Berlin-Chemie Newsletter vom 17. Dezember 2020

Berlin-Chemie Newsletter vom 17. Dezember 2020

Interview:

  • Digitalisierung des Gesundheitswesens durch Netzwerke
    EinBlick sprach mit Dr. Sven Jungmann über Herausforderungen der Zusammenarbeit

Kurzstrecke:

  • Spezialkliniken schaffen und DRG-System überarbeiten
    GKV-Spitzenverband veröffentlicht Positionspapier

  • Schlechtere Versorgung im Lockdown?
    Konstante Behandlung bei Blinddarmoperationen

  • Medizinstudierende in der Impfstrategie berücksichtigen
    bvmd fordert, Studierende mit medizinischem Personal gleichzustellen

  • Einigung bei Gehaltsverhandlungen
    MFA erhalten bis zu 12 Prozent mehr Geld

Young Health:

  • Bedeutung, Reformen und Corona-Auswirkungen: Was verbirgt sich hinter dem Risikostrukturausgleich (morbi-RSA)?
    Christian Keutel Fachbereichsleiter für Haushaltsplanung und Risikostrukturausgleich bei der Siemens-Betriebskrankenkasse

Start-up Telegram

Meldungen:

  • Barmer-Pflegereport
    26.000 zusätzliche Pflegekräfte durch bessere Bedingungen

  • BMG veröffentlicht Finanzentwicklung der GKV
    Rote Zahlen bei den Krankenkassen

  • Kinder- und Jugendgesundheit in Gefahr
    Mehr Bewegung!

  • Gute Gesundheitsversorgung
    Zufriedene Bürger:innen trotz Corona-Pandemie


Interview

 

Digitalisierung des Gesundheitswesens durch Netzwerke

EinBlick sprach mit Dr. Sven Jungmann über Herausforderungen der Zusammenarbeit

 

 

Dr. Sven Jungmann

ist Chief Medical Officer bei Founders Lane, Corporate Venture Builder für Klima und Gesundheit. Er arbeitet als Praxis-erfahrener Arzt an der Schnittstelle zur Innovation und möchte komplexe gesellschaftliche Herausforderungen mithilfe digitaler Technologien lösen. Sven ist Mitglied des Medical Advisory Board von Wellster Healthtech, einem Digital Health Start-up. Zudem wurde er vom Handelsblatt 2017 unter die Top 100 Innovatoren und von Business Punk in 2020 auf die ›WatchList‹ der Top 10 Gründer, Macher und Kreative der Kategorie ›Health‹ gelistet.

 

 

 

Wo sehen Sie Ihre aktuelle Aufgabe?
Ich möchte den Gesundheitssektor digitalisieren! Immerhin hat Covid-19 Bewegung in die Themen Telemedizin, digitale Patientenakte und ›Value Based Healthcare‹ gebracht. Bei mir laufen viele lose Enden zusammen – hin zu einem Gesundheitssystem, das Patient:innen in den Mittelpunkt stellt. Ich bin promovierter Arzt, aber auch Unternehmer und Digital-Experte. Bei Founders Lane erarbeite ich mit Mediziner:innen, Business- Expert:innen und IT-Entwickler:innen gemeinsam mit Europas Konzernvorständen neue digitale Gesundheitslösungen. Einen Leitfaden dafür habe ich gemeinsam mit Felix Staeritz im Buch ›FightBack Now‹ publiziert.

Welche Bereiche im Gesundheitswesen unterliegen aktuell den größten Herausforderungen?
Ich würde nicht von ›einzelnen Bereichen‹ sprechen. Fakt ist: Die globalen Gesundheitssysteme arbeiten am Limit, auch ohne Covid-19 droht der Kollaps. Bereits vor der Pandemie hatten 3,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zur medizinischen Grundversorgung. Wer Zugang dazu hat, bezahlt dafür mindestens zehn Prozent seines Einkommens. Geschätzt landen dadurch 100 Millionen Menschen in extremer Armut. Das Traurige: Das alles muss nicht sein. Durch die Digitalisierung können wir das Gesundheitssystem von Grund auf neu denken und nicht nur Erkrankte, sondern jeden Bürger – vor allem präventiv – in den Mittelpunkt stellen. Value Based Healthcare sucht nach der bestmöglichen Lösung in Relation zum Aufwand. Oft wirken digitale Apps, die unser Verhalten steuern, besser als Tabletten und Pillen.

Inwieweit wird Founders Lane diesen Herausforderungen in Deutschland gerecht?
Um digitale Gesundheitslösungen zu entwickeln und zu vermarkten, müssen Unternehmen mit Krankenkassen, Ärzt:innen, Pflegekräften, Therapeut:innen und Krankenhäusern interagieren. Sie verfügen über streng regulierte und sensible Patienteninformationen. Etablierte Konzerne genießen einen Vertrauensvorschuss. Auch verfügen sie über rechtliche Expertise und Netzwerke. Aber: Viele Konzerne können keinen Track-Record für das Entwickeln, Vermarkten und Skalieren digitaler Lösungen vorweisen. Genau da kommt Founders Lane ins Spiel: Wir vereinen die Stärken erfolgreicher Digital-Gründer:innen mit den Assets unserer europäischen Konzerne. Dabei  
verzahnen wir neue digitale Ventures auf Vorstandsebene mit dem Konzern, und zwar so, dass das neue Führungsteam der Ventures weiter agil und erfolgsorientiert arbeitet, sich aber gleichzeitig auf die uneingeschränkte Unterstützung durch den Konzern verlassen kann.

Was wollen Sie mit dem Buch ›FightBack Now‹ bewirken?
Als Antwort auf die drohende Rezession im Zuge der Corona-Pandemie, angesichts neuer Herausforderungen für die Gesundheitssysteme dieser Welt und der Folgen der Erderwärmung sind rasche und umfassende wirtschaftliche Innovationen – und deren Implementierung – nötiger denn je. Genau das ist in den komplexen Bereichen Klima und Gesundheit bei Founders Lane eine Kernkompetenz. Wir haben daher gemeinsam mit 100 Entscheidungsträger:innen aus Wirtschaft, Politik und Forschung einen Leitfaden entwickelt, wie digitale Plattformen in den hoch regulierten Bereichen Klima und Gesundheit binnen kurzer Zeit weltweit Mehrwert generieren können. Außerdem laden wir die globalen Entscheider und Vordenker ein, sich unserer Community FightBack anzuschließen. Die Zeiten der Alleingänge sind vorbei. Wir können die aktuelle Situation nur gemeinsam bewältigen!

Gute Netzwerkarbeit ist für jegliches Vorankommen notwendig. Wie kann man Pharmaunternehmen mit wichtigen Stakeholdern nachhaltig zusammenbringen?
Ein wichtiger Punkt. Damit digitale Innovation einen Mehrwert für Menschen weltweit generiert, müssen Krankenkassen, Pharma- und Digitalunternehmen sowie andere Akteure an einem Strang ziehen. Pharmaunternehmen sollten sich anderen Branchen gegenüber öffnen. Mobilität und Ernährung sind genauso Gesundheitsfragen wie das Entwickeln neuer Tabletten. Was aktuell die Situation gleichzeitig erschwert und erleichtert, ist der Wegfall vieler traditioneller Event-Formate. Der fehlende persönliche Austausch hilft nicht dabei, neue Kontakte zu knüpfen. Gleichzeitig aber bieten sich Chancen, online – etwa über LinkedIn oder virtuelle Events – neue Wege zu gehen. Das passt auch gut zur aktuellen Situation: Alles von Grund auf neu denken! Wenn uns dies gelingt, bin ich zuversichtlich, dass wir in einigen Jahren rückblickend feststellen: Diese Krise hat viele Dinge schlagartig digitalisiert und dadurch zum Guten geändert.


Kurzstrecke

 

Spezialkliniken schaffen und DRG-System überarbeiten

GKV-Spitzenverband veröffentlicht Positionspapier

Der GKV-Spitzenverband fordert in seinem jüngst veröffentlichten Positionspapier eine Reform der Krankenhausversorgung. Laut dem Verband hätten die letzten Monate gezeigt, dass Krankenhäuser neue Strukturen benötigen würden. »Wir brauchen zukunftsweisende Krankenhausstrukturen mit Schwerpunktzentren und einer gesicherten ländlichen Basisversorgung, eine Weiterentwicklung des Vergütungssystems sowie eine verbesserte Pflegesituation«, sagen Dr. Volker Hansen und Uwe Klemens, Verwaltungsratsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes.

Der GKV-Spitzenverband will das DRG-System überarbeiten, indem Vorhaltekosten stärker berücksichtigt und pflegerische Leistungen besser abgebildet werden. Darüber hinaus ist der Verband Verfechter von Spezialkliniken. Die Versorgungsqualität würde sich verbessern, wenn es bundesweit einheitliche Strukturen geben würde. Um die Versorgung im ländlichen Raum sicherstellen zu können, müssten bedarfsnotwendige Kliniken geschaffen werden. Das Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes beinhaltet insgesamt zwölf verschiedene Themenbereiche.

 

Schlechtere Versorgung im Lockdown?

Konstante Behandlung bei Blinddarmoperationen

Eine Studie der AOK belegt, dass die Versorgung akuter Blinddarmfälle während des ersten Lockdowns in der Corona-Pandemie zu jeder Zeit gesichert war. Der Verdacht auf eine eingeschränkte Versorgung hat sich nicht bestätigt. Die Auswertung erfolgte in rund 1000 Kliniken über einen Zeitraum von März bis August 2020. Dabei stellen die Daten der AOK-Versicherten einen annähernden Querschnitt der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland dar. Zur Vergleichbarkeit wurden Daten aus der Zeit vor und nach dem Lockdown sowie aus dem Jahr 2019 herangezogen.
Die Häufigkeit von Operationen aufgrund einer komplizierten Blinddarmentzündung – Appendizitis – blieb trotz des Lockdowns konstant. Nur bei unkomplizierten Entzündungen sanken die Eingriffe. Behandlungsbedürftige Patient:innen wurden also rechtzeitig diagnostiziert und operiert. Die Chirurgen sind dementsprechend differenziert vorgegangen.

 

Medizinstudierende in der Impfstrategie berücksichtigen

bvmd fordert, Studierende mit medizinischem Personal gleichzustellen

Anfang 2021 rechnet die Bundesregierung mit einem ersten verfügbaren Impfstoff gegen SARS-CoV-2. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) betont, dass Medizinstudierende in der Impfstrategie mitberücksichtigt werden müssten. Sie hätten besonders im praktischen Pflichtjahr (PJ), normalerweise nach dem zehnten Semester, engen Kontakt mit Patient:innen. Sowohl die Studierenden im PJ als auch jene, die im Rahmen von Hilfseinsätzen oder Nebenjobs einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, müssten mit medizinischem Personal in der Impfpriorisierung gleichgestellt werden.

»Andernfalls droht aufgrund des hohen Übertragungspotentials eine reale Gefahr für die Patientensicherheit und die Gesundheit der Studierenden«, sagt Felix Beetz, Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik und Vorstandsmitglied der bvmd. Außerdem weist die bvmd darauf hin, dass Medizinstudierende in höheren Semestern bei der Besetzung von Personal in Impfzentren mit berücksichtigt werden sollten. Studierende seien in der Patientenbetreuung, Dokumentation und Versorgung eine wertvolle Unterstützung und könnten gleichzeitig Praxiserfahrung sammeln.

 

Einigung bei Gehaltsverhandlungen

MFA erhalten bis zu 12 Prozent mehr Geld

Die Tarifparteien ›Verband medizinischer Fachberufe e. V.‹ und die ›Arbeitsgemeinschaft zur Regelung der Arbeitsbedingungen der Arzthelferinnen/Medizinischen Fachangestellten‹ haben sich am 8. Dezember auf einen zukunftsfähigen Abschluss geeinigt. Neben Detailänderungen wurden ein bis zum 31. Dezember 2021 befristeter Tarifvertrag zur Kurzarbeit und eine stufenweise Anhebung des Gehalts um insgesamt 12 Prozent bis zum 31. Dezember 2023 vereinbart.

Beide Seiten erklärten, dass dieser Abschluss die große Wertschätzung für die Leistungen der Medizinischen Fachangestellten (MFA) unterstreicht, da diese eine wichtige Rolle in der ambulanten medizinischen Versorgung, insbesondere auch während der Pandemie, übernehmen. Innerhalb einer einwöchigen Erklärungsfrist können die Tarifkommissionen den Ergebnissen noch widersprechen.


EinBlick zum Hören: Der wöchentliche Podcast

Das neue Angebot ergänzt unseren EinBlick Newsletter.

 

EinBlick – Der Podcast präsentiert Ihnen die wichtigen gesundheitspolitischen Nachrichten der Woche immer Freitag mittags.
In gut zehn Minuten hören Sie, was in der vergangenen Woche eine Rolle gespielt hat und was in der folgenden Woche wichtig sein wird.

Zusammen mit den tieferen Analysen des Newsletters EinBlick, sind sie stets bestens auf dem Laufenden.

EinBlick – Der Podcast immer freitags, ab 12 Uhr in allen bekannten Podcastportalen.
Die aktuelle Folge finden Sie hier: www.einblick-newsletter.de 


young health

 

Bedeutung, Reformen und Corona- Auswirkungen: Was verbirgt sich hinter dem Risikostrukturausgleich (morbi-RSA)?

 

 

Christian Keutel

hat 2000 seine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten abgeschlossen. Später machte er seinen Bachelor und Master im Studiengang Gesundheits- und Bildungswissenschaften. Seit über 23 Jahren arbeitet er im Bereich der Krankenkassen und beschäftigt sich seit 2009 mit dem Risikostrukturausgleich (morbi-RSA). Aktuell ist er Fachbereichsleiter für Haushaltsplanung und Risikostrukturausgleich bei der Siemens-Betriebskrankenkasse.

 

 

 

Was ist der Risikostrukturausgleich?
Im Grunde genommen ist das ein Verteilungsmechanismus, damit Krankenkassen Geld bekommen, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Geld wird nach verschiedenen Risikogruppen der Patient:innen aufgeteilt, wozu primär Alter, Geschlecht sowie Krankheiten zählen. Ab dem nächsten Jahr wird auch der Wohnort bei der Aufteilung der Gelder eine Rolle spielen.
 
Wie funktioniert der morbi-RSA?
Der morbi-RSA basiert auf einer statistischen Methode und wird aus dem Gesundheitsfonds ausgeschüttet. Dieser wird vom Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) verwaltet. Alle Beiträge, die in Deutschland in die Krankenversicherungen eingezahlt werden, werden an den Gesundheitsfonds weitergeleitet. Die Zuständigen im BAS verteilen das Geld dann nach den RSA-Regeln an die einzelnen Kassen. Erhalten Krankenkassen aus dem morbi-RSA mehr Geld, als sie eigentlich benötigen, können sie damit ihren Zusatzbeitrag senken.

Wie wird der morbi-RSA verteilt?
Versicherte zahlen prozentual unterschiedliche Beiträge in ihre Krankenversicherung ein. Hat eine Krankenkasse viele Versicherte, die Arbeitslosengeld oder Rente beziehen und sind dazu auch noch viele ihrer Versicherten häufig krank, so hat die Kasse viel weniger Geld zur Verfügung als Kassen, die Gutverdienende und Gesunde zu ihren Versicherten zählen. Der morbi-RSA gleicht deswegen die Risiken aus.

Mit dem Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz (GKV-FKG) hat der Gesetzgeber eine Reform angestoßen. Was ändert sich nächstes Jahr?
Bisher werden 80 verschiedene Krankheiten ausgeglichen, ab nächstem Jahr wird die Liste auf 360 Krankheiten erweitert. Darüber hinaus wird der Wohnort der Versicherten in die Berechnung mit einbezogen. Außerdem wird ein Risikopool integriert. Verursacht eine Versicherte oder ein Versicherter mehr als 100.000 Euro an Kosten, bekommt die Krankenkasse zu 80 Prozent die darüber liegenden Kosten erstattet. Zusätzlich kommen noch Maßnahmen zur Reduzierung der Manipulationsanreize hinzu – das heißt, es werden mathematisch auffällige Entwicklungen in der Krankheitshäufigkeit berechnet und von den Zuweisungen ausgeschlossen.

Welche Auswirkungen hat Corona auf den morbi-RSA?
Der RSA ist ein Zwei-Jahres-Modell. Es werden die Morbidität aus einem Jahr und die Kosten aus dem Folgejahr miteinander kombiniert. Die Expert:innen schauen sich 2021 die Kosten aus dem Jahr 2020 im Verhältnis der Morbidität aus dem Jahr 2019 an und berechnen daraus einen neuen Beitrag für 2021. Da während der Pandemie weniger Menschen zu ihren Ärzt:innen gegangen sind, werden mit Sicherheit einige Krankheiten mit weniger Geld pauschalisiert.


Startup-Telegram

 

Mittlerweile wurden weitere ›Apps auf Rezept‹ beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet. Die sechste Anwendung, Invirto von Sympatient, ist eine digitale Psychotherapie bei Agoraphobie, Panikstörung und sozialer Phobie. Über Virtual-Reality-Umgebungen lernen Patient:innen, mit ihrer Angst umzugehen und diese zu überwinden. Die Expositionstherapie wird von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen begleitet, die Kosten für die passende Hardware dazu übernehmen die Krankenkassen. www.invirto.de

Die siebte digitale Anwendung heißt elevida. Sie unterstützt Menschen mit Multipler Sklerose, die an Fatigue – anhaltender Müdigkeit oder Erschöpfung – leiden. Die App basiert auf etablierten psychotherapeutischen Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie. Sie soll die Fatigue reduzieren und wird in Ergänzung zur Behandlung bei Haus- oder Fachärzt:innen eingesetzt. https://gaia-group.com/de/

M-sense Migräne ist die achte digitale Anwendung. Sie ist eine leitlinienbasierte App und ergänzt die ärztliche Behandlung durch eine Klassifikation der Attacken in Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Die Anwendung umfasst ein intelligentes Kopfschmerztagebuch, präventive Methoden, eine Akuthilfe mit Imaginations- und  
Physiotherapieübungen sowie personalisiertes Expertenwissen rund um die Migräne. Ein digitaler Assistent namens Brainy motiviert die Nutzer:innen und erhöht die Therapietreue. https://www.m-sense.de

Die neunte digitale Anwendung heißt Selfapy: Dieses Start-up bietet wissenschaftlich fundierte Online-Therapiekurse, die Menschen mit psychischen Störungen wie Depressionen, Essstörungen und Angstzuständen helfen. Die Inhalte wurden von Psychologen und Psychotherapeuten entwickelt. Bereits im April 2017 konnte das junge Unternehmen Selektivverträge mit ersten Krankenkassen zur Vergütung seiner Stress- Kurse vorweisen. www.selfapy.de

Das Unternehmen Teleclinic hält unter anderem Videosprechstunden von 7 bis 19 Uhr an Werktagen sowie samstags bereit. In diesem Rahmen ermöglicht es Patient:innen beispielsweise die Verschreibung der neuen Apps auf Rezept. Wird Erkrankten in der Sprechstunde eine ›DiGA‹ empfohlen, können die online agierenden Ärzt:innen diese direkt verschreiben. Der komplette Vorgang erfolgt – im Gegensatz zu anderen Telemedizinportalen – für Kassenpatient:innen kostenfrei. www.teleclinic.com

Das Start-up Sciendis digitalisiert Prozesse in der Pflege. Ihre maßgeschneiderte App namens Wundera hilft Heimen und Pflegediensten dabei, die Dokumentation chronischer Wunden effizient und sprachgesteuert zu digitalisieren. Sie sparen damit kostbare Zeit, die den Patient:innen zugutekommt. www.wundera.health

Um die digitale Wundversorgung geht es ebenso beim Unternehmen Imito aus der Schweiz. Es ermöglicht einen sicheren Austausch medizinischer Smartphone-Fotos von Wunden – auch für deutsche Leistungserbringer. Die vorschriftskonforme Lösung dient der direkten Integration in die elektronische Patientenakte. Etliche Kliniken nutzen bereits die präzise App-Lösung, die den europäischen Datenschutzrichtlinien entspricht. http://imito.ch


Meldungen

 

Barmer-Pflegereport

26.000 zusätzliche Pflegekräfte durch bessere Bedingungen

Wären die Arbeitsbedingungen in der Pflege besser, würde es 26.000 Pflegekräfte mehr in Deutschland geben. Das ist eine Erkenntnis aus dem Barmer-Pflegereport.

»Die Pflegeberufe müssen dringend deutlich arbeitnehmerfreundlicher werden«, sagt Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. »Mit substanziell und nachhaltig besseren Arbeitsbedingungen könnten Bund, Länder und Arbeitgeber den Pflegeberuf zeitnah attraktiver gestalten.« Die Krankenversicherung fordert eine bessere Bezahlung sowie familienfreundlichere Arbeitszeiten. In den Jahren 2016 bis 2018 waren Pflegekräfte durchschnittlich 18,6 Tage im Jahr krank und damit 40 Prozent länger als Beschäftigte in sonstigen Berufen. Altenpflegehilfskräfte waren sogar im Schnitt 20,2 Tage krank. Die Wissenschaftler:innen der Studie sehen vor allem psychische Probleme und Muskel-Skelett-Erkrankungen als wesentliche Gründe des Fehlens: Beschäftigte in der Altenpflege wiesen 80 bis 90 Prozent mehr Fehltage aufgrund von Depressionen auf als Erwerbstätige in sonstigen Berufen. Rückenschmerzen verursachten bei Fachkräften in  
der Altenpflege knapp 96 Prozent und bei Hilfskräften etwa 180 Prozent mehr Fehltage als in anderen Arbeitsfeldern.

Außerdem würden viele Pflegekräfte ihren Job nicht bis zum Rentenalter ausüben können. Die Erwerbsminderungsrente würde deshalb im Vergleich zu anderen Berufsgruppen doppelt so oft in Anspruch genommen werden. Laut den Berechnungen der Expert:innen könnten allein durch weniger Krankheitstage und weniger Frühverrentungen ca. 50.000 Pflegebedürftige zusätzlich versorgt werden. »Die Arbeitgeber sind in der Pflicht, neben geregelten Arbeitszeiten stärker auf Vorsorge zu setzen«, sagt Studienautor Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen. »Es kann nicht sein, dass nicht einmal jede zweite stationäre Pflegeeinrichtung Präventionskurse für ihre Beschäftigten anbietet.«

 

BMG veröffentlicht Finanzentwicklung der GKV

Rote Zahlen bei den Krankenkassen

Die Corona-Pandemie spiegelt sich auch in den Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen wider: 1,7 Milliarden Euro Defizit verbuchten die 105 Kassen in den ersten neun Monaten dieses Jahres.

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) veröffentlichte Anfang Dezember die Ergebnisse der Finanzentwicklung der GKV im ersten bis dritten Quartal 2020. Den Einnahmen der Krankenkassen in Höhe von 194,7 Milliarden Euro und standen im ersten bis dritten Quartal Ausgaben von rund 196,3 Milliarden Euro gegenüber. »Die aktuellen Zahlen zeigen: Die Pandemie hinterlässt immer deutlichere Spuren bei den Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen«, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er plant deshalb, die Kassen mit weiteren Geldern zu unterstützen. »Wir werden der gesetzlichen Krankenversicherung in diesem und auch im nächsten Jahr durch einen zusätzlichen Bundeszuschuss unter die Arme greifen.« Für 2021 plant der Gesetzgeber einen zusätzlichen Zuschuss in Höhe von fünf Milliarden Euro. Von Januar bis September erzielte der Gesundheitsfonds ein Defizit von 5,1 Milliarden Euro.

Der AOK-Bundesverband sieht nicht nur die Corona-Pandemie als Grund für das schlechte finanzielle Ergebnis. Vorstandsvorsitzender Martin Litsch kritisiert in diesem Zusammenhang das Versichertenentlastungsgesetz (GKV-VEG). »Das Gesetz zwingt die Krankenkassen bereits im Jahr 2020 zum stufenweisen Abbau von Rücklagen über günstige, aber nicht ausgabendeckende Zusatzbeiträge.« Rücklagen von mehr als einer Monatsausgabe müssen durch die Senkung des Zusatzbeitrags an die Versicherten ausgeschüttet werden. Die Finanzreserven der Krankenkassen lagen zum 30. September bei insgesamt 17,8 Milliarden Euro. Das entspricht 0,81 Monatsausgaben und damit im Durchschnitt etwa dem Vierfachen der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve. »Klar ist aber, dass wir dieses Jahr mit einem Minus abschließen werden und dass das dicke Ende erst noch kommt«, sagt Litsch mit Blick auf das für 2021 erwartete Finanzloch von rund 16,6 Milliarden Euro. Für 2022 sei bereits ein neuer Fehlbetrag von 17 Milliarden Euro absehbar.

Bis auf die Landwirtschaftliche Krankenkasse, die einen Überschuss von rund 45 Millionen Euro erzielte, verbuchten alle anderen Krankenkassen im ersten bis dritten Quartal Defizite: Die Ersatzkassen erzielten ein Minus von 280 Millionen Euro, die Allgemeinen Ortskrankenkassen von 1,09 Milliarden Euro, die Betriebskrankenkassen von 95 Millionen Euro, die Innungskrankenkassen von 156 Millionen Euro und die Knappschaft von 101 Millionen Euro.

 

Kinder- und Jugendgesundheit in Gefahr

Mehr Bewegung!

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewegen sich Kinder und Jugendliche deutlich zu wenig. Statistiken zeigen, dass die körperlichen Aktivitäten aktuell bei 80 Prozent der jungen Menschen nicht ausreichen. Durch mehr Bewegung ließen sich jedes Jahr mehr als fünf Millionen vorzeitige Todesfälle vermeiden.

Deshalb hat die WHO neue Aktivitätsempfehlungen herausgegeben: Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 17 Jahren sollten mindestens 60 Minuten pro Tag körperlich aktiv sein. Zudem sind hochintensive Bewegungen, die Muskeln und Knochen stärken, an drei oder mehr Tagen pro Woche wichtig. Die körperliche Aktivität sorgt bei jungen Menschen für verbesserte körperliche, geistige und kognitive Gesundheit. Die Dekanin der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften an der Technischen Universität München, Prof. Dr. Renate Oberhoffer-Fritz, hält bewegungsfreundliche Angebote in der unmittelbaren Umgebung für notwendig. Ferner haben Eltern wichtige Vorbildfunktionen, wenn sie Wochenenden aktiv gestalten und selbst Sport treiben. Auch der Einsatz digitaler Technologien kann dazu beitragen, körperliche Aktivität zu fördern, beispielsweise durch App-gesteuerte Bewegungsinterventionen.

Aufgrund der Pandemie-Beschränkungen ergab sich laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Mai 2020 ein geringeres Maß an körperlicher Bewegung bei 38 Prozent aller Menschen, allerdings waren auch 12 Prozent aktiver als vorher.

Die kürzlich veröffentlichten Zwischenergebnisse aus der Motorik-Modul-Studie (via KIT und PHAK) zeigen: Mehr als 1.700 Befragte zwischen vier und 17 Jahren haben sich rund 36 Minuten länger pro Tag bewegt, verbrachten aber auch eine Stunde länger am Bildschirm. Die Langzeitstudie zur Entwicklung von Motorik und körperlich-sportlicher Aktivität bei Kindern und Jugendlichen ist Teil der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS). Ob dieser positive Trend während des aktuellen Lockdowns in der dunklen und kalten Jahreszeit anhält, bleibt abzuwarten.

 

Gute Gesundheitsversorgung

Zufriedene Bürger:innen trotz Corona-Pandemie

Eine Umfrage mit 2000 Bürger:innen im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zeigt: Die Bevölkerung in Deutschland empfand während der ersten Corona-Welle kaum Mängel in der Gesundheitsversorgung.

78 Prozent hielten die wohnortnahe medizinische und pflegerische Infrastruktur für gut, 74 Prozent bewerteten die Notfallversorgung positiv. Die Verschiebung nicht zwingend notwendiger Operationen sahen 63 Prozent der Befragten mit Sorge. Zudem empfanden 48 Prozent die Mehrfachbelastung für pflegende Angehörige als problematisch.

Laut dieser Umfrage nimmt die Gesundheit generell einen hohen Stellenwert bei den Befragten ein. Direkt danach rangieren die Themen Klimaschutz und nachhaltiger Umbau der Wirtschaft. Die Bundesregierung soll, so ein Ergebnis der Umfrage, das Gesundheitssystem stärken und die Gesundheitsberufe sowie -forschung fördern. Auch der flächendeckende Ausbau guter Versorgung, vor allem in ländlichen Regionen, soll mehr Gewicht erhalten. Tendenziell ist die ländliche Bevölkerung weniger zufrieden als Städter, erklärt AOK Vorstand Litsch. Deshalb soll die Initiative #StadtLandGesund die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern. Ausreichend Hausärzte und Krankenhäuser in der Region sind vielen Menschen wichtiger als nahegelegene Einkaufsmöglichkeiten.
 
Ähnliche Ergebnisse erzielte eine Umfrage der Fachhochschule Münster unter 600 Bürger:innen Anfang Mai 2020. Die Menschen im Münsterland waren mit ihrer lokalen und regionalen Gesundheitsversorgung zufrieden. 93 Prozent freuten sich über das Angebot von Apotheken, 84 Prozent hielten das Angebot von Hausärzt:innen für ausreichend.
Zwei Drittel der Befragten zeigten sich zufrieden mit dem Zugang zu Fachärzt:innen und zu Krankenhäusern. Ebenfalls positiv empfanden sie die Angebote zur Rehabilitation, Gesundheitsberatung und Physiotherapie.

Daneben zeigte die Umfrage, dass die Zufriedenheit, abgesehen von regionalen Unterschieden, stark vom Alter der Befragten abhängt. In der Tendenz steigt die Zufriedenheit mit zunehmendem Alter.


Bemerkt

 

 

»Ich bin ausdrücklich gegen eine Pflicht zur Impfung, aber es ist schließlich auch ein Akt der gesellschaftlichen Verantwortung, nicht nur sich selbst zu schützen, sondern damit auch die Menschen, mit denen man sich umgibt.«

Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat Vorsitzende des Hartmannbundes in Niedersachsen


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Blutgefäße kontrollieren die Organfunktion und Krankheitsprozesse

Wissenschaftler:innen der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) haben die Rolle der Blutgefäße bei der Entstehung der Leberfibrose untersucht. Bei einer Leberfibrose vernarbt die Leber aufgrund von Verletzungen oder Erkrankungen, beispielsweise durch Adipositas.

Die Forscher:innen hatten die These aufgestellt, dass Blutgefäße die Organfunktionen kontrollieren. Dies hat sich in den Untersuchungen bestätigt. »Dass Funktionsstörungen der Blutgefäße der Leber direkt zu einer gestörten Funktion des gesamten Organs führen, bestätigt, dass die Blutgefäße die Organfunktion – und damit auch Krankheitsprozesse – kontrollieren können«, sagt Dr. Philipp Reiners-Koch. Durch die Forschung sei auch ein potenzieller neuer Angriffspunkt für eine mögliche Therapie identifiziert worden.
 
Das Forschungsteam der UMM um Professor Dr. Sergij Goerdt, Privatdozent Dr. Philipp Reiners-Koch und Professor Dr. Cyrill Géraud widmet sich speziell den sogenannten Lebersinusoiden, den kleinsten und hochspezialisierten Blutgefäßen der Leber.

Lesen Sie hier bei idw – Informationsdienst Wissenschaft: https://bit.ly/3nsgsc0
Volltext beim Journal of Hepatology: https://bit.ly/2KzGP16


Empfehlung

 

Podcast ›ÄrzteTag‹ der ÄrzteZeitung

Im Podcast ›ÄrzteTag‹ interviewen täglich Journalist:innen der ÄrzteZeitung eine Person aus dem Gesundheitswesen. Im Verlauf von zehn bis maximal 30 Minuten bekommt die oder der Interviewte Fragen zu einem aktuellen Thema, den persönlichen Werdegang oder zum eigenen Arbeitsbereich gestellt: von Politik über Versorgung bis hin zu Patient:innen-Organisationen und Verbandsarbeit.

In den vergangenen Folgen beschäftigten sich die Macher:innen des Podcasts u.a. mit der Frauenquote im Gesundheitswesen, der medizinischen Versorgung in Gefängnissen oder der Telematikinfrastruktur.

Der Podcast wird auf allen Podcast-Plattformen täglich von Montag bis Freitag bereitgestellt. Das Angebot ist kostenfrei.

Podcast-Übersicht bei der Ärztezeitung: https://bit.ly/3r60Ahu


Zuletzt:

Jugend von heute später sexuell aktiv

»Im Alter zwischen 14 und 16 Jahren geben deutlich weniger Mädchen und Jungen an, sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, als noch vor zehn Jahren«, sagt Prof. Dr. med. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Das zeigen die Ergebnisse der neunten Welle der Studie ›Jugendsexualität‹ der BZgA.

Während sexuelle Aktivitäten unter den 14-Jährigen mit durchschnittlich vier Prozent noch die Ausnahme sind, hat im Alter von 17 Jahren mehr als die Hälfte der Jugendlichen Erfahrungen im Geschlechtsverkehr gemacht. Das Kondom ist beim ›ersten Mal‹ das Verhütungsmittel Nummer eins, während die Nutzung der Pille rückläufig ist.

Weitere Informationen bei der BZgA: https://bit.ly/2WqNAEU

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