wichtigsten meiner Gesundheitspolitik“ nennt. Die Krankenkassen halten das Vorhaben für eine grundsätzlich gute Idee, die Pläne sollten aber Teil einer grundlegenden Neuausrichtung der Krankenhauslandschaft werden – mit mehr Spezialisierung und Konzentration sowie einem Abbau von Überkapazitäten. Im Frühjahr 2020 sollen sich behandelnde Ärzte in NRW mit dem Start der Pilotphase bei seltenen Erkrankungen und schwierigen Fällen mit den jeweiligen Koryphäen des Fachs über Bildschirme beraten und Befunde austauschen können. Die Krankenhausgesellschaft NRW begrüßte die Initiative. „Die Pläne zielen in die richtige Richtung und sind ein wichtiger Baustein einer flächendeckenden Digitalisierung und Vernetzung der nordrhein-westfälischen Krankenhäuser“, erklärte dessen Geschäftsführer Matthias Blum.

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