Berlin-Chemie Newsletter vom 11. Februar 2015

Berlin-Chemie Newsletter vom 11. Februar 2015

  • Kassenärzte provokativ
  • Sozialkassen: defensiv
  • AOK Plus: aggressiv
  • AMNOG: sukzessiv
  • Arztportal: lukrativ
  • TK: depressiv
  • Privatpatienten: subversiv
  • Netzwerkerkongress: ultimativ

Kassenärzte provokativ

KBV fordert feste Preise mit Regionalbezug und organisiert Autokorso im Regierungsviertel.

Das Versorgungsstärkungsgesetz treibt die Kassenärzte um und deren Widerstand regt den Bundesgesundheitsminister auf. Die Zuweisung von Facharztterminen und der Zwangsaufkauf von Praxen in überversorgten Gebieten lässt die organisierte Ärzteschaft gegen das Gesetzesvorhaben opponieren und polemisieren. Mittels Plakatwänden auf angemieteten Kleinlastwagen lässt die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV die Regierung wissen was sie davon hält. Nichts! Gröhe betrachtet die Kampagne der Körperschaft als Provokation durch eine „bewusste Fehlinterpretation“. Inhaltlich formiert sich der Widerstand bei § 87a Abs.4a SGBV. Zur Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) gibt es Nachbesserungswünsche. Die Wissenschaftler des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) erachten die im Regierungsentwurf für das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz enthaltenen Regelungen zur regionalen Weiterentwicklung der vertragsärztlichen Vergütung als unzureichend und widersprüchlich. Das Zi will seinerseits zur Bewertung des regionalen Versorgungsbedarfs konkret drei Kriterien heranziehen:

1. die regionale Versichertenstruktur (die Alters,- Geschlechts-, Morbiditäts- und Sozialstruktur beeinflusst das Niveau der Inanspruchnahme)
2. die regionale Versorgungsstruktur (sie bestimmt bei gegebener Versichertenstruktur und unterschiedlicher Arbeitsteilung zwischen der ambulanten und stationären Versorgung die Intensität der Behandlung durch die Niedergelassenen vor Ort)
3. die regionalen Versorgungsziele (sie legen fest, welche Leistungsbereiche zur Weiterentwicklung der ambulanten Versorgung vor Ort gefördert werden sollen)

Gleichzeitig untermauert das Zi damit die Forderung der KBV nach einem größeren Verhandlungsspielraum für die regionalen Vergütungsvereinbarungen zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und den Verbänden der Krankenkassen. Grundlage dieser Vereinbarungen sollten nach Auffassung des Instituts die im Gesetz aufgeführten Kriterien zur Bestimmung der notwendigen Leistungsmenge sowie eines angemessenen Preises je Leistung sein. Im Klartext: feste Preise für exakt definierte Leistungen. Im Ergebnis würden sich dann angemessene regionale Unterschiede ergeben, so hofft das KBV-Institut. Hinter vorgehaltener Hand berechnen sich die Mehrkosten bzw. der daraus resultierende Honoraraufschlag mit 2,3 Milliarden Euro.

Sozialkassen: defensiv

BVA warnt vor Abschmelzen der Rücklagen. Liquide Mittel sinken rapid.

Die Sozialkassen sitzen auf einem Geldhaufen von 63,1 Milliarden Euro – aber nicht mehr lange. Nach Einschätzung von Dr. Maximilian Gassner, Präsident am Bundesversicherungsamt (BVA) neigen sich die Zeiten milliardenschwerer Rücklagen dem Ende zu. So wird von ihm ein „signifikanter Rückgang der liquiden Mittel“ vorhergesagt. Der „aktuelle“ Zuwachs von 5,6 Prozent stammt von 2013 im Vergleich zum Jahresende 2012. Das BVA erfasst mit seiner Statistik alle bundesunmittelbaren Krankenkassen, die Pflege-, Unfall und Rentenversicherungsträger die seiner Aufsicht unterliegen. Erträge lassen sich mit dem Milliarden-Überschuss trotz der großen Summe kaum erzielen. Das Geld ist zu über 80 Prozent auf Girokonten und als Spareinlagen kurzfristig abrufbar. Lediglich knapp neun Prozent der Finanzmittel sind in Wertpapieren investiert. Gerade mal acht Prozent stecken in Investmentfonds. Das gerade von den Krankenkassen seit Jahren exzessiv beklagte Abschmelzen der Überschüsse ist allerdings für sich gesehen in einem Umlagesystem nicht negativ zu bewerten. Soweit Krankenkassen die Versichertengelder in die Versorgung fließen lassen, statt mit Beitragsgoodies zu werben (siehe nachfolgende Meldung), ist dies gesetzeskonform.

AOK Plus: aggressiv

15.000 Neumitglieder seit Jahresbeginn. Beitragsabsenkung auf 14,9 Prozent lockt.

Ob Sparfüchse auf Dauer gute Kunden sind, muss sich noch erweisen. Für den Augenblick scheint das preisaggressive Geschäftsmodell der AOK Plus jedenfalls aufzugehen. 2100 Neukunden wurden allein in der Woche zwischen den Jahren dazugewonnen. Und der Trend nach oben hält unvermindert an. So haben sich in Sachsen und Thüringen seit Neujahr über 15.000 beim Platzhirschen eingeschrieben. Dessen Marktanteil liegt dort inzwischen bei über 50 Prozent. Angestrebt wird für 2015 ein Zugewinn um 100.000 Versicherte auf dann insgesamt 2,8 Millionen Menschen. Der Grund für den rasanten Anstieg ist in der stringenten Beitragspolitik zu finden. So hat die AOK Plus mit regional konzentrierter Struktur zum Jahresbeginn den Beitrag von 15,5 auf 14,9 Prozent abgesenkt. Diesen Satz will der Vorstand auch bis 2017 stabil halten. Für die Versicherten kann es dadurch - gerechnet auf die Laufzeit von zunächst drei Jahren - zu Einsparungen bis zu 300 Euro kommen. Finanziert wird diese Bonuspolitik aus einem 200 Millionen Euro dicken Finanzpolster, das sich aus den Zuweisungen des Morbi-RSA speist, so zumindest kritisiert die Konkurrenz aus dem Ersatzkassenlager. Wie lange der Geldregen noch anhält ist nicht nur wegen dieses heftigen Widerstandes offen. Die üppige Finanzausstattung der AOK Plus von insgesamt 1,1 Milliarden Euro stammt aus den Jahren 2011 bis 2013. Ungeachtet einer unsicheren Zukunft will der regionale Branchenführer seine Ausschüttungspolitik kundenfreundlich beibehalten.

AMNOG: sukzessiv

Mehr Ersparnis oder mehr Unsicherheit? Nutzenbewertung als Vehikel im Preispoker.

2014 sparten die Krankenkassen durch die verhandelten Erstattungsbeträge 450 Millionen Euro. Im Verhältnis zu den Gesamtausgaben in Höhe von rund 33 Milliarden Euro relativiert sich die Einsparungshöhe. Deshalb bohren die Krankenkassen weiter am AMNOG, um sukzessive neue Goldadern zu erschließen. Dass der Hersteller noch für die Dauer eines Jahres ab Zulassung den Preis frei bilden kann, will der GKV-SV abgeschafft sehen. Der Verband fordert, dass der ausgehandelte Erstattungsbetrag künftig rückwirkend ab dem ersten Tag gilt.

Die rückwirkende Anpassung der Erstattungsbeträge wurde bisher von der Bundesregierung nicht eingeführt, die Bewertung des Bestandsmarktes Ende 2013 gestoppt. „Der Verzicht auf diese beiden Punkte ist ein wichtiger Teil des Kompromisses zwischen Pharmaindustrie, Krankenkassen und Politik“, so betont Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Dierks. Diesen Kompromiss aufzukündigen könne fatale Folgen haben, wie der Experte für das Thema Nutzenbewertung betont: „Eine rückwirkende Anpassung der Erstattungsbeträge käme einem Preisdiktat durch die Krankenkassen gleich. Da weit über 20 Länder auf den deutschen Preis referenzieren, wären die Auswirkungen für die Unternehmen groß.“

Der Bundesrat erkennt andere Themen zum Nachbessern. Er will bei der frühen Nutzenbewertung ansetzen. Die Länderkammer spricht sich dafür aus, dass die zweckmäßige Vergleichstherapie „im Einvernehmen“ von Bundesausschuss mit den zuständigen Bundesoberbehörden, der Bundesanstalt für Arzneimittelsicherheit (BfArM) und Paul-Ehrlich-Institut (PEI) festgelegt wird. So solle vermieden werden, dass bei der Nutzenbewertung Studiendesigns abgelehnt werden, die die Zulassungsbehörden zuvor ausdrücklich forderten. Es könnte so die Fachkompetenz dieser Institute intensiver als bisher genutzt werden, so die Empfehlung. „Regelhaft“ müssten dabei Maßstäbe angelegt werden, „die sich aus internationalen Standards der evidenzbasierten Medizin ergeben“. Arzneimittel aus bisher vernachlässigten Anwendungsgebieten - beispielsweise neue Antibiotika - sollten in der Nutzenbewertung besser gestellt werden, kritisiert der Bundesrat die „rigide Bewertungspraxis“ von Bundesausschuss und IQWiG.

Arztportal: lukrativ

Patienten erhalten eine Aufwandsentschädigung wenn sie ihren Arzt beurteilen.

Egal ob positiv oder negativ. Bezahlt wird immer, und die Kasse klingelt sobald der Patient seinen Arzt beurteilt hat unter www.patientsbest.de . Top-Behandlungen durch gute Ärzte und mehr Aufmerksamkeit für den Patienten, der nach jedem Arztbesuch, den er bewertet, sogar Geld verdienen kann, so verspricht ein neues Arztportal. Damit sollen Patienten nicht nur schneller einen Facharzt-Termin bekommen. Sie können schon vor dem Behandlungstermin mit dem Arzt kommunizieren und werden über die Qualität des Mediziners informiert. Zu sehen sind ausschließlich Einschätzungen von Patienten, die nachweislich auch bei diesem Arzt in Behandlung waren. Teilnehmende Ärzte verpflichten sich freiwillig zu überdurchschnittlich hohen Standards, wie Patientenzufriedenheit und Behandlungsqualität. Bezahlte Platzierungen oder Einflussnahmen auf die neutrale und unabhängige Darstellung der Ärzte sind ausgeschlossen, so versichert der Betreiber. Deutschlandweit einmalig wird das sogenannte „Zufriedenheitsversprechen“ hervorgehoben. Ist der Patient mit der Leistung des Mediziners nicht zufrieden, wird ihm ein neuer, passender Arzt vermittelt.

Egal ob privat oder gesetzlich versichert - 10 Prozent der privat abgerechneten Arztrechnungen bekommt der Patient gutgeschrieben, wenn er hilft, für Transparenz im Gesundheitswesen zu sorgen. Mit dem Guthaben können künftige Arztrechnungen oder Einkäufe in Apotheken bezahlt werden.

TK: depressiv

Arbeitnehmer leiden zunehmend unter Depressionen.

Burn out nimmt zu, auch wenn der Modebegriff zwischenzeitlich wieder zur „normalen“ Depression zurechtbuchstabiert wird. Die Diagnose ist inzwischen der zweithäufigste Grund von Krankschreibungen. Vom Jahr 2000 bis 2013 sind Fehlzeiten aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen. Der Anteil der Erwerbspersonen, die Antidepressiva verschrieben bekamen, hat im gleichen Zeitraum um ein Drittel auf sechs Prozent zugenommen. Das geht aus dem Depressionsatlas Deutschland der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Anders als bei anderen Diagnosen wie Erkältungskrankheiten oder Rückenschmerzen sind bei den Depressionen zwar deutlich weniger Menschen betroffen - nur 1,6 Prozent bekamen eine solche Krankschreibung. Die, die es trifft, fallen aber sehr lange aus, im Durchschnitt 64 Tage. Betroffen sind laut TK vor allem Berufe mit einem hohen Stresslevel und einer großen psychischen Belastung wie im Callcenter (2,8 Tage je Erwerbsperson), in der Altenpflege (2,5), in Erziehungs- (1,6) sowie Sicherheitsberufen (1,4). Frauen sind mit durchschnittlich 1,3 Tagen deutlich mehr aufgrund von Depressionen krankgeschrieben als Männer mit durchschnittlich 0,8 Tagen. Zudem nehmen die Fehlzeiten mit dem Alter deutlich zu. Erst ab dem 60. Lebensjahr sind die Werte wieder rückläufig. Die höchsten Fehlzeiten gibt es in Merzig-Wadern im Saarland mit durchschnittlich 1,7 Fehltagen pro Kopf sowie in Lübeck, Neumünster, Bad Segeberg, Duisburg, Gelsenkirchen, Herne, Bielefeld und Oberhavel (jeweils 1,6). Bei guter seelischer Gesundheit ist man dagegen offenbar in Greiz im Vogtland mit nur 0,2 depressionsbedingten Fehltagen und im oberfränkischen Kulmbach (0,3 Tage). Aber - Kulmbacher sind zwar 70 Prozent weniger krankgeschrieben als der Bundesdurchschnitt. Hier bekommen 5,5 Prozent der Erwerbspersonen dafür Antidepressiva verschrieben - damit liegen sie nur knapp unter dem Mittelwert (5,97 Prozent).

Privatpatienten: subversiv

GKV-Versicherte sind neidisch auf Privatpatienten und blicken skeptisch in die Zukunft

72 Prozent der Norddeutschen sind davon überzeugt, im Bedarfsfall eine hochwertige Versorgung zu bekommen. Aber gleichzeitig glauben 62 Prozent, dass Kassenpatienten schlechter behandelt werden als Privatversicherte. Lediglich 34 Prozent widersprechen der Aussage, gesetzlich Versicherte seien "Patienten zweiter Klasse". Das ergibt eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des NDR Fernsehens. Eine Benachteiligung für Kassenpatienten sahen vor allem die Befragten in den Flächenländern Mecklenburg-Vorpommern (67 Prozent), Niedersachsen (64) und Schleswig-Holstein (63). In den Stadtstaaten Hamburg (50) und Bremen (57) ist diese Meinung nicht so verbreitet. 75 Prozent der Befragten in den fünf norddeutschen Ländern vermuten, ärztliche Entscheidungen würden heutzutage zu sehr von finanziellen Aspekten beeinflusst. Weniger als die Hälfte, 46 Prozent sind davon überzeugt, dass die Mittel im deutschen Gesundheitssystem effizient eingesetzt werden. Im Prinzip aber ist die große Mehrheit der Norddeutschen mit dem Gesundheitssystem zufrieden. 72 Prozent sind der Meinung, Patienten, die Bedarf hätten, würden eine hochwertige Versorgung erhalten. Die Zukunft wird allerdings düster gesehen. Nur 21 Prozent der Befragten gehen von einer Verbesserung in den nächsten zehn bis 20 Jahren aus. Fast doppelt soviele, 41 Prozent, rechnen, dass es schlechter wird. Für die Studie wurden 1010 Menschen ab 14 Jahren in Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein zwischen dem 5. November und 3. Dezember 2014 befragt.

Netzwerkerkongress: ultimativ

Gesundheitsnetzwerker treffen sich am 29./30.April 2015 in Berlin

Zu Beginn des Kongresses werden Lösungsansätze der Bundesregierung auf den Prüfstand gestellt. Prof. Dr. Jürgen Wasem wird die Anforderungen an die Entwicklung des Gesundheitswesens aufzeigen. Kritik am und gute Ansätze im Versorgungsstärkungsgesetz aus Ärztesicht werden von Dr. Dirk Heinrich vom NAV-Virchow-Bund vertreten. Die Betrachtungsweise der Krankenhäuser, auch hinsichtlich der Krankenhausreform, bringt Alexander Schmidtke vom Klinikum Augsburg ein. Ob das Gesetz die Probleme aus Sicht der Kassen löst, wird Ingo Kailuweit von der Kaufmännischen Krankenkasse sagen. Überdies wird Birgit Fischer, Staatsministerin a. D., vom vfa die Position der pharmazeutischen Industrie darstellen. Und da die Gesundheitsnetzwerker schon immer über das Heute weit hinaussahen, wird Dr. Markus Müschenich, MPH, die Frage erörtern, ob die aktuellen Gesetze den Herausforderungen der Zukunft wirklich gerecht werden, denn die Patienten erwarten ein leistungsfähiges Gesundheitswesen – überall im Land.

Neben dem Blick in die Zukunft stellt der 10. Kongress für Gesundheitsnetzwerker konkrete Projekte vor: Lösungen aus Regionen, die für andere modellhaft sein können, oder auch erste Umsetzungen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung. Außerdem sollen vernetzte Pflege- und Diabetesprojekte zeigen, wie die Versorgung bereits heute durch Netze und Kooperationen gestärkt werden kann.

Das Kongressprogramm des 10. Kongresses für Gesundheitsnetzwerker finden Sie ab sofort unter: www.gesundheitsnetzwerker.de .

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