Berlin-Chemie Newsletter vom 29.10.2014

Berlin-Chemie Newsletter vom 29.10.2014

  • Gröhes größter Wurf – das VSG im Brennpunkt
  • DKG im Übernahmerausch?
  • AOK im Bauchraum
  • MedTech-Branche im Zwiespalt
  • KKH im Zweifel
  • Zufriedenheits-Puls gefühlt
  • Apotheker in Verwirrung
  • Sozialversicherung im Plus-Minus

Gröhes größter Wurf – das VSG im Brennpunkt

Ursprünglich gedacht als Erweiterung des Versorgungsstrukturgesetzes von 2011 könnte das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im Entwurf vorliegende GKV Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) die Grundstrukturen des Gesundheitswesens stark verändern. Insbesondere die Rolle der KBV in der Selbstverwaltung müsste neu gedacht werden. Gewinner bei einer Umsetzung in der jetzigen Form wären wohl die Hausärzte aber auch innovative Ärztenetze.

Das Versorgungsstärkungsgesetz soll in erster Linie das bewirken, was sein Name vorgibt – nämlich die Versorgung verbessern. Speziell diejenige in den so genannten unterversorgten Regionen. Dazu bietet es manche praktische Ansätze. Nicht unbedingt neue Ideen, aber dann doch neue Möglichkeiten. Dem Wunsch, vor allem aus den Reihen der gesetzlichen Kassen, auch noch eine Sparkomponente zugunsten der GKV einzuführen indem man die vom G-BA aus guten Gründen ausgesetzte Bewertung von Arzneimitteln des Bestandsmarktes zumindest für den Fall von Indikationserweiterungen wieder einführt, ist Minister Gröhe offenbar nicht gefolgt. Das hätte auch den gerade gestarteten Pharma-Dialog ad absurdum geführt. Hier einige ausgewählte Stichpunkte:

  • Flächendeckende Versorgung. Die KVen sollen – nicht erst bei bestehender Unterversorgung – regionale Strukturfonds bilden und erweitern. Gleichzeitig ist geplant, dass in überversorgten Regionen Zulassungsbeschränkungen verpflichtend werden. Die Hochschulambulanzen sollen dort stärker in die ambulante Versorgung eingebunden werden. Insbesondere sollen Kliniken sich stärker in der Notfallversorgung ambulant öffnen dürfen. Der von der DKG geforderte „Sicherstellungsauftrag“ zur Notfallversorgung soll dagegen vorerst weiter bei den KVen bleiben.
  • Vernetzte Versorgung. MVZ sollen künftig arztgruppengleich gegründet werden können, ebenso sollen Kommunen eigene MVZ öffnen dürfen. Die KVen werden erstmals verpflichtet, Praxisnetze finanziell zu fördern. Im erweiterten Sinne gehört dazu auch die Möglichkeit, in Modellvorhaben Leistungen an Praxisassistenten/-innen zu delegieren. Die Leistungserbringung soll künftig nicht zwangsläufig an den vorherigen Arzt-Patientenkontakt gebunden sein. Delegationsfähige Leistungen sollen über den EBM angemessen bewertet werden. Grundsätzlich soll der EBM kontinuierlich an den Versorgungszielen orientiert überarbeitet werden.
  • Besondere Versorgung. Die Selektivverträge werden neu geregelt. Ein neuer Paragraph 140a SGB V „Besondere Versorgung“ vereint künftig die Vertragsarten nach §§ 73a (Strukturvertrag), 73c (Besondere Ambulante Versorgung) und 140a-d (Integrierte Versorgung). KVen sind als Vertragspartner neu aufgenommen für alle Vertragsarten, die mit dem neuen Paragraphen entstehen können. Die Rechte der Aufsicht werden zurückgenommen, die Bereinigung vereinfacht. Damit werden zentrale Forderungen der Protagonisten von Selektivverträgen erfüllt, es könnte eine neue Dynamik entstehen.
  • Stärkung der Allgemeinmedizin/Neue Rolle der KVen. Die Fortbildung in der Allgemeinmedizin soll stark erweitert werden. Ein Ausbau der derzeit vorhandenen KV-finanzierten Plätze von 5000 auf 7500 steht im Entwurf. Vor allem soll die Rolle der Hausärzte innerhalb der KVen gestärkt werden, wie es der Koalitionsvertrag vorsieht. Das heißt, dass über die bereits erfolgte Satzungsänderung der KBV hinaus, die die getrennte themenbezogene Abstimmung von Haus- und Fachärzten vorsieht, auch eine strikte Trennung der Gesamtvergütung folgen wird. Faktisch würden damit unterschiedliche KVen geschaffen, die gegeneinander im Wettbewerb um das Versorgungsgeschehen und den Honorartopf ständen. Die Festlegung, auf die so genannte Richtgrößenprüfung zu verzichten und regional freie Vereinbarungen dazu zu treffen, wurde zwar von der KBV zunächst als Erfolg gelobt. Faktisch dürfte das nach Meinung nicht weniger Experten allerdings auf eine Verschärfung sowie auf die Schwächung der Rechtssicherheit hinauslaufen.
  • Innovationsfonds. Die Einführung des Innovationsfonds (pro Jahr 300 Millionen, davon 75 Millionen für Versorgungsforschung) soll neue Möglichkeiten schaffen. Unter der Regie des G-BA-Vorsitzenden Josef Hecken sollen ein Innovationsausschuss aus den Vertretern der Bänke und dem BMG über die Projekte befinden. Das Geld kommt hälftig aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds und von den Kassen (Umlage entsprechend Versichertenzahl). In der Diskussion waren inoffiziell unter anderen eine neue Zuweiserstruktur für die psychische Versorgung sowie eine Arztgruppen übergreifende, netzgesteuerte Versorgung/Betreuung von Einrichtungen der Altenpflege.
  • Rechte Versicherter/Terminvergabe. Wie im Koalitionsvertrag angekündigt, sollen die KVen sicherstellen, dass kein Patient länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin wartet. Ansonsten sollen zu schaffende Servicestellen notfalls auch einen ambulanten Termin im Krankenhaus vereinbaren, der dann aus dem KV-Budget zu vergüten wäre. Patienten sollen auch laut Gesetz einen Anspruch auf Zweitmeinung eines Facharztes oder Krankenhauses für entsprechende Eingriffe erhalten. Welche Indikationen dafür in Frage kommen, soll der G-BA entscheiden. Auch wird ein Wunsch- und Wahlrecht von medizinischer Rehabilitation – auch für Leistungen nach dem SGB V – verankert.

Das Gesetzpaket beinhaltet noch eine ganze Reihe von versorgungsrelevanten Einzelregelungen. Besonders gravierend dürften sich allerdings die Änderungen für die ärztliche Selbstverwaltung – vor allem KVen – auswirken. Bereits jetzt, vor der formellen Beratung des Gesetzes, ist absehbar, dass ärztliche Organisationsstrukturen zum Teil neu gedacht und organisiert werden müssen. Innovative Möglichkeiten durch Netzwerkbildung, verstärkte Anwendung der sektorenübergreifenden Versorgung nach §116b oder durch neue DMPs stehen dabei offenen Fragen einer Finanzierung der flächendeckenden fachärztlichen Versorgung gegenüber. Eine von zahlreichen Ärztevertretern geforderte Sondersitzung der Vertreterversammlung der KBV soll nun wohl doch erst zum regulären Termin am 5. Dezember stattfinden. Wie zu hören ist, möchte der Gesundheitsminister sein Gesetz aber bereits in den nächsten Wochen über die parlamentarischen Hürden bringen und zum 1. Januar 2015 rechtskräftig werden lassen. Man kann sich also auf spannende Wochen gefasst machen.

DKG im Übernahmerausch?

Versorgungsstärkungsgesetz stärkt die Position der Krankenhäuser in der ambulanten Versorgung. Die fordern für die Notfallversorgung jetzt auch den Sicherstellungsauftrag.

„Das Versorgungsstärkungsgesetz beinhaltet eine Vielzahl grundsätzlich positiver Ansätze für die Weiterentwicklung der sektorenübergreifenden ambulanten Versorgung“, zeigt sich Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), mit Blick auf den Entwurf des VSG begeistert. Allerdings würden "die bestehenden Potentiale nicht konsequent" genutzt. So sind die Krankenhäuser zwar als die primären Anlaufstellen bei ambulanten Notfällen anerkannt, gleichwohl bliebe "der Sicherstellungsauftrag unverständlicherweise bei den Kassenärztlichen Vereinigungen", fordert Baum die direkte Beteiligung der Kliniken. Ausdrücklich begrüßt der DKG-Hauptgeschäftsführer die neu vorgesehenen ambulanten Verordnungsmöglichkeiten der Krankenhausärzte bei Krankenhausentlassungen. Die Krankenhäuser sind "grundsätzlich bereit, an der zeitnahen Sicherstellung der ambulanten fachärztlichen Versorgung mitzuwirken". Dazu sollten die Patienten "das Recht zur Selbstbeschaffung der Leistungen in Krankenhäusern erhalten". Der richtige Ort dafür sind aus Sicht des DKG-Chefs „dreiseitige Verträge oder der Gemeinsame Bundesausschuss“. Zum Anspruch der Patienten auf eine Zweitmeinung bei geplanten Eingriffen würden sich die Krankenhäuser bekennen. Die dafür erforderlichen Kenntnisse sind seiner Meinung nach "insbesondere im Krankenhaus vorhanden". Umso unverständlicher ist für Baum deshalb die Einordnung der Zweitmeinung in das KV-System. Die gutachterliche Tätigkeit der Krankenhäuser müsse deshalb ebenfalls direkt mit den zuständigen Kassen abrechenbar sein, mahnt Baum abschließend.

AOK im Bauchraum

AOK erweitert Qualitätsranking im Online-Portal. Sechs Prozent Komplikationen.

Die AOK hat ihren Krankenhausnavigator aktualisiert und erweitert: Ab sofort kann sich jeder auf dem Online-Portal über die Qualität der Kliniken bei Blinddarm-OPs informieren. Insgesamt traten in diesem Bereich bei 5,69 Prozent der behandelten Patienten nach der OP Komplikationen auf (jeder 18. Patient). Weiter kam es zu ungeplanten Folgeeingriffen innerhalb von 90 Tagen bei 3,63 Prozent der Patienten. Oder es traten Komplikationen bei 4,16 Prozent der Patienten auf, wie ein Wiederaufreißen der Wunde, Infektionen oder Blutvergiftung. Der Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) liegen Daten von 103.000 AOK-Versicherten zugrunde, die von 2010 bis 2012 in 946 Kliniken operiert wurden. Bei der Appendektomie gibt es in der Regel genug zeitlichen Vorlauf, um sich vorab zu informieren. „Besonders bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Kliniken“, vermerkt Prof. Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und zugleich Mitglied des Panels Bauchchirurgie, das die wissenschaftlichen Indikatoren zur Qualitätsmessung erarbeitet hat. Im besten Viertel der Kliniken liegt der Anteil der Patienten mit Komplikationen unter 3,23 Prozent (jeder 31. Patient), während das Viertel der Kliniken mit den schlechtesten Ergebnissen eine Komplikationsrate von 7,88 Prozent aufweist (jeder 13. Patient). In den schlechten Kliniken waren damit mehr als doppelt so viele Patienten von Komplikationen betroffen wie im besten Viertel.

MedTech-Branche im Zwiespalt

Eine BVMed-Mitgliederumfrage im Widerspruch / Investitionsbereitschaft und Arbeitsplätze bleiben hoch

Gespaltene Stimmung in der Medizintechnikbranche. Während – wie auch in Bereichen der Pharmabranchen - kräftig in die Zukunft am Standort Deutschland investiert wird, Produktion und Qualität steigen, "macht der Verkauf im Inland keinen Spaß", beklagt sich der Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Medizintechnik (BVMed), Joachim M. Schmitt, bei der Vorstellung der Herbstumfrage des BVMed, an der sich knapp 100 Unternehmen beteiligten. Die Branche stehe in Deutschland wegen des zunehmenden Preisdrucks durch Krankenhäuser und Einkaufsgemeinschaften sowie infolge von geringeren Versorgungspauschalen verstärkt unter Druck. Es gibt deshalb laut Einschätzung Schmitts nur einen "äußerst bescheidenen Optimismus" unter den Mitgliedern. Die zwiespältige Haltung spiegelt die vorgelegten Zahlen wieder. Zwar liegt das für 2014 erwartete Umsatzwachstum bei 3,4 Prozent. Die Gewinnsituation der Unternehmen ist dagegen rückläufig, die Margen sinken, so der BVMed-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan. Zudem wird das Innovationsklima in Deutschland von den Unternehmen insgesamt schlechter als in den Vorjahren beurteilt. Der Innovationsklima-Index des BVMed fiel auf einer Zehnerskala von 6,2 auf 4,9. Bemängelt werden vor allem die innovationsfeindliche Politik der Krankenkassen sowie niedrige Erstattungspreise in Deutschland. Trotz der schwierigeren Inlandssituation bleibt die Medizintechnik ein Jobmotor, stellt Schmitt fest. 51 Prozent der Unternehmen haben Arbeitsplätze geschaffen, nur 8 Prozent Arbeitsplätze abgebaut.

KKH im Zweifel

Wenig Geld, wenig Interesse und viele Hürden. Vorbeugende Gesundheitssorge bleibt wirkungslos

Es trifft immer die Falschen! Und das sind hier die Gesunden. Präventionsangebote müssten neu strukturiert und stärker in den Fokus der Bevölkerung gerückt werden, um das Gesundheitsbewusstsein der Deutschen zu stärken. Das fordert Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH). Prävention sei keine Erfolgsgeschichte. Es gebe zwar eine „Vielfalt an Präventionsmaßnahmen, diese bleiben aber oft wirkungslos“, so Kailuweit. Diejenigen, die am stärksten von diesen Angeboten profitieren würden, nutzen sie am wenigsten. Prävention führt im deutschen Gesundheitswesen ein Schattendasein und das liegt nicht nur am lächerlich geringen Richtwert von 3,01 Euro, den die Krankenkassen pro Versichertenkopf dafür zur Verfügung stellen müssen. Angesiedelt im bürokratischen Niemandsland zwischen Kranken-, Rentenversicherung und Reha mit vertikalem Zuständigkeitsgerangel von Bund, Land und Kommunen fühlt sich niemand ernsthaft zuständig.

Laut IfD Allensbach-Umfrage sind an einer gesunden Lebensweise rund 15 Prozent gar nicht, weitere 49 Prozent nur mäßig und gerademal jeder Dritte besonders interessiert. Genau dieses Drittel stellt sich auch als besonders präventionsaffin heraus. Diese Gruppe benötigt eigentlich keine Anleitung, da sie jenseits finanzieller Anreize über eine intrinsische Motivation für ein gesundheitsbewußtes Verhalten verfügt. Statistisch gesehen sind es Frauen mit hohem Sozialstatus in mittleren Jahren, die sich davon ansprechen lassen. Konkret ist hier das Geld für Fitnesskurse verschwendet. Es kommt vielmehr zu Mitnahmeeffekten, die sich rasch erschöpfen. So ist nachvollziehbar, dass sich die Teilnehmer an der Individualprävention im Zeitraum von drei Jahren insgesamt um 20 Prozent verringert haben, obwohl die Teilnehmer in KiTas und Betrieben angewachsen sind.

Sisyphos lässt grüßen.

Zufriedenheits-Puls gefühlt

Die aktuelle Gesundheitsversorgung ist gut. Aber es droht Unheil, befürchten viele Bürger.

Laut TK-Meinungspuls 2014 sind die meisten Deutschen (75%) zufrieden mit ihrem Gesundheitssystem, aber neun von zehn sehen Reformbedarf. Das zeigt eine aktuelle Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse durchgeführt hat. Am pessimistischsten sind die Menschen in der 'Rushhour des Lebens' zwischen Mitte 20 und Mitte 50. Außerdem nehmen die Zweifel zu, je höher der Bildungsgrad und je schlechter der Gesundheitszustand ist. Viele - verstärkt Privatpatienten - fürchten um Finanzierbarkeit, Leistungsumfang und Versorgungsqualität. Am meisten Angst haben Privatversicherte, vor allem, dass das Geld im Alter zur Beitragszahlung nicht mehr reicht. Aber auch die große Mehrheit der GKV-Versicherten in Deutschland rechnet damit, dass die Beiträge für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Zukunft steigen werden. Zudem geht mehr als die Hälfte (54 Prozent) davon aus, dass der Leistungsumfang in Zukunft eingeschränkt werden muss, und knapp jeder Zweite fürchtet eine sinkende medizinische Versorgungsqualität (47 Prozent). Hier sind die Menschen auf dem Land deutlich pessimistischer als Menschen in der Großstadt. Nur jeder dritte Deutsche geht davon aus, dass auch in Zukunft noch alle Patienten nach neuesten medizinischen Erkenntnissen und mit neuesten Techniken behandelt werden können. Zwei Drittel würden dafür sogar höhere Beiträge in Kauf nehmen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland (52 Prozent) will mehr Wettbewerb auf allen Ebenen des Gesundheitssystems.

Gestützt wird dieses Meinungsbild von einer repräsentativen GfK-Umfrage des Studiengangs BWL-Gesundheitsmanagement der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mosbach. Das prägnanteste Ergebnis der Befragung: 67 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie eine Zwei-Klassen-Medizin zwischen privat und gesetzlich Versicherten befürchten. Bei Haushalten mit drei Kindern oder mehr sind es sogar 71 Prozent. Auch die betriebswirtschaftliche Orientierung im Gesundheitssystem beschäftigt die Bürger. 43 Prozent befürchten laut Umfrage, dass ihre Ärzte oder Krankenhäuser unnötige Behandlungen durchführen würden, wenn sie diese gut abrechnen können.

Apotheker in Verwirrung

Umstellung der eGK auf neunstellige Institutionskennzeichen der Krankenkassen bringt Ärger und Mehraufwand

Derzeit sorgen die neuen Rezeptköpfe und die Umstellung von einem sieben- auf ein neunstelliges Institutionskennzeichen der Kassen für viel Verwirrung in den Apotheken: Einige Ärzte drucken noch die alte Nummer, manche Praxissysteme schneiden Ziffern ab – und manche Apotheker schicken korrekt ausgestellte Rezepte in die Praxen zurück. Doch nicht alles, was falsch wirkt, ist es auch. Derweil befürchten die Rechenzentren einen hohen Mehraufwand und bitten die Apotheker, die Ärzte aufzuklären. Die Ursache für die Probleme ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK): Bislang wurden die neuen Karten wie die alte Versichertenkarte behandelt. Zum 1. Oktober wurde die Datenverarbeitung auf die Formate der eGK umgestellt. In diesem Zusammenhang wurde das Personalienfeld auf den Rezepten angepasst. Die äußeren Ausmaße des Feldes, die Anzahl der Zeilen sowie die Zeichenpositionen bleiben unverändert. Nur das Feld „Kassen-Nr.“ wurde in „Kostenträgerkennung“ umbenannt. Da alte Vordrucke aufgebraucht werden können, werden die neuen Rezepte erst mit einiger Verzögerung in den Apotheken auftauchen. Bereits ab Oktober müssen allerdings neue Daten aufgedruckt werden: Statt der Vertragskassennummer (VKNR) wird das WOP-Kennzeichen für den jeweiligen KV-Bereich angegeben, vor der Postleitzahl ist künftig ein Länderkennzeichen obligatorisch, das IK ist neunstellig und die Angabe des Status wurde überarbeitet. Die bislang oft fünfstelligen Ziffern wurden abgelöst durch drei einzelne, optionale Ziffern für die Versichertenart (1 – Mitglied, 3 – Familienversicherter, 5 – Rentner und ihre Familienangehörigen), die besondere Personengruppe und ein mögliches Disease-Management-Programm (DMP).

Sozialversicherung im Plus-Minus

Finanzierungslücke von 2,4 Milliarden Euro wird kleiner. Die Einnahmen steigen um drei Prozent.

Die Sozialversicherung verzeichnete im ersten Halbjahr 2014 ein kassenmäßiges Finanzierungsdefizit – in Abgrenzung der Finanzstatistiken – von 2,4 Milliarden Euro. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, fiel das Defizit damit um 0,7 Milliarden Euro geringer als im ersten Halbjahr 2013 aus. In der ersten Jahreshälfte 2014 summierten sich die Einnahmen der Sozialversicherung auf 270,6 Milliarden Euro. Gegenüber dem ersten Halbjahr des Vorjahres entspricht dies einem Anstieg um 3,0 %. Die Ausgaben stiegen um 2,7 % auf 273,0 Milliarden Euro. Die Sozialversicherung umfasst die gesetzliche Krankenversicherung, die gesetzliche Unfallversicherung, die allgemeine Rentenversicherung und die knappschaftliche Rentenversicherung, die Alterssicherung für Landwirte, die soziale Pflegeversicherung sowie die Bundesagentur für Arbeit. Die Einnahmen der allgemeinen Rentenversicherung erhöhten sich im ersten Halbjahr 2014 um 3,2 % auf 131,0 Milliarden Euro. Sie beruhen zu mehr als zwei Dritteln auf Beitragseinnahmen, die um 3,8 % auf 91,5 Milliarden Euro stiegen. Demgegenüber stand ein geringerer Zuwachs der Ausgaben um 0,7 % auf 129,4 Milliarden Euro. Daraus ergab sich für die allgemeine Rentenversicherung in der ersten Jahreshälfte 2014 ein Finanzierungsüberschuss von 1,6 Milliarden Euro, nach einem Finanzierungsdefizit von 1,4 Milliarden Euro im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr 2014 beliefen sich die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung einschließlich Gesundheitsfonds auf 99,6 Milliarden Euro. Trotz weiterer Absenkung des Zuschusses des Bundes an den Gesundheitsfonds zur pauschalen Abgeltung der Aufwendungen der Krankenkassen für gesamtgesellschaftliche Aufgaben lagen die Einnahmen um 2,8 % über denen des ersten Halbjahres 2013. Vor allem Prämienzahlungen der gesetzlichen Krankenkassen, freiwillige Leistungen sowie steigende Arzneimittelausgaben, unter anderem bedingt durch den bis zum 31. Dezember 2013 befristeten erhöhten Herstellerrabatt für patentgeschützte Arzneimittel, führten im ersten Halbjahr 2014 zu einem Anstieg der Ausgaben insgesamt um 5,9 % auf 103,5 Milliarden Euro. Damit wies die gesetzliche Krankenversicherung einschließlich Gesundheitsfonds im ersten Halbjahr 2014 ein Finanzierungsdefizit von 3,9 Milliarden Euro auf. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte das Defizit noch bei 1,0 Milliarden Euro gelegen.

Dr. Thomas Drabinski vom Institut für Mikrodaten-Analyse, Uni Kiel, warnt mit Blick in die nächste Zukunft eindringlich: „Überraschungen wird es geben, wenn die vom BVA 2010 bis 2012 gebildeten Finanzreserven nicht abgeschmolzen und zur Stützung des Zusatzbeitragssatzes eingesetzt werden. Dann liegt der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz 2015 bei 1,52 % und damit um 0,62 %-Punkte über der politischen Marke von 0,9 %. Drabinski befürchtet, dass dann in einem einmaligen und irreversiblen Prozess knapp 9 Milliarden Euro zur Stützung des Zusatzbeitragssatzes verfügbar gemacht werden müssten, Laufzeit ein Jahr. Der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz liegt dann 2015 bei 0,81 %. Es gibt allerdings Verwerfungen: Krankenkassen, die zu viel Geld aus dem Gesundheitsfonds zugewiesen bekommen, werden einen sehr geringen Zusatzbeitragssatz von zum Beispiel 0,3 % festlegen. Krankenkassen, die zu wenig Geld bekommen, müssen über 1,0 % hinausgehen.

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