Berlin-Chemie Newsletter vom 07. April 2017

Berlin-Chemie Newsletter vom 07. April 2017

  • Wahljahr 2017: Was will die Politik?
  • Fachärztliche Versorgung der Zukunft
  • Patientenakte in der Praxis
  • Erfolgsstrategien für Krankenhäuser
  • Versorgungsstrukturen weiterdenken
  • Erster Halt: Notaufnahme
  • Patient Blood Management
  • Zukunft der Geriatrie
  • Preise für Gesundheitsnetzwerker

Wahljahr 2017: Was will die Politik?

Auf dem 12. Kongress für Gesundheitsnetzwerker diskutierten in einem Panel die Vertreterinnen und Vertreter dreier Bundestagsparteien über die Pläne und Herausforderungen der nächsten Legislaturperiode.

Zu Beginn rechnete Maria Klein-Schmeink, Gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen, mit der Politik der großen Koalition in den vergangenen Jahren ab. „Ich habe acht Jahre erlebt, in denen wir die Debatten der Vergangenheit haben führen müssen. Der Gesetzgeber hat zum Beispiel keine Strategie für Digitalisierung aufgelegt.“ Der Staat müsse patientenorientierte Behandlungspfade ermöglichen und sicherstellen, dass diese unter maximalen Datenschutz Anwendung finden. Ihre Oppositions-Kollegin Kathrin Vogler, Gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, ging sogar noch weiter und erklärte: „Ich sage schon lange, dass dieses Konzept der elektronischen Gesundheitskarte tot ist. Das merkt man daran, dass die Politik immer wieder neue Fristen setzt, die nicht eingehalten werden können. Dieses zentralistisch gedachte Konzept aus dem Jahr 2003 ist angesichts der Entwicklung in der Digitalisierung und der Gesellschaft nicht zeitgemäß.“ Verfolge man dies weiter, dann werde man noch viele Beitragsgelder der Versicherten versenken, so Vogler. Überraschend offen berichtete auch Dr. Roy Kühne, Mitglied der CDU/CSU-Fraktion und des Ausschusses für Gesundheit im Bundestag, von Fehlern im Umgang mit der eGK: „Was man sich 2003 unter der eGK gedacht hat, ist durch die Zeit längst überholt.“ Er deutete an, dass die Politik über Jahre den Fortschritt nicht stark genug kontrolliert habe: „Wenn ich nicht feste Fristen vorgebe und bei Nicht-Einhaltung nicht sanktioniere, dann passiert nichts.“ Er glaube zudem nicht, dass es den einen Digitalisierungs-Masterplan gebe. Es sei unrealistisch, dass ein solcher Masterplan alle Probleme lösen könne, weil immer alles weitergedacht und weiterentwickelt werden müsse. Einig waren sich die Politiker, dass Großkonzernen wie Google oder Apple das Feld der Vernetzung und Infrastruktur im Gesundheitswesen nicht überlassen werden dürfe. Man müsse sich den Herausforderungen stellen, auch wenn schwer abschätzbar sei, welche Übertragungswege es in der Zukunft gebe, so Vogler. Oberflächliche Einigkeit gibt es auch beim Thema „Umgang mit Apps“. Die Politik müsse den Leuten helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen, nannte es Vogler in Berlin. Dafür sollten Zertifizierungen ermöglicht werden und zertifizierte Apps strengen Regeln im Umgang mit Daten und Transparenz unterliegen. Dies sei auch eine Frage des Verbraucherschutzes, weil Apps häufig von gesunden Menschen angewendet werden, so Vogler weiter. Kühne mag zwar nach eigenen Angaben das Wort Regulierung nicht, glaubt aber auch, dass es keinen Weg an der Überprüfung der App-Wertigkeit vorbei gebe. Dafür bräuchte es eine Einrichtung, so der CDU-Politiker. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sei dafür nach aktuellem Stand aber die falsche Institution, ist Klein-Schmeink überzeugt. „Das BfArM braucht eine neue Sparte, neues Personal und neues Handlungswissen durch Experten. Das bisherige Personal hat Kompetenzen in komplett anderen Feldern.“ Zudem würde man heute so handeln, als ob man es mit Antragstellern von vor zehn Jahren zu tun habe.

Fachärztliche Versorgung der Zukunft

Weil niedergelassene Fachärzte auf dem Land Mangelware sind, treibt es viele Patienten ins Krankenhaus. Das beunruhigt Gesundheitsexperten, die Änderungen der Versorgungsstrukturen fordern. Denn in der Ambulanz könnten die Ressourcen deutlich besser genutzt werden.

Nicht nur der demografische Wandel macht eine Änderung der Versorgungsstrukturen nötig, wie Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung, auf dem Gesundheitsnetzwerker-Kongress erklärte. Sondern auch die wachsenden regionalen Unterschiede. Die größte Herausforderung der Zukunft sei die Sicherstellung der Versorgung in der Fläche. Dazu brauche es eine stärkere Ambulantisierung. Vorhandene Ressourcen könnten so deutlich besser genutzt werden. „Der Sachverständigenrat hat ein großes ambulantes Potenzial in Deutschland ausgemacht“, so Stillfried. Studien haben gezeigt, dass ein Großteil von Krankenhausaufenthalten unnötig wäre, wenn die fachärztliche Versorgungsstruktur im ambulanten Bereich besser wäre. „Dazu muss aber erst einmal die Bedarfsplanung überarbeitet werden“, merkt Stillfried an.

Um die Fachärzte zu entlasten, müsste auch nicht-ärztliches Gesundheitspersonal stärker in die Versorgung eingebunden werden, meint Prof. Christian Flügel-Bleienheuft, Vorstandsvorsitzender Gesundheitsnetzwerkes Köln Süd und Mitglied des Vorstandes der Agentur Deutscher Arztnetze. Er stellte auf dem Kongress ein für Deutschland ganz neues Berufsbild vor – den Physician Assistant (PA). „Vorstellen kann man sich den PA als eine Art verlängerten Arm des Arztes“, so der Professor. In den USA kenne man dieses Berufsbild bereits, die Einführung war damals eine Folge des Ärztemangels, auf den auch Deutschland zusteuert. „Ziel ist es, Ressourcen zu sparen und dem Arzt mehr Freiräume zu schaffen für seine eigentliche Arbeit“, so Flügel-Bleienheuft. Die Absolventen des Studiengangs sollen vor allem in den zentralen Notaufnahmen tätig werden und die vorbereitenden Untersuchungen durchführen. Die PA arbeiten mit im Ärzteteam, führen auch körperliche Untersuchungen durch und sind an der Diagnosefindung beteiligt. Doch die Grenzen sind klar abgesteckt: PAs sind immer ärztlich delegiert, dürfen keine Diagnosen stellen und keine Medikamente anordnen. Am Ende ist der PA vielleicht die Antwort auf den Ruf nach einer stärkeren Akademisierung der Pflegefachberufe.

Patientenakte in der Praxis

Auf dem 12. Gesundheitsnetzwerkerkongress in Berlin ist die elektronische Patientenakte (ePA) bezüglich der Wirkungsweise und anhand einzelner Pilotprojekte betrachtet worden. Stichwort: „ePA im Hier und Jetzt“.

Prof. Dr. Klemens Budde, Kommissarischer Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Nephrologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin, spricht sich für einen wechselseitigen und ständigen Arzt-Patienten-Austausch aus – auch zwischen den Visiten. Dabei sollen auch Erfindungen, wie Wearables, verwendet werden können. Der Arzt hingegen liefert in Relation dazu den Medikationsplan. Er kritisiert, dass die Daten heutzutage häufig, beispielsweise in Form von schriftlichen Tagebuchaufzeichnungen, bei Arztbesuchen vergessen werden und damit nicht für die Behandlung abrufbar sind.

Auf dieser Grundlage wurde das Projekt „Medial Allround-Care Service Solution“ (MACSS) an der Berliner Charité ins Leben gerufen. Es startete 2016 und ist für eine Laufzeit von drei Jahren geplant. „Unsere Vision ist es, dass künftig eine Anfrage für ein neues Medikament auch über eine App gestellt werden kann. Die Charité will mit Hausärzten und Nephrologen in intensiveren Kontakt treten und Daten untereinander austauschen“, so der Professor. Er wünscht sich, dass „private Kommunikationskanäle auf Arztkoffer übertragen werden“. Dafür nutzt die Charité auch weitere Smart-Lösungen. „Beim Angeben der Daten muss vom Arzt auch ein ‚gewisser Druck‘ ausgehen“, argumentiert Budde. Es bedarf aus seiner Sicht einer systematischen Einbindung aller Daten in die Therapie und zeitnahen Überprüfung von Änderungen in der Medikation. Ein weiteres Beispiel zum elektronischen Patienten im „Hier und Jetzt“ stellt Wolfgang Bachmann als Projektleiter des Ärztenetzes Niederrhein e.V., Dinslaken, vor: „Wahrscheinlich 80 Prozent der Patienten brauchen gar keine Gesundheitsakte.“ Das im Pilotprojekt tätige, Sektor-übergreifende Ärztenetz ermöglicht die Online-Abrufbarkeit von Gesundheitsdaten, ebenso auch für Ärzte, die im vorherigen Prozess zu dem Einblick ermächtigt werden. Der Apotheker übernimmt dabei die Verantwortung bei der medikamentösen Abschätzung von Wechselwirkungen. „Die Patienten in die Führung einer Akte einzubinden, macht Sinn“, argumentiert der Projektleiter. Besonders für ländliche Räume würden so neue Möglichkeiten in der Patientenversorgung gegeben.

Zum Einsatz der Patientenakte im Ärztenetz Rosenheim äußern sich die Geschäftsführerin, Dr. Martina Stinshoff, und Dr. Bettina von Gizycki-Nienhaus als niedergelassene Fachärztin für Dermatologie und Allergologie: „Es braucht Zeit dem Patienten zu vermitteln, dass seine Daten nicht ‚missbraucht‘ werden.“ Bei dieser Variante wird keine Möglichkeit für Patienten gegeben auf ihre Gesundheitsinformationen einzugreifen. Als positiv aus der Anlaufphase halten die beiden Vertreterinnen vorerst fest, dass der Stellenwert des Datenschutzes hoch ist und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen PV-Systemen ermöglicht wird – allerdings nicht zwischen allen. Außerdem können Daten automatisch übertragen werden sowie Diagnosen eingesehen und übernommen werden. Jedoch ist ein hoher technischer Support vonnöten, fasst die Geschäftsführerin zusammen.

Erfolgsstrategien für Krankenhäuser

In ihrem aktuellen Positionspapier zur Bundestagswahl 2017 hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wieder einmal die großen Investitionsschulden der Bundesländer kritisiert. Dass Klinikchefs ihre Häuser aber auch ohne den Geldregen der Länder weiterentwickeln können, zeigte auf dem 12. Kongress für Gesundheits-netzwerker ein Praxisbericht.

Mehr Krankenhäuser müssen sich zusammenschließen oder geschlossen werden, eröffnete Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender des christlichen Gesundheitskonzern Agaplesion gAG, seinen Vortrag. So ließe sich der Fachkräftemangel verringern und der Finanzierungsausfall durch die Länder reduzieren. „Wenn man die Zukunft aus der Vergangenheit ableitet, dann wird es immer verkehrt sein.“ Deshalb gehe Agaplesion neue Wege. „Wir kaufen keine Krankenhäuser, sondern wir tauschen.“ Dabei tauscht der Konzern Agaplesion-Aktienpakete gegen Anteile an den Häusern. „Alle Krankenhäuser gehören uns nur zu 60 Prozent. 40 Prozent gehören nach wie vor den alten Inhabern“, so Horneber, der vor kurzem mit dem Vordenker Award 2017 ausgezeichnet wurde. Dies seien vor allem Stiftungen und christliche Einrichtungen. Endlos lässt sich dieser Tauschhandel natürlich nicht fortsetzen, aber „Spielraum für drei bis vier Kliniken“ gebe es noch. Die bestehenden Häuser sollen durch möglichst viel Dynamik im Unternehmen besser werden. So trifft zum Beispiel ein Großteil der rund 19.000 Agaplesion-Mitarbeiter regelmäßig zur „Wissensvernetzung“ aufeinander. Die verschiedenen Kardiologen der Agaplesion-Standorte sind eine von zehn Arztgruppen, die sich bei den Treffen genauso über Probleme und Lösungen austauschen wie zum Beispiel auch Pflege, Personalabteilungen oder die ITler. Zudem werde in vielen Pilotprojekten, die vorerst noch nicht flächendeckend in mehreren Standorten integriert sind, mit Startups zusammengearbeitet. Dabei sollen die Mitarbeiter lernen, für neue Idee aufgeschlossen zu sein. Im Idealfall sei so gut wie jede Abteilung in mindestens einem Projekt involviert, so Horneber. Die Projekte seien auch nicht unbedingt teuer und müssen von den einzelnen Standorten selbst finanziert werden. Einen konzernweiten Innovationstopf gibt es nicht. Abschließend sieht Horneber viel Nachholbedarf bei der Individualisierung in den Krankenhäusern. Menschen sind sehr unterschiedlich und haben andere Ansprüche. Vor allem bei der Zimmerbelegung könne zum Beispiel darauf geachtet werden, dass sich die dort untergebrachten Personen vom Alter oder den Hobbys her ähneln. Dies sei durchaus machbar.

Versorgungsstrukturen weiterdenken

Ambulante spezialfachärztliche Versorgung, Hausarztzentrierte Versorgung, Medizinische Versorgungszentren und Co.: Neue Versorgungsstrukturen gibt es viele. Die jeweiligen Probleme sind jedoch ähnlich, wie eine Podiumsdiskussion auf dem 12. Kongress für Gesundheitsnetzwerker zeigte.

„Wir reden über Versorgung und diskutieren über Budgets. Die Verbesserung der Versorgung scheitert an Diskussionen über Budgets“, so Stephanie Becker-Berke, Vorständin der HÄVg Hausärztliche Vertragsgemeinschaft AG, einem Dienstleistungsunternehmen für die deutschen Hausärzte. Der Traum einer ungedecktelten Vergütung sei jedoch utopisch, so Sonja Froschauer, Geschäftsführende Gesellschafterin der Libertamed GmbH und Geschäftsführerin des Bundesverbandes ambulante spezialfachärztliche Versorgung. „Die heutige Vergütung stellt uns vor Probleme innovative Ansätze durchzusetzen.“ Das sieht auch Dr. Veit Wambach, Niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzender der Agentur deutscher Arztnetze sowie stellvertretender Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes so. „Die Menschen werden immer nur eine begrenzte Menge Geld in Deutschland erwirtschaften.“ Ein System ohne Budgets werde es nicht geben. Wichtiger sei aber, dass derzeitige Anreiz- und Honorierungssysteme am Patienteninteresse vorbeilaufen würden. „Wir brauchen eine sektorenübergreifende Honorierung mit gemeinsamen Budgets“, forderte er. Dies rief erneut Froschauer auf den Plan, die der Selbstverwaltung das Schaffen sektorenübergreifender Budgets nicht zutraut und befürchtet, dass die Akteure mit so einer Planung überfordert wären.

Neben den Geld-Fragen ging es zudem auch um die ländliche Versorgung und die Rolle der Kommunen darin. Becker-Berke möchte, dass regionale und wohnortnahe Strukturen in einer Kooperation der Hausärzte und Fachärzte erhalten bleiben. In der ländlichen Versorgung müsse der Hausarztberuf wieder attraktiv gemacht werden. Ein Anfang, so Becker-Berke, wäre das Entbürokratisieren. Vier bis fünf Stunden der Arbeitswoche würden die Ärzte nur mit dem Reagieren auf Anfragen seitens der Kassen und ähnlichen Zusatzbelastungen verbringen. Die Kommunen würden zudem zunehmend eine große Rolle spielen. „Wenn den Kommunen die ärztliche Versorgung wegbricht, zum Beispiel, wenn ein Hausarzt wegzieht oder in den Ruhestand geht, dann ziehen als nächstes die Arbeitgeber weg. Der Standpunkt ist ohne ärztliche Versorgung nicht mehr attraktiv.“ So lasse sich dann auch kein Nachfolger für den Hausarzt finden. Immer mehr Kliniken, die von Investoren unterstützt werden, würden heute häufig in die Hausarztplätze reingehen und Medizinische Versorgungszentren gründen, weil die Hausärzte keinen Nachfolger finden. Diese Aussage rief Dr. Peter Velling, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Medizinische Versorgungszentren, Gesundheitszentren und Integrierte Versorgung (BMVZ), auf den Plan. „Es gibt kein MVZ, das nicht mal ein Vertragsarzt-Sitz war.“ Bevor er über die Rolle der Kommunen spreche, möchte er aber noch mit ein Vorurteil ausräumen: „Wir haben mehr ländliche MVZs als großstädtische, also genau das Gegenteil von dem, was immer erzählt wird.“

Kommunen, so Velling weiter, sollten keine Betreiber von Gesundheitsdienstleistungen sein, aber als Vermieter von Gebäuden und Anbieter von Strukturen seien sie durchaus denkbar. Zustimmung gab es von Froschauer: Sie findet die Idee charmant, Kommunen in die Versorgungsgestaltung reinzunehmen. Aber auch sie glaubt, dass sie als Betreiber nicht gut geeignet seien. Bei der qualifizierten Nachwuchsbeschaffung seien sie jedoch wichtig! Auch Wambach hält Kommunen für hochinteressante kooperative Partner bei dem Versuch, die lokale Versorgung zu verbessern. Die meisten Kommunen würden jedoch über wenig finanzielle Mittel verfügen. Eine Kommune werde die Grenze des Insolvenzrisikos nicht überschreiten, meinte auch Dr. Ursula Hahn, Geschäftsführerin der OcuNet Verwaltungs GmbH. Sie sprach kurz darauf vor der „Angst vor dem Fresser am öffentlichen Haushalt“. Kommunen würden jedoch als neue Player Bewegung in die Szenerie bringen. Der Bürgermeister könne sich zum Beispiel bei der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung für den Sitz eines MVZ oder eines intersektoralen Facharztzentrums einsetzen.

Erster Halt: Notaufnahme

Immer mehr Patienten landen in die Notaufnahme, obwohl es keinen dringlichen Handlungsbedarf gibt. Für viele Experten ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die ambulante Versorgung dringend verbessert werden muss. So ließen sich auch die Kosten für das Gesundheitssystem senken.

Statt zum Hausarzt gehen viele Deutsche direkt in die Notaufnahme. Vom Besuch im Krankenhaus versprechen sie sich eine bessere Diagnostik und andere Behandlungsmöglichkeiten. Darüber hinaus heben sie den Vorteil der Zeitautonomie hervor. Hier brauchen die Patienten keinen Termin, auch wenn sie dafür stundenlanges Warten in Kauf nehmen müssen. „Die Notaufnahme hat heute eine eigenständige ambulante Versorgungsfunktion, die die haus- oder spezialärztliche Versorgung ergänzt“, so lautet das Urteil von Martina Schmiedhofer, die an der Charité zu dem Thema promoviert. Portalpraxen und Terminservicestellen hätten bislang keine Wirkung gezeigt. Wie man diesen Trend aufhalten kann, darüber hat sich Prof. Siegfried Jedamzik, Geschäftsführer der Bayrischen Telemed Allianz und Vorsitzender des regionalen Praxisnetzes GO IN, Gedanken gemacht: „Wir können diese Probleme alle lösen, wenn wir ein wenig mutiger werden.“ Problematisch sei insbesondere die Intransparenz. Die Leute wissen oft nicht, wo sie an der richtigen Stelle sind und bräuchten oft nur jemanden, an den sie sich wenden können, wenn gesundheitlich etwas nicht stimmt. Seine Lösung heißt GO INakut – eine App für Patienten, über die sie einen Kontakt zu einer Gesundheitsfachkraft bekommen. Die berät dann, wohin der Patient gehen soll. Am Ende braucht es vor allem eine bessere Vernetzung, meint auch Dr. Jens Reichel, Oberarzt des Zentrums für Notfallmedizin des Universitätsklinikums Jena. Seine Vision einer besseren Versorgung sieht daher wie folgt aus: Gemeinsames Notfall-Dispatching, zeitsynchrone ärztliche Dienste und ein besseres Alarmierungssystem.

Patient Blood Management

Bluttransfusionen sind aus der Akutversorgung nicht wegzudenken. Doch nicht immer retten sie Leben. Manchmal gefährden sie es sogar. Das Patient Blood Management soll das Risiko für Transfusionen minimieren und damit auch die Patientensicherheit erhöhen.

Blut ist ein sehr komplexestes Behandlungsmittel. Jede Transfusion stellt eine Herausforderung für das menschliche Immunsystem dar. Prof. Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Frankfurt, hat es sich darum zur Aufgabe gemacht, Blut zu sparen, wo er nur kann. „Patient Blood Management (PBM) ist ein Muss für die Patienten“, erläuterte der Arzt auf dem Kongress für Gesundheitsnetzwerker. Die Studienlage lasse gar keine anderen Schlüsse zu: „Die 30-Tage-Sterblichkeit steigt, wenn die Patienten vor der Operation eine Anämie aufweisen. Schon bei einer leichten Anämie sterben die Patienten fünfmal häufiger, bei einer schweren Anämie liegt das Risiko 13-mal höher.“ Eine Studie mit mehr als 10.000 operierten Patienten hat gezeigt, dass nach der Gabe von ein bis zwei Beuteln Fremdblut, 76 Prozent mehr Lungenkomplikationen, 87 Prozent mehr Wundentzündungen und 77 Prozent mehr Thrombosen auftraten. Auch die Infektionsanfälligkeit steigt nach Transfusionen deutlich an.

Um das PBM in Deutschland implementieren zu können, brauche es auch den Einsatz der Politik, meint Zacharowski. Immer wieder werde von Prävention gesprochen, doch getan werde nichts. „Wir treten die Prävention mit Füßen“, sagt Zacharowski. Vermeintlich aus Kostengründen. Dabei sind die präventiven Maßnahmen am Ende deutlich günstiger, als die Kosten, die durch Folgeerkrankungen entstehen. Das Problem ist allein die Messbarkeit. Man wisse lediglich, was man investiert, aber nicht, was man dadurch sparen kann. Und genau das macht es auch für Dr. Ursula Marschall, Leiterin der Abteilung Medizin und Versorgungsforschung bei der Barmer und Anästhesistin, so schwer, vehementer für das PBM einzutreten: „Die Kassenzahlen sind trügerisch. Die Fallpauschalen werden eher von anderen Faktoren wie der Beatmung getriggert.“ Als Kasse könne man daher nicht regulativ eingreifen. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft könne keine Vorgaben machen. Die Krankenhausträger müssten die Strukturen schon selbst schaffen.

Und der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)? Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied, erklärte: „Der G-BA hätte tatsächlich Möglichkeiten, einzugreifen und zwar in Form einer Qualitätssicherungslinie.” Allerdings sehe sie die Zuständigkeit eher bei der Bundesärztekammer, denn sie hat die Richtlinienzuständigkeit. Aus Sicht von Dr. Markus Thalheimer, Leiter der Abteilung Qualitätsmanagement/Medizincontrolling des Universitätsklinikums Heidelberg, brauche es gar keine neuen Regelungen und Richtlinien. Er glaubt, das bestehende Transfusionsgesetz reiche als Grundlage für die deutschlandweite Einführung des PBM aus: „Die Evidenz für das PBM ist am Ende so stark, dass niemand daran vorbeikommt. Allerdings wird das dauern. Wenn wir es schneller durchsetzen wollen, müssen wir die Selbstverwaltungsstrukturen nutzen.“

Zukunft der Geriatrie

Geriatrie hat sich den Grundsatz „Reha vor Pflegebedürftigkeit“ auf die Fahnen geschrieben. Dazu braucht es Prävention und Gesundheitsförderung, ambulante geriatrische Pflege, Versorgung am Lebensende, Selbstbestimmung und Teilhabe, Aus-, Fort- und Weiterbildung, stationäre Versorgung sowie Vernetzung ambulanter und stationärer Angebote.

Prof. Adelheid Kuhlmey, Direktorin des Instituts für medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité Berlin, kann die Trends und Herausforderungen für den Fachbereich Geriatrie im Schlaf aufzählen: Demografischer Wandel, ein sich änderndes Morbiditätsspektrum, spätere, aber wachsende Pflegebedürftigkeit, Fachkräftemangel und eine veränderte Patientenrolle. Die Babyboomer-Generation bewegt sich fast kollektiv in die höhere Lebensphase hinein und wird früher oder später auf Hilfe angewiesen sein. „Keine Bevölkerungsgruppe wächst momentan so stark wie die der über 80-Jährigen“, so Kuhlmey. Eine aktivierende Langzeitpflege sei die Grundvoraussetzung, dass das Pflegesystem nicht zusammenbricht. „Wir müssen jetzt die Gesundheitsressourcen bergen“, sagt Kuhlmey. „Noch ist es uns nicht gelungen, ein akut gut funktionierendes Gesundheitssystem so zu erweitern, dass die Langzeitversorgung chronisch und mehrfach erkrankter Menschen funktioniert“, so die Wissenschaftlerin weiter. Weltweit entfallen schon heute 59 Prozent aller Todesfälle auf eine chronische Erkrankung. Auch die steigende Zahl der demenziellen Erkrankungen bereiten den Wissenschaftlern Sorgen, da sie eine ganz besondere Pflege benötigen. Fast ein Drittel der über 90-Jährigen ist mittlerweile betroffen, zwei Prozent sind es bei den 65- bis 69-Jährigen.

Die Pflegebedürftigkeit wird immer komplexer. „Spannend ist für uns auch, dass sich das Eintrittsalter in einer Pflegebedürftigkeit immer weiter nach hinten verschiebt. Dafür leben wir aber auch länger.“ Geriatrische Patienten brauchen also nicht nur einen Hausarzt, der sie hin und wieder untersucht, sondern ein ganzes spezialisiertes Team. Akademisch ausgebildete Pflegekräfte spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. In ihre Ausbildung muss man genauso investieren, wie in Reha- und Präventionsmaßnahmen. Dadurch könnte gegebenenfalls der Pflegebedarf gesenkt oder wenigstens einer Steigerung entgegengewirkt werden. Die großen Aufgaben der Zukunft lauten Kuhlmey zufolge: Chronisch Kranke stärker in der Ambulanz versorgen zu können, die Arzneimittelversorgung für Multimorbide sicherzustellen, ein Case- und Care-Management aufzubauen, eine Palliativversorgung vor allem für das hohe Alter durchzusetzen, Familien und Angehörige besser zu unterstützen und die Langzeitversorgung zu modernisieren.

Preise für Gesundheitsnetzwerker

Sie haben sich durch innovative Ideen und wegweisende Projekte hervorgetan – die Preisträger des Gesundheitsnetzwerker-Kongresses. Sie alle haben dabei eine Sache gemein: Ihre Beiträge machen das Gesundheitswesen besser und effektiver.

Die beste Idee brachte Ingo Meyer von der Gesundes Kinzigtal GmbH mit auf den Kongress. Sein Vorhaben „MyDoks – Patient Empowerment durch eine gemeinsam geführte Patientenakte“ soll den Patienten künftig einen direkten elektronischen Zugriff auf die bestehende, praxisübergreifend geführte Patientenakte ermöglichen. Über den Preis für die beste Umsetzung konnte sich Dr. Daisy Hünefeld vom Qualitätsverbund Geriatrie Nord-West-Deutschland freuen. Der Qualitätsverbund vernetzt seit vielen Jahren ansonsten getrennt agierende Leistungsbereiche. Alle Beteiligten an der Versorgung älterer, multimorbider Patienten sind dabei mit eingebunden und sind ständig auf Verbesserungen aus. Regelmäßige Treffen haben eine verbindliche sektorübergreifende regionale Zusammenarbeit hervorgebracht, die sich auch dem Thema E-Health öffnet, eine elektronische Fallakte nutzt und an den Grundlagen für die weitere technische Vernetzung mitarbeitet. Der Sonderpreis ging an den Impfbus der Charité und damit auch an den Privatdozenten Dr. Joachim Seybold, den stellvertretenden ärztlichen Direktor der Charité Universitätsmedizin Berlin.

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