Berlin-Chemie Newsletter vom 09. Juni 2022

Berlin-Chemie Newsletter vom 09. Juni 2022

Interview:

  • Die Digitalisierung im Gesundheitswesen scheitert nicht an der Technik
    EinBlick sprach mit den Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel (CDU) und Matthias Mieves (SPD) über die notwendige Strategie zur Digitalisierung im Gesundheitswesen und über die politischen Rahmenbedingungen für Anwendungen wie das E-Rezept.

Kurzstrecke:

  • Ärzt:innen haben via KIM über 10 Millionen Nachrichten versendet
    Mitteilung der gematik

  • Showroom 4.0 zur Zukunft der Pflege
    Präsentation des Kompetenzzentrums in Berlin

  • Ambulant Operieren statt unnötiger Krankenhausaufenthalte
    Forderungen des GKV-Spitzenverbandes

  • Investorenbetriebene Versorgungszentren regulieren
    Marburger Bund plädiert für öffentliches, frei zugängliches Register

Interview:

  • Digitale Tools bringen einen besseren Workflow für die Praxis
    EinBlick sprach mit Dr. med. Ahmad Sirfy über seine smarte Gesundheitspraxis und die Erfahrungen mit digitalen Tools im Alltag einer Hybrid-Praxis

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Resolution der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)
    Telematikinfrastruktur jetzt zukunftsfähig gestalten

  • Klimawandel und Gesundheit
    Aktuelle Umfrage unter Ärzt:innen zeigt Handlungsbedarf

  • 126. Deutscher Ärztetag
    Erneute Forderung nach Gesamtkonzept zur Notfallversorgung

  • Robotik in der Altenpflege
    Entlastung für Pflegekräfte noch in weiter Ferne


www.gesundheitsnetzwerker.de


Interview

 

Mehr Daten für eine bessere Versorgung

EinBlick sprach mit den Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel (CDU) und Matthias Mieves (SPD) über die notwendige Strategie zur Digitalisierung im Gesundheitswesen und über die politischen Rahmenbedingungen für Anwendungen wie das E-Rezept

 

Erwin Rüddel MdB

Erwin Rüddel war bis 2009 Mitglied des Landtags von Rheinland-Pfalz. Seit 2009 ist er direkt gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages. Er leitete in der vergangenen Legislaturperiode den Gesundheitsausschuss. Auch in der laufenden Legislaturperiode ist Erwin Rüddel Mitglied im Gesundheitsausschuss. Seit 2022 ist er Berichterstatter für Digitalisierung im Gesundheitswesen für die CDU/CSU Fraktion.

 

 

 

 

Matthias Mieves MdB

ist seit 2012 Mitgründer und Miteigentümer der sanabene GmbH für ambulante Intensivpflege. Der SPD-Politiker gewann bei der Bundestagswahl 2021 das Direktmandat im Bundestagswahlkreis Kaiserslautern. Er ist Mitglied im Gesundheitsausschuss und im Ausschuss für Digitales.

 

Die Einzelgespräche wurden aufgezeichnet und für diese Ausgabe zusammengestellt. Sie können sich das Interview als EinBlick – Nachgefragt hier anhören: https://t1p.de/pp4ea

 

Ab Sommer soll eine Strategie für die weitere Digitalisierung im Gesundheitswesen erarbeitet werden. Was sollte Ihrer Ansicht nach der Schwerpunkt bei der Digitalisierung in den kommenden Jahren sein?
Erwin Rüddel: Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern muss den Patient:innen einen zusätzlichen Nutzen bringen und sollte mittel- und langfristig auch Kosten einsparen. Hierfür ist wichtig, dass alle Akteure und die Patient:innen im Gesundheitssystem miteinander vernetzt werden, damit eine Optimierung der Versorgung erfolgt und Doppeluntersuchungen zum Beispiel vermieden werden können.
 
Matthias Mieves: Ab Sommer soll es losgehen, und ich persönlich sehe drei Schwerpunkte. Erstens die laufenden Großprojekte auf einen guten Weg bringen, zweitens eine bessere Datennutzung voranbringen und drittens Innovationen generell im Gesundheits- und Pflegewesen fördern.

Zu den drei Punkten würde ich noch kurz etwas erläutern. Die Großprojekte: Da geht es aus meiner Sicht darum, zum Beispiel die elektronische Patientenakte und alle Themen, die damit zusammenhängen, wie der elektronische Impfpass oder auch andere Themen, auf einen Weg zu bringen, damit sie einen Nutzen für alle Menschen, die in Deutschland als Patientin oder Patient unterwegs sind, haben. Aber auch für die Menschen, die im Gesundheits- und Pflegewesen arbeiten. Und deshalb müssen wir uns darum kümmern, diese Projekte so aufzusetzen, dass sie tatsächlich einfach zu nutzen sind und nicht als Belastung wahrgenommen werden. Deshalb müssen die Nutzer:innen bei einer Weiterentwicklung in den Vordergrund gestellt werden, um da möglichst viel Mehrwert in der Breite zu generieren.

Punkt zwei, die Datennutzung voranbringen: Wir haben vor allem in der Pandemie, aber auch an vielen anderen Stellen gemerkt, dass wir in Deutschland Daten nicht in einer umfassenden, strukturierten und digitalen Weise erheben und nutzen können. Deshalb müssen wir an vielen Stellen in Deutschland in Daten investieren, damit wir sie besser erheben, zusammenführen und nutzen können.

Als dritten Schwerpunkt sehe ich die Frage, wie wir Innovationen voranbringen. Hier müssen wir an vielen Stellen ansetzen. Denn das Gesundheitssystem ist an vielen Stellen noch sehr bürokratisch aufgestellt und macht es im Moment nicht einfach, mit neuen Lösungen, auch mit digitalen Lösungen, schnell zu den Patientinnen und Patienten und zu den Leistungserbringern zu gelangen. Wir müssen uns an der Frage orientieren, wie wir es auch hier schaffen, mit neuen Dienstleistungen, neuen Angeboten, neuen Produkten schneller Mehrwert zu generieren. Wir müssen uns zum Beispiel angucken, wie wir Telemedizin auch noch stärker in die ländlichen Räume bringen. Oder wie wir es schaffen, dass digitale Gesundheitsanwendungen auch wirklich einen breiten Nutzer:innenkreis bekommen, und wie wir es hinkriegen, dass beispielsweise in der Pflege digitale Möglichkeiten helfen, den Bürokratie- und Dokumentationsaufwand zu senken, um damit mehr Zeit für die Pflegenden, für die wirkliche Pflege zu schaffen.

Was ist aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren gelungen und wo sollte der Kurs nachjustiert werden?
Matthias Mieves: Ich finde es sehr gut, dass Jens Spahn Druck gemacht hat bei der Digitalisierung. Denn man konnte über die letzten Jahre und Jahrzehnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Verbände, die Akteure in der Selbstverwaltung gegenseitig blockiert haben. Jens Spahn hat das Heft in die Hand genommen und die Mehrheit an der Gematik durch das Gesundheitsministerium übernommen. Das war grundsätzlich richtig, denn es musste das Signal ausgesendet werden, dass an der Digitalisierung keiner vorbeikommt und wir da jetzt mit Hochdruck rangehen. Auf der anderen Seite war es vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zu radikal. Meine Erfahrung aus Digitalisierungsprojekten ist, dass diese nur funktionieren, wenn man gemeinsam Lösungen entwickelt und sie gemeinsam vorantreibt. Wir sollten deshalb bei den nächsten Schritten diejenigen, die mit digitalisierten Lösungen arbeiten, stärker mit ins Boot holen.

Erwin Rüddel: Wir haben viele Insellösungen, die sehr gut funktionieren. Wir haben auch grundsätzlich in der Politik, auch über die Fraktionsgrenzen hinweg, gute, zielführende Entscheidungen getroffen, die aber oft in der Selbstverwaltung nicht auf den Widerhall getroffen sind, wie wir uns das gewünscht hätten. Deshalb müssen wir hier klarere Vorgaben machen. In der Vergangenheit haben wir uns da vielleicht etwas zu sehr zurückgehalten. Wir brauchen eine grundsätzliche Vernetzung aller Akteure, und hier wünsche ich mir von der Regierung klare Vorgaben, bis wann welche Lösungen umgesetzt werden müssen.

Das E-Rezept befindet sich in der Pilotphase. Ende Mai beschlossen die Gesellschafter der Gematik einen Plan für einen stufenweisen Rollout. Wird das E-Rezept Ihrer Ansicht nach so fliegen?
Erwin Rüddel: Also es könnte fliegen. Im Moment kommen viele Vorbehalte noch aus den Reihen der Ärzteschaft –, genauer gesagt, aus den Verbänden der Ärzteschaft, und hier stelle ich mir vor, dass die Regierung hart bleibt und konsequent alle Wege nutzt, um das E-Rezept einzuführen. Es wäre eine absolute Verbesserung der Situation für die Patient:innen. Gleichzeitig wäre es möglich, dass automatisch abgeglichen wird, ob es Wechselwirkungen zwischen Medikamenten gibt, so kann die Versorgungssicherheit verbessert werden. Ich bin ein absoluter Fan des E-Rezepts, das es schon länger hätte geben müssen. Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren, um das E-Rezept flächendeckend einzuführen. Aufbauend auf diese Vernetzungen und die Technik, die dann ausgerollt wird, kann man auch die elektronische Patientenakte schneller in das System bringen.

Matthias Mieves: Es hat ein bisschen gerumpelt in der Pilotphase. Allerdings halte ich es für eine gute Entscheidung, dass jetzt die sogenannte erweiterte Testphase durchgeführt wird. Denn in dieser Testphase können alle, die mitmachen am System, die Arztpraxen, die Apotheken, aber auch die Patientinnen und Patienten, das E-Rezept weiterhin erproben, und dadurch kann das System insgesamt verbessert werden. Das halte ich für den richtigen Weg. Daran arbeiten alle im Moment engagiert. Wir sind auf einem guten Weg, um im Sommer die Erfolgskriterien der erweiterten Testphase erreichen zu können, danach kann es weitergehen mit dem Rollout.

Bei den Anwendungen Telematik Infrastruktur hapert es oft an der Technik. Was sollte die Politik Ihrer Ansicht nach hier tun? Stimmen die Rahmenbedingungen?
Erwin Rüddel: Wie ich bereits sagte, wurden die Mehrheitsverhältnisse in der letzten Legislaturperiode bei der Gematik verändert. Das Gesundheitsministerium hält nun die Mehrheit und hat damit auch Zugriff auf die Arbeitsweise der Gematik. Technik ist sicherlich bei der elektronischen Patientenakte noch etwas, was optimierungsfähig ist. Aber insgesamt, so mein Eindruck, scheitert die Digitalisierung weniger an der Technik als vielmehr an Akteuren, die nicht an zu viel Transparenz interessiert sind, und sie scheitert an der Auslegung der Datenschutzbestimmungen. Wir haben in Europa eine EU- Datenschutzgrundverordnung, mit der alle Länder in der EU leben und arbeiten müssen. In vielen Ländern der EU ist die Digitalisierung deutlich weiter vorangeschritten – das zeigt, dass das geht. Wir brauchen mehr Konsens zwischen dem Bundesdatenschutzbeauftragen und den 16 Landesdatenschutzbeauftragten, was die Auslegung des Datenschutzes angeht. Datenschutz ist wichtig, aber der Mensch und seine Versorgung sollten im Mittelpunkt stehen.

Matthias Mieves: Die aktuelle Telematik-Infrastruktur basiert auf einem Konzept, das schon vor einigen Jahren gemacht wurde. Als die ersten Software-Lösungen eingeführt wurden, war diese Telematik-Infrastruktur faktisch schon veraltet. Wir haben damals Fehler gemacht bei der Telematik-Infrastruktur 1.0. Aus diesen Fehlern müssen wir lernen. Bei der TI 2.0 müssen wir ein paar Dinge fundamental anders machen, damit es besser läuft. Wir müssen, wenn es um die TI 2.0 geht, schauen, dass sie günstiger wird in den Einrichtungskosten, Und sie sollte reibungsloser laufen und sich stärker an Marktlösungen orientieren.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst als Nutzer digitaler Anwendungen gemacht?
Matthias Mieves: Die erstaunlichste Erfahrung für mich ist, dass ich bisher noch nie in einer Praxis oder von jemandem direkt auf digitale Anwendungen angesprochen worden bin. Das heißt, in keiner Arztpraxis, in der ich bisher war, wurde ich proaktiv informiert, welche Möglichkeiten es denn beispielsweise mit der elektronischen Patientenakte gibt. Die digitalen Anwendungen haben noch nicht den Weg in die Breite gefunden. Die meisten Menschen wissen einfach gar nichts davon. Aber Angebote können nur dann einen Nutzen bringen, wenn sie eben auch genutzt werden. Dazu müssen sie von den Leistungserbringenden im Gesundheitssystem nach vorne gebracht, erklärt werden, muss darüber informiert werden. Das ist noch eine ziemlich große Baustelle, die wir haben.

Erwin Rüddel: Ich habe mir eine elektronische Patientenakte heruntergeladen und hatte dann damit anfängliche Schwierigkeiten. Meine Wahrnehmung ist, dass die Menschen insgesamt – das merke ich auch bei mir selbst – bereit sind, Daten zu sammeln. Wenn die sichere Infrastruktur im Gesundheitswesen jedoch nicht in der Lage ist, diese Daten zu verwalten, sind viele zunehmend geneigt, sich an Apple und Google zu wenden und deren Anwendungen zu nutzen. Wenn wir jetzt nicht schnell sind bei der Digitalisierung im Gesundheitssystem, laufen wir zusehends Gefahr, dass die Menschen sich Alternativlösungen im Internet suchen.

Es müsste eine Vernetzung geben, dass das, was man sich selber sozusagen als persönliche Voruntersuchung mit Hilfe der Digitalisierung erarbeitet, dem Arzt zur Verfügung gestellt werden kann, sodass der Arzt mit Künstlicher Intelligenz in der Lage ist, beim Beratungs- oder Versorgungsgespräch auf einer ganz anderen Ebene einzusteigen oder beginnen zu können.

Was steht auf Ihrer persönlichen Digitalisierungsagenda für diese Legislatur?
Matthias Mieves: Da sind wir wieder bei Frage eins, denn die drei Schwerpunkte, die ich genannt und im Einzelnen ausgeführt habe, sind auch die, die ich gerne im Strategieprozess sehen möchte. Nämlich erstens die Großprojekte voranbringen, zweitens eine bessere Datenerfassung und -nutzung und drittens die Schaffung von Rahmenbedingungen, damit Innovationen schneller in die Breite kommen und dort Mehrwerte schaffen können.

Erwin Rüddel: Wir müssen das E-Rezept einführen. Wir müssen die e-PA zum Fliegen bringen, und wir müssen erreichen, dass die Akteure insgesamt untereinander Daten austauschen können. Wie gesagt, die Rahmenbedingungen sind alle gegeben. Wir müssen erreichen, dass die Patient:innen, aber auch die Leistungserbringer, die Technik auch tatsächlich einsetzen.


Kurzstrecke

 

Ärzt:innen haben via KIM über 10 Millionen Nachrichten versendet

Mitteilung der gematik

Seit 2020 organisiert KIM, Kommunikation im Medizinwesen, die Nachrichtenübermittlung zwischen ärztlichen Praxen, Krankenhäusern, Krankenkassen und weiteren Leistungserbringern. Dabei können medizinische Dokumente elektronisch und sicher über die Telematikinfrastruktur (TI) versendet und empfangen werden. Die gematik teilte nun mit, dass in den vergangenen Monaten rund 800.000 eArztbriefe, 7.700.000 eAUs und 2.300.000 eNachrichten versendet wurden.

»Wir freuen uns über insgesamt 10 Millionen Nachrichten, die Ärztinnen und Ärzte miteinander bzw. mit den Gesetzlichen Krankenversicherungen über unseren KIM-Dienst ausgetauscht haben«, sagt Thomas Jenzen, Produktmanager bei der gematik GmbH. »Vor allem auch deshalb, weil sich die nachhaltige Wirkung für die Behandlungen der Patientinnen und Patienten erst dann entfaltet, wenn KIM von möglichst vielen Ärztinnen und Ärzten genutzt wird.«

 

Showroom 4.0 zur Zukunft der Pflege

Präsentation des Kompetenzzentrums in Berlin

Am 18. Mai wurde ein neuer Showroom zur künftigen Pflege in Berlin eröffnet. Träger ist das Kompetenzzentrum Pflege 4.0, Leben – Pflege – Digital, eine zentrale Anlaufstelle für Fragen rund um die Digitalisierung der Pflege. Betrieben durch das DAI-Labor (Distributed Artificial Intelligence Laboratory) der Technischen Universität Berlin steht dieser Raum interessierten pflegenden Angehörigen in einer vernetzten Wohnung am Ernst-Reuter- Platz zur Verfügung.

Die Wohnung im TU-Hochhaus beinhaltet eine Auswahl neuer digitaler Pflegetechnologien, die die häusliche Pflege erleichtern: Assistenzsysteme zur intelligenten Sturzerkennung; Sensoren, die Elektrogeräte akustisch melden, die vergessen wurden auszuschalten; Lichter, vernetzte Gesundheitsgeräte wie Waagen, Blutdruckmanschetten etc. Diese modernen Technologien, die sukzessive erweitert werden, können dazu beitragen, dass Pflegebedürftige möglichst lange und selbstständig im eigenen Haushalt leben können. Zum Besuch anmelden kann sich jede:r Interessierte unter www.lebenpflegedigital.de.

 

Investorenbetriebene Versorgungszentren regulieren

Marburger Bund plädiert für öffentliches, frei zugängliches Register

Der größte deutsche Ärzteverband Marburger Bund forderte im Rahmen seiner im Mai erfolgten Hauptversammlung den Gesetzgeber auf, ein öffentliches und frei zugängliches Register für Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und vergleichbare Einrichtungen einzurichten. Hintergrund ist, dass der Verband verdeckte Monopolbildungen durch komplexe Firmenkonstrukte fürchtet, wodurch die Qualität der medizinischen Versorgung in Gefahr geraten kann.

Das Register soll die Besitzverhältnisse sichtbar machen und die Kassensitze sowie Fachrichtungen pro Eigentümer begrenzen. Zudem soll es aufzeigen, wie wirtschaftliche und medizinische Verantwortlichkeiten verteilt sind. Auch kartellrechtliche Überprüfungen können anhand eines solchen Registers erfolgen, ebenso wie die Einhaltung des Versorgungsauftrages durch die entsprechende Rechtsaufsicht. Weiterhin forderte der Marburger Bund Transparenz für Patient:innen durch eindeutige Praxisschilder, die auf die Trägerschaft hinweisen.

 

Ambulant Operieren statt unnötiger Krankenhausaufenthalte

Forderungen des GKV-Spitzenverbandes

Das IGES Institut hat im April dieses Jahres ein Gutachten vorgestellt, welches über 2.500 Behandlungen aufführt, die zusätzlich ambulant statt stationär durchgeführt werden könnten. Stefanie Stoff-Ahnis, Vorständin beim GKV-Spitzenverband, äußerte sich nun zu dem Gutachten: »Wir müssen jetzt die Ambulantisierung in Deutschland erfolgreich voranbringen, denn so können unnötige stationäre Krankenhausaufenthalte und damit verbundene Risiken für die Patientinnen und Patienten vermieden werden. Auch Krankenhäuser, Ärzteschaft und Pflegepersonal werden dadurch entlastet.«

Die Überarbeitung des AOP-Katalogs sei ein längst überfälliger Schritt, der schon in der letzten Legislaturperiode auf den Weg gebracht worden sei und nichts mit der notwendigen Krankenhausstrukturreform zu tun habe, so Stoff-Ahnis. »Die Ambulantisierung von unnötig stationär erbrachten Leistungen ist einer der wesentlichen Ansätze, um unnötigen Aufwand in Krankenhäusern zu vermeiden, aber gleichzeitig die Versorgung der Patienten und Patientinnen auf einem qualitativ hohen Niveau zu gewährleisten.«

Das Gutachten wurde im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erstellt.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


Interview

 

Digitale Tools bringen einen besseren Workflow für die Praxis

EinBlick sprach mit Dr. med. Ahmad Sirfy über seine smarte Gesundheitspraxis und die Erfahrungen mit digitalen Tools im Alltag einer Hybrid-Praxis

 

 

Dr. med. Ahmad Sirfy

studierte Humanmedizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seit 2012 hat er an verschiedenen Kliniken gearbeitet, wie dem Deutschen Herzzentrum München, den Kliniken an der Paar Aichach sowie dem Klinikum Erding. Seit 2016 ist Dr. Sirfy Poolarzt im organisierten Bereitschafts- und Notfalldienst der Kassenvereinigung Bayern.

Nach mehrjähriger Tätigkeit in einer Praxis für Allgemeinmedizin gründete er 2018 seine eigene Praxis in München, die von Anfang an als SmartPraxis geplant war.

Sie können sich das Interview als EinBlick – Nachgefragt hier anhören: https://t1p.de/s1a6a

 

Herr Doktor Sirfy, man hört häufig, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu schnell geht und dass die Ärzt:innen überfordert wären mit e-AU und E-Rezept. Sie betreiben eine SmartPraxis und gehen seit drei Jahren einen klaren Weg in Richtung Digitalisierung. Was machen Sie anders als die anderen?
Das, was ich anders mache, ist an sich kein Geheimnis, ist fast jedem bekannt, und zwar geht es um die konsequente Umsetzung. Deshalb hatten wir auch keine Scheu, uns SmartPraxis zu nennen. Jede medizinische Fachangestellte, jede:r Studierende, jede Ärztin und jeder Arzt bei uns haben die Idee verstanden. Sie haben verstanden, warum Digitalisierung gut ist, und sie haben auch verstanden, dass es wichtig ist, das konsequent umzusetzen und die Patient:innen zu überzeugen, dass es für uns und für sie der bessere Weg ist.

Was ist Ihrer Ansicht nach der größte Vorteil an den digitalen Tools?
An sich bringen gut funktionierende digitale Tools eine Zeitersparnis mit sich, was dazu führt, dass wir die zur Verfügung stehende Zeit besser nutzen können. Zeitgewinn, um für die Menschen da zu sein. Das ist Vorteil Nummer eins. Vorteil Nummer zwei: Digitale Tools können mit komplizierten Algorithmen besser verschiedene Faktoren in der Patientenbehandlung auswerten als ein menschliches Gehirn.

Sie haben verschiedene Tools in Ihrer Praxis schon seit längerem in Anwendung. Zum Beispiel sind Sie eine Pilotpraxis für das E-Rezept, Sie haben auch das Angebot der Videosprechstunde erweitert und Sie setzen künstliche Intelligenz in der Telefonassistenz ein. Wie nehmen das Ihre Patientinnen und Patienten an?
Die meisten Patient:innen nehmen das gut an, sie fordern das sogar. Wir konzentrieren uns darauf, am Anfang die Early Adopter mitzunehmen, die zu überzeugen und mit denen auch zu lernen, wie wir die Tools besser machen können. Wenn das funktioniert, können wir die Mehrheit mit gut funktionierenden Tools überzeugen.
 
Wie hat Ihr Team die Digitalisierung in Ihrer Praxis angenommen? Es gab am Anfang doch sicher auch Bedenken im Team oder Nachfragen und vielleicht auch Sorgen, dass die Patientinnen und Patienten das nicht möchten?
Tatsächlich ist es nicht selten, dass das Personal am Anfang skeptisch ist und vor allem dann, wenn wir uns in der Testphase von digitalen Anwendungen befinden, das Ganze also noch infrage stellt. Wir fragen hier immer nach: Was genau stört dich jetzt dabei? Was meinst du, könnten wir besser machen? Dann kommen die Details, warum eine Anwendung aktuell nicht gut ist. Das sind berechtigte Kritikpunkte, die wir dann angehen, und dann gehen wir zu oder sprechen auch mit den Anwendungsherstellern und sagen, wir hätten da gerne eine Verbesserung. Und es ist wirklich fast immer so, dass diese Start-ups froh sind über diese Feedbacks – nur so verbessern sich diese Tools. Dann merkt das Personal: Diese Tools sind jetzt besser geworden, und zwar aufgrund von meinem Feedback.

Wie haben Sie sich mit den Tools versorgt, die man benötigt, um eine SmartPraxis zu betreiben?
Aktuell sind die Praxisverwaltungssysteme die Achillesferse in der Telematik, die Verzahnung mit den PVS ist meistens nicht gut. Wir haben extrem viele Praxis- verwaltungssysteme am Markt, sodass es schwierig ist für viele Kolleg:innen, zu wissen, ob sie wirklich das richtige Programm haben oder nicht. Wir haben damals bei der Praxis- gründung vor vier Jahren vorausschauend agiert und uns für ein innovatives Programm entschieden. Das hat sich bewährt, weil es immer up to date ist. Meine Empfehlung an die Kolleg:innen ist, sich wirklich einmal zu fragen, ob das aktuelle Praxisverwaltungssystem, das sie benutzen, das richtige ist. Wenn nicht, sollte man einen Wechsel nicht scheuen.

Auf der Seite TI-Score.de kann man sich informieren, wir der aktuelle Stand bei den Softwareanbietern ist. Lohnt sich Ihrer Meinung nach ein Wechsel?
Definitiv lohnt sich ein Wechsel. Viele Kolleginnen und Kollegen scheuen einen Wechsel, weil sie einen Datenverlust befürchten. Das passiert aber normalerweise nicht. Eine gute Konversion der Daten ist meist gegeben und kann problemlos erfolgen. Das andere Problem ist natürlich, das Personal mitzunehmen und sich und das Personal neu einzulernen. Das PVS ist das wichtigste Element bei der Digitalisierung in der Praxis, und ein Wechsel muss ernsthaft in Betracht gezogen werden.

Wie sind da Ihre Praxiserfahrungen mit den Tools der Gematik?
Die Tools der Gematik waren nicht anders als andere digitale Tools. Am Anfang funktioniert alles nur halbwegs, man muss gezielt mit den Tool-Herstellern sprechen. Anfangs geht es ein paar Wochen lang nur holprig, dann funktioniert es. Wir haben aktuell selten Probleme. Mit ein bis zwei Klicks können wir ein E-Rezept oder eine e-AU ausstellen. Die Kombination mit der Videosprechstunde ist sehr gut. Wir bewegen uns jetzt in Richtung 5.000 durchgeführter Videosprechstunden in zwei Jahren, und die Kombination mit elektronischer Krankschreibung, elektronischem Rezept hat das sinnvoll gemacht. Ich kann jeden nur ermutigen, tatsächlich auf ERU und E-Rezept zu setzen, denn das ist definitiv die Zukunft.

Was wünschen Sie sich für die kommende Strategiedebatte des Bundesgesundheitsministers?
Zunächst müssen die Ärzte und Ärztinnen verstehen, warum Digitalisierung gut ist. Viele Kolleg:innen denken, dass nur die Krankenkasse und die Patient:innen Vorteile davon haben. Man sollte kommunizieren, dass man einen besseren Workflow in der Praxis bekommt, wenn wirklich alle digitalen Tools miteinander harmonieren und gut funktionieren. Das führt zu Zeitersparnis und Entspannung im Praxisalltag. Weiter muss man wirklich Geld in die Hand nehmen: Die Praxen, die jetzt auf neue Praxisverwaltungs- systeme umstellen und neue Hardware anschaffen, sollten unterstützt und bei der Investition subventioniert werden.
 
Was erwarten Sie für die Zukunft der Digitalisierung im Gesundheitswesen?
Ich glaube, dass es am wichtigsten ist, dass Kolleginnen und Kollegen sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Die Zeit, die man dafür braucht, ist gut investiert. Wir erleben jetzt ein Wachstum von großen, sogenannten intelligenten Medizinischen Versorgungszentren und auch von großen Konzernen, die eigene digitale Lösungen auf den Markt bringen. Wenn die kleinen Praxen jetzt nicht auf Digitalisierung setzen, dann werden sie den Anschluss verlieren und nicht mehr konkurrenzfähig bleiben. Es ist deshalb wichtig, jetzt zu digitalisieren – der beste Zeitpunkt war gestern.


Startup-Telegram

 

Finnland ist zwar ein kleines, aber sehr kreatives Land, was auch an Health-Tech- Innovationen zur Optimierung der globalen Gesundheit ablesbar ist, die auch in Deutschland verfügbar sind. Das Start-up Deep Sensing Algorithms Ltd. hat ein tragbares Gerät entwickelt, das in der ausgeatmeten Luft Coronaviren analysiert, beispielsweise für Screenings. Laut Hersteller ist dies die weltweit erste ultraschnelle COVID-19-Erkennungstechnologie. https://dsa.fi/

Mit einem über die Nase verabreichten COVID-19-Impfstoff beschäftigt sich Rokote Laboratories Finland Oy. Diese Variante soll eine breitere Immunantwort hervorrufen als ein intramuskulär gegebenes Vakzin. Phase 2 der Forschung erfolgt in diesem Jahr. Künftig sollen weitere nasal verabreichte Impfstoffe entwickelt werden. https://rokote.com/about-us.html

Buddy Healthcare ist eine finnische Plattform für Pflegekoordination und Patientenbeteiligung. Sie möchte die Pflege für alle zugänglich und messbar machen, Missstände abbauen und die Gesundheitsdienste entlasten. https://www.buddyhealthcare.com/de/

Der stylische Fingerring von Oura unterstützt mit drei innenliegenden PPG-Sensoren (Photoplethysmographie) die persönliche Gesundheitsüberwachung. Er misst Herzfrequenz, Atmung, Körpertemperatur und Bewegung bzw. Beschleunigung im Alltag sowie im Schlaf. https://ouraring.com/

Ähnlich arbeitet Firstbeat. Mit einer EKG-basierten Messung der Herzschlagvariabilität liefert das Unternehmen detaillierte Informationen und Auswertungen über Stressniveau, Schlaf und Bewegung. Eine spezielle Lösung für das Sportleistungsmanagement ermittelt Daten über Trainingsbelastung, Intensität, Leistungsbereitschaft und Erholung. Sie wird bereits im Fußball – in der Champions League und in der Bundesliga – eingesetzt. https://www.firstbeat.com/en/company/story/

 

 


Meldungen

 

Resolution der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)

Telematikinfrastruktur jetzt zukunftsfähig gestalten

Am 23. Mai war die Telematikinfrastruktur Gegenstand der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Gemeinsam entwickelten die Vertreter:innen der kassenärztlichen und therapeutischen Praxen insgesamt acht Punkte, die sie für ein Schnellprogramm als elementar ansehen.

»Kaum etwas funktioniert reibungslos, vielmehr werden die Praxisabläufe und damit die Versorgung erheblich beeinträchtigt. Erschwerend ist zusätzlich ein anstehender Austausch von Konnektoren bei gleichzeitiger Massenanwendung, der ohne ausreichende Testung auf die Praxen zukommt«, heißt es seitens der KBV.

Deshalb fordern sie zum einen ein verbindliches Testkonzept für sämtliche Anwendungen. Zum anderen bräuchten die Praxen angesichts der vorherrschenden Abhängigkeit von der Industrie Unterstützung und Abhilfe. Ihre zweite Forderung ist daher die Ausrichtung eines Herstellergipfels im Bundesgesundheitsministerium, auf dem sich insbesondere die Anbieter der Dienste und Anwendungen auf eine reibungslose Implementierung der Anwendungen verpflichten. Des Weiteren betonten sie, dass das tagesaktuelle Online- Reporting der gematik um den Aspekt der TI-Fähigkeit sämtlicher Praxisverwaltungssysteme im Hinblick auf die einzelnen Anwendungen erweitert werden solle. Außerdem wünschen sich die Ärzt:innen und Therapeut:innen eine zentrale Info- Hotline der gematik, bei der sie anrufen können, wenn sie TI-Probleme feststellen. Auch fordern sie einen finanzierten und organisierten Austausch der Konnektoren in den Praxen, kompetente IT-Dienstleister:innen vor Ort sowie eine gesetzliche Klarstellung darüber, dass ihre Verantwortung für den Datenschutz nur so weit reicht, wie sie ihn auch tatsächlich beeinflussen können.

Insgesamt seien die Praxen frustriert von den bisherigen Erfahrungen mit der Telematikinfrastruktur und wünschen sich eine Digitalisierung, die die Praxen in der Versorgung ihrer Patient:innen auch wirklich unterstütze.

 

Klimawandel und Gesundheit

Aktuelle Umfrage unter Ärzt:innen zeigt Handlungsbedarf

Eine Umfrage der Stiftung Gesundheit im Auftrag der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) mit dem Centre for Planetary Health Policy (CPHP) hat den Umgang mit Klimawandel und Gesundheit unter den Ärzt:innen abgefragt. Die Studie zeigt: Drei Fünftel der Befragten beobachtet gesundheitliche Auswirkungen von Hitzewellen bei Patient:innen.

»Rund 20.000 Ärzt:innen haben wir im Auftrag der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. mit dem Centre for Planetary Health Policy zu ihrer Wahrnehmung der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels, zu Hitzeschutz im ärztlichen Alltag,  
dem Stand der Umsetzung der Beschlüsse des 125. Ärztetages und zur dafür nötigen Unterstützung befragt«, sagt Christoph Dippe, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheit. »Die repräsentative Online-Umfrage lief von April bis Mai mit einer überdurchschnittlichen Responderquote. Das zeigt, dass Klimawandel und Gesundheit ein Thema ist, das die Ärzteschaft bewegt.«

Nur etwa ein Viertel der Befragten schätzt demnach die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit der Patient:innen und Menschen in der eigenen Stadt oder Gemeinde als stark oder sehr stark ein. Damit würden die Antworten der befragten Ärzt:innen ein nicht ausreichend entwickeltes Bewusstsein für Gesundheitsgefährdungen der Patient:innen durch die Klimakrise zeigen, betont die Stiftung Gesundheit. Drei Fünftel der Befragten beobachten jedoch bereits gesundheitliche Auswirkungen von Hitzewellen bei Patient:innen. Des Weiteren hat die Umfrage ergeben, dass lediglich jede:r achte Ärzt:in die Medikation der Patient:innen bei Hitze regelmäßig anpasst, und hitzebezogene Informationsmaterialien stellen noch weniger, lediglich 8 Prozent der Befragten, bereit. Beides sei jedoch wichtig, um besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen mit relevanten Vorerkrankungen zu schützen.

Die aktuelle Umfrage zeigte außerdem, dass sich nur 17 Prozent der Teilnehmer:innen zu klimasensiblen Erkrankungen fortbilden, positiv hingegen ist, dass bereits mehr als die Hälfte (58 Prozent) der befragten Ärzt:innen den Verbrauch von Ressourcen im Arbeitsalltag reduzieren.

Die Autor:innen der Umfrage sehen damit einen hohen Handlungsbedarf beim Hitzeschutz und empfehlen Fort- und Weiterbildungen für Ärzt:innen und ihre Gesundheitsteams, die Erstellung von Aufklärungsmaterialien und die Entwicklung von Leitlinien zu Hitzeschutzmaßnahmen. Außerdem sollte die Ärzteschaft transparente Informationen zu Klima- und Umweltbilanzen der Medizinprodukte und Arzneimittel von den Herstellern einfordern.

 

126. Deutscher Ärztetag

Erneute Forderung nach Gesamtkonzept zur Notfallversorgung

Ende Mai tagte der 126. Deutsche Ärztetag in Bremen. Die Mitglieder fassten auf der Versammlung diverse politische Beschlüsse in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Berufspolitik.

Die Ärzteschaft verurteilte den Überfall auf die Ukraine und forderte von Russland, diesen mit sofortiger Wirkung zu beenden. In diesem Zusammenhang wurde thematisiert, dass nicht nur Geflüchtete, sondern auch viele andere Patient:innen mit Migrationshintergrund in Deutschland Probleme mit der Kommunikation haben. Deshalb plädierte der Ärztetag dafür, Dolmetscherdienste zur Beseitigung der Sprachbarrieren unter anderem mit Hilfe digitaler Anwendungen zügig umzusetzen. Ferner sollen Ärzt:innen bei Kindervorsorgeuntersuchungen über weibliche Genitalverstümmelung aufklären.

Zudem soll ein zentrales Meldesystem für Angriffe auf Einsatzkräfte und medizinisches Personal eingeführt und Gewalt in diesen Fällen konsequent geahndet werden. Auch die Zwangsprostitution müsse besser kontrolliert und vermehrt unter Strafe gestellt werden. Zur besseren Versorgung von Patient:innen mit seltenen Erkrankungen sollen Fachzentren etabliert und von den Kassen finanziert werden. Die Qualität des Praktischen Jahres angehender Ärzt:innen soll sichergestellt, die Gesundheitskompetenz an Schulen gefördert und die Ernährung im Rahmen des Gesundheits- und Umweltschutzes umgestellt werden. Ferner wünschten die Mediziner:innen, dass die Forschung im Bereich Medienkonsum bei jungen Menschen vermehrt gefördert wird.

Ein umstrittenes Thema bleibt die Notfallversorgung. Der Gesetzgeber möchte statt einer Reform eine verpflichtende, standardisierte Ersteinschätzung zur Patientensteuerung – durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Die Ärzteschaft akzeptiert jedoch keine »im Bereich der Ersteinschätzung geschaffenen Fakten, bevor das Gesamtkonzept steht«, das bereits beim Ärztetag des Vorjahres gefordert wurde. Die mittlerweile auch von den Regierungsfraktionen angekündigte Reform sei dringend notwendig, so der aktuelle Beschluss. Es müsse geklärt werden, wie die unterschiedlichen Versorgungsebenen in der ambulanten Notfallversorgung vernetzt werden und welches Leistungsspektrum sie aufweisen sollen.

Der 126. Deutsche Ärztetag tagte vom 24. bis 27. Mai 2022 in Bremen. Das Themenspektrum, das beim Ärztetag diskutiert wurde, reicht von Reformen in Bereich der Krankenhausplanung und -vergütung über die Neuorganisation der Notfallversorgung, Strukturreformen im Öffentlichen Gesundheitsdienst bis zum ärztlichen Versorgungsbedarf in einer Gesellschaft des langen Lebens.

Hier finden Sie die Beschlüsse des Deutschen Ärztetags in einer Zusammenfassung I https://www.bundesaerztekammer.de/presse/aktuelles/detail/zusammenfassung-i sowie einer
Zusammenfassung II: https://www.bundesaerztekammer.de/presse/aktuelles/detail/zusammenfassung-ii

 

Robotik in der Altenpflege

Entlastung für Pflegekräfte noch in weiter Ferne

Wissenschaftler:innen der Universität Konstanz und der Fachhochschule Vorarlberg in Österreich wollten herausfinden, inwieweit Assistenzroboter Pflegekräfte unterstützen können. Nach monatelangen Tests fällt das Ergebnis gemischt aus.

Der Assistenzroboter Lio der Schweizer Firma F&P Robotics wurde fast zwei Jahre lang im Alltag von Altenheimen am Bodensee getestet. Ausgestattet mit einer Art Greifarm, integrierten Augen und einem Bildschirm agierte der Roboter auf Rädern ähnlich wie ein menschlicher Praktikant. Zudem beherrschte er sehr viele Funktionen zuverlässig – im direkten Vergleich erbrachte kein anderer Roboter bessere Leistungen.

Doch je mehr der smarte Helfer gelernt hatte, desto langsamer wurde er, so die Wahrnehmung der Pflegekräfte. Oft verstand er den Dialekt der Heimbewohner:innen nicht. Viele Roboter erkennen die hochdeutsche Sprache besser, weil dafür mehr Trainingsdaten vorliegen. »Auch wenn ältere Menschen Sätze nicht zu Ende sprechen, reagieren künstliche Systeme schlechter. Da die Anbieter in der Sprachanalyse dieses Problem jedoch erkannt haben, sollte es in zwei, drei Jahren behoben sein«, erklärte Oliver Deussen, Professor für Visual Computing an der Universität Konstanz.

Unter Bewohner:innen, Angehörigen und Pflegepersonal erhielt der Roboter eine gute Akzeptanz. »Er gehört einfach dazu und hat einen hohen Sympathiefaktor«, sagte die Konstanzer Heimleiterin Sackmann, auch wenn er in der Pandemiezeit manchmal eine zusätzliche Belastung für die Mitarbeiter:innen war. Mit den vier wichtigen Fokusfunktionen ›Desinfektion, Erinnerung an Therapieangebote, Transport von Gegenständen und nächtlicher Flurüberwachung‹ will der Hersteller in Zukunft deutlichere Entlastung für das Pflegepersonal schaffen. Auch wenn Roboter immer häufiger in Heimen eingesetzt werden, stehen sie noch nicht in Konkurrenz zu den Fachkräften. Auch der stolze Kaufpreis – bei Lio zwischen 120.000 und 170.000 Euro – muss erst einmal erwirtschaftet werden.


Bemerkt

 

 

»Die PKV ist ein Bestandteil in der Versorgung, auf den wir nicht verzichten wollen. Die PKV ist immer ein Teil in meinem gesundheitspolitischen Herzen gewesen«

 

Prof. Dr. Karl Lauterbach, lBundesgesundheitsminister in seinem Grußwort zur Jahrestagung der Privaten Krankenversicherungen (PKV)

Hier können Sie den Mitschnitt der Jahrestagung ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=2n8nU_E9PP4

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Warum wollte sich manches Krankenhauspersonal nicht gegen Corona impfen lassen? Das untersuchen aktuell Forschende aus Konstanz und der Schweiz.

Was charakterisiert diejenigen Krankenhausangestellten, die eine Impfung gegen das Corona-Virus ablehnten, als sie erstmals verfügbar wurde? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein interdisziplinäres Team aus Ökonom:innen und Verhaltens- und Gesundheitswissenschaftler:innen aus Konstanz und der Schweiz. Anhand von Umfragedaten aus zwei großen Schweizer Krankenhäusern identifizieren die Wissenschaftler:innen Einflussgrößen, die über die bereits bekannten sozio- demographischen Faktoren, wie Geschlecht und Alter, hinausgehen.

Demnach zeigt das Krankenhauspersonal, das eine COVID-19-Impfung ablehnte oder mit der Impfung zögerte, erstens ein höheres Maß an Ungeduld im Vergleich zu den Kolleg:innen mit sofortiger Impfbereitschaft. Zweitens schätzten sie die Impfbereitschaft ihres Umfelds niedriger ein. Da medizinisches Personal in Gesundheitsfragen häufig eine Vorbildfunktion für die Bevölkerung hat, ergeben sich aus den Beobachtungen Handlungsempfehlungen für zukünftige Gesundheitskampagnen.

Hier können Sie die Publikation in englischer Sprache lesen: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0268775


Empfehlung

 

Risiko- und Sicherheitskultur im Gesundheitswesen

»Nur wenn Sicherheitskultur ganz oben auf der Agenda steht, gelingt es, Risiken bestmöglich zu beherrschen und das Gesundheitssystem für alle Beteiligten nachhaltig zu verbessern«, sagt Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V. und Herausgeberin des Buches ›Risiko- und Sicherheitskultur im Gesundheitswesen‹.

Die Autor:innen benennen die wesentlichen Handlungsfelder, um eine Sicherheitskultur zu entwickeln, und beschreiben Methoden, wie sie diese in ihren Institutionen umsetzen. Risikobewusstsein und gelebte Sicherheitskultur seien Leitmotive, die innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette der Gesundheitswirtschaft agieren und priorisiert werden sollten. Das Fachbuch lässt dabei Expert:innen aus sämtlichen Bereichen der Gesundheitsversorgung und der Gesundheitswirtschaft zu Wort kommen.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.mwv-berlin.de/produkte/!/title/risiko-und-sicherheitskultur-im-gesundheitswesen/id/833


Zuletzt:

 

Umfrage zeigt positives Stimmungsbild in der Bevölkerung zu Organspenden

Das sind erfreuliche Nachrichten: Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stehen 84 Prozent der deutschen Bevölkerung der Organ- und Gewebespende positiv gegenüber. Insgesamt haben 44 Prozent der Befragten ihre Entscheidung zur Organ- und Gewebespende schriftlich festgehalten – entweder in einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung, oder in Form beider Dokumente.

Weitere 17 Prozent haben eine diesbezügliche Entscheidung für sich getroffen, diese aber (noch) nicht schriftlich dokumentiert. »73 Prozent derjenigen, die eine Entscheidung getroffen haben, stimmen einer Organ- und Gewebespende zu. Das ist ein sehr erfreuliches Ergebnis«, sagt Prof. Dr. Martin Dietrich, Kommissarischer Direktor der BZgA. »Viele Spenden kommen jedoch nicht zustande, weil der Wille nicht eindeutig mitgeteilt wird. Umso bedeutsamer ist es, die Menschen zum Thema Organspende gut zu informieren.« Der Tag der Organspende war am 4. Juni.

Weitere Themen