Berlin-Chemie Newsletter vom 24. September 2020

Berlin-Chemie Newsletter vom 24. September 2020

Interview:

  • Wie ist der aktuelle Stand bei der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19?
    EinBlick sprach mit Dr. Rolf Hömke, Forschungssprecher beim Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)

Kurzstrecke:

  • 136 Ideen für eine gute Versorgung
    Bewerbungen für den Innovationsfonds des G-BA

  • Höherer Bundeszuschuss für 2021
    Forderung des GKV-Spitzenverbandes

  • Nationales Gesundheitsportal
    Bund veröffentlicht Plattform zu Gesundheitsthemen

  • Beschäftigte erhalten Corona-Prämie
    Bonus für Pflegekräfte im Krankenhaus

Young Health:

  • Chance nutzen, aber mit klarem Konzept – Das soziale Pflichtjahr in der Pflege
    Florian Bechtel ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und studiert derzeit Pflegemanagement

 Meldungen:

  • Fachgesellschaften veröffentlichen neue S1-Leitlinie
    Bund soll Personal im Gesundheitswesen gezielter testen

  • Zusammenfassung der KBV-Vertreterversammlung
    Digitalisierung in Praxen und bessere Corona-Strategie

  • Hochschule für Gesundheit Bochum
    Neue Hilfsmittel aus dem 3D-Drucker anfertigen

  • Kaiserslautern setzt auf Zahlen
    Wie Mathematik in der Corona-Pandemie hilft


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EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
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Interview

 

Wie ist der aktuelle Stand bei der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19?

EinBlick sprach mit Dr. Rolf Hömke, Forschungssprecher beim Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa)

 

 

Dr. Rolf Hömke

ist studierter Biologe und arbeitet seit über 18 Jahren beim Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Dort ist er Forschungssprecher und zugleich Pressereferent für die Paul-Martini-Stiftung, die Arzneimittelforschung fördert.

 

 

 

Wie ist der aktuelle Stand bei der Impfstoffentwicklung gegen Covid-19? Gibt es schon erfolgreich durchgeführte Impftests an Probanden?
Obwohl der Erreger vor Neujahr 2020 noch praktisch unbekannt war, haben es schon mehr als 30 Unternehmen geschafft, einen Impfstoff dagegen in die Erprobung mit Freiwilligen zu bringen. Insgesamt gibt es sogar an die 190 Projekte für Covid-19- Impfstoffe. Allein neun davon wurden von Unternehmen und Forschungsinstituten in Deutschland aufgelegt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prognostiziert einen Impfstoff noch in diesem Jahr. Ist das realistisch?
Tatsächlich ist es nach aktuellem Stand möglich, dass für einige Impfstoffe schon im vierten Quartal 2020 die Erprobung abgeschlossen und die Zulassung beantragt werden kann. Vielleicht wird diese dann auch noch Ende 2020 erteilt. Direkt nach der Zulassung dürften die Hersteller aber auch unter günstigen Umständen nur kleine Mengen liefern können. Große Impfaktionen könnten also erst 2021 beginnen. Und das alles gilt nur, wenn die Impfstoffe in den laufenden Phase-III-Studien tatsächlich eine gute Schutzwirkung und gute Verträglichkeit zeigen. So wurde Unternehmen nahegelegt, die Zulassung doch schon mit vorläufigen Ergebnissen zu beantragen. Neun Unternehmen mit fortgeschrittenen Impfstoffprojekten haben aber kategorisch erklärt, ein Zulassungs- ersuchen erst dann einzureichen, wenn sie solide Ergebnisse zur Wirksamkeit und Verträglichkeit ihrer Impfstoffe haben.

Rund 190 Impfstoffprojekte laufen derzeit weltweit. Auf welches Projekt setzt Deutschland?
Die Bundesregierung hat bewusst Impfstoffe bei verschiedenen Herstellern bestellt, zwei davon kommen aus Deutschland. Staatlich gefördert werden derzeit drei deutsche Impfstoffprojekte, zwei von Unternehmen und eins von einem Konsortium aus dem Deutschem Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und einem ostdeutschen Auftragshersteller.

Arbeiten die Projekte zusammen?
Es gibt weltweit etliche Kooperationen. So arbeitet ein deutsches Biotech-Unternehmen mit einem großen globalen Hersteller und einer chinesischen Firma zusammen. Ein anderes Unternehmen hat seine Adjuvantien – also wichtige Zusatzstoffe für die Impfstoffherstellung – allen anderen Firmen für ihre Covid-19-Projekte angeboten und das, obwohl das Unternehmen selbst auch einen Impfstoff entwickelt. Etliche Firmen haben das Angebot angenommen.

Wann kann Deutschland mit einem flächendeckenden Impfstoff rechnen?
Die Chancen stehen gut, dass Deutschland zu den ersten Ländern gehört, die Impfstoffkontingente geliefert bekommen. Allerdings wird flächendeckendes Impfen von Menschen, die nicht zum medizinischen Personal oder zu Risikogruppen wie Seniorinnen und Senioren sowie chronisch Kranke gehören, vermutlich erst im Verlauf des Jahres 2021 möglich werden.

Denken Sie, wir können die Pandemie mit einem Impfstoff stoppen? Wie lange würde das dauern?
Impfstoffe sind das beste Mittel, um die Pandemie zu beenden. Wie schnell das gelingen kann, wird aber von mehreren Faktoren abhängen: Wie schnell welche Impfstoffmengen verfügbar sind, wie zuverlässig diese Impfstoffe schützen und wie viele Menschen sich impfen lassen. Es wird aber auch von der Solidarität reicherer Länder mit ärmeren Ländern abhängen, wenn es darum geht, Impfstoff zu teilen und zu subventionieren. Denn eins ist klar: Die Pandemie ist erst beendet, wenn sie in allen Ländern der Erde beendet ist.


Kurzstrecke

 

136 Ideen für eine gute Versorgung

Bewerbungen für den Innovationsfonds des G-BA

Der beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) angesiedelte Innovationsausschuss hat 136 Ideenskizzen im Bereich neue Versorgungsformen erhalten. Projektgruppen von 
Universitäten, Krankenhäusern und Krankenkassen reichten ihre Ideen für eine von fünf Kategorien ein. Die Projekte befassen sich mit regionalen Versorgungsmodellen, der Steigerung des Behandlungserfolges von GKV-Leistungen sowie mit datengestützten Innovationen für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Zum ersten Mal erfolgt das Auswahlverfahren zweistufig, was im DVG, dem Gesetz für Digitale Versorgung, festge- legt wurde.

Nachdem die Projektgruppen ihre Ideen vorgelegt haben, entscheidet der Innovationsausschuss Ende des Jahres, welche Projektgruppen ihre Skizzen weiter ausarbeiten können, wofür sie dann eine finanzielle Unterstützung erhalten.

 

Höherer Bundeszuschuss für 2021

Forderung des GKV-Spitzenverbandes

Die gesetzlichen Krankenkassen fordern für das Jahr 2021 mehr Geld. Der GKV- Spitzenverband plädiert für einen höheren Bundeszuschuss, der in den Gesundheitsfonds fließen soll. Die umfassenden Corona-Maßnahmen, wie der Rettungsschirm für ärztliche Praxen, Sonderleistungen in Kliniken sowie der Pflegerettungsschirm hätten deutliche Spuren bei den Kassen hinterlassen. Laut den GKV-Finanzergebnissen hat die gesetzliche Krankenversicherung das erste Halbjahr 2020 mit einem Plus von 1,3 Milliarden Euro abgeschlossen. Der Grund dafür seien unter anderem aufgeschobene Operationen. Ob diese im nächsten Jahr nachgeholt werden und damit neue Kosten verursachen, kann derzeit nicht vorausgesagt werden. »Wie sich das weitere Jahr entwickelt, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Krankenkassen und den Gesundheitsfonds haben wird, werden wir erst im Herbst einschätzen können«, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Der erzielte Einnahmenüberschuss im ersten Halbjahr 2020 hat die Finanzreserven der gesetzlichen Krankenversicherung trotz der Corona-Pandemie zum Stand Juni auf rund 20,8 Milliarden Euro ansteigen lassen. Der Gesundheitsfonds verzeichnete in der ersten Jahreshälfte 2020 ein Defizit von 7,2 Milliarden Euro. Das Abschmelzen der Liquiditätsreserve begründet sich in erster Linie durch die konjunkturbedingten Mindereinnahmen und die Ausgleichszahlungen infolge der Corona-Pandemie. Von den 7,2 Milliarden Euro hat der Bund rund 5,7 Milliarden Euro an den Gesundheitsfonds zurückgezahlt.

 

Nationales Gesundheitsportal

Bund veröffentlicht Plattform zu Gesundheitsthemen

Die Bundesregierung hat ein Portal gestartet, auf dem Bürgerinnen und Bürger seriöse, nachprüfbare und transparente Informationen rund um Gesundheit und Pflege erhalten. Die zentrale, unabhängige Plattform ist unter www.gesund.bund.de erreichbar.
Interessierte können dort Antworten auf Fragen zu rund 200 Krankheiten nachlesen. Die Texte enthalten Fakten zu Symptomen, Ursachen und Therapiemöglichkeiten. Zum besseren Verständnis sind oft Grafiken und Videos eingefügt.

Darüber hinaus informiert das nationale Gesundheitsportal zu Themen der Pflege, Prävention und Digitalisierung im Gesundheitswesen. Alle Beiträge werden in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Partnern, wie dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), dem Deutschen Krebsforschungs- zentrum (dkfz) und dem Robert Koch-Institut (RKI) erstellt. Das Portal ist barrierefrei gestaltet.


Beschäftigte erhalten Corona-Prämie

Projekt entwickelt Visualisierungen für Wearables

Die Arbeitsgruppe Mensch-Technik-Interaktion der Universität Bremen ist ab sofort Teil des Projekts InviDas (Interaktive, visuelle Datenräume zur souveränen, datenschutzrechtlichen Entscheidungsfindung). Die Projektgruppe erforscht, wie Menschen Daten ihrer Smartwatches und Fitness-Tracker besser verstehen und so Datenschutzeinstellungen passender vornehmen können. Dabei sollen Wearables interaktive Visualisierungen der Gesundheitsdaten anzeigen. »Die Weitergabe und Verarbeitung der Daten, die durch Wearables erhoben werden, können im Nachhinein nicht mehr geändert werden«, sagt Dr. Johannes Schöning, Professor für Mensch- Computer-Interaktion der Universität Bremen. »Entsprechend hoch ist der Bedarf an einer Grundlage für die Entscheidungsfindung zur Verwendung dieser Daten.«

Das Projekt läuft bis April 2023 und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,82 Millionen Euro gefördert. Projektpartner sind die Gesellschaft für Informatik e.V., die Technische Hochschule Aachen, die Stiftung Digitale Chancen in Berlin, die Otto-Friedrich-Universität in Bamberg sowie die Garmin Würzburg GmbH.


young health

 

Chance nutzen, aber mit klarem Konzept – Das soziale Pflichtjahr in der Pflege

 

 

Florian Bechtel


ist seit 2016 gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger. Er studiert Pflegemanagement und absolviert aktuell ein Praktikum in einer Beratungsfirma, die Krankenhausprozesse optimiert.

 

 

 

Wie stehen Sie zum sozialen Pflichtjahr? Denken Sie, junge Menschen sollten sich verpflichtend für ein Jahr sozial engagieren?
Ich glaube, dass soziale Pflichtjahr ist eine große Chance, um unsere Gesellschaft wieder etwas näher zusammenzubringen und mehr Verständnis füreinander zu schaffen. Junge Menschen können von Mitmenschen für das Leben lernen. Eine Lektion des sozialen Pflichtjahres wäre zum Beispiel, dass wir als Gesellschaft nur funktionieren können, wenn wir einander helfen. Sei es in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, einem Pflegeheim oder einer Einrichtung für Jugendliche. Als junger Mensch fand ich das enorm hilfreich, zu sehen, dass ich meine Mitmenschen mit meinen Fähigkeiten unterstützen kann.
 
Sehen Sie das soziale Pflichtjahr als Chance für die Pflege? Wenn ja, warum?
Ich sehe das etwas zwiespältig. Ich bin schon der Meinung, dass es eine große Chance für die Pflegeberufe darstellt. Junge Menschen erhalten einen Einblick, was es heißt, professionell zu pflegen. Diesen Einblick bekommt niemand durch Klinikserien, denn da kommen professionell Pflegende eigentlich nie ›professionell‹ rüber. Ein soziales Pflichtjahr würde den Pflegeberufen eine Bühne bieten. Auf der könnten sie zeigen, wie anspruchsvoll, interessant und abwechslungsreich ein Pflegeberuf eigentlich ist.
Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass der Bund ein Konzept für die Absolventen des Pflichtjahres entwickelt. Für dessen Umsetzung bräuchte es dann natürlich auch die personellen Ressourcen, um die jungen Menschen entsprechend zu begleiten und anzuleiten. Ohne ein solches Konzept liefen wir Gefahr, dass das soziale Pflichtjahr zur Quelle für billige Arbeitskräfte wird. Darunter würden die Qualität der Pflege und damit vor allem die Patienten massiv leiden.

Wie können junge Menschen im Rahmen des sozialen Pflichtjahres die Pflege unterstützen? Welche Aufgaben könnten sie übernehmen?
Ich denke, da ginge es insbesondere um Bereiche wie Patientenbegleitdienst oder das Verteilen der Mahlzeiten. Eben Aufgaben, die ohne eine Ausbildung ausgeführt werden können, in denen man aber trotzdem mit Patientinnen und Patienten ins Gespräch kommen kann. Wichtig wäre im Sinne der Pflege sicherlich, dass es regelmäßig Tage gibt, an denen die jungen Menschen die professionell pflegenden Kolleginnen und Kollegen begleiten und so einen Einblick in die Pflegeberufe bekommen.

Welche Probleme und Herausforderungen würde das soziale Pflichtjahr mit sich bringen?
Wir brauchen ein Konzept, damit die jungen Menschen nicht als günstige Vollzeitkräfte ausgebeutet werden. Vielerorts waren die Erfahrungen mit Zivildienstleistenden und Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahres so, dass ganze Bereiche einer Einrichtung mit deren Anwesenheit standen oder fielen. Allerdings ist der Gedanke, dass entsprechend ausgebildete Kollegen, wie Praxisanleiter, auch noch zusätzlich die jungen Menschen im sozialen Pflichtjahr betreuen sollen, in der aktuellen Situation reines Wunschdenken und fernab der Realität, in der teils selbst die eigenen Auszubildenden nicht ausreichend angeleitet werden können.

Welche Voraussetzungen muss die Politik dafür schaffen?
Ich nahm eigentlich an, dass die Pflegeberufe politisch auf einem guten Weg seien, da in einigen Bundesländern mit den Pflegekammern nun politische Selbstverwaltung für die Pflegenden geschaffen wurde. Aus meiner Sicht hat dieser Trend durch die Abstimmung gegen die Pflegekammer Niedersachsen und ihrer damit verbundenen Abschaffung einen massiven Rückschlag erlitten. Bessere Arbeitsbedingungen wird weder der Gesundheitsminister noch ein anderer Politiker kurzfristig schaffen können. Aber ohne bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege kann es auch kein sinnvoll gestaltetes soziales Pflichtjahr geben.
Die Politik muss auf der einen Seite die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das soziale Pflichtjahr schaffen, wie zum Beispiel klar abgegrenzte Einsatz- und Tätigkeitsbereiche.
Auf der anderen Seite gilt es, weiter die politische Selbstverwaltung der professionell Pflegenden zu stärken, um deren Arbeitsbedingungen zu verbessern. Denn nachhaltige positive Veränderung wird es nur geben, wenn sie aus der Berufsgruppe selbst kommt. Da stehen wir uns leider noch zu oft selbst im Weg.


Meldungen

 

Fachgesellschaften veröffentlichen neue S1-Leitlinie

Bund soll Personal im Gesundheitswesen gezielter testen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollen mehr Schutz erhalten. Deshalb haben 17 Medizinische Fachgesellschaften eine neue medizinische Leitlinie zur nationalen Teststrategie veröffentlicht. Sie fordern, das Personal im Gesundheitswesen gezielt zu testen.

»Kein ›Gießkannenprinzip‹, sondern gezielt nach Relevanz testen«, sagt Professor Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Erstautor der S1-Leitlinie. Die Verfasserinnen und Verfasser fordern, die nationale Teststrategie des Robert Koch-Instituts (RKI) zu spezifizieren und über Priorisierungen nachzudenken. Aktuell liegt die wöchentliche Testkapazität der medizinischen Labore für Corona-Tests bei circa 1,4 Millionen Untersuchungen, jedoch arbeiten in Deutschland rund fünf Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Das RKI empfiehlt eine regelmäßige Testung alle 14 Tage für Health Care Workers und das auch ohne Symptome. »Das funktioniert also nicht«, sagt Professor Janssens. »Eine Übertestung sollten wir unbedingt vermeiden.«

Durch die vorgelegte S1-Leitlinie soll die nationale Teststrategie jetzt präzisiert werden, wofür die Leitlinie wesentliche Kriterien formuliert. Labore sollten primär das Personal testen, das einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt ist. Das sind zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf Intensivstationen oder in Notaufnahmen arbeiten. Zum anderen sollten die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer getestet werden, die Aufgaben durchführen, bei denen sich infektiöse Aerosole insbesondere in Innenräumen bilden können. Außerdem sollten jene, bei denen ein lokaler Ausbruch stattgefunden hat, sich ebenfalls einem Test unterziehen.
Darüber hinaus sprechen sich die Fachgesellschaften für begleitende wissenschaftliche Evaluationen aus. Studien sollen prüfen, wie sinnvoll die Teststrategien des deutschen Gesundheitssystems sind.

Medizinische Leitlinien werden nach Klassen unterteilt, denen ein bestimmter Evidenzgrad entspricht, wobei die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fach- gesellschaften (AWMF) diese Klassifizierung der Leitlinien vornimmt. Eine S1-Leitlinie wird von einer Expertengruppe im informellen Konsens erarbeitet und fasst Handlungs- empfehlungen zusammen.


Zusammenfassung der KBV-Vertreterversammlung

Digitalisierung in Praxen und bessere Corona-Strategie

Am 11. September 2020 tagte die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die KBV forderte eine schärfere Corona-Strategie und kritisierte den Umgang mit der Digitalisierung.
 
»Wir brauchen eine deutlich über die Maskenfrage hinausreichende Strategie für die Herbst- und Wintermonate, um einen erneuten, flächendeckend starken Anstieg von Corona-Infektionen zu vermeiden«, sagte Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, auf der Vertreterversammlung. Er erkenne für die nächsten Monate noch keine klare Strategie im Umgang mit dem Virus. Wie viele andere Verbände im Gesundheitswesen plädiert auch Gassen dafür, gezielter zu testen. »Zu einer Strategie gehört mehr, als möglichst vielen Menschen Wattestäbchen in die Nase zu stecken.« Darüber hinaus ärgere er sich über die diesjährigen Honorarverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband. Dieser soll die Verhandlungen kurz nach Beginn abgebrochen haben. Laut der KBV würde die Politik aktuell die Krankenhäuser mit Milliardenpaketen fördern, doch die Vertragsärzte und -psychotherapeuten im Stich lassen.

Verärgert zeigte sich auch Dr. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der KBV. Er sprach über den aktuellen Stand der Digitalisierung in den ärztlichen Praxen. »Ärger löst nicht die Digitalisierung an sich aus, sondern die Art und Weise, wie sie vorangetrieben wird«, so Kriedel. Er kritisierte, dass in den Praxen die erforderliche Technik fehle, es zu viele Vorgaben gebe und die Kosten, trotz Finanzierungszusagen, an den Ärztinnen und Ärzten hängen blieben.

Ein Punkt, bei dem sich die Vertreterinnen und Vertreter einig waren, betraf das alleinige Impfen in ärztlichen Praxen. Auf der Versammlung wurde noch einmal betont, dass Impfen eine ärztliche Aufgabe sei und nicht vom pharmazeutischen Personal in Apotheken durchgeführt werden dürfe. Die KBV fordert die Apothekenkammern und Apothekenverbände auf, diesbezügliche Modellprojekte, wie sie in Niedersachsen vorgesehen sind, zu verweigern.


Hochschule für Gesundheit Bochum

Neue Hilfsmittel aus dem 3D-Drucker anfertigen

Die Hochschule für Gesundheit in Bochum hat für sieben Personen mit Beein- trächtigungen individuelle Hilfsmittel entworfen und diese mit dem hauseigenen 3D- Drucker angefertigt.

Die einzelnen Hilfsmittel werden an der Hochschule für Gesundheit Bochum (hsg Bochum) im Rahmen des Forschungsprojekts ›Emscher-Lippe hoch 4‹ entwickelt. Ziel ist es, soziale Innovationsprozesse voranzutreiben. Die Hilfsmittel sollen Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen den Einstieg ins Berufsleben ermöglichen oder Abläufe des Alltags erleichtern. Bei der Anfertigung der Hilfsmittel werden die Patientinnen und Patienten in den Entwicklungsprozess involviert. »Wir stimmen die Bedürfnisse gemeinsam mit der Zielgruppe ab, fragen nach, welche individuellen Hilfsmittel benötigt und wie sie eingesetzt werden sollen«, sagt Dr. Wolfgang Deiters, Professor für Gesundheitstechnologien an der hsg Bochum. »Wir möchten vorhandene Barrieren mit Hilfe von digitalen Lösungen abbauen.«

In diesem Rahmen hat die Hochschule mit dem Interessenverband Contergangeschädigter Nordrhein-Westfalen zusammengearbeitet. Die Projektgruppe hat beispielsweise einen verlängerten Haarbürsten-Arm entworfen, der auf die Bedürfnisse einer einzelnen Patientin abgestimmt ist. Die Patientin war von der Idee bis zur Umsetzung in den gesamten Prozess einbezogen.

Das Forschungsprojekt ›Emscher-Lippe hoch 4‹ wird vom Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. In dem
 
Projekt arbeiten acht Partner zusammen: Hochschule Ruhr West, Stadt Bottrop, Bottroper Werkstätten der Diakonie, Hochschule für Gesundheit, matrix GmbH & Co. KG, Sozialforschungsstelle Dortmund, Zentrale Wissenschaftliche Einrichtung der TU Dortmund, Bergische Universität Wuppertal, Institut SIKoM und e.b.a. gGmbH.


Kaiserslautern setzt auf Zahlen

Wie Mathematik in der Corona-Pandemie hilft

Mathematik soll der Stadt Kaiserslautern helfen, die Pandemie besser einzuschätzen. Das Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) entwickelten zwei mathematische Modelle, die einen Teil der wissenschaftlichen Grundlagen für politische Entscheidungen der Stadt Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz darstellen.

Das Model SoSAD, Social Simulation for Analysis of Infectious Disease Control, simuliert komplexe Pandemie-Verläufe. DFKI-Professor Ingo Timm hatte sich in der Vergangenheit schon mit Modellen zur Ausbreitung der Grippe beschäftigt und arbeitet seit diesem Frühjahr mit seinem Team an dem Projekt. Der Wirtschaftsinformatiker rechnet im Projekt SoSAD verschiedene lokal angepasste Szenarien für die Corona-Pandemie durch. »Wir integrieren in unserem Simulationsmodell Daten, Wissen und Erkenntnisse aus der Medizin, der Sozialforschung und der Psychologie, um für die Verbreitung des Virus relevante individuelle Verhaltensweisen der einzelnen Personen, aber auch gruppendynamische Prozesse abzubilden«, sagt Timm. »Damit wollen wir Entscheidungstragende im Krisenmanagement darin unterstützen, die Wirksamkeit von Maßnahmen und deren Folgen bestmöglich einzuschätzen und zu bewerten.« Bei dem DFKI-Modell steht der Vergleich von regionalen Maßnahmen besonders im Fokus.

Im Gegensatz dazu schaut die Forschungsgruppe des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik in ihrem Modell auf globale Entwicklungen und bricht diese dann auf einzelne Regionen herunter. Das Projekt namens EpiDeMSE, Epidemiological Modeling, Simulation and Decision Support of COVID-19, startete Mitte April 2020 im Rahmen des Anti-Corona-Programms der Fraunhofer-Gesellschaft. Es liefert Informationen zum Verlauf der Epidemie, Schätzungen zur Dunkelziffer und gibt kurzfristige Prognosen. Dabei berücksichtigt das Modell die Auswirkungen von Maßnahmen. »Wir können keine Glaskugel-Erkenntnisse für den späten Herbst oder gar Winter liefern«, betont Prof. Dr. Karl-Heinz Küfer, Bereichsleiter am Fraunhofer ITWM, und fügt hinzu: »Aber ähnlich wie bei Wettervorhersagen sind durch unser Modell kurzfristige Prognosen möglich, um früh genug Entwicklungen zu erkennen und den Verlauf besser einzuschätzen.« Die Wissenschaftler betonen, dass die Entscheidungen am Ende jedoch nicht von einer Software, sondern von der Politik getroffen werden.


Bemerkt

 
  

 

»Wir brauchen eine werteorientierte Medizin in den Krankenhäusern, mit ausreichend Zeit für die individuelle Behandlung und Betreuung der Patienten«


Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes

 

 

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Wichtige Trends und Treiber der Corona-Pandemie hat das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES ) in seinem Pandemie-Monitor analysiert und zusammengefasst. Laut dem Institut seien beispielsweise die Infektionen bei Kindern nach Ferienende zurückgegangen. Damit zeigt die Analyse, dass Schulen derzeit kein eigenständiger Verstärker von Infektionen sind. Auch haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Fall- und Todesfallzahlen in den Pandemie-Verlauf eingeordnet und treibende Faktoren aufgezeigt. Dies erfolgte regional und für besonders betroffene Cluster oder Gruppen. Hier geht es zum Pandemie-Monitor: www.iges.com/corona/


Empfehlung

TÜV AI Conference am 05. Oktober 2020

Auf der TÜV AI Conference diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft über Einsatz, Nutzen und Risiken von Künstlicher Intelligenz (KI). Die Veranstalter haben das Thema KI in der Medizin prominent platziert. Mit dabei auf der Konferenz sind Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter für Digitalisierung des Gesundheitswesens im Bundesministerium für Gesundheit, Prof. Christiane Woopen, Medizinethikerin und Vorsitzende des Europäischen Ethikrates sowie Mediziner und Politiker Prof. Karl Lauterbach MdB. Weitere Informationen und Anmeldung zum Stream hier: www.vdtuev.de/aicon2020


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Keine Panik beim Fahren mit der Bahn

Laut Informationen der Deutschen Bahn gebe es keine Anzeichen für eine erhöhte Corona-Gefahr in Zügen. Der bundeseigene Eisenbahnkonzern startete in Zusammenarbeit mit der Charité Research Organisation dazu eine Untersuchung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler testeten rund 1.100 Mitarbeitende des Fernverkehrs mit Zügen auf Antikörper. Demnach sollen Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sogar weniger von Corona betroffen sein als das Personal ohne Kundenkontakt. Die Studie dazu sei jedoch noch nicht abgeschlossen. Weitere Tests und Untersuchungen seien vorgesehen.

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