Berlin-Chemie Newsletter vom 16. Juni 2016

Berlin-Chemie Newsletter vom 16. Juni 2016

  • Unverhoffter Geldregen für die Kassen
  • Ärzteschaft: Sanfte Töne statt Donnergrollen
  • Milliarden-Einsparungen – einfach durch Tausch?
  • ASV – Vorwärts nur im Kriechtempo
  • Regionale Netzwerke steuern die Versorgung
  • ABDA: Wenn weniger mehr ist
  • Hauptstadtkongress 2016: Digitalisierung überall

Unverhoffter Geldregen für die Kassen

Steigende Kassen-Zusatzbeiträge und eine neue Diskussion über Soziallasten möchten die Regierungsparteien offenbar im bevorstehenden Wahlkampf vermeiden. Deshalb soll schon in den nächsten Wochen eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht werden, die es erlaubt, den Kassen Rücklagen aus dem Gesundheitsfonds auszuzahlen um damit die Beiträge stabil zu halten.

Gesundheit als Wahlkampfthema? In den letzten Legislaturperioden war es das definitiv nicht, wie auch Parteienforscher Oscar Niedermeier feststellt. Dennoch hat das „Sozialthema“ durchaus seinen Reiz, wie zunehmende öffentliche Diskussionen um Finanzierung von Gesundheitsleistungen zeigen. Eines will die Regierungskoalition aber offensichtlich nicht: Steigende Zusatzbeiträge bei den Krankenkassen direkt zu Wahlkampfzeiten. Deshalb soll jetzt im Schnelldurchgang eine Gesetzesänderung durchgebracht werden, dass aus den noch gut 10 Milliarden Euro Rücklagen im Gesundheitsfonds mindestens 1,5 Milliarden den Kassen zusätzlich zu den regulären Zuweisungen zukommen. Formell wird das begründet mit Mehrausgaben für Flüchtlinge, Investitionen in eine digitale Infrastruktur des Gesundheitswesens und als Ausgleich für hohe Arzneimittel- und Behandlungskosten. Praktisch will man wohl vorsorgen, dass nicht ausgerechnet in der heißen Phase des Wahlkampfes Unruhe aufgrund steigender Zusatzbeiträge bei den Krankenkassen entsteht. Im Oktober gibt turnusgemäß der Schätzerkreis der Krankenversicherung seine Kostenprognose ab, die Basis zur Berechnung des durchschnittlichen Zusatzbeitrages der Kassen ist. Letztes Jahr stieg der um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent des Bruttolohns. Zu tragen von den Versicherten. Die aktuellen Schätzungen sind sehr unterschiedlich. Experten gehen aber davon aus, dass die Kassen neben dem erhöhten Steuerzuschuss von 14,5 Milliarden Euro (der Finanzminister hatte den Zuschuss auch aufgrund der hohen Rücklagen des Gesundheitsfonds in den Vorjahren gekürzt) mindestens 1-2 Milliarden Euro benötigen, um den Status-Quo bei den Beiträgen zu halten. Um mehr Geld in die Gesundheitsversorgung zu bekommen, bringen SPD und Grüne bereits seit Monaten immer wieder die Wiedereinführung der paritätischen Finanzierung der Kassenbeiträge durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer ins Gespräch. Zur Zeit ist der Arbeitgeberanteil auf 7,3 % fixiert. Andererseits werden aber auch die Forderungen nach einer erhöhten Steuerfinanzierung laut. So besteht nach aktuellen Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes eine rechnerische Unterdeckung durch Leistungen für Asylbewerber sowie Harz-IV-Empfänger von fast 6 Milliarden Euro. Das allein wären 0,6 Beitragssatzpunkte.Die Zahl der Flüchtlinge scheint dabei ein vorgeschobenes Argument, denn erst nach 15 Monaten werden sie bezüglich der Krankenversicherung mit Hartz-IV-Empfängern gleichgestellt. Die Zahl der Arbeitslosen, die aus Kassensicht viel zu geringe Beiträge in die Kasse einbringen, war vor wenigen Jahren noch deutlich höher als die Zahl der Asylbewerber, die erst in einigen Monaten in das soziale Sicherungssystem aufgenommen werden. Das Problem ist also eigentlich der Ausgleich zwischen den Systemen der Arbeitslosenversicherung und der Krankenversicherung.Dass die Politik dieses Thema nicht unbedingt aufnehmen möchte – schon gar nicht in einem Wahljahr – liegt daran, dass die Bürger bei Sozialabgaben nicht über die magische Grenze von insgesamt 40 Prozent belastet werden sollen. Diese Solidaritäts- und Gerechtigkeitsdiskussion möchte offenbar keine der Parteien. Also wird an den Stellschrauben der Kassenfinanzierung gedreht so lange noch Rücklagen im Gesundheitsfonds existieren.

Ärzteschaft: Sanfte Töne statt Donnergrollen

Harmonisch konnte man den Ärztetag zwar nicht nennen, doch der prognostizierte Ärzte-Aufstand in Sachen Gebührenordnung blieb aus. Und auch die zeitnah stattfindende KBV-Vertreterversammlung vermied es durch moderate Beschlüssen, die Regie über die Körperschaft dem aufsichtsführenden Ministerium übergeben zu müssen.

Im Vorfeld des Ärztetages und der zeitgleich stattfindenden Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung standen die Zeichen eher auf Sturm. Sowohl der Gesundheitsminister als auch die Kammer-Delegierten hatten den Mund gespitzt, um die Verantwortlichen der ärztlichen Selbstverwaltung zurückzupfeifen und auf Kurs zu bringen. Was dann kam war eher ein sanfter Lufthauch. Der im Vorfeld groß angekündigte Abwahlantrag gegen den BÄK-Präsidenten Prof. Dr. Montgomery kam nicht einmal zur Abstimmung auf die Tagesordnung, wilde Wortgefechte in Sachen GOÄ-Reform hielten sich in Grenzen und auch der drohende Staatskommissar, der die internen Skandale der KBV klären sollte und Vertreterversammlung endlich zur politisch geforderten Satzungsänderung zwingen sollte, rückte in weite Ferne und schwang lediglich im Hintergrund einer grundsätzlich harmonisch präsentierten Rede von Minister Gröhe noch mit. Ist die Welt der deutschen verfassten Ärzteschaft also wieder in Ordnung? Das mag keiner der Akteure wirklich glauben.Zur KBV: Die Beschlüsse der Vertreterversammlung zur inneren Struktur habe die Fachaufsicht des Bundesgesundheitsministers offenbar insoweit beruhigt, dass der KBV-Vorstand noch auf seinen Stühlen sitzt und nicht dem bereits angekündigten Staatskommissar Platz machen musste. Der Skandal um die Bezüge des ehemaligen Vorsitzenden Dr. Köhler sowie auch der Unklarheiten um die Immobiliengeschäfte der KBV, bei denen auch weiterhin hohe Millionenverluste zur Diskussion stehen, werden nun offenbar getrennt von der aktuellen Führungsarbeit des KBV-Vorstands behandelt. Doch Entwarnung bedeutet das für die Körperschaft keineswegs. Der vom Bundesgesundheitsministerium vorgelegte Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung der Spitzenorganisationen der Selbstverwaltung“ wird geradezu als das Gegenteil seiner Bezeichnung empfunden. Es zeichne sich „die Tendenz ab, dass die Selbstverwaltung nachhaltig in Frage gestellt wird“, ist aus der KBV zu hören. Zur bereits gegeben Aufsichtsmöglichkeit des BMG komme eine immer mehr ins Detail gehende Fachaufsicht. Wenn man sich etwa den Haushalt vorab genehmigen lassen müsse, käme man eher in die Nähe einer angliederten Behörde. Solche „überschießenden Regeln“, so KBV-Chef Gassen, „kann im Interesse der Versorgung in Deutschland niemand wollen“. Doch nicht nur der KBV-Chef fürchtet eine faktische Zerschlagung der Selbstverwaltung. Auch Vorsitzende der Länder KVen wie der KV Nordrhein-Vorstand Dr. Peter Potthoff opponieren: Die Möglichkeit Weisungen zur Rechtsanwendung und Rechtsauslegung zu erlassen ohne der Körperschaft eine Klagemöglichkeit zu erlauben, zerstöre adhoc die Grundpfeiler der Selbstverwaltung. Die Betitelung des Gesetzentwurfes sei mit Blick auf die Inhalte sogar „in Teilen zynisch“.Zum Ärztetag in Hamburg: Wer die Eröffnung des Ärztetages als Abrechnung oder nur starkes Signal der Basis an den Bundesärztekammer-Präsidenten Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery erwartete, sah sich wohl in der falschen Veranstaltung. Ungewöhnlich sanfte Töne klangen da im Hamburger Konzertsaal. Der Abwahlantrag gegen Montgomery, mit dem der Protest gegen dessen Verhandlungen zur GOÄ quittiert werden sollte, kam gar nicht erst auf die Tagesordnung. „Balance“ war der Leitbegriff, unter den Montgomery seine Ansprache stellte. Und nicht einmal, als er betonte, dass mehr als 5,8 Prozent Honorarsteigerungen auch aufgrund der öffentlichen Kassen (Beihilfe) bei der GOÄ nicht drin seien, erzeugte er damit spürbare Unruhe im Publikum. Immerhin gebe es aber, so Montgomery „erhebliche Inkongruenzen zwischen dem Entwurf und den Erwartungen der Ärzteschaft“. Folgerichtig beschloss der Ärztetag in Laufe der späteren Sitzungen auch einen kompletten „Reset“ zur Neugestaltung der GOÄ. Auch Bundesgesundheitsminister Gröhe stimmte in die sanften Töne ein, indem er das Leitthema “Mannschaftsleistung“ über seine Rede stellte. Seine Forderungen, das Zusammenspiel der Player im Gesundheitswesen zu verbessern sowie sein deutliches Bekenntnis zur Selbstverwaltung, fanden Applaus. Sowohl Innovationsfonds als auch Selektivverträge könnten das gewünschte Ziel einer sektorenübergreifenden Versorgung unterstützen. Dabei sei die „Mannschaftsleistung verschiedener Spezialisten“ vor allem vor dem Hintergrund höherer Anforderungen an die Versorgung im Alter zu sehen. Der Erfolgsfaktor heiße hier „Vernetzung“. Auch Gröhe streifte das Thema GOÄ. Die Neugestaltung sei „überfällig“ und eine „erweiterte Systematik“ erforderlich. Allerdings ließ Gröhe offen, was er konkret damit meinte. Fazit: Die Kampfthemen wurden wohl geschickt umschifft. Offen ist, wie sich die Gremien der Ärzteschaft auch vor dem Hintergrund der in einigen Ländern anstehenden KV-Wahlen zum den strittigen Fragen, vor allem der Gebührenordnung, positionieren.

Milliarden-Einsparungen – einfach durch Tausch?

Der „Arzneimittelreport 2016“ verkündet traditionsgemäß ein hohes Einsparpotential. Im Blick auf den sich entwickelnden Verordnungsmarkt mit hochpreisigen gentechnisch hergestellten Medikamenten, stellte man die Austauschbarkeit von Biologicals durch Biosimilars in den Vordergrund. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts ISNA belegt dagegen, dass mehr als zwei Drittel der Menschen in Deutschland erwarten, nicht den Fokus auf das billigste sondern auf das beste verfügbare Medikament zu legen.

Alle Jahre wieder erscheint der BarmerGEK Arzneimittelreport. Alle Jahre wieder hört man von möglichen Einsparungen in Millionen- oder gar in Milliardenhöhe. Wenn…, ja wenn nur die Ärzte in ihrer Verschreibungspraxis den Forderungen des jeweiligen Arzneimittelreports folgen würden. Auch dieses Mal wurde das Muster grundsätzlich nicht durchbrochen. In den Kernpunkt der Betrachtung rückten die Verfasser des Reports, Prof. Dr. Daniel Grandt, Internist am Klinikum Saarbrücken und die Soziologin Dr. Ingrid Schubert von der Uni Köln dieses Mal die Biopharmazeutika und eine erweiterte Austauschmöglichkeit.Genau da setzt allerdings die ISNA-Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie an: Nur vier Prozent finden es richtig, dass der Behandler für die Therapie nach dem billigsten Medikament suchen soll, nur 24 Prozent erwarten von ihrem Arzt überhaupt, dass der Arzt Preis und Nutzen des Medikaments gegeneinander abwägt und mehr als zwei Drittel fordern ausschließlich die beste verfügbare Therapie.In fünf Jahren könnten ohne großen Aufwand vier Milliarden Euro eingespart werden, so BarmerGEK-Vorstandsvorsitzender Dr. Christoph Straub. Dazu müssten die Ärzte konsequent Mehrausgaben vermeiden, indem sie dort wo möglich statt der teuren biotechnologisch hergestellten noch patentgeschützten Präparate Biosimilars verordneten. Entgegen vielen Behauptungen werde die Versorgungsqualität durch den Austausch nicht leiden. Dem widersprechen allerdings zahlreiche Experten wie auch der Vorsitzende des BPI, Dr. Martin Zentgraf: „Zu Recht gilt für Biosimilars nicht die voll umfängliche Austauschpflicht nach der Aut-idem-Regelung.“ Verunsichert seien viele Ärzte ohnehin schon, wenn sie innovative Medikamente verschreiben wollen und im Hintergrund an Regressforderungen denken.Barmer-Chef Straub, selbst Mediziner, stimmt da eher bedingt zu: „Die Aufgabe der Ärzte ist es, medizinisch richtig aber eben auch wirtschaftlich sinnvoll zu verordnen“. Man hat einfach ein Akzeptanzproblem, das durch aktive Kommunikation und Informationspolitik zu lösen sei. Straub: „Man kontrolliert Qualität und Verantwortung nicht in ein System hinein, sondern man muss Akzeptanz und Bewusstsein schaffen. Wirtschaftlichkeitsprüfungen kann es geben, aber ich weiß nicht, ob das das richtige Instrument ist…“.Ohnehin würden laut Straub durch Auslaufen von Patenten bald viele Biosimilars auf den Markt drängen. Das erzeugte die notwendige Wettbewerbssituation. Wie sehr die gesetzlichen Kassen der Schuh in Sachen innovative und teure Arzneimittel drückt, versuchte Straub am Beispiel der BarmerGEK zu erklären. Seit 1982 seien biotechnologisch hergestellte Arzneimittel auf dem Markt. Aktuell machten die Kosten dafür 21,3 Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben aus. Zwischen 2010 und 2015 sei die Zahl, der Patienten, die ein biotechnologisch hergestelltes Arzneimittel bekommen, von 3,1 auf 4 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum seien die Kosten für diese Mittel aber um 40 Prozent gestiegen und machten bei der BarmerGEK 1,2 Milliarden Euro aus.

ASV – Vorwärts nur im Kriechtempo

Die Bilanz der ASV-Projekte ist überschaubar. Eine Neujustierung scheitert offenbar jedoch an formellen Vorgaben und bürokratischen Mechanismen der beteiligen Institutionen.

Die Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV), einst als erfolgsversprechende neue intersektorale und multidisziplinäre Versorgungsform mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht, scheint in den bürokratischen Mühlen zwischen G-BA, Gesundheitsministerium und den unterschiedlichen Interessenlagen der Selbstverwaltungspartner zerrieben zu werden. Die aktuelle Bilanz ist sehr überschaubar. In den bereits definierten ASV- Indikationen wie gastrointestinale Tumore und für Tuberkulose sind weniger als 400 Patienten behandelt worden. Für die Behandlung des Marfan-Syndroms hat sich seit gut einem Jahr noch nicht einmal ein Spezialistenteam gefunden. Die für die Behandlung im Rahmen der ASV bereitstehenden Sondermittel schlummern bei den Kassen.Nun tut sich eine weitere Hürde auf: Der G-BA ist an einen Grundsatzbeschluss gebunden, der seinerzeit eine Priorisierung der für die ASV infrage kommenden Bereiche festgelegt hat. Der Katalog wurde auch vom Gesetzgeber zementiert und letztendlich in der Verfahrensordnung des G-BA verankert. Letztere ist nicht einmal mit dem Versorgungsstrukturgesetz in allen Punkten kompatibel, so dass wohl erst die Politik und die Gremien der im G-BA zusammengeschlossenen Selbstverwaltung aus Kassen, Kliniken und Ärzten „neu nachdenken“ müssen. Dass dieses Not tut, bestätigte kürzlich auf dem ASV-Bundeskongress auch die engagierte Verfechterin und Gestalterin der ASV-Projekte, Dr. Regina Klakow-Franck. Damit man für die Versorgungsform endlich eine kritische Masse an Patienten erreiche, würde die stellvertretende G-BA-Vorsitzende gerne die Vorgaben für Krebserkrankungen bündeln, ebenso die für seltene Lebererkrankungen, wie es Patientenvertreter schon länger fordern. Kurzum: Die Priorisierung der ASV soll künftig stärker am aktuellen Bedarf ausgerichtet werden. Statt aber flexibel zu reagieren, scheint es momentan eher, dass die ASV in den Gremien und Institutionen geblockt wird. Ein Beispiel ist die ASV-Richtlinie für gastrointestinale und gynäkologische Tumoren. Dem Ministerium passte die Definition einer Fixierung auf schwere Verlaufsformen nicht. ASV-Projekte schaffen den Marsch durch die Institutionen offenbar nur im Kriechtempo.

Regionale Netzwerke steuern die Versorgung

Ohne eine Innovationsstrategie werden wir den zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitswesen nicht begegnen können. Doch wie kommen die Innovationen ins System? Welche Anforderungen müssen an diese Innovationen gestellt werden, d.h. was sind die „richtigen“ Innovationen? Und wie lassen sich ihre Ergebnisse messen?

Die Integrierte Versorgung Gesundes Kinzigtal ist selber mit ihrem Geschäftsmodell des Einsparcontractings eine Innovation und hat darüber hinaus seit mehr als zehn Jahren zahlreiche innovative Versorgungsmodule entwickelt, die auch an anderen Stellen Impulse für die Zukunft geben können. Darüber wurde im Rahmen eines „Parlamentarischen Abends“ am 6. Juni in Berlin mit Politikern und Gesundheitsexperten diskutiert.Prof. Dr. Gerd Glaeske, Lehrstuhl am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und Mitglied des Aufsichtsrats der OptiMedis AG, die als Managementgesellschaft das Projekt Gesundes Kinzigtal steuert, führte in die Diskussion ein: „Das Gesundheitswesen in Deutschland ist gut. Aber es geht noch besser. Im deutschlandweit bekannten Gesundes Kinzigtal haben wir es geschafft. Die wissenschaftliche Evaluation und unsere internen Analysen zeigen, dass die Versorgung in der südbadischen Region besser ist als andernorts. Die Kinzigtäler sind aktiver, die beteiligten Krankenkassen gewinnen zusätzliche Versicherte und die Kosten sind verglichen mit dem Bundesdurchschnitt geringer. Auch in anderen Regionen Deutschlands und im Ausland arbeiten wir mit engagierten Ärztenetzen und Krankenhäusern zusammen. Unser gemeinsames Ziel ist – ähnlich wie in Gesundes Kinzigtal –, mit einer oder mehreren Krankenkassen eine Integrierte Versorgung aufzubauen, die alle Fachgruppen und Sektoren einbezieht und sich auch stufenweise umsetzen lässt.“Glaeskes Fazit: „Die populationsorientierten Versorgungskonzepte, die OptiMedis vertritt, haben die Patientenorientierung auf Basis eines Qualitätswettbewerbs bei Ärzten, Krankenhäusern und anderen Anbietern im Gesundheitswesen wie Therapeuten und Pflegeanbietern im Blick. Dies ist aus meiner Sicht die einzige Chance, auf Dauer Unter-, Über- und Fehlversorgung zu verringern.“Bärbel Mielich, neue Staatssekretärin der Grünen im baden-württembergischen Sozialministerium, ordnete „10 Jahre Gesundes Kinzigtal als einen Grund zum Feiern“ ein, das Projekt „habe Strahlkraft über die Region hinaus“.Kernergebnisse aus dem Projekt Gesundes Kinzigtal: Der Vergleich mit Versorgungsdaten zwischen Versicherten in Baden-Württemberg ohne Kinzigtal und den im Projekt Gesundes Kinzigtal eingeschriebenen Versicherten zeigt eine Verminderung der Überversorgung in der Projektregion, höhere Zufriedenheit bei Patienten wie Leistungserbringern, positive Effekte der Schulungs- und Präventionsprogramme insbesondere bei weiblichen Versicherten mit einem Anstieg der Lebenszeit und dazu noch eine nachweisbar höhere Effizienz.In einem Vergleich zwischen den für die Versorgungsfälle von den Kassen erstatteten Normkosten zu den tatsächlich abgerechneten Kosten im Kinzigtal-Projekt zeigten sich deutliche Kostenvorteile im Modellprojekt. Dort lagen die Kosten im Jahr 2014 bei 73 Millionen Euro und damit 5,5 Millionen Euro niedriger als die ansonsten fälligen Normkosten.Dieses erwirtschaftete Plus wird zwischen den beteiligten Krankenkassen AOK Baden-Württemberg und LKK sowie der Managementgesellschaft aufgeteilt. Knapp die eine Hälfte fließt an die Kassen zurück (nun ist auch die TK eingestiegen), mit der etwas größeren anderen Hälfte der so generierten Mittel finanziert sich die Steuerungsgesellschaft. Nur zum Start gab es eine Anschubfinanzierung durch die beiden Kassen in Höhe von 4 Mio. Euro für zwei Jahre.Ein Ärztenetz hat es im Kinzigtal auch schon vor dem Projektstart gegeben – wie an etlichen anderen Orten auch. Aber erst als die Managementgesellschaft die Steuerung übernahm, gewann das Projekt an Fahrt, konnten sich die Ärzte wieder zu 100 Prozent ihren eigentlichen Aufgaben widmen. Zudem trägt das hohe Engagement der Leistungserbringer wie die Treue der eingeschriebenen Patienten zum Erfolg bei. „Ärzte in Netzen sind Überzeugungstäter“, machte der beteiligte Hausarzt Martin Wetzel deutlich. „Wir haben gelernt, auch Therapeuten und Pflegende, die Patienten und deren Familien in die Behandlungen einzubeziehen.“ Aber Wetzel wies auch darauf hin, dass rund die Hälfte der am Projekt teilnehmenden Ärzte bereits über 55 Jahre alt sei. Zukunftskonzepte seien gefragt. Ein erfolgreiches Modell wie Gesundes Kinzigtal sollte sich doch auch an anderen Stellen entwickeln lassen. Da sei die Politik gefragt.Optimedis-Vorstand Dr. Helmut Hildebrandt machte eine kurze Rechnung auf: Würden rund 20% der GKV-Versicherten nach dem Modell Gesundes Kinzigtal behandelt, ergäben sich hochgerechnet Einsparungen in Höhe von über 960 Mio. Euro für die Solidarkassen. Darauf stiegen die Gesundheitspolitiker in der Diskussion nicht ein. Hilde Mattheis (SPD) brachte den Innovationsfonds als wichtigen Hebel ins Spiel, sie hoffe da noch auf viele Bewerbungen. Das Projekt Gesundes Kinzigtal sei aber durchaus ein Modell für andere Regionen. Da hätte sich die Kommunalpolitik massiv bewegt und das Projekt im Sinne der Daseinsvorsorge unterstützt – ähnliches plane die Bundesregierung ja auch mit dem PSG III in der Pflege vor Ort.

ABDA: Wenn weniger mehr ist

Neue Zahlen zeigen, dass auch die Apotheken beträchtlich vom demografischen Wandel betroffen sind.

Es gibt immer weniger Apotheken in Deutschland, aber die Zahl der Beschäftigten steigt trotzdem. Das ist das Ergebnis einer neuen Statistik der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) für das Jahr 2015. So sank die Zahl der Apotheken um rund 200 Niederlassungen auf 20.249. Und auch im neuen Jahr hält der Trend an: die Zahl sank im ersten Quartal 2016 um weitere knapp 60 Apotheken. Die Haupt- und Einzelapotheken gingen um rund 300 auf 15.968 zurück. Dagegen legten die Filialapotheken um gut 100 zu. Das heißt, auch der Trend zur Zweitapotheke hält an. Ein Apotheker darf maximal eine Hauptniederlassung und drei Filialen betreiben. Ursache für den Apothekenrückgang sollen neben Wettbewerb und Auswirkungen demografischer Verschiebungen auch erhöhte regulatorische Auflagen sein. Die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich nimmt hingegen weiter zu. Sie stieg 2015 um fast 2000 auf den Höchststand von 154.500 an. Allerdings gebe es einen großen Konkurrenzkampf um qualifizierten Nachwuchs, geht aus dem Bericht hervor.

Hauptstadtkongress 2016: Digitalisierung überall

Ausgezeichnete Projekte aber fehlende digitale Infrastruktur. Politik und Praktiker debattierten beim Hauptstadtkongress wie es in Sachen digitale Gesundheit weitergehen soll.

Keine Zufälle mehr und wenn gebummelt wird, dann gibt es Sanktionen. Das kündigte Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), bei der Eröffnung des 19. Hauptstadtkongresses mit Blick auf die langsame Umsetzung der Telematikinfrastruktur an. Es gebe in Deutschland tolle Pilotprojekte, aber die kämen nicht zueinander, „weil die Datenautobahn fehlt, um sie in die breite Fläche zu bringen“. Die Telematik-Infrastruktur werde mit Nachdruck vorangetrieben und die Bundesregierung wolle natürlich die mit dem eHealth-Gesetz verabschiedeten Fristen einhalten, so die CDU-Politikerin. Für Innovation gebe es drei Voraussetzungen: Echte Innovationen bringen einen wirklichen Fortschritt für Lebensqualität und Lebenschancen. Sie müssen sich am Versorgungsbedarf orientieren und drittens dürften Innovationen „keine Eintagsfliegen“ sein, so Widmann-Mauz. Ihr Kollege Norbert Paland, im BMG zuständig für die Gesundheits-IT, kritisierte: „Wenn man einer Selbstverwaltung etwa 30 Sanktionsfristen gibt, dann muss man erstmal gucken, dass sie diese abarbeitet.“ Dennoch sieht er die Digitalisierung des Gesundheitswesens auf dem richtigen Weg, was er am Beispiel des elektronischen Rezepts erklärte: „Klar wird auch das eRezept kommen. Man hat es zurückgestellt, aber nicht aufgegeben. Wenn der Medikationsplan kommt, dann sind die Apotheken an das System angebunden.“ Das sei dann der Zeitpunkt, um sich intensiv mit dem eRezept zu beschäftigen.Bei den niedergelassenen Fachärzten haben einige Vorreiter keine Lust zu warten. Sie nehmen die Digitalisierung selbst in die Hand. Dr. Klaus Strömer, niedergelassener Facharzt für Dermatologie und Allergologie in Mönchengladbach und Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen, berichtete, dass sich der Verband nach der Onlineterminvergabe nun auch an der bundesweiten Online-Video-Sprechstunde versuche. Diese sei für Patienten eine große Zeitersparnis ohne Wartezeiten, wenn es nur um ein Update in einer laufenden Behandlung gehe. Von stetigem Datenfluss profitiert hingegen Dr. Volker Leonhardt, niedergelassener Facharzt für Innere Medizin und Leiter des HIZ in Berlin. „Wir haben jeden der 1.000 Patienten jeden Tag auf dem Schirm“, berichtete er stolz. Möglich macht es Device basierte Telemedizin, also Implantate, die Daten aufzeichnen und dem Arzt übermitteln. Seine Langzeit-Herzpatienten sollen nach Möglichkeit nur einmal im Jahr in die Praxis kommen. Auf konventionellem Wege würde es dagegen überhaupt kein Monitoring geben. Neben dem Melden von Herzrhythmusstörungen oder Kammerflimmern können die Implantate auch ihren technischen Status und Zustand abrufen – zum Beispiel, wenn eine defekte Mess-Elektrode ausgetauscht werden muss.

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