Berlin-Chemie Newsletter vom 10. September 2020

Berlin-Chemie Newsletter vom 10. September 2020

Interview:

  • Das E-Rezept kommt – Vorbereitungen der stationären Apotheken
    EinBlick sprach mit Mathias Arnold, Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA)

Kurzstrecke:

  • Bußgeld für Maskenmuffel
    In allen Ländern außer Sachsen-Anhalt

  • 15.500 Abschlüsse in Deutschland anerkannt
    Pflegekräfte aus dem Ausland

  • Pflegeheime im Visier
    Medizinische Dienste prüfen wieder

  • Gesundheitsdaten verstehen
    Projekt entwickelt Visualisierungen für Wearables

Young Health:

  • Digital Health im Silicon Valley: Welche Trends braucht Deutschland?
    Marius Mainz studiert und forscht am Center of Digital Health an der Stanford School of Medicine im Silicon Valley

 Meldungen:

  • Verbände-Allianz legt Konzeptpapier vor
    E-Health-Systeme besser verknüpfen

  • Krankenhauszukunftsgesetz
    Politik investiert in Digitalisierung der Krankenhäuser

  • Finanzentwicklung der GKV
    Krankenkassen mit 1,3 Mrd. Euro Überschuss 

  • Gesundheitsregionen als neues Versorgungsmodell
    Studie analysiert die Schwierigkeiten bei der Integrierten Versorgung (IV)


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Interview

 

Das E-Rezept kommt – Vorbereitungen der stationären Apotheken

EinBlick sprach mit Mathias Arnold, Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA)

 

 

Mathias Arnold

ist seit 2013 Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Er ist Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, studierter Pharmazeut und Inhaber einer Apotheke in Halle.
 

 

 

Das E-Rezept soll ab 2022 flächendeckend in Deutschland verfügbar sein. Wie stehen stationäre Apotheken zum E-Rezept?
Der Deutsche Apothekerverband ist schon lange ein aktiver Gesellschafter der gematik GmbH. Deshalb freuen sich die Apotheker jetzt umso mehr, dass mit dem E-Rezept nun auch ihr vielleicht wichtigstes ›Arbeitsmittel‹ digitalisiert wird. Wichtig ist uns aber, dass die Rahmenbedingungen, die in der analogen Welt gelten, online gelten müssen, wie zum Beispiel Datenschutz oder freie Apothekenwahl.

Wie wird das E-Rezept die Apothekenlandschaft prägen und verändern?
Die Apotheken sind schon heute digital und könnten ohne gute Hard- und Software kaum noch arbeiten. Das beginnt mit dem Einscannen des Papierrezepts, geht weiter mit Arzneimitteldatenbanken und endet mit Logistik und Warenmanagement. Weil das aber alles ›Back Office‹ ist, hat der Patient oft den Eindruck von analoger Zettelwirtschaft. Mit dem E-Rezept wird künftig jede Apotheke auch aus Patientensicht eine Online-Apotheke sein.

Sind die stationären Apotheken auf das E-Rezept vorbereitet? Welche Voraussetzungen müssen noch erfüllt werden?
Vor einigen Wochen wurde der erste E-Health-Konnektor zugelassen, so dass sich die Apotheken nun endlich mithilfe solch eines ›sicheren Routers‹ an die Telematik-Infrastruktur anschließen können. Auch die Heilberufsausweise und Institutionskarten wurden und werden an die Apotheker ausgegeben. Scanner und Kartenlesegeräte werden natürlich auch gebraucht und deshalb ebenfalls installiert. Die Hard- und Software wird also vorhanden sein, wenn das E-Rezept im Jahr 2021 technisch definiert wird und dann 2022 ›auf den Markt‹ kommt.

Stärkt das E-Rezept den Online-Versandhandel?
Genau das befürchten viele Apotheker, wenn ›Datenkraken‹, Logistikkonzerne oder auch Krankenkassen sich mithilfe von vermeintlich praktischen Apps zwischen Patient und Apotheke stellen und die E-Rezepte zu ihren ›Vorteilspartnern‹ umleiten. Das darf nicht passieren, denn das wäre aus Verbraucherschutzsicht das Ende der freien Apothekenwahl! Das neue Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG) beinhaltet immerhin ein sogenanntes Makelverbot, aber auch die gematik muss das noch mit technischen Definitionen beim E-Rezept absichern.

Werden Apotheken, Arztpraxen und Krankenhäuser durch das E-Rezept enger zusammenarbeiten?
Ärzte und Apotheker sind aus historischen, aber vor allem auch fachlichen Gründen zwei getrennte freie Berufe und sollten das auch bleiben. Bei der Versorgung von Patienten ist die Kommunikation zwischen beiden Heilberufen natürlich wünschenswert, oft sogar auch unabdingbar. Mit dem E-Rezept werden sich beispielsweise Formfehler und Unklarheiten bei den Verordnungen vermeiden sowie gefährliche Rezeptfälschungen verhindern lassen.


Kurzstrecke

 

Bußgeld für Maskenmuffel

In allen Ländern außer Sachsen-Anhalt

Bund und Länder haben sich angesichts wieder steigender Infektionszahlen von SARS-CoV-2 auf ein bundesweites Mindestbußgeld von 50 Euro bei Verstößen gegen das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes geeinigt. Lediglich in Sachsen-Anhalt wird ein solcher Verstoß auch weiterhin nicht mit einem Bußgeld geahndet. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist davon überzeugt, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt an die Corona-Regeln halten.

Die Höhe des Bußgeldes ist, unabhängig vom vereinbarten Mindestbetrag, ansonsten in jedem Bundesland unterschiedlich. Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) erklärte, bei der deutlich höheren Strafe von 250 Euro in seinem Land bleiben zu wollen. Wo in der Öffentlichkeit ein Mund-Nase-Schutz getragen werden muss, ist ebenfalls Ländersache. In Einkaufsläden und im öffentlichen Personennahverkehr und Fernverkehr ist das Tragen der Schutzmaske hingegen bundesweit verbindlich.

 

15.500 Abschlüsse in Deutschland anerkannt

Pflegekräfte aus dem Ausland 

15.500 ausländische Abschlüsse im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege wurden in Deutschland im vergangenen Jahr anerkannt. Die Zahl der zugelassenen Personen mit einer im Ausland erworbenen Pflegeausbildung hat sich damit im Vergleich zu 2018 verdoppelt und seit 2016 sogar annähernd verdreifacht. Aus den EU-Mitgliedsstaaten hat Deutschland 2.600 Pflegekräfte zugelassen. Neben der EU kamen im Jahr 2019 die meisten Personen mit anerkannten Abschlüssen von den Philippinen mit 2.900 Pflegekräften, aus Bosnien und Herzegowina mit 2.300 und aus Albanien mit 1.300 Pflegekräften.

2019 haben die deutschen Behörden generell viele ausländische Fachkräfte in medizinischen Gesundheitsberufen, wie zum Beispiel Ärzte, Sanitäter oder Physiotherapeuten, anerkannt. Nach Angaben der Wiesbadener Behörde stieg 2019 die Zahl der akzeptierten Abschlüsse um 24 Prozent auf 27.700 im Gesundheitsbereich tätige Personen.

 

Pflegeheime im Visier

Medizinische Dienste prüfen wieder

Die Medizinischen Dienste werden ab dem 1. Oktober 2020 wieder Qualitätsprüfungen in Pflegeheimen durchführen. Der Gesetzgeber hatte die Regelprüfungen im Rahmen
des Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetzes ab dem 19. März 2020 bis zum
30. September 2020 ausgesetzt. Ziel dieser Entscheidung war es, gefährdete Menschen zu schützen und Einrichtungen von Zeitaufwänden durch die Prüftätigkeit zu entlasten. »Es gilt nun die besonders gefährdeten pflegebedürftigen Menschen weiterhin vor Infektionen zu schützen, gleichzeitig aber die Einhaltung einer qualitativ guten Versorgung sicherzustellen«, sagte Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbandes (MDS).

Der MDS berät den GKV-Spitzenverband in medizinischen und pflegerischen Fragen. Die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) begutachten Antragstellende auf Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung im Auftrag der Krankenkassen. Sie führen zudem Qualitätsprüfungen in Pflegeheimen und ambulanten Diensten durch.    ­

 

Gesundheitsdaten verstehen

Projekt entwickelt Visualisierungen für Wearables

Die Arbeitsgruppe Mensch-Technik-Interaktion der Universität Bremen ist ab sofort Teil des Projekts InviDas (Interaktive, visuelle Datenräume zur souveränen, datenschutzrechtlichen Entscheidungsfindung). Die Projektgruppe erforscht, wie Menschen Daten ihrer Smartwatches und Fitness-Tracker besser verstehen und so Datenschutzeinstellungen passender vornehmen können. Dabei sollen Wearables interaktive Visualisierungen der Gesundheitsdaten anzeigen. »Die Weitergabe und Verarbeitung der Daten, die durch Wearables erhoben werden, können im Nachhinein nicht mehr geändert werden«, sagt Dr. Johannes Schöning, Professor für Mensch-Computer-Interaktion der Universität Bremen. »Entsprechend hoch ist der Bedarf an einer Grundlage für die Entscheidungsfindung zur Verwendung dieser Daten.«

Das Projekt läuft bis April 2023 und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,82 Millionen Euro gefördert. Projektpartner sind die Gesellschaft für Informatik e.V., die Technische Hochschule Aachen, die Stiftung Digitale Chancen in Berlin, die Otto-Friedrich-Universität in Bamberg sowie die Garmin Würzburg GmbH.


young health

 

Digital Health im Silicon Valley: Welche Trends braucht Deutschland?

 

 

Marius Mainz

hat erst in Bremen Pflege- und Gesundheitsmanagement studiert und startete anschließend seinen Master in eHealth in Flensburg. Aktuell schreibt er seine Masterarbeit am Center of Digital Health an der Stanford School of Medicine und forscht dazu im Silicon Valley.

 

 

 

Welche Trends im Bereich Digital Health beobachtest du aktuell im Silicon Valley?
Aktuell liegt der Fokus darauf, wo und wie wir mit digitalen Mitteln einen Mehrwert schaffen können. Nutzerzentriertheit, Interoperabilität, Kollaboration und der Plattform-Gedanke sind dazu einige der Stichpunkte. Außerdem sind virtuelle klinische Studien von besonderer Bedeutung, insbesondere in Zeiten von Corona. Weiterhin rückt eine verbesserte Fernüberwachung von Patienten durch verschiedene Sensoren und Geräte immer mehr in den Vordergrund, um Ärzte mit aussagekräftigen Patientendaten bei der Diagnostik und Behandlung zu unterstützen.

Woran arbeitest du aktuell?
Um einen umfassenden und detaillierten Überblick zu ermöglichen, was alles im Digital Health-Bereich in Stanford passiert, habe ich die verschiedenen Projekte und Studien evaluiert. Diese Einblicke werden zeitnah im Stanford Digital Health Landscape Report veröffentlicht. Wir arbeiten mit Pharma- und MedTech-Unternehmen zusammen, um innovative Digital Health-Projekte zu gestalten. Zudem erforsche ich in meiner Masterthesis, wie die weltweite Digital Health-Forschungslandschaft strukturiert ist und wer die führenden Impulsgeber sind.

Was glaubst du, welche Trends auch Potential für Deutschland haben?
Wir haben in Deutschland bereits eine Vielzahl an beeindruckenden Digital Health-Angeboten. Wichtig ist, die bestehenden Lösungen fest in die Gesundheitsstrukturen zu implementieren, um so Patienten und Akteure im Gesundheitsbereich zu unterstützen und zu entlasten. Was bringen die neuesten Trends, wenn diese nicht flächendeckend implementiert sind bzw. nicht genutzt werden?

Welche Stärken hat das Silicon Valley, die Deutschland nicht hat. Was fehlt in Deutschland?
Das Silicon Valley ist eine Bubble, mit der man Deutschland nicht unbedingt vergleichen sollte. Allerdings gibt es im Silicon Valley mehr Risikobereitschaft, ein unvergleichliches Venture Capital-Umfeld, einen starken interdisziplinären Austausch und einen besonderen Fokus auf unterschiedliche Geschäftsmodelle. Aufgrund der rasanten technologischen Entwicklungen nimmt Software eine wichtigere Rolle als Hardware ein. Allerdings wurde der Aufbau einer solchen Software-Kompetenz in Deutschland verschlafen. Dieser Bereich ist aber für Digital Health und alle anderen Zukunftsthemen von zentraler Bedeutung. Im Frühjahr konnte ich an einer Veranstaltung von Professor Gregory La Blanc teilnehmen, der in Stanford, Berkeley und Paris zu Themen wie ›Data and Analytics Strategy‹ und ›Business Model Innovation‹ lehrt. Er argumentierte, dass zeitnah 50 Prozent der deutschen Arbeitskräfte Fähigkeiten im Software-Bereich haben müssten, damit Deutschland in den nächsten 30 Jahren überhaupt noch in bestimmten Wirtschaftsbereichen relevant ist.

Ist Deutschland dennoch im internationalen Vergleich beim Thema Digital Health gut aufgestellt?
Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Solch ein Transformationsprozess benötigt Zeit und Mut. Uns steht dieselbe Technologie zur Verfügung wie anderen Ländern auch. Von daher liegt es nicht am technologischen Aspekt, dass andere Regionen weiter sind als wir. Kommunikation auf Augenhöhe, die Fähigkeit zu Kompromissen und der Optimismus, dass wir in der Lage sind, eine bessere Zukunft zu gestalten, müssen zentrale Bausteine für den weiteren Weg sein.

Was begeistert dich im Bereich Digital Health in den USA und gibt es auch etwas, bei dem Deutschland besser dasteht?
Ich spreche hier nur für das Silicon Valley. Zu verfolgen, an welchen Zukunftsthemen heute schon geforscht wird, ist extrem spannend. Dies passiert alles sehr agil und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Durch mein Netzwerk im Silicon Valley höre ich immer wieder, wie wir um unsere deutsche Gesundheitsversorgung beneidet werden. Wir haben mit unserem Gesundheitssystem ein wirklich gutes Fundament, auf dem sich hervorragend die Zukunft des Gesundheitswesens aufbauen lässt.


Meldungen

 

Verbände-Allianz legt Konzeptpapier vor

E-Health-Systeme besser verknüpfen

In einem gemeinsamen Konzeptpapier schlagen bvitg, hih, gematik und bitkom Lösungsvorschläge für die Zusammenarbeit verschiedener IT-Anwendungen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens vor.

Das Papier zur Interoperabilität im Gesundheitswesen wurde dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) übermittelt. Ziel der Allianz ist es, dass neue Systeme, wie die elektronische Patientenakte oder Apps auf Rezept, nicht nebeneinander existieren, sondern sinnvoll miteinander kommunizierend verbunden werden. Dazu haben die Partner zentrale Handlungsempfehlungen erarbeitet. Diese sollen bis 2025 umgesetzt werden. »Insellösungen und Unsicherheit aufgrund divergierender IT-Standards nützen am Ende weder den Versicherten noch den Anwendern und Anbietern«, sagt Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer der gematik. »Für eine internationale Anschluss- und Wettbewerbsfähigkeit braucht es einen klaren Kompass für Standards und ein einheitliches Vorgehen.«

Ein zu bildendes E-Health-Komitee soll mit dem Gesetzgeber dazu eine Strategie zur Zusammenarbeit der Systeme entwickeln und diese umsetzen, wobei die gematik dabei als Koordinierungsinstanz fungieren wird. Sie soll dafür sorgen, dass sich alle IT-Entwicklungen in ein Gesamtbild fügen. »Die gematik bringt derzeit die elektronische Patientenakte auf den Weg, weswegen sie für die Einsetzung einer Koordinierungsinstanz verantwortlich zeichnen sollte«, so Prof. Jörg Debatin, Chairman des health innovation hub. Darüber hinaus wird ein Pool aus Expertinnen und Experten das Komitee und die Koordinierungsinstanz unterstützen. Außerdem möchten die Partner technische und organisatorische Tools festlegen, die dann einheitlich genutzt werden sollen.

Laut der Allianz wird der Gesetzgeber noch in diesem Jahr ein Komitee, Koordinierungsinstanz, Expertinnen und Experten festlegen und bis 2022 entsprechende gesetzliche Vorgaben schaffen. Ab 2024 sollen dann die Maßnahmen zur Interoperabilität feststehen, damit der Bereich eHealth europaweit enger zusammenarbeiten kann.

 

Krankenhauszukunftsgesetz

Politik investiert in Digitalisierung der Krankenhäuser

Bund und Länder stellen über vier Milliarden Euro bereit, damit Krankenhäuser in Digitalisierung investieren können. Das hat der Gesetzgeber nun mit dem Krankenhauszukunftsgesetz beschlossen.

»Die deutschen Krankenhäuser und Kliniken brauchen einen Investitionsschub«, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. »So verbessern wir die Versorgung von Patientinnen und Patienten und sorgen für mehr Sicherheit.« Es sollen über vier Milliarden Euro in die Modernisierung von Krankenhäusern fließen.

Konkret bedeutet das: Beim Bundesamt für Soziale Sicherung wird ein Krankenhauszukunftsfonds (KHZF) geschaffen. Diesem werden durch den Bund 3 Milliarden Euro über die Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds zur Verfügung gestellt, und die Länder und/oder Krankenhausträger sollen 30 Prozent der jeweiligen Investitionskosten übernehmen. Somit steht bundesweit für Krankenhäuser ein Fördervolumen von bis zu 4,3 Milliarden Euro zur Verfügung. Grundsätzlich fördern Bund und Länder Projekte, die die digitale Infrastruktur in Krankenhäusern verbessern,  – zum Beispiel Patientenportale, die elektronische Dokumentation von Pflege- und Behandlungsleistungen, digitales Medikationsmanagement, Maßnahmen zur IT-Sicherheit sowie Telemedizin –, wobei auch länderübergreifende Vorhaben gefördert werden. Aus dem Fonds können darüber hinaus auch dafür notwendige personelle Maßnahmen finanziert werden. Wollen Länder in Hochschulkliniken investieren, so können bis zu 10 Prozent des Investitionsvolumens des jeweiligen Landes gefördert werden. Die Länder können bis zum 31. Dezember 2021 Förderanträge an das Bundesamt für Soziale Sicherung stellen.

Kritisiert wird das Gesetz von den Krankenkassen. Sowohl der AOK-Bundesverband (AOK-BV) als auch der Verband der Ersatzkassen begrüßen zwar den Fonds zur Digitalisierung, bemängeln allerdings, dass Krankenkassen nicht in die Bewilligung der Förderprojekte eingebunden werden. Der AOK-BV betont, dass die Länder bei den Bewilligungen nicht auf die spezifischen regionalen Kenntnisse der Krankenhausstrukturen der Kassen verzichtet sollten.

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom e.V.) hingegen begrüßt das Gesetz. Er plädiert für einen schnellen Ausbau digitaler Versorgungsangebote. Auch die Krankenhäuser unterstützen das Vorhaben.

Der Klinikverbund Hessen e.V. steht dem Gesetz positiv gegenüber, betont jedoch die Pflicht der Länder, ihren Beitrag auch tatsächlich zu leisten.

 

Finanzentwicklung der GKV

Krankenkassen mit 1,3 Mrd. Euro Überschuss

Die gesetzlichen Krankenkassen verbuchten im ersten Halbjahr 2020 fast alle einen Überschuss. Jens Spahn hält das für eine Momentaufnahme, da Patientinnen und Patienten aufgrund der Corona-Pandemie weniger oft ärztlichen Rat suchten.

Die 105 gesetzlichen Krankenkassen haben im ersten Halbjahr 2020 einen Einnahmenüberschuss von rund 1,3 Mrd. Euro erzielt, wobei sie im ersten Quartal noch ein Defizit von 1,3 Mrd. Euro ausgewiesen hatten. Dabei haben alle Krankenkassen, bis auf die Knappschaft Bahn See (KBS) mit einem Defizit von rund 50 Mio. Euro, Überschüsse verbucht: Die Ersatzkassen erzielten ein Plus von 908 Mio. Euro, die Allgemeinen Ortskrankenkassen von 320 Mio. Euro, die Betriebskrankenkassen von 50 Mio. Euro, die Innungskrankenkassen von 46 Mio. Euro und die landwirtschaftliche Krankenversicherung von 21 Mio. Euro. Damit sind die Einnahmen der Krankenkassen, die sie in erster Linie durch vorab festgelegte Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds erhielten, um 4,2 Prozent gestiegen.

»Weil Patienten in der ersten Jahreshälfte weniger zum Arzt und ins Krankenhaus gegangen sind, sind die Ausgaben der Krankenkassen vor allem in den Monaten April bis Juni gesunken«, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Die Vorsorgeuntersuchungen sind beispielsweise im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 um mehr als 15 Prozent gefallen. Doch das sei nur eine Momentaufnahme. »Wie sich das weitere Jahr entwickelt und welche Auswirkungen die Pandemie auf die Krankenkassen haben wird, werden wir erst im Herbst einschätzen können.« Die Finanzreserven der Krankenkassen sind durch den Überschuss bis Ende Juni auf rund 20,8 Mrd. Euro gestiegen.

Der AOK-Bundesverband (AOK-BV) geht davon aus, dass die Versorgung im Jahr 2021 zur Normalität zurückkehren wird. Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-BV betont: »Insgesamt zeigt diese Krisensituation, wie hilfreich für die GKV ein solides Maß an Finanzrücklagen ist.«

 

Gesundheitsregionen als neues Versorgungsmodell

Medizinische Erstversorgung dauert unterschiedlich lang

In Auswertung einer Studie, die die Schwierigkeiten bei der Integrierten Versorgung untersuchte, entwickelt ein hochkarätiges Autorenkollektiv um Helmut Hildebrandt, OptiMedis, das Konzept der Innovativen Gesundheitsregionen.

Das vorgelegte Papier umreißt die Schwierigkeiten bei der Integrierten Versorgung (IV) präzise. Allem voran in der Analyse stehen das Dickicht aus vielfachen Regelungen und der Widerstand gegen eine veränderte Verteilung von Geldern im Gesundheitswesen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der nicht gelöste Widerspruch zwischen der Wettbewerbsorientierung bei der Integrierten Versorgung und dem Willen, allen Versicherten eine gleichermaßen gute medizinische Versorgung anbieten zu können. Angesichts dieser grundlegenden Schwierigkeiten wird nun ein ergänzendes Instrument vorgeschlagen: die Innovative Gesundheitsregion, die auf eine ganzheitliche, regional verankerte und auf den Erhalt von Gesundheit ausgerichtete medizinische Versorgung abzielt.

Details dazu werden erst im zweiten Teil des Papiers präsentiert, das Mitte September veröffentlicht werden soll. Aber es gibt bereits einen Antrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, in dem die Einführung von Gesundheitsregionen gefordert wird. Das Engagement von Dr. Helmut Hildebrandt bei den Grünen ist kein Geheimnis, tragen doch Anträge der Bundestagsfraktion oder Grundsatzpapiere der Partei zur Integrierten Versorgung oft seine Handschrift.

Das Papier des Autorenkollektivs und der Antrag der Grünen werden zwar nicht deckungsgleich sein, sich aber in Kernaussagen bzw. -forderungen auch nicht widersprechen. Wie also könnten laut Antrag die Gesundheitsregionen immanenter Bestandteil der Integrierten Versorgung werden? Regionale, sektorenübergreifende Initiativen sollen mit einer oder mehreren Kassen Verträge schließen. Dafür gäbe es zunächst keine weiteren gesetzlichen Vorgaben wie Wirtschaftlichkeit oder Mindestteilnehmerzahl. Das Management der Gesundheitsregion wäre der Ansprechpartner für die Kassen, die für geschlossene Verträge erhöhte Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds erhielten und diese dann an die Vertragspartner ausschütten könnten. Hätten die Kassen bis 2025 trotz regionaler Initiativen keine entsprechenden Verträge abgeschlossen, müssten die Kassen zu den Gründen offiziell Stellung beziehen. Innerhalb der Gesundheitsregion könnte vom bestehenden Vergütungssystem im ambulanten Bereich abgewichen werden – vom DRG-System allerdings nicht. Verknüpft würde damit auch eine Neuordnung der Gesundheitsberufe, unter anderem mit heilkundlichen Tätigkeiten durch Pflegekräfte mit Hochschulausbildung.

Dem Konzept liegt der Gedanke zugrunde, dass in einer Gesundheitsregion höchst unterschiedliche Akteurskonstellationen existieren, die aber dennoch ein gemeinsames Interesse, die Integrierte Versorgung der Bevölkerung, haben und deshalb miteinander kooperieren sollten. Allerdings könnte ohne die Umverteilung von Krankenhauskosten der dafür nötige Schwung auf finanzieller Seite fehlen. Vom Ansatz her wird allerdings weniger von Kostensenkungen ausgegangen als von einer flächendeckenden Verbesserung der Gesundheitschancen der Bevölkerung, wobei man auf Prävention und Empowerment der Patientinnen und Patienten setzt.

Das Autorenkollektiv umfasst 19 Autorinnen und Autoren, federführend ist Dr. Helmut Hildebrandt, OptiMedis AG. Dabei sind unter anderem Prof. Gerd Glaeske, Universität Bremen, Jessica Hanneken, BFS Health finance, Prof. Josef Hilbert, Netzwerk Deutscher Gesundheitsregionen, Prof. Clarissa Kurscheid, Figus-Insitut, Prof. Matthias Schrappe, Universität Köln. Weitere 38 Personen haben namentlich daran mitgewirkt, darunter der Vorsitzende der Agentur deutscher Arztnetze, Dr. Thomas Schang, und Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.


Bemerkt

 
  

»Wenn wir jetzt eine Impfung für die gesamte Bevölkerung empfehlen würden, dann würden wir sozusagen Impfstoff absaugen, und die Gruppe, die eigentlich geimpft werden soll, hätte nicht genug Impfstoff«

Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts über die Grippe-Impfung.

Impfen lassen sollten sich Menschen ab 60 Jahren, Schwangere, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen, Pflegekräfte, medizinisches Personal sowie chronisch Kranke.
 

 

 


Weiterlesen

 
Wir wollen im EinBlick neben einem Überblick zu Themen der Gesundheitsnetzwerker auch einen Blick auf Debatten und Dokumente werfen.

Forscherinnen und Forscher der Universität Hongkong haben weltweit erstmalig eine zweite Corona-Infektion beim selben Patienten wissenschaftlich nachgewiesen. Laut den Mirkobiologinnen und -biologen unterscheidet sich das Erbgut des Virus in der ersten COVID-19-Infektion deutlich von der der zweiten. Der 33-jährige Patient soll beim ersten Mal lediglich milde Symptome der Krankheit gezeigt haben und die zweite Infektion sei völlig symptomlos verlaufen. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Immunität nach einer natürlichen Infektion nur von kurzer Dauer sein könnte, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Weitere Informationen und PDF-Download hier: https://bit.ly/2Fel4By.


Empfehlung

 

Oha, können Sie denn auch operieren?

In dem Buch berichtet eine junge Unfallchirurgin über ihren Klinikalltag. Unter dem Pseudonym Lieschen Müller schreibt sie ungefiltert, denn würde sie das unter ihrem Klarnamen veröffentlichen, hätte die junge Ärztin vermutlich bald keinen Job mehr, wie sie selbst sagt.

In dem bei Hanser erschienenen Buch schreibt sie über Hundert-Stunden-Wochen im Krankenhaus, sexistische Kollegen oder erzählt von unangenehmen Patientinnen und Patienten.

Weitere Informationen und Leseprobe Weitere Informationen und Leseprobe: https://bit.ly/2R9TiIC
 


Zuletzt:

Afrika ist frei vom Wildtyp des Poliovirus

Die World Health Organization (WHO) meldete, dass der afrikanische Kontinent nun frei von der wilden Form der Polioerkrankung, deutsch spinale Kinderlähmung, sei. Die Africa Regional Certification Commission schrieb, dass in allen 47 Ländern das Poliovirus ausgerottet sei und in den vergangenen vier Jahren keine neuen Fälle mehr gemeldet worden seien. Grund für diesen Erfolg ist das systematische Impfen. Allerdings gibt es in Afrika noch in einigen Fällen Ausbrüche einer bestimmten Form von Polio, die durch die Impfung selbst ausgelöst wird.

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