Berlin-Chemie Newsletter vom 6. Mai 2019

Berlin-Chemie Newsletter vom 6. Mai 2019


Gleichpreisigkeit muss für alle gelten

Um die Apotheken vor Ort zu stärken, muss § 78 Absatz 1 Satz 4 Arzneimittelgesetz bleiben. Das entschied die ABDA-Mitgliederversammlung in Berlin und will das Apothekengesetz kritisch begleiten.

Was die Apotheker von den Plänen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Hinblick auf die Arzneimittelpreisverordnung halten, das wurde am 2. Mai 2019 vor dem Maritim Hotel in Berlin gut sichtbar. Während hinter verschlossenen Türen die Mitgliederversammlung tagte, zerstörte ein Aktivist vor dem Hotel demonstrativ das Apotheken-A und trug dabei eine Maske mit dem Gesicht von Spahn.

Hinter verschlossenen Türen ging es dann sachlicher zu. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt erklärte: „Das Bundesgesundheitsministerium will die Apotheken vor Ort stärken, lässt aber noch wesentliche Voraussetzungen dafür im Gesetzentwurf vermissen.“ In der Stellungnahme zum Referentenentwurf, die bis zum 7. Mai 2019 im BMG vorliegen muss, wolle Friedemann die Defizite genau beschreiben und klare Alternativen benennen. Beklagt wird seitens der ABDA, dass mit der geplanten Streichung des § 78 Absatz 1 Satz 4 im Arzneimittelgesetz der Weg zu einem neuen EuGH-Verfahren über die Preisbindung verbaut würde. „Die Arzneimittelpreisverordnung ist einer der wichtigsten Eckpfeiler der Arzneimittelversorgung in Deutschland und muss deshalb auch europarechtlich abgesichert werden. Die Gleichpreisigkeit für rezeptpflichtige Medikamente darf nicht nur für gesetzlich versicherte Patienten gelten, sondern muss es auch für Privatversicherte und Selbstzahler“, so Friedemann weiter.

Mit seinem Gesetzesentwurf zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken hat Spahn zudem einen Kompromiss zum ersehnten Verbot des Versandhandels verschreibungspflichtiger Arzneimittel gefunden. Geplant ist ein sozialrechtliches Rx-Boni-Verbot, das Apotheken, die sich nicht an die Arzneimittelpreisverordnung halten, bestrafen will. Ihnen drohen bis zu 50.000 Euro Vertragsstrafe oder bis zu zwei Jahre Ausschluss aus der GKV-Versorgung. Die öffentliche Anhörung zum Gesetzesentwurf findet am 23. Mai zwischen 10 und 13 Uhr statt.

Spahn baut das BMG weiter um

Schon kurz nachdem bekannt wurde, dass Staatssekretär Lutz Stroppe das Bundesministerium für Gesundheit verlassen muss, wurde die Nachbesetzung bekannt: ein Finanzexperte.

Etablierte Instanzen der Gesundheitspolitik verlassen das Bundesgesundheitsministerium. Da wäre zum einen der Leiter der Abteilung 2 „Gesundheitsversorgung, Krankenversicherung“, Dr. Ulrich Orlowski, der in den Ruhestand gewechselt ist. Auf ihn folgte Joachim Becker, bisher Unterabteilungsleiter Krankenversicherung. Zum anderen wird der beamtete Staatssekretär Lutz Stroppe zum 15. Mai 2019 durch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Stroppe war erst kürzlich nach längerer Krankheit an den Schreibtisch zurückgekehrt. Eine offizielle Begründung steht aus. Bekannt ist, dass der Minister seinen scheidenden Staatssekretär in einem internen Rundschreiben an die Mitarbeiter des Hauses „von Herzen“ für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und das große Engagement dankte. Der Politikwissenschaftler, der in verschiedenen Funktionen bei der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie im Büro des Ex-Kanzlers Helmut Kohl eingebunden war, wechselte 2014 vom Bundesfamilienministerium zu Hermann Gröhe in das BMG.

Auf den 62-jährigen Stroppe folgt ein Finanzexperte und gesundheitspolitischer Neuling. Der 58-jährige Jurist Thomas Steffen galt als einer der wichtigsten Mitarbeiter des früheren Finanzministers Wolfgang Schäuble und soll maßgeblich am Kurs durch die Euro-Krise verantwortlich gewesen sein. Nach der letzten Bundestagswahl diente Steffen Interimsfinanzminister Peter Altmaier, bevor er unter Olaf Scholz das Haus verließ. Von Oktober 2010 bis März 2018 war Steffen im Bundesministerium für Finanzen tätig, seit 2012 als Staatssekretär. Zuvor war er seit 2002 erster Direktor (bis März 2008) und Exekutivdirektor der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Seine politische Laufbahn begann er 1990 als Referent im Bundeswirtschaftsministerium, bevor es ihn 1994 in die Finanzpolitik verschlug.

Ist die Sozialpartnerschaft in Gefahr?

Der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes fordert die Bundesregierung auf, die soziale Selbstverwaltung zu stärken und die Mitbestimmung zu erhalten.

Die Selbstverwaltung befindet sich seit einigen Monaten im Dauerzwist mit dem Bundesgesundheitsminister. Im Koalitionsvertrag von vor einem Jahr haben CDU/CSU- und SPD-Fraktion wortwörtlich die „Stärkung der Selbstverwaltung“ festgehalten. Davon ist bisher nicht viel zu spüren. Mit dem Referentenentwurf eines Gesetzes für eine faire Kassenwahl in der gesetzlichen Krankenversicherung („Faire-Kassenwahl-Gesetz“) gibt es einen neuen Schauplatz. Das BMG sieht darin vor, dass der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes künftig nicht mehr aus ehrenamtlichen Vertretern der Versicherten und der Arbeitgeber bestehen soll. Stattdessen sollen sich die 40 neuen Mitglieder aus jeweils einem Vorstandsmitglied der 20 größten Mitgliedskassen sowie aus 20 weiteren Vorstandsmitgliedern der Mitgliedskassen zusammensetzen und je zur Hälfte mit Frauen und Männern besetzt sein. Diese fundamentale Neuorganisation hat der Verwaltungsrat auf seiner Sondersitzung in Berlin zum „Generalangriff auf die Selbstverwaltung und Sozialpartnerschaft“ und „Wortbruch zum Koalitionsvertrag“ erklärt.

Das System der sozialen Mitbestimmung über ehrenamtliche und durch Beitragszahler gewählte Vertreter hat in den letzten Jahren einige Versorgungsverbesserungen durchsetzen können – zum Beispiel eine Kostenübernahme von qualitativ hochwertigeren, und dadurch auch teureren, Hörgeräten. Würden künftig Unternehmenslenker im Verwaltungsrat bestimmen, dann übernehme die wirtschaftliche Logik anstatt der Versorgungsqualität, befürchten viele Mitglieder des Verwaltungsrats. Dem stimmte die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Dr. Doris Pfeiffer, zu: „Wir sind diejenigen, die die Systemperspektive haben. Wir brauchen auch künftig einen Verwaltungsrat aus ehrenamtlichen Mitgliedern.“ Das mache den GKV-SV unabhängig und dieser habe kein Interesse daran, eine nachgeordnete Behörde des BMG zu werden. Auch Vertreter der Arbeitgeber waren eingeladen worden. „Die Kritik der Beitragszahler an Gesetzen gehört zur Demokratie. Man kann die Kritiker nicht einfach aus den Gremien entfernen“, so Alexander Gunkel, Geschäftsführung der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). Kritik aus Reihen der Beitragszahler lasse sich mit einer besseren Gesundheitspolitik vermeiden, empfahl Gunkel. „Wir haben eine funktionierende Symbiose zwischen Ehrenamt und operativer Ebene. Wenn man Professionalisierung als Argument gegen das Ehrenamt anwendet, dann muss man auf ganz vielen Ebenen in Deutschland das Ehrenamt abschaffen. Ich sehe in dieser Frage keinen Raum für ein Nachgeben. Hier ist harte Opposition gefragt“, so Gunkel weiter.

In den Pausen der Sondersitzung war zu hören, dass der Verwaltungsrat nun gezielt auf die Mitglieder des Deutschen Bundestages zugehen wolle, damit sich dieser erneute Angriff auf die Selbstverwaltung gar nicht erst im Kabinettsentwurf wiederfinde.

Impfdebatte: Diffizil und unausweichlich

Im Mai will Jens Spahn (CDU) Vorschläge für eine Impfpflicht bei Masern vorlegen. Die Debatte wird aus einer Vielzahl an Gründen wohl noch eine ganze Weile geführt werden.

Grundsätzlich hatte sich der Bundesgesundheitsminister bereits für verpflichtende Masernimpfungen für Kinder in Kitas und Schulen ausgesprochen. Auch die SPD unterstützt diese Ideen zu weiten Teilen. Die Debatte ist deshalb so schwierig, weil, egal welche Lösung am Ende bestehen wird, diese künftig als Präzedenzfall für andere Infektionskrankheiten genommen werden kann. Dass Impfungen aus medizinischer Sicht sinnvoll sind, ist bei Fachleuten wohl unumstritten. In der Debatte geht es vielmehr um die Folgen einer eingeführten Impfpflicht und ethische Fragen. Reagieren die Impfgegner dann erst recht trotzig? Wie können sie bei Missachtung der Vorgaben bestraft werden? Und inwieweit ist eine aufgezwungene Impfpflicht trotz hochsicheren Impfstoffen ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Menschen?

Die Masern-Impfquote bei Kleinkindern im Alter von 24 Monaten liegt in Deutschland bei 95 Prozent. Schon bei der zweiten Dosis liegt die Impfquote aber nur noch bei 92,9 Prozent. Die größten Masern-Impflücken gibt es bei den 18- bis 44-Jährigen. 40 Prozent dieser Personengruppe sind nicht gegen die potentiell lebensbedrohliche Infektionskrankheit geimpft. Polio und die Pocken sind durch Impfungen hierzulande praktisch ausgerottet. Die Erkrankungszahlen von Diphtherie, Keuchhusten oder der Röteln gehen zudem seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück. Bei Masern gelingt der finale Schritt jedoch noch nicht. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut, Mitglied des Ausschusses für Gesundheit, sagte kürzlich anlässlich der Europäischen Impfwoche: „Dass Kitas vermehrt eine ausreichende Schutzimpfung zur Aufnahmevoraussetzung machen, begrüße ich ausdrücklich.“ Zu einer höheren Impfquote könne auch ein elektronischer Impfpass beitragen. „Dieser wird auf der elektronischen Gesundheitskarte oder in der elektronischen Patientenakte gespeichert. Das lästige Suchen des Impfpasses gehört damit hoffentlich ebenso der Vergangenheit an wie verbaselte Termine für die Auffrischungsimpfungen“, so der Berichterstatter für E-Health, Telemedizin und die Digitalisierung des Gesundheitswesens seiner Fraktion. Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karin Maag, begrüßt den Vorstoß des Ministers. „Impfungen sind eine der wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen. Schließlich geht es ja nicht allein um die Schutzwirkung für die geimpfte Person selbst, sondern auch für die Gesellschaft. So bewahrt sie beispielsweise diejenigen Menschen, die sich nicht impfen lassen können, weil sie z.B. noch keine sechs Monate alt oder anderweitig erkrankt sind, vor einer Ansteckung.“ Dass eine Impfpflicht nicht den gewünschten Effekt erzielen könnte, befürchtet hingegen die Patientenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Martina Stamm-Fibich. „Um effektiv zu sein, müssten Verstöße gegen die Impfpflicht hart sanktioniert werden. Ob dieser Weg sinnvoll ist, ziehe ich in Zweifel. Für sinnvoller halte ich eine bessere Aufklärung. Hier sehe ich auch die Ärzteschaft in der Pflicht zu informieren und aufzuklären“, so Stamm-Fibich weiter.

Die Brisanz der Impfdebatte wird dann noch deutlicher, wenn auf die völlig heterogene Meinung der Ärzteschaft geblickt wird. Das Begrenzen einer Impfpflicht auf einzelne Krankheiten sei schon deshalb problematisch, weil heute in der Regel Mehrfachimpfstoffe verwendet und Präparate gegen einzelne Krankheiten gar nicht mehr zur Verfügung stehen würden, äußerte Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland unlängst. „Alle Impfungen, die die Ständige Impfkommission heute für Kinder empfiehlt, sollten verpflichtend sein“, forderte Montgomery.
Dr. Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, lehnt eine Impfpflicht ab, weil „Pflicht zu Ablehnung führt“. Bei einer Erstimpfungsrate von über 97 Prozent in Deutschland sehe er die Herausforderung nicht in einer Überzeugung der bewusst Nicht-Geimpften, sondern eher bei einer Motivation zur Zweitimpfung, so der BLÄK-Präsident, der für den Spitzenposten bei der Bundesärztekammer kandidiert. Zur Motivationssteigerung solle vermehrt die aktuell erweiterte Gesundheitsuntersuchung genutzt werden. Zudem könne dies durch ein entsprechend gestaltetes Bonusprogramm der Krankenkassen und nicht zuletzt durch ein Aufnahmeverbot von Ungeimpften in Kindertagesstätten erreicht werden. Anders als Quitterer spricht sich die Präsidentin der Landesärztekammer Niedersachsen, Dr. Martina Wenker, deutlich für eine „generelle Impfpflicht gegen Masern“ aus. Auch sie will auf dem 122. Deutschen Ärztetag in Münster (28. bis 31. Mai 2019) für die Nachfolge von Montgomery kandidieren. Das dürfte den Ärztetag, auf dem die Impfdebatte sicherlich eine Rolle spielen dürfte, spannend machen. Die generelle Impfpflicht solle dann auch für alle Gesundheitsfachberufe gelten, sofern die Masernimpfung als Einfachvakzine verfügbar gemacht werde, so Wenker. In Deutschland ist sie derzeit nur in der MMR-Impfung erhältlich. Den gewohnt scharfen Ton schlägt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, an: „In den Praxen der niedergelassenen Ärzte häufen sich zurzeit Fälle von Masern. Kinder nicht impfen zu lassen, ist grob fahrlässig und töricht.“ Es sei ihm unerklärlich, nicht nur als Arzt, wie man Kinder dem unnötigen Risiko einer Lungenentzündung oder tödlichen Entzündung des Gehirns (subakute sklerosierende Panenzephalitis) aussetzen könne.

Das Finden einer gemeinsamen Linie wird in der Großen Koalition nicht einfach. Ein Gremium, dessen fachlicher Input Gewicht hat, ist der Deutsche Ethikrat. Dieser will bis zur parlamentarischen Sommerpause eine ausführliche Stellungnahme zur Debatte vorlegen. Vorab hat der Rat bereits einige Hinweise zur Diskussion beigetragen. Weil fast die Hälfte aller an Masern Erkrankten in Deutschland Erwachsene sind, müssten Maßnahmen zur Erhöhung der Impfquote neben Kindern auch Erwachsene einbeziehen. Personen, von denen wegen ihrer Tätigkeit oder ihrer berufsbedingten Kontakte ein erhöhtes Infektionsrisiko für andere ausgeht (Gesundheitsberufe, pädagogisches Personal), würden hier in einer besonderen Verantwortung stehen. Der Ethikrat weist darauf hin, dass der Begriff Impfpflicht unscharf definiert sei. Sanktionen könnten etwa Bußgelder, Ausschluss aus Kindertagesstätten oder Schulen, Einschränkungen der ärztlichen Berufsfreiheit oder sogar körperliche Zwangseingriffe sein. Erst die Präzisierung ermögliche überhaupt eine angemessene ethische und rechtliche Abwägung der betroffenen Schutzgüter.

Strukturwandel: So stellt ihn sich eine große Kasse vor

Die Krankenkassen denken bei Reformen nur an Einsparmöglichkeiten? Nein, sagt der Kassenchef der BARMER.

Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Der Hamburger soll damals – vor mindestens 37 Jahren – festgestellt haben, dass die Trennung der Sektoren in einem ansonsten guten deutschen Gesundheitssystem ein Problem darstelle. Ideen zum Auflösen der Sektorengrenzen gab es dabei viele – zum Beispiel die ambulante- spezialfachärztliche Versorgung (ASV). Durchgesetzt hat sich gar nichts. Nun hat mit der BARMER eine der größten deutschen Krankenkassen ein Zehn-Punkte-Papier vorgelegt, das zeigen soll, wie ambulant und stationär künftig effektiver und effizienter zusammenarbeiten können. „Wenn wir es tatsächlich ernst meinen mit der Überwindung der Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Sektor, muss zwangsläufig die getrennte Planung beider Versorgungsbereiche konsequent entfallen. Wir planen heute schon viel, aber wir planen nicht gut“, äußerte Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Kasse, unlängst. Im Mittelpunkt der neuen gemeinsamen Versorgungsplanung stünden fachärztliche Leistungen an der Schnittstelle von ambulanter Versorgung sowie der Grund- und Regelversorgung im Krankenhaus. Die für eine neu justierte Versorgungsplanung geeigneten Leistungen müssten nach bundeseinheitlichen Kriterien definiert werden, sieht das Konzept vor. Dazu solle der Gesetzgeber die Selbstverwaltung verpflichten. Unter dem Selbstverwaltungs-Schrecken Jens Spahn ist dies wohl unwahrscheinlich. Die Zusammenführung der betreffenden Leistungs- und Abrechnungsdaten und die standardisierte Ermittlung der neuen Behandlungskapazitäten sollen durch ein neutrales Institut – die BARMER empfiehlt das Statistische Bundesamt - erfolgen, das vom Gesetzgeber zur verbindlichen Einbindung der Fachgesellschaften verpflichtet werden sollte. Alle zwei Jahre solle das neutrale Institut den Ländern auf Grundlage bundesdurchschnittlicher Zahlen die theoretisch ermittelten Behandlungskapazitäten der Länder zur Verfügung stellen.
Der zweite große Reformansatz der BARMER ist vom Grundgedanken her alles andere als neu. „Eine sektorenübergreifende Versorgung kann nur dann ohne Reibungsverluste funktionieren, wenn es für die gleiche ärztliche Leistung auch die gleiche Vergütung gibt“, meint Straub. Heißt: Ein Patient, der mit Leistung X im Krankenhaus Y oder in der Praxis Z behandelt wird, kostet exakt dasselbe. Dafür muss die einheitliche Vergütung neu konzipiert und kalkuliert werden. Und bei der BARMER weiß man genau, dass es hier „großen Streit“ geben würde. Nach der Feststellung des regionalen Leistungsbedarfs würden für die Leistungen sowohl ein Mengen- als auch ein Finanzkontingent bestimmt werden. „Jeder Leistungserbringer muss sich im aktuellen System einzelwirtschaftlich optimieren. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung.“ Es gehe der Kasse nicht um ein Spargesetz, so ihr Vorsitzender. „Es geht um eine Umverteilung von Mitteln. Wir setzen die im internationalen Vergleich sehr hohen Ressourcen pro Kopf nicht intelligent ein“, erläuterte Straub. Daneben sieht das Papier „regionale Versorgungsverbünde“, also gut vernetzte Leistungsanbieter, vor. Auch müssten die Kommunen einbezogen werden – zum Beispiel bei der Gründung von Arztnetzen.
Der BARMER-Chef ist optimistisch, dass eine motivierte Bund-Länder-Arbeitsgruppe und künftige Verantwortliche diese Reformvorstellungen innerhalb von zehn Jahren umsetzen könnten. Das ist ambitioniert. Und weil die sektorenübergreifende Versorgung nach BARMER-Vorstellung zunächst mit Unterstützung der Bundesländer in Modellregionen unter Beteiligung der Krankenkassen etabliert werden soll, ist dies sogar sehr ambitioniert, wie uns die Vergangenheit gelehrt hat.

DMP: Fällt die Finanzierungsgrundlage weg?

Die Ärzteschaft droht dem Gesetzgeber: Bei einer schlechten Finanzierung der Disease Management Programme wird es diese nicht mehr geben.

Disease Management Programme (DMP) werden nach klar definierten Kriterien evidenzbasiert sowie systematisch erarbeitet und damit Basis einer leitliniengerechten Versorgung zahlreicher Volkskrankheiten. Programme gibt es unter anderem für Diabetes mellitus Typ I und Typ II, chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen (COPD) oder Asthma. Allein im Verwaltungsbereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein sind über 900.000 Patienten in entsprechende Versorgungskonzepte eingeschrieben. DMPs, die offiziell mit dem Gesetz zur Reform des Risikostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung vom 10. Dezember 2001 eingeführt wurden, haben sich längst etabliert. Für eine ganze Reihe an Indikationen sollen weitere Programme entwickelt werden. Noch im ersten Halbjahr will der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) das DMP zu Depression beschließen. In der zweiten Jahreshälfte soll das DMP zu chronischem Rückenschmerz vorliegen.

Durch die Einbeziehung direkter Morbiditätsinformationen in den RSA im Jahr 2009 wurde die unmittelbare Verknüpfung des DMP-Status mit den krankheitsbezogenen Zuweisungen überflüssig. Für die programmbedingten Aufwendungen (z.B. Dokumentations- und Koordinationsleistungen) erhalten die Krankenkassen nur noch eine DMP-Programmkostenpauschale als Zuweisung aus dem Gesundheitsfonds. Im Vorjahr betrug diese 145,32 Euro pro DMP-Versichertenjahr (2017 = 145,68 Euro). Mit dem „Faire-Kassenwahl-Gesetz“, dessen Referentenentwurf momentan in vielerlei Hinsicht diskutiert wird, könnte die DMP-Programmkostenpauschale verschwinden. Das Bundesministerium für Gesundheit argumentiert, dass eine Streichung der Zuweisungen „zu einer verbesserten Zielgenauigkeit auf Krankenkassenebene“ führen würde. Zudem würde mit der Streichung auch die Transparenz des Zuweisungsverfahrens im RSA insgesamt erhöht werden. Die Ärzteschaft sieht in der Idee nichts Gutes. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung äußert, dass die „hohen Qualitätsanforderungen an die Erstellung und Umsetzung der Programme“ die finanzielle Förderung notwendig machen. In einer Stellungnahme teilt sie zudem mit: „DMPs stellen auf nationaler Ebene konsentierte Standards der Versorgung der großen Volkskrankheiten dar und zeigen deutliche qualitative Unterschiede zum Flickenteppich anderer selektiver Vertragsformen.“ Der Spitzenverband der Fachärzte in Deutschland (SpiFa) betont darüber hinaus, dass von einer Streichung viele Fachgruppen, vor allem die internistischen Fächer, stark betroffen wären. Ohne eine adäquate Gegenfinanzierung würden die DMPs nicht weiterbestehen können, was für mehrere Millionen chronisch kranker Menschen erhebliche negative gesundheitliche Konsequenzen bedeuten würde, warnte der Verband. Im Bereich der Diabetologie würden beispielsweise mehr als vier Millionen chronisch kranke Menschen mit Diabetes mellitus im DMP versorgt werden, was wiederum frühere Amputationen oder eine Dialysepflichtigkeit verhindere. Auch würden Kassendaten belegen, dass über die DMPs die Morbidität sinke und gleichzeitig Kosten eingespart würden.

Ultraschall gefährlich? Von wegen…

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) muss Schadensbegrenzung betreiben, denn die neue Strahlenschutzverordnung suggeriert, dass Ultraschall gefährlich ist.

Der neuen Strahlenschutzverordnung zufolge ist das sogenannte „Baby-Watching“ oder "Baby-TV" ab 2020 verboten. Bei dieser nicht medizinisch notwendigen Ultraschalluntersuchung geht es einzig und allein um das Betrachten des Babys – mit Vorliebe auf großen Bildschirmen in 3D oder gar 4D. Der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) ist nicht dieses Verbot ein Dorn im Auge, sondern die Begründung dafür. Die suggeriert nämlich, dass Ultraschall grundsätzlich schädlich sein kann. Das weist die DEGUM entschieden zurück.

Ultraschall, der einzig und allein zur Diagnostik eingesetzt wird, würde mit so einer geringen Leistung arbeiten, dass keine Erwärmung und damit auch keine Schäden zu erwarten sind. Zwischen Therapie und Diagnostik mit Hilfe von Ultraschall gibt es große Unterschiede, sagt der Physiker Klaus-Vitold Jenderka. Das wurde offenbar bei der Strahlenschutzverordnung nicht berücksichtigt. Nun ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Die neue Verordnung gilt ab 2020. Die Fachgesellschaft hatte das Stellungnahmeverfahren schlichtweg verpasst und muss nun im Akkord aufklären. Die Frauen seien jetzt verunsichert – schadet der Schall dem Ungeborenen? Prof. Dr. Peter Kozlowski ist Pränatalmediziner und Genetiker und spricht vom Gegenteil. Er plädiert sogar für die Kostenerstattung der Feindiagnostik, die ansonsten nur im Falle einer Risikoschwangerschaft übernommen wird. „Würden sich alle Mütter an die Regelversorgung halten, würden viele Probleme und Risiken in der Schwangerschaft unentdeckt bleiben.“ Es gehe dabei nicht nur um die Abklärung, ob ein Downsyndrom vorliegt oder nicht. „Zwei Drittel der schweren kindlichen Probleme können mit Hilfe des Ultraschalls ausgeschlossen werden“, sagt er. Zudem erkenne man Frauen, die im weiteren Verlauf der Schwangerschaft Probleme bekommen können.

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