Berlin-Chemie Newsletter vom 15. Dezember 2022

Berlin-Chemie Newsletter vom 15. Dezember 2022

Interview:

  • Wo steht die Telemedizin heute und bei welchen Indikationsgebieten kommt sie zum Einsatz?
    EinBlick sprach mit Linus Drop, dem Co-Geschäftsführer der SHL Gruppe Deutschland,  über Fernbehandlung und Telemedizin sowie deren Integration in die Regelversorgung

Kurzstrecke:

  • Digitale Betreuung im Alltag von Patient:innen mit Herzinsuffizienz
    Unterstützung durch Telemedizin-Zentrum

  • »Es kann nicht sein, dass wir wegen ein paar Cent Einsparungen die Versorgung gefährden«
    Bundesregierung will gegen Lieferengpässe bei Arzneimitteln vorgehen

  • Bewertungsverfahren für DiGA sollte verbessert werden
    Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) kritisiert derzeitiges DIGA-Zulassungsverfahren

  • Kinderärzt:innen halten nichts von Lauterbachs Ideen
    Maßnahmen gegen Überbelastung von Kinderkliniken

Interview:

  • Mehr Zeit für den Arztberuf und die Berufung: das Heilen der Patient:innen
    Einblick sprach mit mit Dr. Dominik Pförringer über Digitalisierung und Empathie

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Umfrage in Kliniken
    Keine freien Intensivbetten für kritisch kranke Kinder

  • Smart Hospitals 
    Sind Deutschlands Krankenhäuser bereit für die Transformation?

  • Medizinische Versorgungszentren in Deutschland
    Finanzielle Lage stabil, personelle Situation schwierig

  • Bundestag beschließt Krankenhauspflegeentlastungsgesetz (KHPflEG)
    Pflegekräfte sollen mehr Zeit für Patient:innen erhalten


Interview:

Wo steht die Telemedizin heute und bei welchen Indikationsgebieten kommt sie zum Einsatz?

Einblick sprach mit Linus Drop, dem Co-Geschäftsführer der SHL Gruppe Deutschland, über Fernbehandlung und Telemedizin sowie deren Integration in die Regelversorgung

 

 

Linus Drop

arbeitete bei der InterComponentWare AG als KeyAccount Manager für gesetzliche und private Krankenversicherungen und anschließend als Vertriebsleiter Telematikinfrastruktur und strategische Accounts. Danach war er als Geschäftsführer der Sanvartis GmbH tätig und gründete im Juni 2017 die jumedi GmbH, wo er bis heute auch Geschäftsführer ist. Seit Januar 2021 ist er außerdem als Managing Director der SHL Gruppe Deutschland tätig, einer der Marktführer im Bereich Telemedizin in Deutschland.

 

 

Herr Drop, die Telemedizin hat durch Corona einen enormen Zuwachs erhalten. Wo steht die Telemedizin Ihrer Ansicht nach heute?
In der Pandemiezeit kamen zwei Dinge zusammen. Zum einen waren die ärztlichen Praxen geschlossen, aber der Bedarf an ärztlicher Behandlung war dadurch ja nicht verschwunden. So entstand eine Situation, in der vor allem ältere Ärzt:innen, die vielleicht vorher von der Telemedizin oder der Onlinesprechstunde nicht so überzeugt waren, den praktischen Nutzen sahen. Und das hat sowohl bei Mediziner:innen als auch Patient:innen das Bewusstsein verändert, indem es  andere Voraussetzungen geschaffen hat, was Befähigung und Akzeptanz betrifft. Zum anderen gab es vor zwei Jahren eine aktive Gesetzgebung, die einige Rahmenparameter für digitale Gesundheitsthemen verbessert hat. Insofern sind da zwei Effekte zusammengekommen, was dann dazu geführt hat, dass beispielsweise das Thema Fernbehandlung doch ein erhebliches Wachstum hatte und sich verstetigt hat. Damit ist Telemonitoring inzwischen in der Regelversorgung angekommen.

Bei welchen Indikationsgebieten wird Telemedizin heute schon breiter eingesetzt?
Im Bereich der Herzinsuffizienz beispielsweise kann eine Ärztin oder ein Arzt eine Patientin oder einen Patient in die Regelversorgung einschreiben, und eine Kardiologin oder ein Kardiologe kann somit eine telemedizinische Leistung erbringen und abrechnen. Das heißt, wir haben jetzt erstmals tatsächlich ein Telemonitoring in Deutschland als Teil der Regelversorgung. Patient:innen, die zu ihren Ärzt:innen gehen, haben das Recht, diese Leistungen zu erhalten. Wenn wir weiter in die Zukunft schauen, sehe ich ein großes Potential zum Beispiel im Bereich der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD.

Sie hatten mit Restiva COPD zusammen mit der AOK Bayern ein Projekt auf den Weg gebracht. Was waren dort die Ergebnisse?
Die Ergebnisse stammen aus dem Projekt, das wir zusammen mit der AOK Bayern durchgeführt haben. Es gab tatsächlich eine Reduktion der Sterblichkeit und auch einen positiven Kosteneffekt. Um den mal kurz zu beziffern: Der Kosteneffekt bei leichter COPD lag bei etwas über 1.000 Euro und bei einer mittleren COPD bei rund 2.500 Euro. Wenn man es jetzt mal nur rein ökonomisch betrachten möchte, war das ein Gewinn.

Könnten Sie das bitte kurz in einen Kontext stellen, der verdeutlicht, um welche Größenordnung es in Bezug auf die Gesamtkosten  in dem konkreten Fall COPD geht?
Für eine leichte COPD liegen die durchschnittlichen Behandlungskosten normalerweise bei etwas über 10.000 Euro. Durch unser telemedizinisches Projekt haben wir diese um 1.000 Euro reduziert. Das sind zehn Prozent weniger, was aus meiner Sicht durchaus relevant ist. Bei der mittelschweren COPD wird die Kostenersparnis noch deutlicher. Da liegen die Behandlungskosten normalerweise bei rund 14.000 Euro. Wenn die also um 2.400 Euro abgesenkt werden können, kann man sehen, dass es da prozentual wirklich einen ganz erheblichen Effekt auf die Kosten gibt. Wir senken an vielen Stellen die Kosten, sie werden aber an anderer Stelle auch erhöht. Das ist im Effekt mit drin.

Sollten Ihrer Meinung nach besondere Versorgungsformen und somit Selektivverträge neben der Regelversorgung weiter Relevanz behalten?
Ich denke, dass der Selektivvertrag, auch wenn mehr und mehr telemedizinische Themen in die Regelversorgung kommen, trotzdem ganz klar seine Berechtigung behalten wird. Zum einen ist für mich ein Selektivvertrag immer auch ein Experimentierfeld, auf dem man mal eine Hypothese in die Praxis bringt, sie erprobt und Erkenntnisse gewinnt. Diese könnten dann in der Regelversorgung münden. Das ist sozusagen die Innovationsmöglichkeit. Wenn man die nicht hätte, würde es in der Regelversorgung fast keine Neuerungen geben können. Und zum anderen, das sehen wir jetzt auch gerade im Bereich der Herzinsuffizienz, existieren weiterhin Selektivverträge. Warum? Weil die Regelversorgung zwar einen gewissen wissenschaftlich erprobten Stand abbildet, aber das ist möglicherweise nicht das Optimum dessen, was erreicht werden kann.

Wie sollte Telemedizin Ihrer Meinung nach besser in der Regelversorgung verankert werden?
Das Ganze muss einfach viel schneller umgesetzt werden. Die ganzen telemedizinischen Behandlungen im Bereich der Herzinsuffizienz haben ungefähr sieben Jahre für das Durchlaufen der notwendigen Prozessschritte benötigt. Das heißt, was wir aus meiner Sicht unbedingt brauchen, ist ein anderes Prozedere, wie so etwas in die Versorgung kommt. Wir brauchen einen klaren Weg, wie beispielsweise bei den Digitalen Gesundheitsanwendungen. Da ist klar definiert, dass es einer bestimmten Studienkonstellation bedarf, die vorgewiesen werden muss. Auch wissen wir, dass innerhalb von drei Monaten eine Entscheidung getroffen werden muss, ob es zu einer Anwendung in die Versorgung kommt oder nicht. Und wenn man das mal vergleicht, sieben Jahre versus drei Monate, sieht man, was wir brauchen, wenn wir wirklich innovativ Dinge machen wollen.

Im Gesundheitsministerium wird derzeit an einer Digitalstrategie gearbeitet. Was wäre Ihr Punkt Nummer eins, der da unbedingt reingehört?
Der wichtigste Punkt ist für mich, dass uns die Balance zwischen Nutzen und Datenschutz aktuell nicht so ganz gut gelingt. Das ist mein Eindruck. Insbesondere wenn man sich die anderen europäischen Länder anschaut, die unter denselben datenschutzrechtlichen Regelungen arbeiten, denn die DSGVO gilt nun mal europaweit. Auch die Datenschützer dort, davon gehe ich aus, nehmen ihre Aufgabe ernst. Aber wenn ich dann sehe, wie wir arbeiten – ob ich jetzt auf das E-Rezept schaue oder die e-PA, oder auf andere ganz zentrale Dinge in der digitalen Strategie -, dann kommen wir nicht voran.
Die Kunst wird also sein, wie wir das aufgelöst bekommen. Das wäre für mich der wichtigste Punkt, den die Digitalstrategie wirklich auch beantworten muss. Wie wir diesen Sicherheitsaspekt auf der einen Seite und andererseits aber auch den Nutzenaspekt, von dem die Patient:innen profitieren, ausbalanciert bekommen.

Hier können Sie das komplette Interview mit Linus Drop als EinBlick – nachgefragt anhören https://soundcloud.com/einblick-berlin-chemie/einblick-nachgefragt-20221123


Kurzstrecke

 

Digitale Betreuung im Alltag von Patient:innen mit Herzinsuffizienz

Unterstützung durch Telemedizin-Zentrum

Herzinsuffizienz-Patient:innen in der Region Rhein-Neckar können ab sofort digitale Unterstützung durch ein neues Telemedizin-Zentrum in Mannheim erhalten. Betrieben wird es durch die ze:roPRAXEN, Technologiepartner ist die SHL Telemedizin Gruppe. Die Koordination des Zentrums verantwortet der Kardiologe Dr. Michael Rodenbach.

Für die Aufnahme in das Programm sind das Stadium und die Schwere der Herzinsuffizienz ausschlaggebend. Hausärzt:innen, Kardiolog:innen oder internistische Fachärzt:innen schreiben die Erkrankten ein und bleiben Ansprechpartner:innen. Über Messgeräte werden täglich Blutdruck, Gewicht und Herzrhythmus erfasst. Ein per Bluetooth verbundenes Tablet ermöglicht den Transfer von Daten und die Beantwortung von Fragebögen. Durch die tägliche Kontrolle der Messwerte können die behandelnden Ärzt:innen schnell auf Verschlechterungen reagieren, Anpassungen an der Therapie vornehmen und so häufig Krankenhausaufenthalte vermeiden.

 

»Es kann nicht sein, dass wir wegen ein paar Cent Einsparungen die Versorgung gefährden«

Bundesregierung will gegen Lieferengpässe bei Arzneimitteln vorgehen

Um gegen Lieferengpässe bei Medikamenten vorzugehen, plant die Bundesregierung Änderungen des Vergaberechts. Das sagte ein Sprecher des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in Berlin. Zuletzt wiesen eine Vielzahl von Apotheker:innen auf die schlechte Situation bei der Belieferung mit Medikamenten hin. Sowohl Fiebersäfte für Kinder als auch Magensäureblocker, Hustensäfte und Blutdruckmittel seien seit einigen Wochen selten in den Apotheken vorzufinden.

Die Situation sei trotz vorhandener Instrumente zu Ausweichpräparaten bei Engpässen unbefriedigend. Deshalb sei es das Ziel der Regierung, nun die Lieferketten breiter anzulegen, damit die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern abnimmt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte in diesem Zusammenhang den Krankenkassen zugesagt, dass diese nicht länger dazu gezwungen seien, Medikamente und Wirkstoffe dort einzukaufen, wo sie am günstigsten sind. »Wir versuchen, bei den Wirkstoffen zum Teil ein paar Cent zu sparen, und riskieren dabei die Versorgung der Bevölkerung.« Die gesetzlichen Krankenkassen sowie der Marburger Bund begrüßten die geplanten Änderungen.

 

Bewertungsverfahren für DiGA sollte verbessert werden

Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) kritisiert derzeitiges DIGA-Zulassungsverfahren

Mit dem Digitale-Versorgungs-Gesetz wurden Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) als neuer, digitaler Versorgungsbereich in Deutschland eingeführt. Aktuell sind im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 33 DiGA gelistet – fünf weitere wurden aus dem Verzeichnis gestrichen. Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) sieht Nachbesserungsbedarf beim Zulassungsprozess von Digitalen Gesundheitsanwendungen, nachzulesen im Papier ›Mehr Konsistenz und Planbarkeit im DiGA-Zulassungsverfahren‹.

Kritik gibt es u.a. an den zeitlichen Abläufen des Antragverfahrens, den Anforderungen an die systematische Datenanalyse sowie an der Integration von DiGA in die Versorgung, was in insgesamt sieben Punkten detailliert ausgeführt wird.

Fünf konkrete Nachbesserungen werden vom SVDGV, der als Verband die Interessen von DiGA- und DiPA (Digitale Pflegeanwendungen)-Herstellern vertritt, gefordert.
Eine rechtlich bindende Vorabprüfung (Pre-Assessment) sowohl für DiGA als auch für DiPA soll durch das BfArM erfolgen. So könnten die Hersteller eine zuverlässige Antrags- und Studienplanung vornehmen, und überraschende Ablehnungen aufgrund fehlender Eignung könnten vermieden werden.

Im Fast-Track-Verfahren sollte eine Clock-Stop-Periode sicherstellen, dass Hersteller ausreichend Zeit eingeräumt bekommen, um umfangreiche Rückfragen detailliert beantworten zu können. Für die Planung und Abfolge des Gesamtverfahrens seien konkrete Fristen notwendig. Die menschlichen Leistungsanteile sollten künftig berücksichtigt werden – der Verband weist darauf hin, dass dies vom Gesetzgeber schon im SGV V vorgesehen sei. Damit das Fast-Track-Verfahren beim BfArM zuverlässig durchgeführt werden könne, sei eine ausreichende personelle Ausstattung notwendig. Diese müsse das erhöhte Arbeitsaufkommen, das durch die Einführung der DiGA entstanden ist, berücksichtigen.

 

Kinderärzt:innen halten nichts von Lauterbachs Ideen

Maßnahmen gegen Überbelastung von Kinderkliniken

Aufgrund der aktuell schwierigen Situation in Kinderkliniken hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach kurzfristig Vorschläge unterbreitet, um dem Pflege- und Bettennotstand in Kinderkliniken zu begegnen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ) kritisiert die vorgestellten Maßnahmen stark. »Dem Gesundheitsminister fällt in der aktuellen Situation nichts anderes ein, als Eltern zu raten, Vorsorgeuntersuchungen um wenige Wochen zu verschieben, um Praxen in der Infektionswelle zu entlasten«, sagt Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ. Dabei würde das vor allem die psychische Gesundheit von Kindern gefährden. So hätten viele Kinder unter den pandemiebedingten Lockdowns schwer gelitten und psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsstörungen gezeigt. Diese würden oft in den Vorsorgeuntersuchungen erstmals diagnostiziert. Durch die Verschiebung der Vorsorgetermine blieben diese Krankheiten unbehandelt und könnten chronisch werden.

Des Weiteren rät Lauterbach dazu, Personal aus Erwachsenenstationen auf Kinderstationen zu entsenden. »Dadurch werden fachfremde Kräfte in Akkordarbeit schwerkranke Frühgeborene, Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche versorgen: ein Desaster!«, sagt Fischbach.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


Interview

 

Mehr Zeit für den Arztberuf und die Berufung: das Heilen der Patient:innen

EinBlick sprach mit Dr. Dominik Pförringer über Digitalisierung und Empathie

 

 

Dr. Dominik Pförringer

studierte Humanmedizin in Regensburg, promovierte am Klinikum Rechts der Isar/München und absolvierte seinen MBA am französischen INSEAD Institut für Wirtschaft. Heute arbeitet er jeweils zur Hälfte in Klinik und Praxis, hat ein eigenes Start-up gegründet und wünscht sich mehr Zeit für die Behandlung von Patient:innen.

 

 

 

 

Dr. Pförringer, Sie nennen sich Digitalarzt? Wie definieren Sie dies?
Der Begriff ist weder geschützt noch gibt es eine Definition dazu. Ich möchte die digitale Entwicklung in der Medizin katalysieren und vorantreiben. Oft gibt es Ängste und Vorurteile, klassische Mediziner:innen sind nicht sehr innovationsaffin. Genau das versuche ich zu ändern, indem ich die Augen öffne für Technologien, die unser Leben erleichtern. Ich möchte anderen Ärzt:innen helfen und dadurch letztendlich den Patient:innen eine bessere Therapie und Diagnostik ermöglichen.

Unter anderem deshalb haben Sie ein Start-up gegründet?
Ja, gemeinsam mit zwei Partnern habe ich das Unternehmen Doctos gegründet. Es beschäftigt sich mit der Dokumentenerfassung und -weiterverarbeitung. Ärzt:innen ‚verschwenden‘ 30 bis 50 Prozent des Tages mit Dokumentationsarbeiten. Das Ziel von Doctos ist es, ihnen die Tastatur wegzunehmen – im positiven Sinn. Über Sprachassistenz und KI erleichtert die Software alle dokumentationsbasierten Aufgaben.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland kommt nicht recht in Fahrt. Was kann besser werden?
Wir müssen mehr ins Tun kommen und nicht nur reden. Wir müssen Dinge umsetzen und uns weniger mit Datenschutz und Regulatorik befassen… Wir Deutschen möchten gern ein unsinkbares Schiff bauen, trauen uns aber nicht, es im Wasser zu testen. Doch es ist nötig, einfach mal zu probieren und aus unseren Fehlern zu lernen. Dabei darf es allerdings keine Experimente auf dem Rücken der Patient:innen geben. Trotzdem: Wir brauchen einfach mehr Mut!

Eine Sache, die vorangebracht wurde, sind die DiGA. Wie stehen Sie dazu?
Es ist begrüßenswert, was in der letzten Legislatur in Richtung Digitalisierung passiert ist. DiGA sind, europaweit anerkennend betrachtet, eine positive Entwicklung. Leider wurden sie ein wenig an der Realität vorbei entwickelt. Ich frage auf verschiedenen Kongressen die Menschen aller Altersgruppen, ob sie jemals DiGA verwendet oder verschrieben haben. Die positiven Rückmeldungen liegen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das bedeutet: Es ist noch keine breite Akzeptanz vorhanden. Viele Dinge sind noch nicht möglich, aber DiGA sind ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings ist nicht jede DiGA gut. Hier wird sich herauskristallisieren, welche Anwendungen einen echten Mehrwert für Patient:innen bieten und am Ende überleben, also eine ausschlaggebende Grundlage für eine künftige Vergütung bieten.

Sie arbeiten zu 50 Prozent in der Klinik und zu 50 Prozent in der eigenen Praxis, wie geht das?
Diese Aufteilung habe ich frei gewählt und schätze sie sehr. Die Hälfte meiner Zeit verbringe ich mit DRGs, Abrechnung und Bürokratie im Klinikum rechts der Isar. Ich treibe dort die Forschung voran und begleite die Ausbildung von jungen Ärzt:innen. Diese Dinge liegen mir am Herzen, und ich werde mich hier auch weiter einbringen. Daneben habe ich in meiner eigenen Praxis Patient:innen, die ich von A bis Z behandeln kann, vor allem in der konservativen Orthopädie, also ohne Operation. Nichts ist erfüllender als die kurative Medizin. Für mich ist diese Aufteilung ideal, man muss aus beiden Welten das Beste mitnehmen und daraus lernen.

Welchen Rat haben Sie an niedergelassene Kolleg:innen, vor allem in Richtung TI und ihrer Nutzung?
Zunächst einmal muss man schauen, ob die jeweiligen Kolleg:innen technisch affin sind oder nicht. Wenn man gegen eine Wand redet, weil die Gesprächspartner:innen nichts Neues möchten, lässt man es lieber. Oft sind es die ‚Dinosaurier‘, die mit ihren alten Technologien weiterarbeiten und so auch in den Ruhestand gehen werden.
Ich würde jedem gern immer sagen: Probieren Sie mal etwas aus, lassen Sie sich die Dinge zeigen und machen Sie sich die Technologie zum Untertan. Wir sind nicht die Sklaven unserer Technik. Wir müssen am Ende wieder mehr Zeit haben für das, was unser Beruf und unsere Berufung ist: das Heilen der Patient:innen.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wo stehen wir Ihrer Meinung nach in fünf Jahren digital im Gesundheitswesen in Deutschland?
Auch wenn es ein wenig Wunschdenken ist, hoffe ich, dass wir weniger Papier haben und ohne Tastatur intuitive Bedienungsassistenzsysteme nutzen können. Wenn wir Geräte entwickeln, die das Leben leichter und nicht komplizierter machen, werden wir Akzeptanz schaffen. Ich gehe davon aus, dass wir in fünf Jahren hoffentlich große Teile dessen, was wir heute papierbasiert nutzen, digital abbilden können. Daneben werden wir  viele Dinge hoffentlich nicht mehr über das Fax lösen, sondern auf echten digitalen Wegen. Ich wünsche mir, dass Ärzt:innen wieder mehr Zeit und Muße haben, sich um die wichtigsten Personen zu kümmern: die Patient:innen, die im Fokus aller Bemühungen stehen sollten.
Wenn man angespannt ist, beispielsweise aufgrund nutzloser bürokratischer Tätigkeiten, leiden sowohl die Empathie als auch die Qualität des ärztlichen Handelns. Ich hoffe, dass wir in den nächsten fünf Jahren eine Digitalisierung zum Wohle der Patient:innen erleben werden.

Hier können Sie das komplette Interview mit Dr. Dominik Pförringer als EinBlick – nachgefragt anhören https://soundcloud.com/einblick-berlin-chemie/einblick-nachgefragt-221207


Startup-Telegram

 

Eine Präventions-App für den Schlaf hat das Unternehmen ResMed entwickelt. Der zwölfwöchige Onlinekurs ›Dein Schlaf. Dein Tag, powered by SleepScore‹ soll gesundes Schlafverhalten fördern. Die App wurde in Zusammenarbeit mit SleepScore Labs entwickelt, einem globalen Anbieter datenbasierter digitaler Lösungen. Über Sonartechnologie wird die Schlafphase der Nutzer:innen gemessen und analysiert. Auf Basis dieser Daten können sie aktiv an einem gesunden Schlafverhalten arbeiten. Durch die Zertifizierung bei der Zentralen Prüfstelle für Prävention (ZPP) übernehmen Krankenkassen die Kosten für Kurs und App. www.deinschlaf-deintag.de

Das Dresdner Start-up Harmody entwickelte eine Methode zur Linderung von Tinnitus: Ein Musikplayer harmonisiert den störenden Ton und verspricht mehr Lebensqualität für Betroffene. In die App ist fast jede Wunschmusik integrierbar. Durch einen patentierten Algorithmus wird der Tinnituston umspielt und verschwindet für Nutzende. Bereits nach 15 Minuten setzt ein Soforteffekt ein und hält einige Zeit an. So werden Schlaf- und Konzentrationsstörungen deutlich minimiert. Eine 60-minütige Testversion mit kleiner Musikbibliothek ist kostenfrei, daneben gibt es kostenpflichtige Abo- oder Zeit-Modelle. www.harmody.de

Eine Software, die mobile Ganganalysen ohne Sensorik per Smartphone ermöglicht, haben Gründer:innen aus der Lausitz entwickelt. Sie wird seit Herbst 2022 an Schlaganfallpatienten getestet. Läufer:innen und Triathlet:innen nutzen sie bereits, um langfristig verletzungsfrei zu bleiben. Die Software bietet im ambulanten und klinischen therapeutischen Bereich eine standardisierte Re-Evaluation des Gangbildes mit alltagsnaher Fortschrittsmessung, insbesondere in der ambulanten Nachsorge. Zielgerichtetes Eigentraining und regelmäßiges Feedback ermöglichen gute Behandlungserfolge. Aktuell sucht das Start-up der App MyGoal Training noch Investoren und regionale Partner: https://mygoal.de/invest.


Meldungen

 

Umfrage in Kliniken

Keine freien Intensivbetten für kritisch kranke Kinder

Eine aktuelle Umfrage in Kinderkliniken belegt, dass im Durchschnitt kaum freie Intensivbetten für kritisch kranke Kinder in Deutschland zur Verfügung stehen. Notfallmediziner:innen fordern deshalb neue Strukturen. Eine dringende Handlungsaufforderung sprach u.a. der Kinder-Intensivmediziner Professor Florian Hoffmann aus.

Eine Adhoc-Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in 110 Kinderkliniken hat gezeigt, dass aktuell nur 0,75 freie Betten pro Haus, also weniger als eines pro Standort, verfügbar sind. Insgesamt entspricht dies 83 freien Betten auf pädiatrischen Kinderintensivstationen in ganz Deutschland. Zudem berichtete jede zweite Klinik, dass sie in den 24 Stunden vor dem Abfragetag – 24. November 2022 – mindestens ein Kind nicht für die Intensivmedizin aufnehmen konnte. Alle befragten Kliniken beteiligen sich an der bundesweiten strategischen Patientenverlegung nach dem Kleeblattkonzept, das von der Fachgruppe Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin (COVRIIN) gesteuert wird.

Die alarmierende Gesamtanalyse: Es gibt kaum freie Betten, kein Pflegepersonal und mehr als 100 abgelehnte Patientenanfragen. Von insgesamt 607 möglichen Betten können lediglich 367 Betten betrieben werden. Grund dafür ist hauptsächlich der Personalmangel, von dem insbesondere große Kinderintensivstationen betroffen sind. Besonders oft aufgenommen wurden zuletzt Kinder, die sich mit dem respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) infiziert hatten. Durch eine wellenartige Verbreitung ist bei vielen Kindern aktuell eine Behandlung mit Atemunterstützung notwendig.

Vor diesem Hintergrund fordert die DIVI optimierte Arbeits- und Ausbildungsbedingungen mit adäquaten Ausfallkonzepten, eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte, den Ausbau telemedizinischer Netzwerke und spezialisierte Kinderintensivtransportsysteme. Die Intensivmediziner:innen für Kindermedizin setzen sich dafür ein, die Rechte der Kinder ins Grundgesetz aufzunehmen, um die medizinische Versorgung der Jüngsten nachhaltig zu verbessern. »Wenn unsere Forderungen erfüllt wären, sich der Beruf von medizinischem Personal mit der Familie vereinbaren ließe und die Dauerbelastung in den Kliniken aufhörte, können wir uns wieder um alle schwerkranken Kinder kümmern«, sagte DIVI-Generalsekretär Florian Hoffmann.

 

Smart Hospitals

Sind Deutschlands Krankenhäuser bereit für die Transformation? 

Ein vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) mit Partnern entwickeltes Projekt gibt Handlungsempfehlungen zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in medizinischen Einrichtungen.

Das Self-Assessment-Tool ›KI-Readiness-Check‹ unterstützt Krankenhäuser bei der Transformation zum Smart Hospital. Es wurde unter Leitung des Fraunhofer IAIS mit Konsortialpartnern des Flagship-Projekts SmartHospital.NRW entwickelt und durch das Whitepaper ›Bereit für das Smart Hospital?‹ ergänzt. Das Papier erläutert die Ziele, den Aufbau, die Prinzipien und die Funktionsweise des Checks. Nach der Ermittlung ihres KI-Reifegrads erhalten interessierte Kliniken konkrete Handlungsempfehlungen, wie die Transformation zum »smarten« Krankenhaus gelingen kann.

Das Projekt zielt darauf ab, Patient:innen mit Hilfe von KI besser zu behandeln, das Personal zu entlasten und medizinische Prozesse effizienter zu gestalten. Die Expert:innen des Fraunhofer IAIS, der Universitätsmedizin Essen und der RWTH Aachen wollen über den KI-Readiness-Check Krankenhäuser zum Transformationsprozess anregen. So können beispielsweise Sprachassistenzmodule im Krankenzimmer helfen, relevante alltägliche Informationen über Speisepläne oder Untersuchungen zu erhalten, oder aber das Fernsehgerät zu steuern – unabhängig vom Pflege- oder Servicepersonal. Auch Ärzt:innen können KI-Sprachassistenten nutzen, um bei Eingriffen kontaktlos auf Patienteninformationen zuzugreifen oder medizinische Geräte zu bedienen.

Für die Durchführung des Checks ist Expertise aus den Bereichen IT-Leitung, System- und Anwendungslandschaft, (Digital-)Strategie, Datenmanagement, Personalentwicklung, Innovationsmanagement und Informationssicherheit hilfreich. Weitere Informationen: https://smarthospital.nrw/check. Der Check dient lediglich der Selbstevaluation, die Ergebnisse werden nicht veröffentlicht.

Das Whitepaper stellt die Bedeutung von Digitalisierung und KI für Krankenhäuser heraus und gibt einen Ausblick auf die weiteren Arbeiten des SmartHospital.NRW.
Hier können Sie das Whitepaper herunterladen https://www.iais.fraunhofer.de/content/dam/iais/publikationen/studien-und-whitepaper/smarthospital-ki-readiness-check/KI-NRW-Whitepaper_SmartHospital_Web.pdf

 

Medizinische Versorgungszentren in Deutschland

Finanzielle Lage stabil, personelle Situation schwierig

Zwei Drittel der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) schätzt die Verfügbarkeit von nichtärztlichem medizinischem Personal als schlecht bis sehr schlecht ein. Der Fachkräftemangel verschärft sich auch in den MVZ. Das geht aus einer aktuellen Befragung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) hervor.

Rund 4.200 Medizinische Versorgungszentren in Deutschland haben zunehmend Probleme, qualifiziertes ärztliches und nichtärztliches Personal zu finden. Zwei Drittel der befragten MVZ schätzten die Verfügbarkeit von nichtärztlichem medizinischem Personal als schlecht bis sehr schlecht ein. Zu einer gleichlautenden Aussage kamen drei Viertel der MVZ in ländlichen Regionen. Ähnlich problematisch wurde die Situation von ärztlichem Personal eingeschätzt. So sind 60 Prozent der Befragten der Meinung, dass geeignetes ärztliches Personal schlecht bis sehr schlecht verfügbar sei, in ländlichen Regionen waren es sogar rund 90 Prozent. Am problematischsten würde es im Fachgebiet Allgemeine Chirurgie aussehen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Befragung lag auf der Einschätzung der wirtschaftlichen Gesamtsituation. Dabei zeigte sich, dass etwa drei Viertel der an der Befragung teilnehmenden MVZ ihre Gesamtsituation als gut bewerten. Vertragsarztgetragene MVZ schätzten ihre Gesamtsituation mit 86 Prozent deutlich häufiger als gut ein als krankenhausgetragene MVZ (64 Prozent). Insgesamt bewerteten etwas mehr als die Hälfte der teilnehmenden MVZ die Höhe ihres Jahresüberschusses als gut. Eine gegensätzliche Bewertung zwischen krankenhaus- und vertragsarztgetragenen MVZ zeigt sich allerdings bei Berücksichtigung der Trägerart: Lediglich 37 Prozent der krankenhausgetragenen MVZ bewerteten die Höhe des Jahresüberschusses als gut bzw. eher gut, während es bei den vertragsarztgetragenen MVZ fast drei Viertel (73 Prozent) waren.

 

Bundestag beschließt Krankenhauspflegeentlastungsgesetz (KHPflEG)

Pflegekräfte sollen mehr Zeit für Patient:innen erhalten

Das Gesetz sieht eine Pflegepersonalbemessung im Krankenhaus vor, eine sektorengleiche Vergütung, Förderung für Geburtshilfe und Pädiatrie, eine sichere Hebammenversorgung und Regelungen zur Verbesserung der digitalen Anwendungen.

Mit dem Gesetz soll die Situation der Pflege in den Krankenhäusern verbessert werden. Hierzu sollen Idealbesetzungen für die Stationen errechnet und durchgesetzt werden. Dazu wird ein Instrument zur Personalbemessung (PPR 2.0) eingesetzt, das im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege von allen Beteiligten entwickelt wurde. Anfang des nächsten Jahres startet die Testphase. Ab 2025 soll die Personalbemessung dann flächendeckend gelten. Außerdem plant das Ministerium die Einführung einer Krankenhaustagesbehandlung. Ziel ist es, das Krankenhauspersonal stärker zu entlasten und Patient:innen, die dies wollen, die Übernachtung in vertrauter Umgebung zu ermöglichen. Die Entscheidung hierüber sollen Ärzt:innen und Patient:innen im gegenseitigen Einvernehmen treffen. Um diese Ziele zu erreichen, sollen die Dokumentationsanforderungen bei der tagesstationären Behandlung auf das erforderliche Mindestmaß begrenzt werden.

Des Weiteren sollen die Bundesländer finanzielle Mittel für Geburtshilfeabteilungen erhalten. Bei der Festlegung der konkreten Höhe je Krankenhausstandort sind sowohl die Vorhaltung einer Fachabteilung für Pädiatrie sowie einer für Neonatologie zu berücksichtigen als auch ein bestimmter Anteil vaginaler Geburten, die Geburtenzahl sowie die Möglichkeit der Durchführung des berufspraktischen Teils des Hebammenstudiums. Damit soll eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfestandorten aufrechterhalten werden. Hierfür stehen für die Jahre 2023 und 2024 jeweils 120 Millionen Euro zur Verfügung.

Außerdem werden ab 2025 die Personalkosten von Hebammen vollständig im Pflegebudget berücksichtigt. Damit werden die anfallenden Personalkosten von Hebammen für die Betreuung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen vollständig refinanziert und die Beschäftigung von Hebammen in den Kreißsälen einer unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen gleichgestellt. Zusätzlich enthält das Gesetz Regelungen zur Verbesserung digitaler Anwendungen im Bereich der medizinischen und pflegerischen Versorgung.
So sollen auch Verordnungsdaten im Versorgungsprozess nutzbar gemacht werden.


Bemerkt

 

 

»Wir haben die Ökonomie zu weit getrieben. Eine gute Grundversorgung für Jeden muss garantiert sein, und Spezialeingriffe müssen auf besonders gut ausgestattete Kliniken konzentriert werden. Momentan werden zu oft Mittelmaß und Menge honoriert. Künftig sollen Qualität und Angemessenheit allein die Kriterien für gute Versorgung sein.«

Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach, bei der Vorstellung der Pläne für eine Krankenhausreform in der Bundespressekonferenz am 6. Dezember 2022

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund und Bildung

Ob in der frühkindlichen Bildung, in der Schule, in der beruflichen Ausbildung oder im Hochschulbereich: Der sozioökonomische Hintergrund der Lernenden übt einen Einfluss auf ihren Bildungserfolg aus. So haben es Kinder aus finanziell bessergestellten Schichten oft einfacher in der Schule als Kinder aus einkommensschwachen Haushalten. Das bestätigt nun eine Metaanalyse, die Ergebnisse aus 20 Jahren Forschung zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum systematisiert und zusammenfasst. »Von der Kita bis in den Hochschulbereich sind sozial ungleich verteilte Bildungschancen festzustellen«, sagt Ronja Lämmchen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Mitherausgeberin der Studie.

»Mit der vorliegenden Forschungssynthese geben wir einen Überblick über das seitdem aufgebaute Fachwissen. Wir führen Befunde aus Einzelstudien zusammen und zeigen Forschungslücken auf – in Bezug auf die vorschulische, die schulische, die berufliche und die Hochschulbildung«, ergänzt ihre Kollegin Dr. Anna Bachsleitner.

Für die Forschungssynthese führte das Team eine strukturierte Literaturrecherche durch und anschließend eine von einem Kriterienkatalog geleitete Sichtung der Rechercheergebnisse auf Basis der am Institut betreuten und im Bildungsbereich zentralen wissenschaftlichen Literaturinformationssysteme. 568 Publikationen wurden dabei systematisch ausgewertet. Für die Definition von sozialer Herkunft betrachteten diese Studien die Bildung, das Einkommen und die berufliche Stellung der Eltern. Als davon beeinflusste Bildungsaspekte der Lernenden untersuchten sie die Bildungsbeteiligung, die erreichten Abschlüsse, den Kompetenzerwerb und die Noten.

Hier kommen Sie zur direkt zur Studie https://www.waxmann.com/waxmann-buecher


Empfehlung

 

Mission Possible: Gemeinsam für Gleichberechtigung

In ihrem aktuellen Buch ›Mission Possible: Gemeinsam für Gleichberechtigung‹ zeigen die Autorinnen Cornelia Wanke und Dr. Susan Niemeyer verschiedenste Karrierewege von CEOs, Vorständ:innen und Unternehmer:innen auf. Dabei betonen sie, dass Fairness, Diversity sowie Gleichberechtigung keine wohlfeilen Worte seien. Um herauszufinden, wie das gelingen kann, begleiteten sie herausragende Frauen und Männer auf ihren unterschiedlichen Karrierewegen und beschreiben ihre Erfahrungen. Sie stellen heraus, welche Veränderungen es braucht, damit Männer und Frauen gut, fair und motiviert miteinander arbeiten können.

»Unser Buch soll für die Leser:innen vielmehr ein Mutmacher sein, der anhand der teils steinigen Wege von Frauen und Männern zeigt, dass jeder Traum von Karriere Wirklichkeit werden kann – mit dem richtigen Mindset, den entsprechenden Rahmenbedingungen und vor allem den richtigen Menschen an der Seite«, sagen die beiden Autorinnen.

Weitere Informationen finden Sie hier https://femaleforward.de/


Zuletzt:

 

Was Babys sehen können

Babys im Alter zwischen sechs bis acht Monaten können Bilder, die sie vorgesetzt bekommen, schon in Kategorien wie Gesichter oder Spielzeug einordnen. Zu dieser Erkenntnis kommen Forscher:innen der FU Berlin. Sie zeigten Babys Gegenstände und Bilder und schauten sich dabei ihre Gehirnaktivitäten an. Die gleichen Bilder bekamen auch Erwachsene zu sehen. Dabei zeigte sich, dass die Informationsverarbeitung bei Erwachsenen viel schneller ist. Dabei könnte die langsamere Informationsweiterleitung im kindlichen Gehirn mit den noch nicht ausgereiften Verbindungen zwischen den verschiedenen Gehirnarealen zusammenhängen, so die Forscher:innen.

Aus Sicht der Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl zeige die Untersuchung das enorme Potential moderner Analyseverfahren in den kognitiven Neurowissenschaften auf und lege den Grundstein für weitere entwicklungspsychologische Forschung. »Wir haben nun viel über die Wahrnehmung bei Babys im Vergleich zu Erwachsenen gelernt, aber dazwischen passiert natürlich unheimlich viel«, sagt Stefanie Höhl. Derzeit führt die Arbeitsgruppe daher weiterführende Untersuchungen mit Kindern im Kindergarten- und Schulalter durch.

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