Berlin-Chemie Newsletter vom 07. April 2022

Berlin-Chemie Newsletter vom 07. April 2022

Interview:

  • Sind DiGA sinnvoller als Selektivverträge?
    EinBlick sprach mit Christina Bernards, Digitalexpertin bei der SBK – Siemens Betriebskrankenkasse; Karsten Knöppler, Geschäftsführer und Partner bei fbeta und Jörg Land, Geschäftsführer und Mitgründer der Sonormed GmbH über den Ist-Stand bei den Digitalen Gesundheitsanwendungen DiGA

Kurzstrecke:

  • Leistung wird in Regelversorgung aufgenommen
    Telemedizinische Beratung bei intensivpflichtigen Coronapatient:innen

  • In der nächsten Pandemie besser aufgestellt
    Politik hat mit Impfstoffherstellern Verträge abgeschlossen

  • Zu viel Zeitaufwand für Bagatellfälle
    Häufige Einzelfallprüfungen erschweren die Arbeitsprozesse in Arztpraxen

  • Informations-App vernetzt Leitlinien der Fachgesellschaften
    Hilfe für den klinischen Alltag

Interview:

  • Nach der Desillusionierung kommt die Illusionierung oder die Vision?
    EinBlick sprach mit Dr. Bernhard Tenckhoff über die Digitalisierung in den Praxen und seine Erfahrungen nach dem Wechsel aus der Verbandstätigkeit

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Gesundheits-IT der Zukunft
    Welche Stimmung ist vorherrschend: Desillusion, Datenschutz oder Innovation?

  • TI 2.0: Notwendigkeit oder Verschwendung?
    Eine Zukunft ohne Hardware-Konnektoren – doch aktuell wird der Austausch empfohlen

  • Altersanstieg unter Kassenärzt:innen durchbrochen
    Seit zwei Jahren steigt das Durchschnittsalter nicht weiter an

  • Medizin am Handgelenk?
    Wie Smartwatches Herz-Kreislauf-Patient:innen helfen



Interview

 

Sind DiGA sinnvoller als Selektivverträge?

EinBlick sprach mit Christina Bernards, Digitalexpertin bei der SBK – Siemens Betriebskrankenkasse; Karsten Knöppler, Geschäftsführer und Partner bei fbeta und Jörg Land, Geschäftsführer und Mitgründer der Sonormed GmbH über den Ist-Stand bei den Digitalen Gesundheitsanwendungen DiGA

 

     Christina Bernards                Karsten Knöppler              Jörg Land

 

Sie können sich das Interview hier anhören https://t1p.de/a1ud

 

Herr Land, Sie haben die Tinnitus-App mitentwickelt – eine mittlerweile Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA). Fanden Sie den DiGA-Prozess verständlich und transparent?
Jörg Land: Das DiGA-Verfahren ist weitestgehend operationalisiert. Jedoch unterscheidet sich das, was niedergeschrieben wird, und das, was vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und im Prüfungsprozess gelebt wird, dann doch. Das liegt womöglich daran, dass das ganze Verfahren noch recht jung ist. Im Prinzip fand ich das Verfahren verständlich und nachvollziehbar.
 
Herr Knöppler, wie schätzen Sie das Verfahren ein und was sind aus Ihrer Sicht Vorteile und Nachteile von DiGA?
Karsten Knöppler: Ich glaube, es hat sich ganz gut gezeigt, dass die Erprobungsphase doch etwas mehr Innovationsfreundlichkeit in den Markt bringt. Auch wenn nicht alles perfekt läuft. Es gibt durchaus Punkte, wo man nachbessern kann. Positiv zu sehen ist, dass DiGA es auf jeden Fall geschafft haben, dass etwas auch anders gemacht werden kann. Wer dabei was als Vor- bzw. als Nachteil empfindet, das ist sehr unterschiedlich. DiGA bringen neue Funktionen ins Gesundheitswesen, die vorher so nicht möglich waren. Und gerade das ist es, was das Gesundheitshandeln der Patientin oder des Patienten zwischen den Arztbesuchen aktiv unterstützt. Das gab es vorher so nur begrenzt oder gar nicht. Wir haben hier nun neue Darreichungsformen. Es können zum Beispiel klassische Leistungen plötzlich nicht mehr nur allein durch eine Therapeutin oder einen Therapeuten vor Ort erbracht werden, sondern können mit DiGA digital umgesetzt werden. Und damit entstehen neue Leistungserbringer. Denn jetzt können Krankenkassen theoretisch selber formal Leistungserbringer werden, wenn sie sich an Start-ups beteiligen. Es kommen digitale Leistungserbringer hinzu, die es so vorher nicht gab, und das mischt den Markt ganz gut auf.
 
Frau Bernards, können DiGA zwischen Hausärzt:innen und Versicherten Prozesse verbinden?
Christina Bernards: Ich würde sagen, DiGA haben das Potenzial, ein Verbindungsstück sein zu können. Es ist vorgesehen, dass DiGA wirklich in den Behandlungspfad integriert werden sollen. Bisher sehen wir das jedoch noch nicht. Bisher sind die entsprechenden Prozesse einfach noch nicht etabliert. Die DiGA sind noch nicht wirklich in der ambulanten Versorgung angekommen. Es gibt vielfach noch offene Fragen, denen wir uns stellen müssen, und wo auch noch viel Aufklärung notwendig ist. Wie Herr Knöppler bereits gesagt hat, es soll ja ein agiler Prozess sein. Hier gibt es noch viel zu tun.
 
Herr Land, sprechen wir über Ihre Tinnitus App. Wie kommt diese an? Können Sie hier genauere Einblicke geben?
Jörg Land: Wir sind mit der DiGA vor kurzem gestartet. Jüngst hatten wir eine CME Fortbildung, wo 700 Ärzt:innen dabei waren. Das Interesse ist mittlerweile sehr groß. Mehr dazu kann ich erst im laufenden Prozess sagen. Ich glaube, bei der Frage, wie die App ankommt, müssen wir an zwei verschiedene Adressaten denken. Das sind zum einen die Patient:innen und zum anderen die ärztlichen Leistungserbringer. Wir müssen mit der App sowohl ein Problem für die Patient:innen lösen als auch die App und das System so bauen, dass es sich gut in den ärztlichen Alltag integrieren lässt. Ich kann ja nicht die Komplexität der Technik einfach so in die ärztlichen Praxen reintreiben. Wir haben schon Jahre vorher durch Selektivverträge Digitalmodelle in die ärztlichen Praxen integriert. Was haben wir dabei gelernt? Wir müssen die Ärzt:innen ein Stück weit mitnehmen, damit es dann im Praxisalltag auch funktioniert, denn die DiGA ist in einer ärztlichen Praxis komplizierter als ein einfaches Präparat. Des Weiteren müssen wir uns als Anbieter sehen. Bei den Selektivverträgen hatten wir zusammen mit den Kostenträgern einen Zugang zu Patient:innen. Das wird weitestgehend wegfallen, sodass die Anbieter vor der Überlegungen stehen: Wie erreiche ich die Patient:innen, die von meinem Produkt profitieren können?
 
Sind Selektivverträge bei Gesundheitsapps eine sinnvolle Alternative zu DiGA?
Christina Bernards: Das schließt sich nicht aus. Es ist rechtlich möglich, DiGA in Selektivverträge grundsätzlich einzubinden. Sie bieten den einen oder anderen Vorteil, haben aber auch Nachteile. Ein Vorteil ist definitiv, dass wir mehr Gestaltungsspielraum haben und dass wir wirklich eine End-to-End Prozessbetrachtung über die ›Patient Journey‹ hinweg führen können. Wir können die beteiligten Leistungserbringer informieren. So weiß jede:r, was der Inhalt der Anwendung ist, und wir können uns auch genauer anschauen oder haben durch den Selektivvertrag zumindest die Möglichkeiten, genauere Zahlen einzusehen. Inwieweit nutzt der Kunde denn überhaupt die DiGA, oder lädt die Patientin oder der Patient diese sich am Anfang nur herunter? Ist hier wirklich ein guter Mehrwert zu erkennen? Ist die Anwendung entsprechend einfach, dass die Patientin oder der Patient das Produkt auch kontinuierlich nutzt? Das BfArM hat die DiGA einmal den Begleiter in der Hosentasche genannt, und dieser Formulierung schließe ich mich an. Die Selektivverträge haben natürlich auch Nachteile. In den ärztlichen Praxen sorgen sie für nicht unerhebliche administrative Aufwendungen. Das darf man nicht vergessen. Und der Versorgungszugang ist nur den Versicherten möglich, die bei der jeweiligen Kasse versichert sind. Denn das ist kein Kollektivvertrag und macht es schwer, die Selektivverträge in die Breite zu bekommen. Also, dass sich möglichst viele Leistungserbringer auch beteiligen. Wir sehen, dass viele Hersteller bei uns in der Kasse vorstellig werden, weil sie sich auch die Selektivverträge wünschen, da der Vertriebsweg allein über die Praxen noch nicht reibungslos funktioniert.
 
Herr Knöppler, Wie können DiGA mehr Bekanntheit und Akzeptanz finden?
Karsten Knöppler: Ich denke, als Erstes ist eine gute ›User-Experience‹ wichtig. Aber nicht nur für die Patientin oder den Patienten, sondern auch für die ärztliche Seite. Ich muss alle Beteiligten in den Prozess integrieren und er muss für alle gut durchgestaltet sein. Dann muss der harte medizinische Mehrwert spürbar und erlebbar gegeben sein. Und ich glaube, damit haben wir dann eine ordentliche Basis, um das Ganze auch wirklich in die Breite zu tragen. Der letzte Punkt ist, und hier sehe ich aktuell noch Akzeptanzprobleme, wir brauchen schnell eine gut funktionierende Ebene auf der Telematik Infrastruktur, damit nicht jeder Anbieter seinen Abrechnungs- oder Ordnungsprozess selber erfinden muss. Eine vernünftige Plattform ist hier grundlegend. Das sind meines Erachtens die wesentlichen Punkte, um DiGA in die Masse zu tragen.


Kurzstrecke

 

Leistung wird in Regelversorgung aufgenommen

Telemedizinische Beratung bei intensivpflichtigen Coronapatient:innen

Eine Leistung, die durch die Pandemie als Sonderregelung entstanden ist und nun in die Regelversorgung aufgenommen wird, ist die telemedizinische Beratung bei intensivpflichtigen Coronapatient:innen. Das in Herz- und Lungenzentren vorhandene Wissen von Expert:innen soll von anderen Krankenhäusern bei der Behandlung von intensivpflichtigen Patient:innen mit COVID-19 genutzt werden können. Mit Hilfe von Audio-Videoübertragungen sind so gemeinsame Beratungen zur Therapieplanung und Versorgung möglich.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) fasste Mitte März dafür den notwendigen Beschluss und ergänzte seine Regelungen, in denen definiert ist, für welche besonderen Aufgaben Krankenhäuser finanzielle Zuschläge vereinbaren können und welche qualitätssichernden Anforderungen dabei gelten. Diese Anforderungen können auf den Seiten des G-BA nachgelesen werden.

 

In der nächsten Pandemie besser aufgestellt

Politik hat mit Impfstoffherstellern Verträge abgeschlossen

Sollte es noch einmal zu einem Ausnahmezustand infolge einer Pandemie kommen, sei die Bundesregierung bei der Impfstoffverteilung besser aufgestellt, heißt es aus dem Bundeskabinett. Die Regierung hat beschlossen, mit fünf Unternehmen Verträge zur Bereitstellung von Corona-Impfstoffen für die Jahre bis 2029 abzuschließen. Die Unternehmen sind BionTech, CureVac/GSK, Wacker/CordenPharma, Celonic und IDT Dessau. Laut Bundesministerium für Gesundheit gewähren die Verträge der Bundesregierung im Falle des Andauerns der Covid-19 Pandemie oder einer neuen Pandemie den Zugriff auf Produktionskapazitäten dieser Unternehmen, womit die Politik Vorsorge für den Fall einer erneuten Engpasssituation trifft.

Neben der Bereithaltung von Produktionskapazitäten umfassen die Verträge auch Vereinbarungen zur Herstellung und Lieferung von Impfstoffen an die Bundesregierung. »Pandemiebekämpfung funktioniert am besten mit entschlossenem Handeln, weitsichtiger Planung und ausreichend Ressourcen. Dieser Einsicht aus den letzten zwei Jahren folgen die heute beschlossenen Verträge. So stellen wir sicher, dass künftig schnell die Bevölkerung mit Impfstoff versorgt werden kann«, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach.

 

Zu viel Zeitaufwand für Bagatellfälle

Häufige Einzelfallprüfungen erschweren die Arbeitsprozesse in Arztpraxen

Eine Umfrage der Ärztezeitung hat ergeben, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen immer öfter Einzelfälle in Praxen überprüfen. Dabei finden die meisten Prüfungen in den bevölkerungsreichsten Bundesländern statt. Alle 17 Selbstverwaltungen wurden befragt, zehn haben geantwortet. Lediglich in Bayern sind die Fälle auf hohem Niveau rückläufig. In der KV Nordrhein ist das Antragsaufkommen bei den Wirtschaftlichkeitsprüfungen stark gestiegen. Da sich die Ärzteschaft unter hohem Zeitaufwand oft mit Bagatellverfahren auseinandersetzen muss, plädiert die KV Nordrhein für gesetzliche Vorgaben mit höheren Bagatellgrenzen. Die Nachforderungsbeträge erstrecken sich von unter 100 Euro sowie in seltenen Fällen bis in den fünf- oder sechsstelligen Bereich. Die Regressbeträge liegen meist nicht höher als 500 Euro.

»Diese Prüfungen sind in Pandemiezeiten für Ärzt:innen eine Zumutung und ein Signal geringer Wertschätzung«, so Dr. Georg Lübben, Arzt, Praxisberater und Vorstand der AAC Praxisberatung. Er rät, Nachforderungen nicht sofort zu begleichen und beispielsweise die ICD-Codes nachzutragen. So könne man den Regress oft abwenden.

 

Informations-App vernetzt Leitlinien der Fachgesellschaften

Hilfe für den klinischen Alltag

Die medizinische Informations-App Leila Pro integriert und vernetzt die Leitlinien aller Fachgesellschaften untereinander. 19 Leitlinien stehen im deutschsprachigen Raum aktuell zur Verfügung, sechs weitere werden in Kürze hinzukommen. Daneben soll ein umfangreiches Update der Leitlinie 'Empfehlungen zur stationären Therapie von Patient:innen mit COVID-19' die Behandlung aufgrund neuer Erkenntnisse unterstützen. So enthält die überarbeitete S3-Leitlinie Angaben zur Thromboembolieprophylaxe bzw. Antikoagulation und Maßnahmen bei akuter hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz und oralen Virostatika.

Da die Coronafälle weiterhin auf hohem Niveau stagnieren, ermöglichen die neuen Informationen dem Klinikpersonal, die Risiken für Patient:innen im Krankheitsverlauf zu reduzieren, vor allem, wenn innerhalb der ersten fünf Tage adäquat gehandelt wird. Da das Wissen aus der Leitlinie noch nicht in der breiten Ärzteschaft angekommen ist, kann die App dazu beitragen, Menschenleben zu retten.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


Interview

 

Nach der Desillusionierung kommt die Illusionierung oder die Vision?

EinBlick sprach mit Dr. Bernhard Tenckhoff über die Digitalisierung in den Praxen und seine Erfahrungen nach dem Wechsel aus der Verbandstätigkeit

 

 

Dr. med Bernhard Tenckhoff

ist hausärztlicher Internist und Dipl. Medizininformatiker (FH). Seine klinische Weiterbildung hat er in der Charité Mitte (Kardiologie, Angiologie, Pulmonologie) und in der Inneren Abteilung des Ev. Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge (KEH) absolviert.

Von 2009 bis Juni 2021 war Doktor Tenckhoff Leiter für Innovation, strategische Analysen und IT-Beratung bei der KBV und dort unter anderem auch Projektverantwortlicher für die Zukunftspraxis.

 

 

Sie können sich das Interview als EinBlick – Nachgefragt hier anhören: https://t1p.de/it2aq

 

Herr Doktor Tenckhoff, wie geht es Ihnen als ehemaligem Gestalter des digitalen Fortschritts bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung jetzt in Ihrer eigenen Praxis?
Ich genieße die Arbeit, die ich jetzt habe, sehr. Das hat sehr viel mit Menschen zu tun, hat sehr viel mit direktem Kontakt zu tun, ist sehr viel mit Feedback, auch sehr viel positivem Feedback zum Glück seitens der Patienten, verbunden, und von daher ist das ein Schritt, den ich sehr gerne gegangen bin. Was die Digitalisierung angeht, muss ich allerdings sagen, dass ich eher in einer Phase der Desillusionierung gelandet bin. Das Gap zu dem, was aktuell in der Versorgung möglich ist, wie es sich in die bestehenden Prozesse einpasst, das ist schon eine, ich drücke es jetzt einmal vorsichtig aus, interessante Erfahrung.

Sie kennen inzwischen beide Perspektiven. Wo sehen Sie die Problemfelder mit Ihrem Blick aus der Praxis heraus? Woran hakt es?
Man versucht, digitale Prozesse in die aktuelle Versorgung einzubringen, die sich so nur schwer einbringen lassen. Die sind schlicht und einfach noch nicht benutzerfreundlich genug, um in der Realität benutzerfreundlich genutzt werden zu können.
Ein Beispiel. Kürzlich hatte ich innerhalb von fünf Stunden siebzig Patient:innen zu versorgen. Darunter war eine ganze Menge Krankschreibungen. Ich habe versucht auf die eAU umzustellen, aber wenn ich für jeden Patienten dann ungefähr eine Minute warten muss, dass eine Rückmeldung seitens der Server kommt, dann hätte mich das an diesem Tag locker eine oder zwei Stunden mehr gekostet. Das ist für mich einfach ein Prozess, der noch nicht wirklich so funktioniert, dass er einen in der Praxis unterstützt. Ich glaube, Sie können verstehen, dass es im Moment einfach auch ein sehr ungünstiger Zeitpunkt ist, um solche etwas rumpeligen Prozesse in die Versorgung hineinzubringen. Ich bin sehr froh, dass das jetzt alles ein bisschen nach hinten geschoben wurde, und hoffe, dass es im Sommerquartal etwas weniger schmerzhaft ist, das Ganze auf den Weg zu bringen. Aber da appelliere ich daran, dass man wirklich versucht, die Prozesse so zu gestalten, dass sie in der Praxis unaufwendig genutzt werden können.

Woran liegt es da? Die Patientinnen sind gewohnt, dass sie inzwischen sehr viel digital machen können. Es gibt eine Studie, die belegt, dass gerade die jüngeren Patient:innen sich eine Praxis aussuchen, die digital unterwegs ist wie sie selbst. Was meinen Sie, wo läuft es gut und wo müssten wir noch einmal nachbessern?
Überall da, wo Menschen jetzt digital unterwegs sind, sind es letztendlich Dienstleistungen, die sie zum Beispiel vorher in einem Reisebüro erledigt haben oder in einem Kleiderladen mit Beratung, oder einem Schuhladen. Es wird so digitalisiert, dass letztendlich der Patient selbst entscheidet und selbst seine Angaben macht. Das, was früher ein Berater im Reisebüro gemacht hat, indem er die günstigste Reise herausgesucht hat oder die, die der Kunde möglicherweise haben will, das macht jetzt alles der Kunde selbst.
Wenn es so wäre, dass der Patient bei mir strukturiert seine Anamnese online erheben würde, dann könnte ich meine Prozesse verschlanken. Da habe ich aber bisher noch nicht so richtig viele Instrumente gesehen, die das wirklich in einer sinnvollen Art und Weise untersuchen. Die Patienten erwarten eine menschliche Beratung. Diese in all ihren Facetten zu digitalisieren, ist aufwendiger als ein Verkaufskatalog für Flugreisen oder ein Verkaufskatalog für Schuhe oder Kleidung.

Bleiben wir bei den praktischen Themen. Sie haben das Stichwort eAU genannt. E-Rezept und ePA sind ja die Anwendungen, die jetzt im Prinzip von Seiten der TI ausgerollt werden sollten und die sich jetzt in einer Warteschleife befinden. Wie können diese Anwendungen erfolgreich werden?
Also die Ärzt:innen haben ein hohes Interesse an den Dingen, die sie zeitlich unterstützen. Die eAU in der jetzigen Form ist schwierig. Beim E-Rezept bin ich gespannt, wie das werden wird. Wir haben, würde ich mal schätzen, mindestens zwanzig bis dreißig Prozent ältere Patient:innen - das habe ich jetzt bei der Ausstellung von elektronischen Impfzertifikaten gemerkt -, die sagen: Ein Handy habe ich nicht. Ein E-Rezept ist nichts anderes als ein normales Rezept, außer dass ich jetzt einen QR-Code ausdrucke. Wofür nützt das? In der Beziehung zwischen Arzt und Patient ist es wirklich schwierig, jedes Mal eine sechs bis achtstellige PIN einzugeben.

Meinen Sie, dass das E-Rezept zeitnah kommt?
Ich würde mir wünschen, dass es tatsächlich zeitnah in einer kleinen Testumgebung kommt, bis es wirklich so weit erprobt und getestet ist, dass es dann auch von anderen Ärzt:innen unproblematisch übernommen werden kann. Das schließt aus meiner Sicht auch Supportprozesse ein, die funktionieren müssen. Ich befürchte, dass man das nicht in Monaten leisten kann, sondern eher in einem Jahr oder vielleicht zwei Jahren. Auch das wäre aus meiner Sicht schon fast sportlich. Es ist noch kein fertiges Produkt, wir haben es immer noch mit einer Art Prototyp zu tun.

Fehlt es an solchen, sagen wir mal, plausiblen Dingen, die allen Nutzer:innen klar machen: Oh, das ist eigentlich schon eine gute Sache.
Es wäre schön, wenn man nicht auf einem leeren Blatt Papier anfangen müsste, sondern wenn man mit bereits validen Ergebnissen arbeiten könnte. Aber es wäre auch schön, wenn dann Prozesse für ein weiteres Hinzufügen von Daten so gestaltet wären, dass ich sie im Prinzip aus meinem Bestandssystem mit einem Klick übernehmen kann. Faktisch ist es im Moment jedoch noch nicht so. Ich suche jede Diagnose, die ich zum Beispiel in einen Notfalldatensatz eintragen will, jetzt nochmals in einem extra ICD-Katalog heraus. Ich kann aber in der Zeit, während ich die Notfalldaten anlege, nicht auf mein Praxisverwaltungssystem zugreifen, weil das als Modul den Rest sperrt. Ich schreibe mir also deshalb bei Patienten, die längere Listen haben, vorher mit Bleistift auf einen Memo- Zettel heraus, welche Diagnosen ich übertragen will, und dann trage ich diese über eine eigene ICD-Katalogauswahl in den Notfalldatensatz ein. Das ist nicht der Prozess, den ich mir vorgestellt hatte.

Sie waren früher bei der KBV in einer Stabsstelle zuständig für Digitalisierung und Innovation. Haben Sie jetzt in Ihrer Praxis Gelegenheit, digitale Anwendungen, die Sie früher im Projekt KBV Zukunftspraxis vorgestellt haben, real einzusetzen?
Das tue ich, weil ich an der Stelle tatsächlich von einigen Anwendungen sehr überzeugt bin. Ich habe eine Anwendung bereits kurz nach der Übernahme der Praxis übernommen. Es handelt sich dabei um einen intelligenten Anrufbeantworter beziehungsweise Praxisassistenten. Ich werde jetzt eine weitere Anwendung für die digitale Erhebung von Anamnesebögen und Zwischenanamnesen in die Praxis holen. Ich möchte gerne solche Dinge weiter ausbauen, das ist eben doch mein Hobby.

Also es hat Ihnen die Freude an der Innovation und der Digitalisierung nicht genommen?
Auf gar keinen Fall. Wobei ich sagen muss, dass ich es auch sehr genieße, von Angesicht zu Angesicht Patient:innen in der Praxis gegenüberzusitzen. So sinnvoll Videokonferenzen auch sind, sie ersetzen eben dann doch nicht das direkte Gespräch und den direkten Kontakt.

Mit Ihrer jetzigen Umsetzungserfahrung, was würden Sie bei einer zukünftigen Einführung anders machen?
Ich würde dringend empfehlen, dass man Anwendungen dann erst verpflichtend in ein Roll-Out hineinbringt, wenn man sich wirklich sicher ist, dass sie auch tatsächlich den Bedürfnissen der Kolleg:innen entsprechen, oder dass sie so eingebaut werden können, dass sie die Versorgungssituation, ich sage es mal so, zumindest nicht behindern. Das wäre schon schön. Und dass man sich in Zukunft sehr genau überlegt, zu welchem Zeitpunkt man das macht.

Ich kann nur dazu raten, dass man sich nicht auf Prozesse fokussiert, die administrativer Art sind und letztendlich den, ich sage das jetzt einmal ganz despektierlich, den administrativen Aufwand nicht primär in der Arztpraxis, sondern an anderen Stellen vermindert. Ich glaube, so ein Projekt wie damals die KBV Zukunftspraxis, die fragte: Okay, was nützt Ärzt:innen wirklich? Was wollen die dann auch umsetzen? Das wäre wichtig. Oder was in der Versorgung für die Patient:innen bringt dann auch wirklich etwas? Anders gefragt: Was bringt es medizinisch dem Patienten, dass so eine eAU digital bei der Krankenkasse landet?

Wir wünschen Ihnen alles Gute und ich hoffe, dass wir beide Fortschritte bei der Digitalisierung erleben werden.
Wie gesagt: Nach der Desillusionierung kommt die Illusionierung oder die Vision? Eins von beidem.


Startup-Telegram

 

Den Bereich altersbedingter Netzhauterkrankungen, insbesondere die Makuladegeneration, fokussiert Deepeye.ai. Durch einen KI-Assistenten ermöglicht das Start-up Augenärzt:innen eine bedarfsgerechte, individualisierte Therapieentscheidung aufgrund der Auswertung von Netzhautscans. Ein Prototyp liegt nach mehrjähriger Forschung vor, die Zulassung steht noch aus. Danach soll die Software als Software-as- a-Service-Lösung vertrieben werden. https://deepeye.ai/

Das Start-up Halitus misst über Lasertechnologie krankheitserregende Biomarker in der Atemluft. Über ein tragbares, nicht-invasives Gerät erfolgt die Messung ortsunabhängig und kostengünstig. Mit einem auf Künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen basierenden Analyseverfahren werden die Biomarker erkannt und interpretiert, ähnlich wie beim Alkoholtest der Polizei. In der Entwicklung sind Biomarker, die verschiedene Krebsarten frühzeitig erkennen sollen. https://www.halitus.io/

Pink gegen Brustkrebs GmbH aus Hamburg ist ein Portal für Brustkrebspatient:innen. Auf dem ärztlich geführten Onlineportal finden die Erkrankten multimedial aufbereitete Informationen und Unterstützung vom Zeitpunkt der Diagnose bis zur Nachsorge. Ebenso gibt es weiterführende spezielle Hilfen wie beispielsweise Studien für medizinisches Personal und Informationen für Angehörige. https://www.pink- brustkrebs.de/

Der Zyklustracker ›breathe ilo‹ soll Menstruierenden helfen, ihren Zyklus besser zu verstehen. Auf Basis des Kohlendioxidpartialdruckes (PCO2-Messung) dient das Homemonitoring-Gerät auch der nicht hormonellen, einfachen Verhütung. Gesteuert wird es über eine App, die neben der Auswertung auch ein Journal und Online-Kurse mit Tipps zu Ernährung, Sport und Lifestyle bietet. Das Gerät kann gekauft oder gemietet werden. https://www.breatheilo.com/
 


Meldungen

 

Gesundheits-IT der Zukunft

Welche Stimmung ist vorherrschend: Desillusion, Datenschutz oder Innovation?

Der Experte Thomas Lux beschreibt seine Sicht auf das Tal der Desillusion bis hin zum ›Innovationsberg‹ in der Gesundheitsbranche. Er kann sich einen Wandel der aktuellen Lage durchaus vorstellen – mit der Gesundheits-IT als Treiber.

Eine neue Makronom-Serie beschäftigt sich mit der Finanzierung, Struktur und Effizienz des Gesundheitswesens und möglichen Verbesserungen. In einem Beitrag beschreibt Thomas Lux, Lehrstuhlinhaber für Prozessmanagement im Gesundheitswesen an der Hochschule Niederrhein in Krefeld und Leiter des Competence Center eHealth, die Hoffnung auf einen Antrieb des Konjunkturzyklus der Informationstechnologie – und zwar durch die Gesundheitsbranche. Laut Umfragen wird das Marktvolumen für digitale Gesundheitsleistungen steigen. Doch die Vernetzung und Umsetzung verzögern sich immer wieder.

Die Politik schafft seit 2016 gute Rahmenbedingungen für mehr eHealth, doch nicht nur der Datenschutz stoppt die Produktivität. Der stark regulierte erste Gesundheitsmarkt ist durch viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen geprägt, die es bislang nicht geschafft haben, patientenzentrierte akzeptable Lösungen für den Informationsaustausch und die Kommunikation untereinander zu entwickeln. Da Patientendaten zu Recht schützenswert sind, werden einfache und pragmatische Digitalisierungslösungen oft verhindert. Doch andere Länder und Branchen zeigen, dass es geeignete technisch- organisatorische Lösungen gibt.

Laut Lux stauen sich neue Ideen und Technologien auf einer Art „Innovationsberg“. Im zweiten Gesundheitsmarkt hingegen nehmen Lösungen rund um die ePA, d.h. der Austausch medizinischer Informationen mit anderen Gesundheitsdienstleistern und telemedizinische Leistungen zu. Er erwartet eine deutliche Veränderung der Marktstrukturen durch neue Technologien und durch die Menge der produzierten Daten. Wer wird die enormen Datenmengen künftig nutzen und wie? Nicht nur im Krankheitsfall, sondern präventiv oder sogar prädiktiv? Die globalen Tech-Player dringen bereits mit innovativen Geschäftsmodellen auf den Markt und könnten die tradierten Strukturen in Deutschland verändern.

 

TI 2.0: Notwendigkeit oder Verschwendung?

Eine Zukunft ohne Hardware-Konnektoren – doch aktuell wird der Austausch empfohlen

Weil die Telematikinfrastruktur TI 2.0 frühestens in zwei bis drei Jahren starten wird, die Schlüsselzertifikate der Konnektoren ab Herbst 2022 jedoch sukzessive ablaufen, sollen diese noch einmal ausgetauscht werden.

Die TI 2.0 sorgt für viel Gesprächsstoff. Die neue Generation zeichnet sich durch weniger Hardware aus und soll ohne die umstrittenen Konnektoren auskommen.
Gesundheitsminister Jens Spahn hatte in seiner Amtszeit angekündigt, es werde keinen weiteren Tausch von Konnektoren geben. Auf einer Versammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im März 2022 erklärte Vorstand Dr. Thomas Kriedel jedoch, dass die vorhandenen Konnektoren noch einmal gegen neue Hardware mit aktuellen Zertifikaten ausgetauscht werden müssen. Grund dafür ist eine Erklärung der gematik, laut der die TI 2.0 frühestens in zwei bis drei Jahren an den Start gehen könne und ein kontinuierlicher Betrieb nur durch den Wechsel der Konnektoren sicherzustellen sei.

Bei einem kompletten Austausch der Konnektoren entstehen Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Ein Großteil der Arztpraxen, Apotheken und MVZ wird die Konnektoren wohl erneuern müssen. Eine Möglichkeit der Kosteneinsparung wäre die Verlängerung der Gültigkeitsdauer der RSA-Zertifikate. Auch in Betracht ziehen könnte man mögliche Hardware-Updates, schreibt die E-Health-Com, – und das nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Knappheit von Mikrochips auf dem Weltmarkt.

Die RSA-Zertifikate sind auf der SMC-Karte beim Konnektor aus Sicherheitsgründen so verbaut, dass man sie nicht von außen tauschen kann. Vielleicht ist es möglich, nur die Karte und das Zertifikat zu wechseln. Die Hersteller haben dazu noch keine Stellungnahmen abgegeben. Die Hoffnung bleibt – vor dem Hintergrund einer Menge Schrott und weiterer Verzögerungen.

 

Altersanstieg unter Kassenärzt:innen durchbrochen

Seit zwei Jahren steigt das Durchschnittsalter nicht weiter an

Während die Anzahl der Ärzt:innen in Praxen sowie von Psychotherapeut:innen weiterhin zunimmt, scheint es, als würde das Durchschnittsalter nicht weiter ansteigen. Das zweite Jahr in Folge beläuft sich das Durchschnittsalter auf 54,2 Jahre. Das geht aus aktuellen Zahlen der KBV hervor. Fast 50 Prozent der Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen sind weiblich.

Auch wenn die Zahl an Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen gestiegen ist, bleibt die Ressource Zeit nach wie vor knapp. Durch Anstellung und Teilzeit relativiert sich die Zunahme, betont die KBV. „Die Politik ist gut beraten, die ambulante Versorgung und ihre Strukturen zu stärken“, sagt KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen. „Wie wichtig der ambulante Bereich mit den niedergelassenen Praxen und ihren Teams für die Versorgung in Deutschland ist, hat nicht zuletzt die Coronapandemie gezeigt: 17 von 18 Corona-Patient:innen wurden ambulant behandelt.“

Laut Bundesarztregister nahmen im vergangenen Jahr 183.336 Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen an der vertragsärztlichen Versorgung teil. Gegenüber 2020 hat sich die Anzahl von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen nach Köpfen um 2.755 erhöht. Der Zuwachs resultiert vor allem aus der Zunahme bei Psychologischen Psychotherapeut:innen mit einem Plus von 5,3 Prozent. Nach wie vor ungebrochen ist der Trend zur Teilzeittätigkeit. Auch die Anzahl der angestellten Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen in Einrichtungen und freien Praxen hat sich weiter auf fast 46.000 erhöht. Der Zuwachs fiel mit 7,7 Prozent ähnlich stark wie in den Vorjahren aus. Dabei stiegen die Anstellungen in den Medizinischen Versorgungszentren stärker als die in freien Praxen.

Seit Jahren steigt außerdem der Anteil der an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden weiblichen Ärztinnen und Psychotherapeutinnen kontinuierlich um rund einen Prozentpunkt jährlich an und hatte im Jahr 2021 nahezu einen Anteil von 50 Prozent erreicht. Der Frauenanteil unterscheidet sich allerdings deutlich zwischen den Fachgruppen. Insbesondere in der Psychotherapie stellen Frauen die deutliche Mehrheit, während in den chirurgischen Fächern und der Urologie nach wie vor nur sehr wenige Ärztinnen an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen.

 

Medizin am Handgelenk?

Wie Smartwatches Herz-Kreislauf-Patient:innen helfen

Wie können Smartwatches gezielt Herz-Kreislauf-Patient:innen unterstützen? Mit dieser Frage beschäftigt sich aktuell die Deutsche Herzstiftung. »Die Zuverlässigkeit der Geräte bei der Pulsmessung durch eine Smartwatch liegt bei über 90 Prozent und entspricht damit der Messgenauigkeit einer Messung mit einem Brustgurt«, sagt Prof. Dr. med.
Thomas Meinertz, Kardiologe und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung. Er rät jedoch dennoch zur Vorsicht.

Je nach Modell sammelt eine Smartwatch Gesundheitsdaten. Die Uhr kann Schritte zählen, den Kalorienverbrauch ermitteln oder Puls und Blutdruck messen. Einige der sogenannten ›Wearables‹ erstellen sogar einfache EKGs, inklusive Warnfunktion für Vorhofflimmern. Laut der Deutschen Herzstiftung können diese Minicomputer für Herzpatient:innen eine Hilfe sein, um etwa Vorhofflimmern oder gefährlich hohe Blutdruckwerte zu erkennen. »Smartwatches entwickeln sich tatsächlich zunehmend in Richtung kleiner medizinischer Diagnosegeräte«, sagt Kardiologe Prof. Dr. med. Thomas Meinertz. Einige Modelle sind bereits als Medizinprodukte zertifiziert worden. »Einen Arztbesuch können sie nicht ersetzen, aber durchaus ergänzen. Allerdings sollte vom Arzt eine Indikation für die Erkennung oder Therapiekontrolle einer Erkrankung wie Vorhofflimmern oder Bluthochdruck gestellt sein.«

Verschiedene Untersuchungen, unter anderem der Stiftung Warentest, bescheinigen den Uhren in bestimmten Bereichen eine hohe Verlässlichkeit, beispielsweise bei der Pulsmessung. Bei korrekter Anwendung gilt auch die Blutdruckmessung als zuverlässig. Weniger geeignet sind die Uhren hingegen zur Erkennung ernsthafter kardiologischer Vorfälle. In einer umfangreichen Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf- Forschung (DZHK) aus dem Jahr 2019 wurde untersucht, wie zuverlässig Smartwatches mittels Pulswellenanalyse Herzrhythmusstörungen erkennen können.

Die Ergebnisse waren zwar überwiegend gut, allerdings konnten 20 Prozent der Daten nicht ausgewertet werden, da es Probleme mit der Signalqualität gab. Das zeigt, dass die Messungen der Wearables ihre Grenzen haben, insbesondere bei ernsthaften Erkrankungen, betont die Deutsche Herzstiftung. »Sie sind in der Lage, Vorhofflimmern zu erkennen und zu dokumentieren, allerdings bedarf es einer Bestätigung der Diagnose für die erfasste Rhythmusstörung durch den Facharzt«, so Meinertz.


Bemerkt

 

»Die Pandemie hat gezeigt, wie sehr diese zentrale Infrastruktur des öffentlichen Gesundheitsschutzes über Jahrzehnte vernachlässigt wurde.«

 

Prof. Dr. Bertram Häussler, Vorsitzender der Geschäftsführung IGES anlässlich des diesjährigen ›Tag des Gesundheitsamtes‹.

Die Gesundheitsämter in Deutschland hätten in der Zeit der Coronapandemie unter enormem Druck mit höchstem Einsatz gearbeitet. Und dies unter vielfach unzumutbaren Bedingungen.


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Diversity im Gesundheitswese

Hat das Geschlecht der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes einen signifikanten Einfluss auf die Versorgung von Patient:innen? Diese Frage haben sich kanadische Forscher:innen gestellt und konnten sie in einer Studie mit ›Ja‹ beantworten. Sie fanden heraus, dass geschlechtsspezifische Diskrepanzen zwischen Chirurg:innen und Patient:innen (insbesondere zwischen männlichen Chirurgen und weiblichen Patientinnen) zu schlechteren chirurgischen Ergebnissen beitragen können. Mit diesem Thema hat sich unter anderem auch der Diversity in Health Congress 2022 beschäftigt. Am 22. März diskutierten Expert:innen über Diversity im Gesundheitswesen in den Bereichen Medizin, Forschung und Gremienarbeit.

Interessierte können die Veranstaltung hier anschauen: https://www.wig2.de/veranstaltungen/diversity-in-health-congress-2022/livestream/

Hier finden Sie die Studie zum Nachlesen: https://jamanetwork.com/journals/jamasurgery/article-abstract/2786671


Empfehlung

 

Initiative #health4ukraine gegründet

Die Initiative #health4ukraine wurde in kürzester Zeit von Menschen aus dem Gesundheitswesen gegründet. Darunter Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Hierbei unterstützen die Ehrenamtlichen die Ukrainer:innen bei Spezialtransporten von mobilitätseingeschränkten Personen, Pflegebedürftigen und deren Angehörigen in sichere Gebiete sowie durch die Vermittlung Betroffener aus dem Kriegsgebiet an Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland.

»Wir dürfen diese benachteiligten Menschen, körperlich und geistig behinderte Personen sowie Pflegebedürftige nicht vergessen. Bitte melden Sie sich, wenn Sie erkrankte Kinder, Pflegebedürftige und behinderte Menschen zumindest temporär aufnehmen können! Ziel ist es, vor allem schnell und unkompliziert zu helfen«, sagt Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats e.V. Die Initiative ruft außerdem zu Spenden auf: »Bitte spenden Sie unter dem Stichpunkt health4ukraine per Überweisung auf ein für die Initiative eingerichtetes Spendenkonto der Caritas.«

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.health-h.de/spendenaufruf


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Neues Informationssystem stellt ab Mai täglich Auswertung des Patientenservice unter der Nummer 116117 bereit.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) stellt ab sofort unter https://smed.ziapp.de bundesweite Auswertungen der medizinischen Ersteinschätzungen bereit, die über die Patientenservice-Nummer 116117 ausgeführt worden sind. Damit stehen erstmals deutschlandweit Informationen zu den Symptomen für die Inanspruchnahme der Akut- und Notfallversorgung in monatlicher und wöchentlicher Auflösung öffentlich zur Verfügung. Für das 1. Quartal 2022 können die Daten zunächst nur mit einer mehrwöchigen Verzögerung abgebildet werden. Ab Mai 2022 ist die Umstellung auf eine tägliche Aktualisierung der Daten geplant.

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