Berlin-Chemie Newsletter vom 07. Dezember 2016

Berlin-Chemie Newsletter vom 07. Dezember 2016

  • Innovationsfonds: Geld wird endlich verteilt
  • Welcher Arzt passt zu mir?
  • KBV: Wir machen das!
  • Gefüllter Geldspeicher
  • Gesunde Investitionen
  • Medizinerinnen nehmen sich mehr Zeit und verdienen weniger
  • Digital ist besser
  • RKI: Krebs ist kein Todesurteil mehr
  • OECD-Report: Leben länger aber nicht gesünder
  • AdAM: Sicherheit ist Trumpf

nnovationsfonds: Geld wird endlich verteilt

Der Chef des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), Prof. Josef Hecken, ist zufrieden mit der Qualität der eingereichten Versorgungsprojekte. Nur in einem Themenfeld bemängelt er die geringe Zahl an Projektentwürfen. Vor allem auf Kassenseite ist die Quote der bewilligten Projektanträge äußerst gut.

Im April dieses Jahres rief der G-BA mit der Veröffentlichung der Förderbekanntmachungen die Akteure des deutschen Gesundheitswesens auf, Anträge zu neuen Versorgungsformen und zur Versorgungsforschung einzureichen. 700 Förderanträge später heißt es nun: Das Sparschwein wird geöffnet. Mit einem Gesamtantragsvolumen von 1,7 Milliarden Euro sprengten die Antragsteller das Budget deutlich. Am Ende konnten sich Projektträger von 29 Projekten der ersten Welle der neuen Versorgungsformen und 62 Projekten zur Versorgungsforschung über Förderbescheide freuen. Im Bereich der neuen Versorgungsformen wollten 62 Prozent der Antragsteller zwischen einer und zehn Millionen Euro als Fördermittel. In diesem finanziellen Spielraum fanden sich 73 Anträge wieder. Je 19 Prozent der Anträge lagen über und unter dieser Spanne. Die Mehrheit (74 Prozent) der Antragsteller hat dabei eine Förderung über drei Jahre beantragt.

Hecken erklärte jedoch kürzlich, dass die geringe Antragszahl im Themenfeld „Versorgungsmodelle für pflegebedürftige Menschen“ ärgerlich und traurig sei. Lediglich fünf der 120 Anträge gab es in diesem Feld. Verglichen mit den 34 Anträgen im Bereich der Telemedizin natürlich zu wenig. Immerhin: Viele der Anträge basieren auf einer sektorenübergreifenden Zusammensetzung. Die Akteure würden somit zur vertrauensvollen Zusammenarbeit gezwungen, meint Prof. Dr. Holger Pfaff, Vorsitzender des Expertenbeirats. Ein Paradebeispiel für die Zusammenarbeit mehrerer Akteure ist das Modellvorhaben „RESISTenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen“. Der Verband der Ersatzkassen (vdek), dessen Mitgliedskassen sowie die Kassenärztliche Bundesvereinigung plus elf Kassenärztliche Vereinigungen entwickeln das Projekt zur Verringerung unnötiger Antibiotikaverordnungen. Diese werden in Deutschland etwa 39 Millionen Mal pro Jahr verordnet. Obwohl Deutschland im EU-Vergleich gar nicht mal schlecht abschneidet, zeigen Erfahrungen aus den Niederlanden und der Schweiz ungenutztes Potential. Das Projekt zeichnet sich, so die Antragsteller, durch einen „niedrigschwelligen Ansatz nah am Versorgungsalltag“ aus. Zur Projektteilnahme bewegt werden sollen Haus-, HNO-, Kinder- und Jugendärzte in elf der bundesweit 17 Kassenärztlichen Vereinigungen. Anfang 2017 soll RESIST starten; erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation sollen Ende 2019 vorliegen. Der Innovationsfonds belohnt die Antragsteller mit rund 14 Millionen Euro. „Wir als Kassen haben uns im Gesetzgebungsprozess kritisch zum Innovationsfonds geäußert. Die Zusammenarbeit hat uns etwas anderes gelehrt. Von 29 bewilligten Anträgen haben 28 eine Kassenbeteiligung. Das freut uns“, erklärte Michael Weller, GKV-Spitzenverband. Große Gewinner der Ausschreibungen sind die großen Kassen. Unter Beteiligung der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) werden 18 Projekte gefördert (Fördervolumen 133 Millionen Euro); die Techniker Krankenkasse freut sich über Zusagen für 15 Projekte (Fördervolumen 120 Millionen Euro), von denen sie vier als Konsortialführerin verantwortet. Produktinnovationen werden – wie im Vorfeld angekündigt – nicht gefördert. Im Januar 2017 wird die Bekanntgabe der geförderten Projekte zur Versorgungsforschung folgen.

Welcher Arzt passt zu mir?

Eine Umfrage zeigt, dass Versicherte häufig bei der Arztsuche überfordert sind.

Knapp zwei Drittel der Deutschen möchte sich bei der Arztsuche im Bedarfsfall persönliche Unterstützung von der Krankenkasse holen können. Jeder Dritte soll sogar einen Wechsel der Kasse in Betracht ziehen, wenn die Beratung andernorts besser und andere Konditionen vergleichbar sind, fand die Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) in einer Befragung heraus. „Die wachsende Spezialisierung in den verschiedenen Fachrichtungen der Ärzte macht die Suche nach dem passenden Facharzt komplex“, so Dr. Gabriele Gonschor, Expertin für Beratungsangebote bei der SBK. „Für Patienten ist es schwer, Zugang zu Informationen über geeignete Spezialisten zu bekommen.“ Viele Patienten würden sich in Online-Portalen über Ärzte informieren. Dabei würden aber vor allem subjektive Erfahrungen bezüglich der Wartezeit und Freundlichkeit des Arztes eine Rolle spielen. „Neben den wichtigen zwischenmenschlichen Ansprüchen sollten bei der Suche nach dem passenden Spezialisten auch fachliche Kriterien eine Rolle spielen.“

KBV: Wir machen das!

Unnötig viele Patienten werden nach Meinung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in deutschen Krankenhäusern behandelt, obwohl sie in der ambulanten Versorgung richtig aufgehoben wären. Deshalb plädierte KBV-Chef Gassen gegenüber der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) erneut für eine neue Patientensteuerung. Die Rechenspiele der KBV findet die DKG jedoch gar nicht lustig.

10 Millionen Patienten werden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ambulant versorgt. 20 Millionen Patienten gehen in die Notaufnahme der Krankenhäuser, von denen aber nur 10 Millionen stationär aufgenommen werden. „Von den also insgesamt 20 Millionen Krankenhausnotfällen müssen wir uns die rund zehn Millionen Fälle genauer betrachten, die ambulant weiterbehandelt werden. Nationale und Internationale Studien zeigen, dass zehn Prozent der Patienten akut keinerlei dringliche medizinische Hilfe benötigen. Der größte Anteil von 87 Prozent der Patienten gehört eigentlich in den ärztlichen Bereitschaftsdienst und in die normale ambulante Versorgung“, führte Gassen in Berlin aus. Wieder einmal versuchte er die DKG von seinen Reformplänen zur Entlastung der Notfallambulanzen zu überzeugen. Der KBV-Vorstandsvorsitzende schlug vor, die Patienten direkt bei der Klinik-Ankunft von einem Arzt begutachten zu lassen und über den Verbleib oder die Überführung in eine vertragsärztliche Praxis zu entscheiden. „Die erste Begutachtung des ankommenden Patienten kann sowohl durch einen niedergelassenen Arzt als auch einen stationär-tätigen Kollegen erfolgen“, erläuterte Gassen. „Dies könnten die Krankenhäuser wie bisher nach Sätzen im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) berechnen. Für die schweren und besonders aufwändigen Fälle schlagen wir Zuschläge vor, etwa in Form eines Schwergradzuschlags“, sagte er. Von Krankenhaus-Seite heißt es bisher, dass harmlose Bagatellfälle notwendig seien, um die Zusatzbelastung von einer Milliarde Euro durch ungesteuerte Inanspruchnahme der Notfallambulanzen auszugleichen. Diese Ansicht basiert auf dem „Gutachten zur ambulanten Notfallversorgung im Krankenhaus – Fallkostenkalkulation und Strukturanalyse“, welches im Juni 2014 von der durch die DKG beauftragten Management Consult Kestermann (MCK) und Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) erstellt wurde. Deshalb hatte Gassen auch eine kritische Analyse des Gutachtens durch Prof. Dr. Günter Neubauer vom Münchner Institut für Gesundheitsökonomik dabei. Dessen Team habe berechnet, dass den Krankenhäusern schon heute eine kostendeckende Finanzierung für die ambulanten Notfälle zur Verfügung stehe. „Schließlich müssen auch die Finanzierungsbeiträge durch den expliziten Zuschlag auf die DRG-Fallpauschalen von 5 € beziehungsweise 10 € auf jeden Fall und die von den Kassenärztlichen Vereinigungen gezahlten ambulanten Notfallpauschalen von 32 € in die Betrachtung einbezogen werden“, heißt es im Fazit der Analyse. Dieser spricht die DKG jede Aussagekraft ab. Die fachliche Analyse offenbare, dass dem Gutachten der KBV wesentliche Kenntnisse der Vergütungssystematik der Krankenhäuser fehlen, kritisiert Hauptgeschäftsführer Georg Baum. Die Einschätzung, dass in den Fallpauschalen für die stationären Leistungen Vergütungsanteile für ambulante Notfälle eingerechnet seien, zeuge von Unkenntnis. Eine solche Verknüpfung wäre zudem rechtlich unzulässig. Der Gesetzgeber hat den Parteien der gemeinsamen Selbstverwaltung, der KBV, dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung und der Deutschen Krankenhausgesellschaft mit dem Krankenhausstrukturgesetz den Verhandlungsauftrag erteilt, die Vergütung der ambulanten Notfallbehandlung an den Krankenhäusern bis Jahresende 2016 neu zu regeln. Eine Einigung erscheint drei Wochen vor Jahresschluss unwahrscheinlich.

Gefüllter Geldspeicher

Finanzlage der G-KV verbessert sich erneut / Nahezu alle Kassenarten erwirtschaften Überschüsse.

Die mit zwei Oscars dekorierte Schauspielerin Elizabeth Taylor soll einst gesagt haben: „Wozu ist Geld gut, wenn nicht, um die Welt zu verbessern?“ Nicht die Welt, aber die gesundheitliche Versorgung verantworten, verwalten und verbessern soll und will die Gesetzliche Krankenversicherung. Klar, dies kostet jede Menge Geld, aber davon hat die G-KV offenbar mehr als genug. Diese Körperschaften des öffentlichen Rechts dürfen eigentlich keine Gewinne erwirtschaften. Schnell werden überschüssige Einnahmen zusätzlich zur „monatlichen Zwangsrücklage“ in Rücklagen für Krisenzeiten umbenannt. Wieder einmal zeigen neue Zahlen hohe Überschüsse auch im dritten Quartal. Die 117 gesetzlichen Kassen wiesen Ende September einen Überschuss von knapp 1,5 Milliarden Euro aus, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete. Damit hätten die Kassen ihren Überschuss von 600 Millionen Euro aus dem ersten Halbjahr mehr als verdoppelt. Den höchsten Überschuss wiesen dabei die Ersatzkassen aus, welche 757 Millionen Euro Überschuss erzielten. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOKen) wiesen 558 Millionen Euro aus, die Knappschaft erzielte ein Plus von 124 Millionen Euro. Die Betriebskrankenkassen erwarten immerhin ein leicht positives Ergebnis für dieses Jahr, während die Innungskassen wohl leicht ins Defizit rutschen.

Gesunde Investitionen

Investitionen in die Gesundheit der Angestellten rechnen sich für beide Seiten.

Mit mehr als drei Wochen Fehlzeit pro Jahr (durchschnittlich 23 Tage) fehlen Reinigungskräfte am häufigsten. Verkehrs- und Logistikberufe folgen mit 22 Fehltagen und Angestellte in Sicherheitsberufen mit 20,5 Tagen. Am unteren Ende der Fehlzeitenskala finden sich unternehmensbezogene Dienstleistungsberufe – so in den Bereichen Recht und Verwaltung sowie Medienberufen mit jeweils rund 13 Krankentagen. Beschäftigte im IT-Bereich waren im Schnitt nur 12 Tage krank gemeldet. Dies vermeldet der aktuelle BKK Gesundheitsreport 2016 „Arbeit und Gesundheit“, für welchen die Daten von 9,3 Millionen Versicherten analysiert wurden. Wie sinnvoll Investitionen in die Mitarbeitergesundheit auf Arbeitgeber-Seite sind, zeigt eine Studie der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga). Aufgrund reduzierter Fehlzeiten sollen sich mit jedem eingesetzten Euro rund 2,70 Euro sparen lassen. „Und Steuern sparen können die Firmen damit auch noch“, sagt Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands. Wurden Gesundheit und Krankheit historisch stets als Kostenfaktoren betrachtet, so werde heute auch vonseiten der Personalvorstände deutlich, dass sich derartige Investitionen lohnen. Gerade in körperlich anspruchsvollen Berufen werden deutlich mehr Fehlzeiten auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurückgeführt. In der Gesundheitsbranche, wo die emotionale Belastung in vielen Bereichen höher ist, entstehen vermehrt Fehltage aufgrund psychischer Störungen. Fehlzeiten durch Arbeitsunfälle gibt es im Hoch- und Tiefbau im Schnitt 1,5 Tage je Beschäftigtem, während Büroangestellte im Bereich der Finanzdienstleistungen, des Rechnungswesens und der Steuerberatung gerade einmal 0,1 Tage durch solche ausfallen.

Medizinerinnen nehmen sich mehr Zeit und verdienen weniger

Den deutschen Ärzten geht es finanziell gut. Im Durchschnitt haben sie 2015 rund 110.000 Euro verdient. Mehr, wer älter und männlich ist; weniger, wer jünger und weiblich ist.

Während männliche Ärzte 2015 im Schnitt 121.000 Euro verdienten, gingen Ärztinnen mit 83.900 Euro nach Hause. Das geht aus dem neuen Medscape-Gehaltsreport hervor. Doch woran liegt das? Dr. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, erklärt: „Einmal nehmen sich Ärztinnen mehr Zeit für ihre Patienten, betrachten diese eher ganzheitlich und setzen mehr auf die sprechende Medizin. Das führt natürlich dazu, dass der Durchlauf an Patienten durchschnittlich geringer ist als bei Ärzten.“ Zum anderen würden Ärztinnen häufiger in Stadtteilen mit weniger Privatpatienten praktizieren und sich eher für kleine konservative Praxen entscheiden. Einen Unterschied macht es finanziell auch, wie alt Ärzte sind und ob sie als Niedergelassene oder Klinikärzte tätig sind. Ältere Ärzte ab 45 Jahren verdienten 2015 mit 132.500 Euro deutlich mehr als ihre jüngeren Kollegen. Mit durchschnittlich 131.500 Euro hatten Niedergelassene ein höheres Einkommen als ihre Klinik-Kollegen mit 106.700 Euro. Für Hausärzte lag das Einkommen bei durchschnittlich 103.800 Euro und damit unter dem Niveau des Vorjahres (110.000 Euro). Auch Fachärzte verdienten 2015 weniger als 2014 (112.400 Euro; 114.000 Euro). Acht von zehn Ärzten geben ihr Vermögen mit unter 500.000 Euro an. Mehr als die Hälfte wiederum besitzt nicht mehr als 200.000 Euro. 17 Prozent der befragten Niedergelassenen verfügen über ein Vermögen zwischen 500.000 und einer Million Euro. Und was tut sich an den Gehältern der Ärzte? Gegenüber dem Vorjahr stieg das Gehalt für 37 Prozent der Ärzte, bei 13 Prozent ist es gesunken. Gehaltserhöhungen können laut Studie vor allem jüngere Ärzte erwarten. So freuten sich 52 Prozent der unter 45-Jährigen im Jahr 2015 über eine Gehaltserhöhung.

Digital ist besser

Steht die Diabetologie vor dem Kollaps? Immer mehr Menschen leiden an der Krankheit – doch immer weniger Ärzte sind auf die Erkrankung spezialisiert.

In den kommenden zehn Jahren werden Hunderte von spezialisierten Diabetes-Ärzten fehlen. Wie können künftig mehr Mediziner für diesen Fachbereich gewonnen werden? Welche Chancen bietet die Digitalisierung Patienten und Ärzten? Und wie genau kann eine am Patienten ausgerichtete Diabetologie 2025 aussehen? Diese und andere Fragen wurden auf dem Zukunftstag Angewandte Diabetologie in Berlin erörtert. Der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Prof. Baptist Gallwitz, sagte: „Wir brauchen zukunftsfähige Versorgungsstrukturen durch sektorenübergreifende Konzepte.“ Wichtig sei, die drei bestehenden Versorgungsebenen Hausarzt, Schwerpunktpraxis und Klinik zu erhalten und zu lokalen und überregionalen Netzwerken weiterzuentwickeln. „Wir brauchen E-Health-Angebote, vor allem Diagnostik- und Therapie-Empfehlungen – und das auf der Basis von Big-Data-Analysen“, so Gallwitz weiter. Grundvoraussetzung dafür sei jedoch eine elektronische Gesundheitskarte, auf der alle relevanten Daten abgespeichert sind. Damit auch die Versorgungsqualität messbar wird und keine wirkungslosen Therapien weiter bezahlt werden, fordern die DDG und ihre Partner mehr Versorgungsforschung und die Einrichtung von Registern. Gesundheitspolitik und Kassen sind dazu aufgefordert, die DMP-Daten zu Typ I und II Diabetes in einem bundesweiten Register zusammenzuführen und für die Versorgungsforschung zur Verfügung zu stellen. Um dem Ärztemangel zu begegnen, müsste aus Expertensicht die Diabetologie in Zukunft standardmäßig ins Studium verankert und als 15. Querschnittsfach anerkannt werden. Langfristig sei zudem ein Facharzt für Diabetologie sinnvoll. Dieser sollte nicht nur über das Fach Innere Medizin erworben werden können, sondern auch über die Fächer Allgemeinmedizin und Pädiatrie. Weil Diabetologie ein interdisziplinäres Fach ist, sollen „Diabetes-Boards“ dabei helfen, alle beteiligten Ärzte an einen Tisch zu bringen und so ganzheitliche Behandlungspfade zu erstellen.

RKI: Krebs ist kein Todesurteil mehr

Krebs wird zunehmend zu einer chronischen Krankheit. Die Lebenserwartung nach der Diagnose ist seit 1980 im Schnitt um vier Jahre gestiegen.

Krebs zählt zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland. Statistisch gesehen bekommt jeder Zweite mindestens einmal im Leben die Diagnose gestellt. Doch die ist heute längst kein Todesurteil mehr, wie aus einem Bericht des Robert-Koch-Instituts hervorgeht. Die Zahl der Krebserkrankungen in Deutschland hat sich im Vergleich zu 1970 auf rund 482.500 Erkrankungen im Jahr 2013 nahezu verdoppelt. Das liegt vor allem an der immer älter werdenden Bevölkerung. Wird der Alterseffekt herausgerechnet, gehen die Erkrankungsraten seit einigen Jahren insgesamt ein wenig zurück. Neben dem Lungenkrebs bei Männern sind vor allem Krebserkrankungen des Magens und Darms rückläufig. Bei Frauen steigen hingegen die Lungenkrebsraten. Auf dem Vormarsch insgesamt sind Lebertumore und Bauchspeicheldrüsenkarzinome. Patienten, die heute an Krebs sterben, werden im Durchschnitt 74 Jahre alt. Damit ist ihre Lebenserwartung um vier Jahre im Vergleich zu 1980 gestiegen. Dieser Fortschritt ist durch zwei Faktoren bedingt: Sowohl die Früherkennung, als auch die Therapiemöglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Die moderne Immuntherapie und der Einsatz neuer Medikamente werden sich in Zukunft wohl weiter positiv auf die Statistik auswirken. Dennoch nimmt das der Krankheit ihren Schrecken nicht. In mehr als 200.000 Fällen war Krebs 2013 Ursache für Arbeitsunfähigkeit, bei jedem achten Pflegefall die Begründung für die Pflege.

OECD-Report: Leben länger aber nicht gesünder

Im Vergleich zu anderen EU-Staaten investiert Deutschland besonders viel Geld in die Gesundheit. Doch gesünder sind die Deutschen nicht.

Wir leben heute zwar länger, aber keineswegs länger in Gesundheit. Das zeigt der gemeinsame Report der EU-Kommission und der OECD „Health at a Glance: Europe 2016“: In Deutschland ist diese Schwelle, bis zu der Menschen ohne große gesundheitliche Einschränkungen leben, schon mit Mitte 50 erreicht. Der EU-Durchschnitt liegt bei 61,5 Jahren. In Malta und Schweden setzen körperliche Gebrechen deutlich später ein – nämlich erst mit über 70 Jahren. Und das obwohl die Deutschen im EU-Vergleich für ihre Gesundheit besonders viel Geld ausgeben. So beliefen sich die Gesundheitsausgaben im vergangenen Jahr auf gut elf Prozent der Wirtschaftsleistung. In anderen europäischen Ländern lag der Wert bei knapp zehn Prozent. Die Versorgungsqualität ist damit nicht automatisch besser. Dem OECD-Bericht zufolge ist sie hierzulande gut, aber nicht herausragend. 2013 überlebten in Deutschland weit weniger Herzinfarktpatienten, die behandelt wurden, als in vielen anderen EU-Ländern. Und auch an der Lebenserwartung zeigt sich, dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht Spitze, sondern ziemlich genau Durchschnitt ist: Deutsche leben heute 81,2 Jahre (Frauen: 83,6 Jahre; Männer: 78,7 Jahren). Pro Jahr nimmt die Lebenserwartung für einen Neugeborenen derzeit um drei Monate zu. Die zweithäufigste Todesursache nach Herzproblemen ist europaweit Krebs: 30 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Europa sterben daran. Wie gesund die Europäer sind, hängt vor allem von ihrer sozialen Stellung ab. Im Durchschnitt der EU-Länder sei die Lebenserwartung von Personen mit dem niedrigsten Bildungsstand sieben Jahre kürzer als bei Personen mit sehr hohem Bildungsniveau. „Es zeigt sich, dass in der EU jedes Jahr viele Menschen an potenziell vermeidbaren Krankheiten sterben, die mit Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht zusammenhängen“, betont der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis.

AdAM: Sicherheit ist Trumpf

16 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds fließen in die Pilotphase des Projekts AdAM, das in der Regelversorgung bis 2,75 Milliarden Euro einsparen soll.

Der bundesweite Medikationsplan sollte Apothekern und Ärzten eigentlich die Arzneimittelberatung und -verordnung erleichtern und damit die Sicherheit erhöhen. Doch im Alltag hat sich das Konzept bislang nicht wirklich bewährt, weil die Pläne oft unvollständig sind. Die Barmer GEK hat nun ihr Projekt „Anwendung für ein digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management" (AdAM) gestartet, das mit 16 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert wird. Der Hausarzt bekommt dabei von der Krankenkasse mit Genehmigung des Patienten eine Liste über die ihm verordneten Arzneimittel und behandlungsrelevante medizinische Informationen. Die Arzneimittel des Patienten gehen in dessen Medikationsplan ein, der auch die vom Patienten angegebene Selbstmedikation enthält und für den Patienten ausgedruckt wird. Der Überblick ermöglicht es dem Arzt, gefährliche Wechselwirkungen zu erkennen. Letztlich hilft AdAM also dabei, den Medikationsplan auf einen aktuellen Stand zu bringen. Mit positiven Folgen: „Weniger unerwünschte Arzneimittelwirkungen, weniger Krankenhauseinweisungen, weniger Todesfälle - in erster Linie profitiert der Patient vom AdAM-Projekt“, so Thomas Müller, Geschäftsführer Zentralstab Unternehmensentwicklung und -steuerung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. In Siegen wurde das Projekt bereits getestet – mit erfreulichen Ergebnissen: „Das Einsparvolumen lag hier bei elf Prozent. Davon können die Ärzte vergütet werden“, sagt Müller. Pro Hausarzt und Patient und Jahr sind zurzeit 80 Euro als Vergütung veranschlagt. Wirtschaftlich ist das Projekt, das nun drei Jahre in Westfalen-Lippe getestet wird, vielversprechend: „Bei einer Überführung in die Regelversorgung lassen sich bei allen gesetzlichen Krankenkassen bis zu 2,75 Milliarden Euro einsparen“, sagte Dr. Mani Rafii, Vorstand der Barmer GEK.

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