Berlin-Chemie Newsletter Interview mit Stefan Höcherl von der gematik

Berlin-Chemie Newsletter Interview mit Stefan Höcherl von der gematik

 

Interview

 

Ein Technologiesprung soll die Zukunftsfähigkeit der TI sichern

Einblick sprach mit Stefan Höcherl von der gematik über die Zukunft der Telematikinfrastruktur

 

 

Stefan Höcherl

ist seit April 2020 in der gematik tätig und leitet dort den Bereich Strategie & Standards. Er verantwortet die strategischen Fragen zur Unternehmensentwicklung sowie die Themen Standardisierung und Interoperabilität im deutschen Gesundheitswesen, als auch die europäische Zusammenarbeit im Bereich Digital Health. Stefan Höcherl hat davor in verschiedenen Positionen im Gesundheitswesen Zukunftsfragen mitgestaltet und war als Consultant für einen Industrieverband sowie für Strategie- und Public Affairs-Beratungen mit den Schwerpunkten Gesundheitswesen und digital Pharma in Berlin tätig.

 

 

Seit langer Zeit sprechen wir über die Telematikinfrastruktur. Doch was bedeutet die TI 2.0? Wie soll eine Modernisierung der TI genau aussehen?
Die bisherige Telematikinfrastruktur, die TI, basiert technologisch zum Teil auf den Überlegungen und Prämissen aus den 2000er Jahren. Um weiterhin als zeitgemäße Basis für ein vernetztes Gesundheitssystem dienen zu können, muss sie sich also weiterentwickeln. Sie muss den technischen Fortschnitt nutzen und gleichzeitig neue gesetzliche und betriebliche Anforderungen erfüllen. Auch die Bedürfnisse der Nutzer:innen – also der Versicherten, der Ärzt:innen sowie weiterer Heilberufler:innen, Krankenkassen und auch der Gesundheitsunternehmen – haben sich verändert. Ein Technologiesprung soll daher die Zukunftsfähigkeit der Telematikinfrastruktur sichern und die TI zur TI 2.0 machen. Dafür gilt es Komplexität zu reduzieren, Nutzerfreundlichkeit zu stärken und hohe Sicherheit als oberstes Gebot zu gewährleisten. Kurzum, im Mittelpunkt der TI 2.0 für alle Nutzergruppen steht, dass sie komfortabel, flexibel und sicher ist.

Wir haben in der gematik sechs Grundprinzipien identifiziert, auf denen die Modernisierung der TI konkret beruht: Erstens: Elektronische Identitäten, mit denen sich die Nutzer:innen nur einmal anmelden müssen und dann alle Anwendungen damit nutzen können. Zweitens: Universelle Erreichbarkeit, also die Nutzung der Dienste übers Internet und mobile Endgeräte. Drittens: Verteilte Dienste – also, dass Anwendungen durch die Kombination von verschiedenen Daten und Abläufen genutzt werden können. Viertens: Strukturierte Daten und Standards. Das bedeutet: In der TI 2.0 wird auf international anerkannte Standards gesetzt und mit FHIR auch eine wichtige Weiche in Richtung Forschungskompatibilität gestellt. Das ermöglicht die anwendungsfallbezogene Auswahl und Neustrukturierung der benötigten Dokumente und Daten. Fünftens: Ebenfalls ganz wichtig: Der Einsatz einer moderne Sicherheitsarchitektur mit dem Prinzip ›Zero Trust Networking‹. Dabei müssen sich beide Seiten einer Ende-zu-Ende verschlüsselten Verbindung gegenseitig authentisieren. Und last but not least, sechstens: Ein gemeinsames TI-Regelwerk hält die Mindeststandards hinsichtlich der rechtlichen, organisatorischen und technischen Regeln der TI 2.0 für alle fest und bildet damit auch den Kern der Sicherheitsarchitektur der TI.

Wie schätzen Sie den Aufwand für die Leistungserbringer ein, die sich gerade ePA und eRezept ready machen und dafür die Infrastruktur beschaffen?
Die Umsetzung der TI 2.0 erfolgt schrittweise und anwendungsbezogen in den nächsten Jahren. Viele Vertragsärzt:innen und Vertragspsychotherapeut:innen und Apotheker:innen sind bereits für die Nutzung der TI in ihrer aktuellen Version ausgerüstet. Das ist wichtig und richtig, denn E-Rezept und ePA werden auch im kommenden Jahr zentrale Anwendungen beim Ausbau der digitalen Medizin sein, die – auch nach dem Willen des Gesetzgebers – in der Praxis und Apotheke Schritt für Schritt zunehmend aktiv und real gelebt werden sollen. Ärzt:innen und Apotheker:innen ebenso wie Patient:innen werden jetzt in 2022 vor allem ihre praktischen Erfahrungen mit den digitalen Anwendungen vertiefen und das neue digitale miteinander lernen.

Dafür bieten wir Informationsangebote an. Damit sie mit den TI-Anwendungen arbeiten können, sind sie natürlich auf ihre technischen Dienstleister und Anbieter angewiesen. Wir stehen mit diesen, aber auch mit den Ärzt:innen und Apothekern selbst im konstruktiven und dauerhaften Austausch und unterstützen hierbei bestmöglich, dass der Wandel des Systems gelingt. Das geht nicht auf Knopfdruck und über Nacht, aber wir sind mit unserer Transparenz zu der Notwendigkeit und der Umsetzung sowie der partnerschaftlichen Dialoge mit diversen Anwendern und Nutzern auf einem guten Weg.

Werden den Praxen evtl. anfallende Kosten für die gegebenenfalls notwendig werdende erneute Ausstattung erstattet?
Finanzierungs- und Kostenfragen zur TI-Ausstattung gehören nicht zum Entscheidungsbereich der gematik. Hier sind die jeweiligen Bundesmantelvertragspartner zuständig, Regelungen für die Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Apotheker zu treffen.

Welche zentralen Vorteile versprechen Sie sich von der Weiterentwicklung der TI 2.0 für die Leistungserbringer und die Versicherten?
Die Versicherten erhalten durch die TI 2.0 mehr Möglichkeiten der digitalen Gesundheitsversorgung, und das bei einem weiterhin hohen Schutzniveau ihrer persönlichen Daten. Das bedeutet mehr Teilhabe und eine Stärkung der Patientensouveränität. Zudem werden digitale Dienste einfacher bereitgestellt. Dadurch lassen sie sich auch leichter nutzen. Und: Perspektivisch wird auch die Zahl der Angebote für die Versicherten damit wachsen. Die Vorteile sind hier ganz klar ein ›Mehr‹ an Komfort, Flexibilität und damit auch praktisch erlebbarer Nutzen für die oder den Einzelnen: Erstens: Grundsätzlich ist es dann technisch einfacher, die Anwendungen zu nutzen.
Zweitens: Dank der elektronischer ID im ›Single-Sign-On‹ kann eine Anwendung überall, auch auf dem Smartphone und auch ohne Mitführen der eGK, genutzt werden. Drittens: Die Versicherten profitieren von höherer Nutzerfreundlichkeit und mehr Serviceleistung durch die Integration von gesetzlichen TI-Anwendungen mit anderen TI-Anwendungen der TI. Viertens: Dabei können sie natürlich weiterhin selbstständige bestimmen, welche Institutionen und Personen Zugriff auf ihre persönlichen Gesundheitsdaten erhalten.

Für die Heilberufler:innen nimmt die technische Komplexität der TI spürbar ab: Das ist eine echte Erleichterung für den Arbeitsalltag. Sie müssen sich dann weniger um technische Fragen kümmern und gewinnen mehr Zeit für das Wesentliche: ihre Patientin:en. Auch Möglichkeiten zur mobilen Patientenversorgung eröffnen sich. Darüber hinaus reduzieren sich in der TI 2.0 die jährlichen Betriebskosten. Die Vorteile liegen hier  
klar bei Entbürokratisierung, verbesserter Wirtschaftlichkeit und mehr Zeit für die Versorgung von Patienten. Konkret: Der physische Konnektor fällt weg, und IT- Sicherheitsfragen werden in die Rechenzentren verlegt. Zweitens: Durch die Verwendung mobiler Endgeräte außerhalb der Praxen und Apotheken gelingt eine bessere Patientenversorgung – beispielsweise durch den Datenzugriff über die TI auch bei Hausbesuchen. Drittens: Sie müssen sich mit weniger Technikfragen befassen, aber das Sicherheitsniveau bleibt gleich hoch.

Davon, dass die TI 2.0 allen Anwenderinnen bzw. Anwendern im Gesundheitswesen nützt, sind alle Akteure – also beispielsweise die Ärzte als auch den Patienten oder auch die Krankenkassen – überzeugt. Das zeigt das einstimmige „Go“ der Gesellschafterversammlung der gematik, in der alle Spitzenorganisationen des Gesundheitssystems vertreten sind, zur Modernisierung der TI und zu einer gemeinsamen Compliance für deren Umsetzung.

Können Sie schon sagen, was beziehungsweise welche Verfahren sich hinter digitalen Identitäten verbergen – Stichworte FaceID und Fingerprint?
Um TI-Dienste zu nutzen, müssen sich die Anwender:innen anmelden und authentisieren. Dies geht bislang nur über die ausgegebenen Smartcards – also eGK, eHBA und SMC-B. In der TI 2.0 sind diese nicht mehr ausschließliches Authentisierungsmittel, da elektronische Identitäten – eIDs – eingeführt werden. Dabei übernehmen von der gematik zugelassene Identitätsprovider die Authentifizierung der Nutzerinnen bzw. Nutzer, nicht mehr die Dienste selbst. Die Nutzerinnen und Nutzer wiederum müssen sich nur einma am Identitätsprovider anmelden und können in der Folge alle Anwendungen nutzen – Single-Sign-On.

Das föderierte Identitätsmanagement wird beispielsweise für Versicherte ermöglichen, dass dank elektronischer ID das Single-Sign-On auf dem Smartphone, auch ohne Mitführen der eGK, möglich sein wird. Dafür loggt sich die Nutzerin bzw. der Nutzer bei ihrem bzw. seinem Identitätsprovider ein. Dieser fragt einmalig ihre/seine Zustimmung zur Herausgabe ihrer/seiner Nutzerdaten ab und leitet diese dann an die Anwendung weiter. Die Anwendung vertraut dabei dem Identitätsprovider und meldet die Nutzerin bzw. den Nutzer mit den übermittelten Daten an.

 

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