Berlin-Chemie Newsletter vom 02. September 2021

Berlin-Chemie Newsletter vom 02. September 2021

Interview:

  • Praxen sind kein digitales Experimentierfeld
    EinBlick sprach mit Dr. Roland Stahl von der KBV über die Digitalisierung in den Praxen

Kurzstrecke:

  • »Deutschland gehört zu den wichtigsten Standorten in der Coronapandemie«
    Der vfa betont die Rolle Deutschlands bei der Impfstoff- und Medikamentenentwicklung

  • Neues DMP Adipositas in Entwicklung
    G-BA beauftragt IQWiG mit Bewertung medizinischer Leitlinien

  • Das DiGA-Debakel
    Rund 50 Prozent der Hersteller ziehen ihre Anträge zurück

  • KBV erprobt eine Datenbrillen-Lösung
    XpertEye gewinnt den Wettbewerb ›Zukunftspraxis‹

Young Health:

  • Gründungen begleiten, Apps entwickeln…
    EinBlick sprach mit Clara Fischer über die Anfänge der Corona-Warn-App

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Mitmachen! Digitalisierungs- und Technologiereport 2022
    Umfrage für alle, die sich mit Diabetes beschäftigen

  • Die Überlebenschance von Covid-19-Erkrankten mit Sepsis ist stark vermindert
    Rechtzeitiges Erkennen und Behandeln schützt vor Todesfällen in Kliniken

  • Smarte Gesundheit 2021
    Durchbruch in der digitalen Versorgung?

  • Deutscher Pflegerat unterstützt Ergebnisse
    Konzept ›Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen‹ der Robert Bosch Stiftung


Interview

 

Praxen sind kein digitales Experimentierfeld

Einblick sprach mit Dr. Roland Stahl von der KBV über die Digitalisierung in den Praxen

 

 

Dr. Roland Stahl

ist Pressesprecher der KBV. Zuvor war er Marketing- und Vertriebschef einer gesetzlichen Krankenkasse, volontierte bei der Kölnischen Rundschau und arbeitete unter anderem als Wirtschaftsredakteur bei einem Börsennachrichtendienst.

 

 

 

 

Wie ist der aktuelle Stand der Digitalisierung in den kassenärztlichen Praxen? Was läuft gut?
Die niedergelassenen Ärzt:innen stehen der Digitalisierung offen gegenüber. Das zeigt sich beispielsweise in den Ergebnissen des PraxisBarometer Digitalisierung. Seit 2018 befragen wir jährlich die Vertragsärzt:innen und -psychotherapeut:innen zum Stand der Digitalisierung in ihren Praxen. Aus der Befragung wissen wir, dass sie aufgeschlossen für weitere Digitalisierungsschritte sind. Voraussetzung ist aber, dass ein klarer Nutzen erkennbar sein muss. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss den Praxen einen unmittelbaren Mehrwert für die Versorgung ihrer Patient:innen bieten. Ein gutes Beispiel dafür sind der elektronische Impfpass oder das elektronische Zahnbonusheft für die elektronische Patientenakte. Die KBV hat diese ›MIO‹ – MIO steht für Medizinisches Informationsobjekt – gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelt. Sie sind universell nutzbar und für alle Anbieter:innen frei verfügbar. Im kommenden Jahr sollen sie die ePA mit Leben füllen.

Wo läuft es nicht so gut? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Bislang lag der Fokus der Digitalisierung auf Werkzeugen und Instrumenten. Was technisch möglich war, wurde gemacht, auch wenn das Ergebnis negative Folgen mit sich brachte. Bestes Beispiel ist hier etwa die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Für die Praxen bedeutet die eAU im ersten Schritt mehr Arbeit – sie müssen sie elektronisch an die Krankenkassen verschicken und trotzdem der Patientin oder dem Patienten weiterhin als Papierausdruck ausgeben. Das raubt weitere kostbare Arztzeit und macht die Versorgung in den Praxen keineswegs effizienter.

Grundsätzlich wichtig wäre auch, dass digitale Anwendungen rechtzeitig vor dem offiziellen Start für alle Praxen zur Verfügung stehen und reibungslos von Beginn an funktionieren. Folglich sollten sie erst dann verpflichtend sein, wenn sie wirklich ausgereift und erprobt sind – nicht, weil ein politisch gesetzter Termin naht.

Können die Pläne rund um die Telematikinfrastruktur (TI) alle eingehalten werden? 
Inzwischen sind nahezu alle Praxen an die TI angeschlossen. Für den nächsten anstehenden Digitalisierungsschritt, die Einführung der eAU zum 1. Oktober, war es aber richtig, dass wir uns nun doch noch auf eine Übergangsfrist bis zum Ende des Jahres verständigt haben. Denn für diese Anwendung sind Updates und weitere neue Ausstattungskomponenten nötig. Zwar sind die erforderlichen Komponenten und Dienste für die eAU nun zugelassen, jedoch müssen diese noch vollständig in den Praxen installiert werden. Dafür wäre die Zeit bis zum Stichtag 1. Oktober für viele Praxen zu knapp.

Die Praxen sind kein digitales Experimentierfeld und müssen sich auf funktionierende, ausgereifte Anwendungen verlassen können. Die Versorgung der Versicherten muss immer Vorrang haben. Das gilt ganz besonders auch für das elektronische Rezept, das im Januar 2022 starten soll. Hier müssen beispielsweise alle Anbieter von Praxisverwaltungssoftware rechtzeitig das entsprechende Update anbieten, und das heißt nicht erst einen Tag vor Weihnachten. Die Praxen müssen sich auf die Prozesse bei eRezepten einstellen können. Rezepte sind quasi das Brot und Butter-Geschäft in den Praxen, das muss verlässlich laufen.

Was sind Ihre dringlichsten Forderungen in dem Bereich von Digital Health an die Politik?
Im Gesundheitswesen müssen wir die Digitalisierung mit einem tatsächlichen Mehrwert für Patient:innen und Praxen entwickeln. Sie muss dazu dienen, die Versorgung zu verbessern, der Nutzen muss im Mittelpunkt stehen. Und das kann nur gelingen, wenn die niedergelassenen Ärzt:innen im Digitalisierungsprozess mitgenommen werden. Diesen Anspruch darf vor allem die Politik nicht aus den Augen verlieren. Ärzt:innen sind gemeinsam mit ihren Praxisteams wichtige Multiplikatoren, ihnen vertrauen die Patient:innen. Die relevanten Akteure müssen in die Planung und Entwicklung der nächsten Digitalisierungsschritte einbezogen werden, um effiziente Lösungen zu finden. Sanktionen sind sicherlich nicht der richtige Weg, um hier zum Erfolg zu gelangen.


Kurzstrecke

 

»Deutschland gehört zu den wichtigsten Standorten in der Coronapandemie«

Unzureichende Studien zur Wirksamkeit verhindern weitere digitale Angebote

Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) betont, dass Deutschland eine sehr starke Rolle im Kampf gegen Corona eingenommen hat. „Mit Schlüsselkompetenzen in der Erforschung und Großproduktion von neuen Impfstoffen gehört Deutschland zu den wichtigsten Standorten bei der Bekämpfung der Coronapandemie weltweit“, sagt vfa- Präsident Han Steutel.

Ein Beispiel dafür sei die Impfstoffentwicklung, bei der Deutschland Pionierarbeit geleistet habe. So sei der erste Impfstoff überhaupt in Deutschland entwickelt worden und zwei Unternehmen in Deutschland hätten an den ersten zugelassenen Covid-19- Medikamenten mitgewirkt. Außerdem würden drei Impfstoffe hierzulande unter Mitwirkung von elf Unternehmen produziert und von Deutschland aus in die ganze Welt geliefert werden, heißt es in der Pressemitteilung.

 

Neues DMP Adipositas in Entwicklung

G-BA beauftragt IQWiG mit Bewertung medizinischer Leitlinien

Das schon lang von Verbänden geforderte DMP Adipositas ist nun in der Entwicklung. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beauftragt, die medizinischen Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung von krankhaftem Übergewicht zu recherchieren und zu bewerten. Die Ergebnisse des Instituts werden vom G-BA benötigt, um wissenschaftlich fundierte Anforderungen an das geplante Disease-Management-Programm festzulegen.

»Mit der Entwicklung eines DMP Adipositas ist zu Recht die Erwartung verknüpft, dass sich damit die derzeitigen Versorgungsangebote für Patientinnen und Patienten verbessern«, sagt Karin Maag, unparteiisches Mitglied des G-BA und Vorsitzende des Unterausschusses DMP. »Das Programm soll helfen, gesundheitsförderliches Verhalten altersspezifisch zu unterstützen.« Die Ergebnisse des IQWiG zur Altersgruppe der Erwachsenen sollen dem G-BA bis zum 31. August 2022 vorliegen, die Ergebnisse für Kinder und Jugendliche bis zum 31. Oktober 2022.

 

Das DiGA-Debakel

Rund 50 Prozent der Hersteller ziehen ihre Anträge zurück

Seit dem Start des Antragsportals für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) haben Hersteller 90 Anträge auf Zulassung ihrer Apps auf Rezept eingereicht, jedoch wurden bis Ende August 42 Anträge wieder zurückgezogen. Das zeigen aktuelle Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ein möglicher Grund für die hohe Abbruchquote von 46,6 Prozent könnte in dem immens hohen Nachweis geforderter Studien liegen. Wenn das BfArM eine App ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen hat, haben die Entwickler:innen ein Jahr Zeit, die Wirksamkeit nachzuweisen. Dabei muss das Studiendesign vorab mit eingereicht werden. Das BfArM hat dann häufig Kritikpunkte, die innerhalb weniger Tage korrigiert werden müssen, heißt es aus Kreisen von Gründer:innen.

»Wir haben nach zweieinhalb Monaten unseren Antrag mit vielen Kritikpunkten zurückbekommen. Wir hätten unsere Änderungen innerhalb von fünf Werktagen vorlegen müssen, das war nicht machbar«, sagte der Gründer der App ›NichtraucherHelden‹, Andy Bosch, dem Handelsblatt. Von den 90 Anträgen sind derzeit 20 DiGA zugelassen und vier Apps auf Rezept wurden abgelehnt. 24 Anträge sind aktuell in Bearbeitung.

 

KBV erprobt eine Datenbrillen-Lösung

XpertEye gewinnt den Wettbewerb ›Zukunftspraxis‹

Die Anwendung XpertEye, eine „Remote Assistenz“-Lösung aus Datenbrille und Smartphone, steht aktuell in der Erprobungsphase bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Das Gewinnerprojekt des Ideenwettbewerbs „Zukunftspraxis“ der KBV wird seit 1. Juni bei Hausbesuchen von Praxisassistent:innen getestet – mit Zuschaltung des ärztlichen Personals. Die Datenbrille ermöglicht den nicht vor Ort anwesenden Expert:innen, die Träger:innen der Brille mit ihrer Expertise zu unterstützen. Dieser ortsunabhängige Wissenstransfer in Echtzeit ermöglicht daneben auch die Übertragung von Sichtfeld, Gestik und Tönen, wobei die Hände frei für pflegerische Tätigkeiten bleiben. Im Modellfall befinden sich die Ärzt:in in der Praxis und die Pflegekraft bei einer erkrankten Person vor Ort.
 
Ferner soll die Brille in einer Hausarztpraxis auf der Insel Baltrum getestet werden, um bei Behandlungsbedarf rasch Kolleg:innen vom Festland zuschalten zu können und medizinische Fragestellungen abzuklären. Auch der Einsatz im Pflegeheim befindet sich kurz vor dem Start. Rund 150 Praxen in Deutschland beteiligen sich an der
›Zukunftspraxis‹ und testen neue digitale Anwendungen oder Geräte, die im Ideenwettbewerb ausgewählt wurden.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


young health

 

Gründungen begleiten, Apps entwickeln…

 

 

Clara Fischer

studierte zunächst Medientechnik und später BWL mit Schwerpunkt Marktstrategien an der Universität Bamberg bis zu ihrem Abschluss im Jahr 2017. Schon während des Studiums machte sie sich als Kommunikationsberaterin selbstständig. Nach verschiedenen Auslandstätigkeiten in Barcelona, Stockholm und Neuseeland gelangte sie nach Leipzig. Dort unterstützt sie beim SpinLab digitale Entwicklungen und Start-ups, unter anderem in der Gesundheitsbranche.

 

 

Welche Aufgaben hat ein:e Kommunikationsberater:in bei einem Start-up- Akzelerator wie dem SpinLab in Leipzig?
Ich unterstütze Start-ups in ihren Kommunikations- und Marketingthemen. Gerade am Anfang fehlt ihnen oft eine Positionierung: Wie ist ihre Außendarstellung, wie wollen sie wahrgenommen werden, auch von Journalist:innen, und wer ist überhaupt ihre Zielgruppe? Daneben berate ich auch das SpinLab selbst und unterstütze deren Kommunikation.

Welche Projekte in Richtung E-Health hast du schon begleitet?
Unter anderem habe ich Memoresa begleitet – das ist ein Start-up aus dem Bereich der Schlafforschung, das für eine der ersten Klassen beim SpinLab ausgewählt wurde. Die Gründer Noah Lorenz, Jan Kühni und Alexander Rötger entwickelten eine App für Menschen, die unter Schlafstörungen leiden. Die Anwendung wird von den Krankenkassen unterstützt. Dieses sinnvolle Projekt liegt mir sehr am Herzen.

Daneben hast du auch an der Entwicklung der Corona-App mitgearbeitet?
Indem ich durch das SpinLab Zugang zu E-Health-Themen hatte, habe ich mich freiwillig als Mentorin für das Projekt ›WirVSVirus‹ gemeldet und mir dort ein passendes Gesundheitsthema herausgesucht. Das Projekt startete als Hackathon der Bundesregierung und endete als Umsetzungsprogramm für nachhaltige Lösungen der vielfältigen Herausforderungen innerhalb der Coronapandemie. So habe ich mich einer Gruppe zur Entwicklung einer Tracing-App angeschlossen. An einem Wochenende haben wir uns zusammengesetzt und angefangen, einen Prototyp zu entwickeln – vor allem die Datenspeicherung war ein zentrales Thema. Da mehrere Gruppen ähnliche Ideen hatten, haben wir uns in einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen, die zunächst europaweit und später sogar global agierte. Dabei haben wir Gespräche mit der Bundesregierung, der SAP und der Telekom geführt, die später für den Auftrag zuständig waren. Letzten Endes hat die Industrie vieles von unseren Vorschlägen übernommen und eingearbeitet: Grundlagen, Basis und Usability.

Unsere Vorbereitungen und Überlegungen konnten wir zudem auf einem Hackathon in Den Haag intensivieren, da die niederländische Regierung uns ausgewählt hatte, den von uns gebauten Prototyp vorzustellen bzw. zu erweitern. Dazu durften wir mit Virologen und Soziologen sprechen. Das war eine sehr spannende und aufregende Zeit, wir haben viel dazugelernt, beispielsweise wie man Apps in der Gesundheitsbranche entwickelt und möglichst viele Stakeholder einbindet. An diesem Punkt mussten wir zwar aufhören, aber unsere gesamte Entwicklung war bis dahin open-source erfolgt, sodass alle Fortschritte jederzeit von außen beobachtet werden konnten.

Wie könnten Globalisierung und Vernetzung in Zukunft besser gelingen?
Ich wünsche mir bessere Möglichkeiten der mobilen Arbeit, nicht nur für meine Generation, sondern für alle: Doch wenn wir nicht mehr so sehr ortsgebunden sind, benötigen wir vermehrt digitale Daten, insbesondere Gesundheitsdaten. Kaum einer will mit Heftern durch die Gegend laufen, die meisten Menschen möchten auf sicher verschlüsselte, digitale Register zugreifen, die zentral oder dezentral gespeichert sein können. Gerade dann, wenn man sich in einer Therapie oder Behandlung befindet und umziehen muss, aus welchem Grund auch immer, sind die Unterbrechung, der Aufwand und die nachfolgende Bürokratie enorm. Oft muss man wieder ganz von vorn anfangen mit der Behandlung. Solche Hürden müssen abgebaut werden, und dafür wünsche ich mir sinnvolle, digitale Lösungen für die Zukunft.


Startup-Telegram

 

Die Liste der ›Apps auf Rezept‹ beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) enthält eine neue vorläufig aufgenommene Lösung. Die Anwendung Mawendo aus dem Physiotherapiebereich stellt Trainingsprogramme mit Übungsvideos, Gesundheitsinformationen und Dokumentationsmöglichkeiten bei Erkrankungen der Kniescheibe bereit. Ärzt:innen individualisieren das Programm mit spezifischen Übungen und Trainingsphasen für ihre Patient:innen, sodass diese mit Hilfe dieser DiGA selbstständig trainieren können. https://diga.mawendo.com/

Das Start-up x-cardiac aus Berlin erhielt sowohl die Zulassung als Medizinproduktehersteller in der EU als auch für sein Medizinprodukt ›x-c-bleeding‹. Die auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Software kann in kurzer Zeit das Risiko postoperativer Nachblutungen von Patient:innen vorhersagen. Entwickelt wurde das Produkt von Spezialist:innen am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB), gefördert und unterstützt vom Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). Mithilfe der KI wurden fast 50.000 gespeicherte und anonymisierte Patientendaten trainiert und seit April 2018 im realen Klinikbetrieb auf den DHZB-Intensivstationen erprobt. www.xcardiac.com

Ziel der Pingunauten-App ist es, Kinder spielerisch auf eine Untersuchung im MRT vorzubereiten – ohne Angst und Narkose. Entwickelt wurde die Anwendung unter Leitung der Universität Duisburg-Essen (UDE) und des Universitätsklinikums Essen (UK Essen). Dabei nutzen die Kinder ein Smartphone wie eine 3D-Brille. Mithilfe der Virtual Reality-Anwendung lernen sie, die dröhnenden Klopfgeräusche im virtuellen Raum auszuhalten und ruhig liegen zu bleiben, dies bestätigt eine Studie an zwei Kliniken. Für viele Android-Modelle ist die App bereits kostenlos herunterladbar. Neben einer deutschen und englischen Version wird aktuell an spanischen sowie französischen Varianten und an weiteren Betriebssystemen gearbeitet. https://www.pingunauten.de

Ein 2018 gegründetes Med-Tech-Unternehmen aus Düsseldorf, Cureosity, hält digitale Therapiesysteme bereit. Seine Software Cureo unterstützt Patient:innen mit motorischen und kognitiven Beeinträchtigungen dabei, zu einem selbstbestimmten Leben zurückzufinden. Auf Basis von Virtual Reality und einem Bewegungsleitsystem erhalten Erkrankte ein hochfrequentes abwechslungsreiches Training. Das Produkt kann von stationären Rehaeinrichtungen und Kliniken ausgeliehen werden, später sollen auch Praxen und Pflegeheime hinzukommen. https://www.cureosity.de/

 


Meldungen

 

Mitmachen! Digitalisierungs- und Technologiereport 2022

Umfrage für alle, die sich mit Diabetes beschäftigen

Der Digitalisierungs- und Technologiereport (D.U.T.) ist eine Umfrage des Zukunftsboards Digitalisierung (ZD). Er beschäftigt sich mit der Einschätzung von und der Einstellung zu digitalen Technologien im Bereich Diabetes, da diese in den letzten Jahren stark zugenommen haben.

Bis zum 1. Oktober 2021 dürfen alle Diabetes-Expert:innen ihre Meinung, Bewertungen und Prognosen für die Zukunft abgeben. Unter anderem geht es um Fragen, ob AID- Systeme (Automatisierte Insulin-Dosierung), also die Insulindosierung per Algorithmus oder Diabetes-Apps, sinnvolle Technologien sind. Daneben haben auch E-Rezepte, Videosprechstunden, die elektronische Patientenakte und zahlreiche andere Apps das Gesundheitswesen nicht nur in der Diabetologie verändert. Für viele dieser Innovationen weist die Umfrage seit 2019 jährlich ein Stimmungsbild aus und stellt die aktuelle Lage dar. So werden neben den Chancen auch die Risiken der digitalen Angebote in der Diabetologie erörtert – sei es in der Prävention und Früherkennung, in der Therapie, bei möglichen Folgeerkrankungen oder in der Praxisverwaltung.

Spannend ist auch die Frage, wer offener für neue Entwicklungen ist: Sind es die Ärzt:innen oder die Erkrankten? Ferner möchte das ZD herausfinden, wie vernetzt die Gruppe der Menschen mit Diabetes heute ist und wer ihre erste Anlaufstelle für Informationen ist. Holen sie sich Rat bei Diabetolog:innen oder in der Online-Community? Für die Umfrage werden deshalb neben Diabetolog:innen auch Patienten:innen nach ihrer Meinung befragt. Denn die Zahl der Menschen mit Diabetes hat sich im von Zeitraum 2018 bis 2020 mehr als verdoppelt. Zudem beschäftigt sich die Mehrheit der Diabetolog:innen täglich mit digitalen Anwendungen und neuen Technologien in der Praxis.

Der Report versteht sich als ein Wegweiser mit neuen Denkansätzen, der aufzeigt, wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage werden Anfang des kommenden Jahres in der vierten Auflage des Digitalisierungs- und Technologiereports erscheinen und im Rahmen der Fortbildungsveranstaltung ›DiaTec‹ vorgestellt. Neben dem Printexemplar kann eine PDF-Version über das Diabetesportal der Berlin Chemie https://diabetes.berlin-chemie.de/zukunftsboard-digitalisierung/dut-report heruntergeladen werden.

 

Die Überlebenschance von Covid-19-Erkrankten mit Sepsis ist stark vermindert

Rechtzeitiges Erkennen und Behandeln schützt vor Todesfällen in Kliniken

Eine Blutvergiftung oder Sepsis kann die Folge einer schweren Covid-19-Infektion sein und reduziert die Überlebenschancen von Patient:innen erheblich. Die meisten Todesfälle stehen mit einer Sepsis in Verbindung, ein Viertel der Erkrankten in Kliniken erleidet einen septischen Schock.

Laut einer Studie sind Menschen, die schwer an Covid-19 erkranken, besonders gefährdet, eine Sepsis mit massiven Entzündungen im Körper zu entwickeln. Laut Prof. Dr. Sebastian Ley, Chefarzt des Artemed Klinikums München Süd, entwickeln rund 25 Prozent der Covid-19-Patient:innen in Krankenhäusern einen septischen Schock. Dabei sind die Todesfälle meist mit einer Sepsis verbunden.

Eine Blutvergiftung beginnt oft mit einer harmlosen Entzündung, ausgelöst beispielsweise durch Schnittwunden oder Insektenstiche. Bei Covid-19-Erkrankten können Lungenentzündungen, die häufig parallel auftreten, ebenfalls ein Auslöser sein. Oft werden die Symptome zu spät erkannt, weshalb die Sepsis immer noch, direkt nach Herz- Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, die dritthäufigste Todesursache in Deutschland ist mit jährlich mehr als 75.000 Opfern. Laut der Deutschen Sepsis-Stiftung leiden sogar Überlebende häufig an Langzeitfolgen wie schnellen Erschöpfungszuständen, neurokognitiven Einschränkungen oder dem Verlust von Gliedmaßen.
 
Da das Immunsystem im Körper bei einer Sepsis überreagiert, ist es wichtig, schnell zu handeln, bevor ein multiples Organversagen entsteht. Blutuntersuchungen, Ultraschall und Computertomografie unterstützen die Diagnostik, um Entzündungen an den Organen frühzeitig zu erkennen. Der einzige spezifische Ansatzpunkt ist die Bekämpfung der ursächlichen Infektion, meist durch eine Antibiotikatherapie, sagt Prof. Ley. Doch nicht bei jedem schlägt diese Therapie an.

 

Smarte Gesundheit 2021

Durchbruch in der digitalen Versorgung?

Die Studienreihe ›Smarte Gesundheit‹ stellt alle zwei Jahre dar, wie sich das Verhältnis der Deutschen zur Digitalisierung in der Gesundheitsbranche verändert hat. Laut Ergebnis der aktuellen Befragung stiegen sowohl die Akzeptanz und Nutzung digitaler Angebote als auch das Vertrauen in Innovationen und Datenschutz.

Das Ergebnis der dritten Umfrage, die seit 2017 durch „BearingPoint“ erhoben wird, zeigt deutliche Veränderungen gegenüber den beiden vorherigen Umfragen: Die Menschen in Deutschland nutzen vermehrt Gesundheits-Apps und haben größeres Vertrauen in digitale Innovationen wie Pflegeroboter und in Lösungen mit Künstlicher Intelligenz. Zudem nehmen sie Angebote wie Nachverfolgungs-Apps, digitale Impfpässe und elektronische Krankmeldungen gut an.

Mehr als die Hälfte der Befragten hat keine Bedenken, dass ihre Daten unzureichend vor Zugriffen Dritter geschützt sein könnten. Vor vier Jahren sahen dies fast zwei Drittel aller Teilnehmer:innen kritischer. Über 25 Prozent der Befragten meinen, es gebe keinerlei Risiken bei der Überwachung von Gesundheitsdaten. Auch praktische Erfahrungen mit smarter Gesundheit nehmen zu: Immer mehr Menschen nutzen Smartphones, Tablets und Fitnesstracker. 32 Prozent würden sich von einem Roboter operieren lassen und 16 Prozent würden ihre Gesundheitsdaten Pharmaunternehmen zur Verfügung stellen.

Einer wachsenden Gruppe technologieaffiner Personen stehen technologieferne Menschen gegenüber, die beispielsweise noch nie von der elektronischen Patientenakte (ePA) gehört haben. Rund 34 Prozent kennen die ePA nicht, allerdings gibt es bereits sechs Prozent Nutzer:innen der Akte und 41 Prozent, die sich die Nutzung fest vorgenommen haben. Auch beim Vertrauen in digitale Gesundheitsdienste ergibt sich ein differenziertes Bild: Ein großer Teil kann sich vorstellen, dass persönliche Gesundheitsdaten die Weiterentwicklung von Prävention, Diagnose und Therapie unterstützen. Einer Übertragung aller relevanten Gesundheitsdaten an die eigene Hausarztpraxis würden 71 Prozent der Befragten zustimmen, an ein Krankenhaus nur 61 Prozent und an die Krankenkasse 50 Prozent. Daneben stieg die Bereitschaft, medizinische Gespräche per Videokonferenz zu führen.

 

Deutscher Pflegerat unterstützt Ergebnisse

Konzept ›Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen‹ der Robert Bosch Stiftung

Die Robert Bosch Stiftung hat vor drei Jahren die Initiative ›Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen‹ gestartet. Ziel war es, mit Bürger:innen und Expert:innen Impulse für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem auszuarbeiten. Die Ergebnisse hat die Robert Bosch Stiftung nunmehr veröffentlicht. Der Deutsche Pflegerat unterstützt die Erkenntnisse und Positionen.

»Die Robert Bosch Stiftung hat mit ihrer Initiative den Mut bewiesen, vielen Menschen zuzuhören und die wichtigen Dinge in einem Reformkonzept zu bündeln«, sagt Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Im Zentrum des Konzepts steht die Aussage, »ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern«. Dabei fordert die Agenda mehr Partizipation der Bürger:innen auf allen Ebenen der Gesundheitsversorgung sowie eine ›Politik der langen Linien‹, die für die Zukunft des Gesundheitswesens förderliche Rahmenbedingungen für Qualität und Innovation schafft. Vorschläge der Agenda sind unter anderem mehr Gesundheitsförderung und Prävention, vermehrte Besteuerung gesundheitsschädlicher Nahrungs- und Genussmittel, die Bereitstellung von verlässlichen Gesundheitsinformationen sowie die Stärkung von Primärversorgungszentren.

Der Deutsche Pflegerat unterstützt die Positionen, ergänzt jedoch, dass die Profession Pflege stärker in die Pläne einbezogen werden soll. Der Rat weist auf den bislang nicht ausreichend beachteten eigenständigen Beitrag der Pflegeberufe in der Gesundheitsversorgung hin. Dieser solle endlich umfassend erkannt und gefördert werden, indem beispielsweise die Pflege mehr in Pandemie- und Katastrophenpläne eingebunden wird.

Abschließend stellt Christine Vogler fest: »Die ›Neustart! Zukunftsagenda – für Gesundheit, Partizipation und Gemeinwohl‹ weist den richtigen Weg. Jetzt gilt es entschlossen und beherzt zu handeln.« Das Reformkonzept steht auf der Seite der Robert Bosch Stiftung kostenfrei zur Verfügung.


Bemerkt

 

 

»Die Kostensteigerungen für faire Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, von denen ja auch die Pflegebedürftigen profitieren, müssen aus Steuermitteln finanziert werden.«

Klaus Müller Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv)

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Die Medizin braucht mehr Antibiotika, denn immer mehr multiresistente Erreger breiten sich weltweit aus und könnten bald die sichere Behandlung von tödlichen Infektionskrankheiten bedrohen. An neuen antimikrobiellen Wirkstoffen zu forschen ist jedoch sehr teuer. Die internationale Forschungsallianz IRAADD (International Research Alliance for Antibiotic Discovery and Development) stellt in einem Artikel vor, wie das Problem gelöst werden könnte. Daran beteiligt sind auch Wissenschaftler:innen des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF).

»Bakterien, die gegen mehrere Medikamente resistent sind, können zu einer großen Bedrohung werden, wie die aktuelle Coronapandemie, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird«, sagt Prof. Dr. Rolf Müller, DZIF-Koordinator für Neue Antibiotika. Die internationale Allianz schlägt in ihrem Positionspapier Lösungswege vor, um das Problem der Resistenzen nachhaltig anzugehen. Dabei sollen die Kräfte aus dem öffentlichen, dem akademischen und dem industriellen Sektor gebündelt werden. Drei große Themen werden im Positionspapier dargestellt: die Entdeckung von neuen Wirkstoffen auf der Basis von synthetischen, niedermolekularen Substanzen, die Entwicklung von neuen Wirkstoffen auf der Basis von Naturstoffen und die Optimierungsmöglichkeiten von Wirkstoffkandidaten zum Medikament.

Übersicht beim Informationsdienst Wissenschaft idw: https://idw-online.de/de/news774528
Hier lesen Sie weiter bei nature: https://www.nature.com/articles/s41570-021-00313-1


Empfehlung

 

WahlSwiper: Wissenschaftlich fundierte Wahlhilfe für die Bundestagswahl

Die App WahlSwiper ermöglicht es allen Bürger:innen in Deutschland, sich mit dem Wahlprogramm der verschiedenen Parteien auseinander zu setzen. Dabei basiert das Programm auf wissenschaftlich fundierten Informationen, die von einem Team um den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Uwe Wagschal der Universität Freiburg entwickelt wurde.

Der WahlSwiper stellt insgesamt 36 Fragen aus knapp 20 Politikbereichen zusammen. Darunter sind Fragen wie: Soll der Mindestlohn auf mindestens zwölf Euro angehoben werden? Oder: Soll ein bundesweiter Mietendeckel eingeführt werden?

»Unser Ziel ist es, die Wählerinnen und Wähler wissenschaftlich und zugleich spielerisch bei ihrer Wahlentscheidung zu unterstützen – und somit auch das politische Interesse und den politischen Diskurs zu stärken«, sagt Prof. Dr. Uwe Wagschal.

Die App ist kostenfrei in den App Stores verfügbar: https://www.voteswiper.org/de


Zuletzt:

 

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg unterstützt Open Access bei wissenschaftlichen Zeitschriften

Seit 2003 gibt es die Bewegung ›Berliner Erklärung‹, die den Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen für alle Menschen fördert. Wer die Erklärung unterzeichnet, bekennt sich zur Unterstützung und Förderung von Open Access. Bis heute haben 700 deutsche und internationale Organisationen die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet. Laufend kommen weitere hinzu. Nun hat auch die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg die Berliner Erklärung unterschrieben. »Wir sind damit Teil einer starken Gemeinschaft. Mit Open Access werden Forschungsergebnisse besser sichtbar. Wir sehen dies als Teil unserer gesellschaftlichen Verpflichtung«, sagt Dr. Armin Ehrhardt, Direktor der Hochschul- und Kreisbibliothek in Bonn. »Außerdem wird es Forschenden in ärmeren Ländern ermöglicht, auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zuzugreifen.«

Hier finden Sie mehr über die Berliner Erklärung: https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung

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