Berlin-Chemie Newsletter vom 04. November 2021

Berlin-Chemie Newsletter vom 04. November 2021

Interview:

  • Ideen und Innovationen sollten in der Fläche ankommen
    EinBlick sprach mit Prof. Dr. Holger Pfaff über den 20. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung und die Übernahme von Projekten in den klinischen Alltag

Kurzstrecke:

  • Therapie via Video
    Auch nach Corona soll die Online Therapie GKV-Leistung bleiben

  • Ideen für bessere Gesundheitsversorgung
    G-BA erhält 192 Anträge in der siebten Förderwelle

  • Besonders in Afrika nur wenige Impfungen im Gesundheitswesen
    115.000 Pflegekräfte weltweit an COVID-19 verstorben

  • Versorgung der Zukunft: Wie viel digital ist gesund?
    Save-the-Date für den 17. Kongress für Gesundheitsnetzwerker

Young Health:

  • Einblicke in das Gesundheitssystem von Saudi-Arabien
    Einblick sprach mit Christian Weimar über Unternehmensberatung im Gesundheitswesen

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Google-Daten für die Forschung
    Klinische Studien erhalten durch App Daten von Wearables

  • Studie des Zi
    Herausforderungen und Entlastung der Patientenfernüberwachung

  • Weniger ePA Nutzer:innen als geplant
    Fünf Punkte, die die ePA braucht, um Nutzer:innen zu gewinnen


Interview

 

Ideen und Innovationen sollten in der Fläche ankommen

Einblick sprach mit Prof. Dr. Holger Pfaff über den 20. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung und die Übernahme von Projekten in den klinischen Alltag

 

Prof. Dr. Holger Pfaff

ist Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft am Brückeninstitut der Humanwissenschaftlichen Fakultät und der Medizinischen Fakultät an der Universität zu Köln. Neben Gastprofessuren in Sydney und Barcelona ist er Vorsitzender bzw. Vorstand in diversen Netzwerken, Arbeitsgruppen und Fachgesellschaften mit den Schwerpunkten Versorgung und Innovation. Im Oktober verantwortete er erneut als Präsident den 20. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung.

Der Soziologe und Verwaltungswissenschaftler Prof. Dr. Holger Pfaff rief 2001 als Gründungspräsident den Deutschen Kongress für Versorgungsforschung ins Leben.

 

 

Was ist Versorgungsforschung?
Die Versorgungsforschung ist die Forschung über die Gesundheits- und Krankenversorgung. Wir untersuchen, inwieweit die Versorgung vor Ort dem Idealzustand entspricht, wie weit sie vom Idealzustand abweicht und wo es praktische Defizite sowie Unter-, Über- oder Fehlversorgung gibt. Dabei versuchen wir, das Ganze zu beschreiben und ursächlich zu erklären. Wir wollen unser Versorgungssystem verstehen – und wenn wir es verstanden haben, möchten wir das Versorgungsgeschehen optimieren. Aufgrund unserer Beschreibungen und Erklärungen entwickeln wir Vorschläge zur Optimierung des Systems. Eine weitere Aufgabe besteht darin, Innovationen zu testen und die Projekte zu evaluieren. Bei einem positiven Abschluss der Evaluation ist die Chance groß, dass diese Versorgungsinnovationen bei den Patient:innen ankommen.

Sie haben 2001 den Versorgungsforschungskongress initiiert. Welche Schwerpunkte gab es in diesem Jubiläumsjahr?
In diesem Jahr ging es darum, wie wir die vielen schönen Projekte und Ideen, die unsere Versorgung verbessern können, gut getestet in die Praxis transferieren. Hintergrund dabei ist, dass wir zwar von den Ideen und Innovationen wissen, sie in der Fläche jedoch nicht ankommen. Wenn etwas beispielsweise in Nordrhein-Westfalen funktioniert, bedeutet es nicht, dass das Projekt auch in Bayern gut laufen wird. Es stellt sich die Frage, wie wir es schaffen können, dass die Ideen aus einzelnen Bundesländern überall Verbreitung finden.  
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) empfiehlt ein Konzept für die Fläche und bittet die Bundesländer, dessen Funktionalität vor Ort zu prüfen. Dabei kann es passieren, dass einzelne Länder die Idee unpassend finden. Deshalb untersuchen wir auch, woran es liegen kann, dass nicht aus jeder wirksamen Idee ein Gesetz wird. Dieser Transfer war ein Schwerpunkt des Kongresses.

Der zweite Schwerpunkt bezog sich darauf, den Versorgungskontext zu verstehen. So sind manche Ideen nur unter bestimmten Bedingungen bzw. im Kontext gut. Bei Telemed NRW hat man telemedizinische Innovationen genutzt, die vielleicht nur im Kontext von NRW funktionieren, jedoch nicht zum Beispiel in Bayern. Wichtig ist uns, diesen Kontext zu verstehen, um anschließend nachzuvollziehen, warum manche Projekte nicht und andere sehr gut übernommen werden können. Wir müssen komplexer denken und nicht nur die Innovation, sondern auch den Kontext verstehen, in den diese später eingebettet wird.

Was muss in Zukunft passieren, damit Versorgungsforschungs- oder Innovationsprojekte besser in den klinischen Alltag übernommen werden können?
Der wichtigste Punkt ist, wie schon gesagt, die Innovationen an den jeweiligen Kontext anzupassen. Um beim Beispiel Telemedizin NRW zu bleiben, muss man das Konzept vielleicht so zuschneiden, damit es auch in Bayern gut funktionieren kann. Weitere Innovationen aus dem klinischen Alltag, die prinzipiell gut funktionieren, sollte man an andere Krankenhäuser anpassen, damit die Ärzt:innen und Pflegekräfte des Hauses sie akzeptieren. Sinnvoll ist es, das medizinische Personal einzubeziehen: Sie sollen mitentscheiden können, welche konkreten Teile eines gut getesteten Konzepts tatsächlich bei ihnen übernommen werden.

Sie sprechen von mehr Einbezug der Ärzt:innen in Krankenhäusern. Gilt das auch für Praxen?
Ja, natürlich gilt das auch für Praxen. Allerdings wissen wir, dass Praxen schwieriger zu händeln sind als Krankenhäuser, obwohl sie eigentlich aus kleineren Einheiten bestehen. Eine Arztpraxis ist im Vergleich zum Krankenhaus eine Kleinstorganisation, doch wir haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht so einfach ist, hier Neuerungen einzuführen. Ärzt:innen sind Unternehmer:innen mit eigenen Routinen und stellen eine Herausforderung dar, wenn sie Innovationen aufnehmen sollen.


Kurzstrecke

 

Therapie via Video

Auch nach Corona soll die Online Therapie GKV-Leistung bleiben

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat durch eine Änderung der Heilmittel- Richtlinien ermöglicht, dass Heilmittelleistungen zukünftig telemedizinisch erbracht werden können. Vor Corona durften Therapeut:innen Heilmittelbehandlungen nur in ihren Praxen in Präsenz durchführen. Lediglich eine Sonderregelung in der Pandemie erlaubte es, über eine begrenzte Zeit die Therapie auch per Video anzubieten. Diese Regelung soll nun weitergeführt werden. Welche der konkreten verordnungsfähigen Heilmittelbehandlungen hierfür geeignet sind, sollen der GKV-Spitzenverband und die Spitzenorganisationen der Heilmittelerbringer bis Ende 2021 vertraglich festlegen.

»Gerade im ländlichen Raum kann die Videobehandlung dazu beitragen, lange Fahrwege einzusparen«, sagt Dr. Monika Lelgemann, unparteiisches Mitglied des G-BA und Vorsitzende des Unterausschusses Veranlasste Leistungen. Jedoch weist sie daraufhin, dass digitale Sprechstunden und Therapien nur in bestimmten Situationen hilfreich sind. »Wird die Videotherapie nicht sachgerecht angewendet, kann es zu schwerwiegenden negativen Effekten in der Patientenversorgung kommen.«

 

Ideen für bessere Gesundheitsversorgung

G-BA erhält 192 Anträge in der siebten Förderwelle

»Die Ideen für eine bessere gesundheitliche Versorgung gehen nicht aus«, sagt Prof. Josef Hecken, Vorsitzender des Innovationsausschusses beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) anlässlich der siebten Förderwelle der Versorgungsforschung. Insgesamt 192 Anträge hat der G-BA erhalten. 31 Anträge bezogen sich auf die Weiterentwicklung von medizinischen Leitlinien der Themenfelder seltene Krankheiten, häufige Erkrankungen, Versorgung von Zielgruppen mit besonderen Bedürfnissen sowie operative Eingriffe am Skelettsystem. 116 Anträge wurden den themenspezifischen Förderbekanntmachungen zugeordnet. Kategorien waren dabei unter anderem regionale Gesundheitsversorgung, Evaluation digitaler Gesundheitsversorgung sowie die sektorenübergreifende Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen

»Wir suchen nach Möglichkeiten, die geschlechterspezifische Versorgung zu verbessern, nach neuen Ansätzen, um Menschen zu einer gesundheitsförderlichen Lebensweise zu motivieren, sowie die regionale Gesundheitsversorgung zielgenauer zu gestalten«, so Hecken. Die neuen Förderbekanntmachungen zur Versorgungsforschung wird der Innovationsausschuss voraussichtlich Ende des 2. Quartals 2022 auf seiner Website veröffentlichen.

 

Besonders in Afrika nur wenige Impfungen im Gesundheitswesen

115.000 Pflegekräfte weltweit an COVID-19 verstorben

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef Weltgesundheitsorganisation (WHO), appellierte im Vorfeld des G20-Gipfels in Rom an die größten Volkswirtschaften, neue Anstrengungen für eine fairere Verteilung der Impfstoffe zu machen.

Nach Schätzungen der WHO sind in den ersten sechzehn Monaten rund 115 000 Pflegekräfte weltweit an Covid-19 gestorben. Die Organisation führt das unter anderem auf schlechte Ausstattung vor allem zu Beginn der Pandemie und mangelnde Verteilung der Impfstoffe in ärmeren Ländern zurück. In Afrika seien nur zehn Prozent der Pflegekräfte gegen das Coronavirus geimpft worden, in den meisten reichen Ländern seien es 80 Prozent. Die WHO hatte dazu aufgerufen, außer bei besonders gefährdeten Menschen keine Auffrischimpfungen zu verabreichen, solange noch Millionen Menschen in ärmeren Ländern auf ihre erste Impfung warten.

 

Versorgung der Zukunft: Wie viel digital ist gesund?

Save-the-Date für den 17. Kongress für Gesundheitsnetzwerker

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens war der Schwerpunkt der Amtszeit von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Erstmalig gab es eine Abteilung für Digitalisierung – unter der Leitung von Dr. Gottfried Ludewig, einem leidenschaftlichen Kämpfer fürs Digitale. Nach der Bundestagswahl bleibt es spannend, ob die Digitalisierung weiterhin so weit oben auf der Agenda der neuen Bundesregierung stehen wird.

In der kommenden Legislaturperiode steht die Nutzung von eAU, ePA, eRezept, DiGA & Co. im Vordergrund. Werden die digitalen Anwendungen die ›Nagelprobe‹ im Alltag der Versorgung bestehen? Einige Interessenvertreter:innen rufen schon jetzt nach einer Pause beim Transformationsprozess des Gesundheitswesens. Entsprechend lautet das Motto des 17. Kongresses für Gesundheitsnetzwerker: Versorgung der Zukunft: Wie viel digital ist gesund?

Wie gewohnt gehen wir beim Kongress für Gesundheitsnetzwerker folgenden Themen auf den Grund, diskutieren und geben Impulse: Wie kommt die ePA zum Fliegen? Wie werden DiGAs zu täglichen Begleitern? Wie können eRezept und eAU das Leben der Patient:innen im Alltag erleichtern? Im kommenden Jahr werden auch neue Themen wie Green Healthcare aufgegriffen, denn Klimaschutz ist eine maßgebliche Anforderung für die ärztliche Versorgung von morgen.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.gesundheitsnetzwerker.de/


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


young health

 

Einblicke in das Gesundheitssystem von Saudi-Arabien

 

 

Christian Weimar

ist seit drei Jahren als Berater im Healthcare Team bei der Unternehmensberatung KPMG tätig. Studiert hat Christian Weimar im Bachelor Betriebswirtschaftslehre in Konstanz und in Hongkong. Anschließend hat er seinen Master in Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement an der Universität Erlangen-Nürnberg absolviert. Außerdem hat er den Verein Health Compass e.V. gegründet und ist Mitglied bei Hashtag Gesundheit e.V.

 

 

 

Christian Weimar, Sie sind Berater im Gesundheitswesen. Was sind Ihre Aufgaben?
Wir beraten die ganze Bandbreite der Akteure im Gesundheitswesen. Das können Leistungserbringer wie Krankenhäuser, Pflegeheime und Reha-Einrichtungen sein, aber natürlich auch Kostenträger. Ebenso beraten wir Regulatoren, wie zum Beispiel Gesundheitsministerien, sowie Unternehmen aus den Bereichen Medizintechnik und Pharma. Besonders spannend finde ich, dass wir dabei nicht nur Strategiekonzepte erarbeiten, die wir der Geschäftsführung vorstellen, sondern in vielen Projekten auch mit der Umsetzung von Themen und der tatsächlichen Implementierung beschäftigt sind. Das bedeutet, dass wir den Kunden regelmäßig von Anfang bis Ende begleiten. Mir gefällt der Mix aus operativen und strategischen Themen besonders gut. Da wir international aufgestellt sind, habe ich auch immer wieder die Möglichkeit, im Ausland und in völlig anderen Kulturkreisen mit Kunden an Projekten zusammenzuarbeiten.

Welche Projekte betreuen Sie?
Im laufenden Jahr ging es bei mir einerseits um die Optimierung von Prozessen und die Identifizierung von Digitalisierungspotentialen in Krankenhäusern. Andererseits berate ich deutsche Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft bei ihrem Markteintritt in nordafrikanische Gesundheitsmärkte. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Medizintechnik-Unternehmen oder Start-ups, die mit innovativen Lösungen die Gesundheitsversorgung in der Region verbessern möchten. Konkret geht es dabei um Marktanalysen, die Identifizierung der richtigen Partner, die Analyse von Zulassungsprozessen oder die Unterstützung bei der Entwicklung eines Business Plans. Zudem war ich in einem großen Transformationsprojekt in der Golfregion involviert, wo ich öfters auch schon vor Ort gewesen bin.

Sie sind häufiger auf der arabischen Halbinsel unterwegs. Was genau machen Sie dort?
In Saudi-Arabien beispielsweise helfen wir Krankenhäusern und Regulatoren, die anstehenden Transformationen im Rahmen der Vision 2030 Schritt für Schritt umzusetzen. Das bedeutet konkret: White Paper, Ideen und Konzepte in die Realität zu überführen. Oftmals ist das ganz klassische Beraterarbeit. Wir bringen die Erfahrungen mit, die wir in Deutschland, im europäischen Ausland, aber auch in Nachbarländern Saudi-Arabiens gesammelt haben, und schauen, was davon im Land selbst umsetzbar ist. Wir führen Interviews mit Stakeholdern, schauen uns Prozesse und Daten an und überlegen gemeinsam, was alles verbessert werden kann. Spannend finde ich, dass das Interesse bei unseren Kunden immer sehr hoch ist zu erfahren, wie es bei uns in Deutschland läuft und wie wir hier bestimmte Dinge umsetzen. Ich versuche dann immer nur von den Dingen zu berichten, die sehr gut bei uns laufen. Das heißt, ich rate weder in  irgendwelchen Prozessen ein Faxgerät zu implementieren, noch dazu, Silos aufzubauen, zwischen denen nicht in zufriedenstellendem Maße kommuniziert wird.

Wie unterscheidet sich das deutsche Gesundheitswesen von dem in Saudi- Arabien?
Zum einen ist der Zugang zum Gesundheitssystem sehr davon abhängig, welche Nationalität eine Person hat, wo sie arbeitet und wie viel Geld ihr zur Verfügung steht. Insbesondere gebürtige saudi-arabische Staatsbürger:innen brauchen sich nur wenig Sorgen zu machen, da diese in den Genuss großzügiger Sozialleistungen kommen. Während in Deutschland das Thema Effizienz eine wichtige Rolle spielt, macht man sich in Saudi-Arabien beziehungsweise generell in den Ländern der Golfregion darüber noch nicht so viele Gedanken. Überspitzt gesagt heißt das, dass man da dann auch mal mit einem leichten Husten in ein Krankenhaus der Maximalversorgung geht anstatt zum Hausarzt um die Ecke. Im Bereich der Patientensteuerung gibt es also sicher noch große Unterschiede. Zum anderen geht es in diesen Ländern oft darum, überhaupt erst wirksame Prozesse zu implementieren, während wir in Deutschland eher darüber diskutieren, wie wir Prozesse noch effektiver gestalten können. Der Reifegrad des jeweiligen Systems ist dabei ziemlich unterschiedlich ausgeprägt.

Was kann Deutschland im Bereich der Gesundheitsversorgung von einem Land wie Saudi-Arabien lernen?
In den Ländern der Golfregion werden Entscheidungen regelmäßig sehr schnell getroffen und umgesetzt. Dort schreibt das jeweilige Gesundheitsministerium Regeln vor, welchen dann nachgegangen wird. In Deutschland gibt es natürlich, nicht zuletzt auch wegen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, unzählige Stakeholder, die bei sehr vielen Entscheidungen sehr viel mitentscheiden. Und aufgrund der gewachsenen Strukturen, die so zum Beispiel in Saudi-Arabien nicht vorhanden sind, führt das bei uns in Deutschland nicht selten zu sehr langen und zähen Entscheidungsprozessen. Gemerkt habe ich das insbesondere im Umgang mit der Pandemie. Digitale Einreiseanmeldung, zwingend vorgeschriebener negativer PCR-Test bei der Einreise, verbindliche und überwachte Quarantäne direkt nach der Einreise und dazu noch die digitale Unterstützung durch eine funktionierende App – das gab es dort alles bereits im Januar, während in Deutschland zu diesem Zeitpunkt vieles noch nicht so rund lief.


Startup-Telegram

 

Das offizielle Verzeichnis für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) enthält drei neue vorläufige Anwendungen und eine dauerhaft aufgenommene Lösung.

Die App auf Rezept Companion patella powered by medi - proved by Deutsche Kniegesellschaft ist ein Angebot für Patient:innen von 14 bis 65 Jahren. Diese Webanwendung hilft bei Knieschmerzen im vorderen Kniebereich. Sie enthält einen bewegungstherapeutischen Trainingsplan über 90 Tage, der auf persönlichen Angaben zum Schmerz- und Belastungsempfinden der erkrankten Person basiert. Dieser Plan wird im Verlauf der Therapie kontinuierlich an individuelle Bedürfnisse angepasst. Zum besseren Verständnis gibt es eine Fachbibliothek mit Beiträgen zur Erkrankung. https://patella.app/login
 
Die Anwendung Oviva Direkt von Oviva Health aus London unterstützt bei Adipositas. Die Ernährungs-App hilft Menschen mit starkem Übergewicht bei der Gewichtsabnahme, indem sie diese digital begleitet. Die Therapie soll unter anderem die täglichen Essgewohnheiten verändern. Die App ist für Android- und Apple-Geräte erhältlich. Die ebenfalls als DiGA gelistete App zanadio richtet sich ebenfalls an Menschen mit Adipositas, doch Oviva kostet etwas weniger. Beide Apps sollen beim Abnehmen als multimodale Adipositastherapie unterstützen. https://oviva.com/de/de/ und https://zanadio.de/

Die Novego-App von IVP Networks GmbH ist eine der digitalen Anwendungen gegen leichte und mittelschwere Depressionen. Das psychologische Online- Unterstützungsprogramm wird zur Überbrückung von Wartezeiten, begleitend zu einer Therapie oder als Anschlussangebot zur Stabilisierung eingesetzt. Mit Hilfe der kognitiven Verhaltenstherapie, individuell abgestimmt auf die persönliche Lebenssituation, gibt es Texte, Videos, Audios und interaktive Übungen, damit wichtige Inhalte gefestigt und dauerhaft in den Alltag integriert werden können. Kontakte zum Psychologenteam sind inklusive. https://www.ivpnetworks.de/

HelloBetter ist eine dauerhaft gelistete Anwendung gegen Stress und Burnout. Die psychotherapeutische Lösung zielt auf Stressminderung im Lebens- und Arbeitsumfeld ab. Das Onlineprogramm beinhaltet unter anderem sieben wöchentliche Lerneinheiten mit Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie; Tagebuch, begleitende App und eine direkte Kontaktmöglichkeit mit Psychologen runden das Therapieprogramm ab. www.hellobetter.de


Meldungen

 

Google-Daten für die Forschung

Klinische Studien erhalten durch App Zugang zu Daten von Wearables

Die neue App des Start-ups ›Thryve‹ ermöglicht klinischen Studien den Zugang zu Daten von Wearables aus dem Alltag von Patient:innen. Die Lösung wird von verschiedenen Institutionen eingesetzt, darunter das Robert-Koch-Institut (RKI).

»Für mehr als fünf Millionen Patient:innen in Deutschland ist das konstante, passive Messen der Gesundheit mit vernetzten Sensoren Alltag«, sagt Friedrich Lämmel, Gründer und Geschäftsführer von Thryve. Sein Ziel ist es, diese Daten der Forschung zur Verfügung zu stellen. »Wir sorgen dafür, dass nicht nur Big-Tech, sondern auch die klinische Forschung von diesem Trend profitiert.«

Bereits im Sommer dieses Jahres ist die Corona-Datenspende-App des Robert-Koch- Instituts gestartet. Die App wurde in Zusammenarbeit mit Thryve entwickelt. »Das Projekt hat gezeigt, dass moderne Forschung im Gesundheitsumfeld enorm von der Einbindung der Datensilos von Apple, Google & Co profitieren kann«, erklärt Lämmel. Aufbauend auf dieser Kooperation und weiteren Projekten aus Forschung und Praxis hat das Start-up nun einen neuen Ansatz bei der Erforschung, Messung und Bewertung von Krankheiten entwickelt. Mit Hilfe einer neuen App können nun Daten aus dem Alltag von Patient:innen über lange Zeiträume automatisch und passiv erfasst werden. »Welchen Einfluss hatte das Wetter auf den Migräneschub?« oder »Wie reagieren Diabetiker:innen auf Gummibärchen nach einer Runde Sport?« sind Fragen, die mit diesen Daten beantwortet werden können. Dabei führt Thryve die Informationen einheitlich auf einer Datenplattform zusammen

»Die moderne Versorgungsforschung kann enorm von der neuen technologischen Lösung von Thryve profitieren«, sagt Professor Dr. Volker Amelung, Gründer und Geschäftsführer des Instituts für angewandte Versorgungsforschung. Die neue Lösung erweitert zum einen die Corona-Datenspenden-App, zum anderen wird die neue Infrastruktur in einer Studie der FU Berlin in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse genutzt. In dieser Studie wird der Einsatz von Wearable-Daten in der Depressionstherapie untersucht.

 

Studie des Zi

Herausforderungen und Entlastung der Patientenfernüberwachung

Das Zentralinstitut der kassenärztlichen Bundesvereinigung (Zi) hat über ein Jahr lang untersucht, inwieweit Patientenfernüberwachung durch digitale Monitoringsysteme, das Remote Patient Monitoring, die ambulante Versorgung bei Infektpatient:innen verändert.

Tools der Patientenfernüberwachung können Wearbles, Voice-Apps, Blutdruckmanschetten oder Pflaster mit EKG-Sensoren sein. Dabei ermöglichen diese Systeme Arztpraxen und Patient:innen, laufend Daten zum Krankheitsverlauf zu dokumentieren und einzusehen. In einer Studie hat nun das Zi seine Daten von digital unterstützten Behandlungen mit der herkömmlichen Versorgung verglichen. 51 Praxen mit 121 Patient:innen waren Teil der Studie.

Einerseits bewerteten die Patient:innen die digitale Betreuung durchweg positiv. Andererseits hatten viele Patient:innen wegen technischer Hürden nicht teilgenommen. Für die teilnehmenden Praxen konnte keine zeitliche Entlastung festgestellt werden. So stellen die Handhabung und insbesondere die Integration der digitalen Tools in die Praxisabläufe und in die Praxissoftware noch eine Herausforderung dar. Zudem führt eine höhere Informationsdichte zu einer höheren Anzahl an Kontakten zwischen Patient:innen und Ärzt:innen. Insgesamt wurde die digitale Unterstützung von teilnehmenden Ärzt:innen dennoch überwiegend positiv bewertet. »Mit der Studie wollten wir einen Beitrag zur Förderung digitaler Unterstützungssysteme leisten. Pandemiebedingt stand die Reduktion von Ansteckungsrisiken für Patient:innen sowie für Mitarbeitende in den Praxen im Vordergrund«, sagt Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik Graf von Stillfried. »Zwar konnten keine Anhaltspunkte dafür gefunden werden, dass die Betreuung der Infektpatient:innen durch digitales Monitoring effizienter wird. Die teilnehmenden Ärzt:innen haben gleichwohl Potential gesehen, die Betreuung, wo sie nötig war, zu intensivieren. Dies kann zum Beispiel in einer Grippewelle oder langfristig im Bereich der chronischen Erkrankungen von Bedeutung sein.«

 

Weniger ePA Nutzer:innen als geplant

Fünf Punkte, die die ePA braucht, um Nutzer:innen zu gewinnen

Von anfänglich erwarteten Nutzer:innen der ePA im einstelligen Millionenbereich ist wenig zu sehen, denn bisher gibt es lediglich weniger als 300.000 angelegte Akten. Was getan werden muss, um deutlich mehr Nutzer:innen zu gewinnen und die ePA leichter zugänglich zu machen, erklärt Marcel Weigand, Leiter Kooperationen und digitale Transformation bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Der Digitalexperte stellt dafür einen Fünf-Punkte-Plan vor.

Die elektronische Patientenakte (ePA) soll die Telematikinfrastruktur und die vernetzte Gesundheitsversorgung gewährleisten. Ziel ist es, dass den Patient:innen Befunde, Diagnosen etc. jederzeit vorliegen und den behandelnden Ärzt:innen zur Verfügung stehen. Die ePA wurde von den Spitzenverbänden der Krankenkassen beschlossen und seit dem 1. Januar 2021 bieten alle gesetzlichen Krankenkassen die elektronische Patientenakte in Form einer App an. Der vermutete Erfolg blieb aber aus, denn bisher nutzen weitaus weniger Patient:innen als angenommen die ePA.

Marcel Weigand sieht das Potential der ePA darin, Versorgungsprobleme zu mindern und die Patientensouveränität zu stärken. Damit das vollständig umgesetzt werden kann und alle Patient:innen auch einen tatsächlichen Nutzen von der ePA haben, müssen sich laut Weigand fünf Punkte ändern.

Zum einen sollte die ePA die Funktionen einer Behandlungsmanagement-Plattform bieten können. Eine Terminbuchung online etc. wird aktuell jedoch noch nicht angeboten. Dies würde aber die Nützlichkeit erhöhen und ein verbessertes Nutzererlebnis herstellen. Darüber hinaus sei es aus Sicht der Nutzer:innen wenig nachvollziehbar, dass die E-Rezept App und die ePA in ihren Funktionsweisen nicht vereint werden. Funktionalitäten aus dem E-Rezept sollten auch in die ePA integriert werden.

Als weiteren Punkt nennt Weigand die Notwendigkeit eines niederschwelligen Zugangs zu der App. Die Registrierung durch einen dreifach Opt-in oder sogar teilweise die Notwendigkeit, bei einer ärztlichen Geschäftsstelle zu erscheinen, ist zu kompliziert und hält einen Großteil von potenziellen Nutzer:innen davon ab, die ePA zu nutzen.

Neben dem vereinfachten Zugang ist auch eine Verminderung der Komplexität der ePA erforderlich. Ab 2022 soll ein hochkomplexes Rechtsmanagement in Kraft treten, welches die Zugriffsrechte für jedes einzelne Dokument etc. regeln soll. Stattdessen sei es sinnvoller und weniger komplex, die Zugangsrechte mit Häkchen an Checkboxen freigeben oder widerrufen zu können.

Hinzu kommt, dass die ePA nicht nur als App, sondern auch im Webbrowser zugänglich sein sollte, um besonders Senior:innen, welche kein Smartphone besitzen, den Zugang zu ermöglichen.

Als fünften Punkt zur Verbesserung der elektronischen Patientenakte nennt derv Digitalexperte die Etablierung von digitaler Gesundheitskompetenz und Veränderungsbereitschaft bei Patient:innen sowie Heilberufler:innen. Aktuell verfügen 59 Prozent der Deutschen über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Um die Quote zu verbessern, sind niedrigschwellige Fortbildungsangebote notwendig.


Bemerkt

 

 

»Wir brauchen einen weltweit gültigen Standard für Gesundheitsvorsorge.«

Ursula von der Leyen Präsidentin der Europäischen Kommission im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des World Health Summit in Berlin

 

 

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

In einer aktuellen Studie haben Forscher:innen der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) herausgefunden, dass Stimulationen des Gehirns mit einem Magneten bei der Rauchentwöhnung helfen. Dabei führte die Anwendung der sogenannten transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) nach sechs Wochen zu mehr als einer Verdopplung der Abstinenzraten gegenüber der Kontrollgruppe, die mit einem Placebo behandelt wurde.

»Das ist in Ergänzung zu den bisherigen Behandlungsoptionen bei Tabakabhängigkeit ein beachtliches Ergebnis«, kommentiert Prof. Dr. Walter Paulus von der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN). In den USA haben diese Ergebnisse bereits zur Zulassung der rTMS für die Behandlung von Raucher:innen geführt. In den ersten drei Wochen erfolgte die Behandlung werktäglich, in den darauffolgenden drei Wochen einmal wöchentlich. Nach 18 Wochen hatten es in der Gruppe der mit rTMS Behandelten 19,4 Prozent geschafft, mindestens vier Wochen durchgehend nicht zu rauchen. In der Vergleichsgruppe lag der Anteil bei lediglich 8,7 Prozent. Nach den ersten sechs Wochen hatten sich sogar 28,0 Prozent der mit rTMS Behandelten von den Zigaretten befreien können, in der Placebogruppe waren es nur 11,7 Prozenz.

Lesen Sie weiter beim Informationsdienst Wissenschaft idw: https://idw-online.de/de/news778006


Empfehlung

 

Das entscheidende Jahrzehnt

Der Arzt und Unternehmer Dr. Sven Jungmann sowie Gründer und Investor Felix Staeritz beschäftigen sich in ihrem Buch ›Das entscheidende Jahrzehnt‹ mit kreativen Lösungen bei digitalen Innovationen für eine bessere Zukunft. Sie fordern eine neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen alten und neuen Unternehmen sowie den Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft.

Ein Ziel der beiden Autoren ist es dabei, Unternehmer:innen und Organisationen Mut zu machen, über das verbreitete ›Innovationstheater‹, bei dem Geschäftsmodelle nur ungenügend digital angepasst werden, hinauszugehen und ganz neue Allianzen und Ansätze zu wagen. Mit Praxisbeispielen zeigen sie, wie kreative Lösungen aktuelle und zukünftige Krisen lösbar machen können.

Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier beim Verlag: https://www.m-vg.de/redline/shop/article/21138-das-entscheidende-jahrzehnt/


Zuletzt:

 

Promis im Pflegepraktikum: Wayne Carpendale erklärt seine Motivation

Auf SAT1 läuft aktuell eine Serie, bei der Promis ein Pflegepraktikum absolvieren und dabei von einem Filmteam begleitet werden.

Ein Pflegepraktikant ist der Schauspieler Wayne Carpendale. Der 44-Jährige möchte mit diesem Format zum einen auf die harten Arbeitsbedingungen und zum anderen auf den wichtigen und schönen Beruf aufmerksam machen. »Das ist echt ein toller, bunter Beruf, der allerdings auch sehr stressig ist, der sehr an Emotionen und mentalen Fähigkeiten nagt und der nicht besonders gut bezahlt ist,« sagt Wayne Carpendale. »Während du eine Wundversorgung machst, desinfizierst du dir gefühlt zwölfmal die Hände. Und du machst das mehrere Male am Tag. Wenn du das nicht tust, bringst du Patienten in Gefahr und dich auch.« An das Projekt sei er mit Demut und mit einer bestimmten Absicht an die Sache herangegangen. »Ich wollte bei dem Projekt mitmachen, weil wir 2020 alle auf den Balkonen standen und applaudiert haben.« Zwar habe die Politik die Systemrelevanz der Pflegerinnen und Pfleger dann anerkannt. Doch er fügt hinzu: »Irgendwie habe ich das Gefühl, das war schon Ende letzten Jahres alles wieder verpufft.«

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