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Berlin-Chemie Newsletter vom 08. August 2018

Elektronische Patientenakte: Es geht voran, oder nicht?

Die elektronische Patientenakte ist ein Dauerthema im deutschen Gesundheitswesen. Bald soll sie da sein. Klar ist nur, dass vieles unklar ist.

Ab spätestens 2021 müssen Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen und sie darüber informieren. So sieht es der Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes vor. Zudem müssen die Entwickler einen mobilen Zugriff auf medizinische Daten via Smartphone oder Tablet ermöglichen. Und drittens sieht der Entwurf vor, dass die Einwilligung des Versicherten in die Nutzung der medizinischen Anwendungen vereinfacht wird. Vor Wochen hatte der digital engagierte CDU-Politiker Tino Sorge in einem von ihm federführend verfassten Positionspapier eHealth die Zukunftssicherheit der Patientenakte durch international gängige Datenstandards gefordert. Deutschland solle sich bloß nicht mit eigenen Standards abschotten. Doch solange der Rechtsrahmen für die Einführung elektronischer Patientenakten nicht wie angekündigt neu geregelt ist, sind sämtliche Zeitpläne nichts weiter als heiße Luft. Das hat die Geschichte der bisherigen Digitalvorhaben im deutschen Gesundheitswesen eindrucksvoll gezeigt. Umso anstrengender ist dieses Regelungsvakuum für diejenigen, die später damit arbeiten sollen. Die Ärzte wollen Klarheit und Sicherheiten. Als es jüngst hieß, das Bundesministerium für Gesundheit könne sich womöglich dem Modell der AOKen anschließen, wonach auf Patientendaten dezentral zugegriffen werden soll, gingen die Ärzte auf die Barrikaden. Einen Zugriff auf die Praxissysteme oder Patientenakten lehnen ihre Interessensvertreter strikt ab. „Einem direkten Zugriff in die Praxisverwaltungssysteme von uns Vertragsärzten und Vertragspsychotherapeuten von außen und dem Auslesen von Behandlungsdaten erteilen wir eine klare Absage. […] Auch der Zugriff von einem beauftragten Dritten ist für uns nicht hinnehmbar. Wir werden im Sinne unserer Mitglieder nicht zulassen, dass diese besondere Beziehung zu unseren Patienten durch technische Lösungen aufgebrochen wird, die einen direkten Zugriff in die vertrauliche Arztdokumentation beinhalten“, teilte die Kassenärztliche Bundesvereinigung kürzlich mit. Auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund sprach sich deutlich dagegen aus: „Bei allen notwendigen rechtlichen Anpassungen ist aber sicherzustellen, dass Patienten auf ein geschütztes Kommunikationsnetz vertrauen können, einheitliche Standards zur Anwendung kommen und eine Weitergabe von Patientendaten an Krankenkassen oder gar kommerzielle Anbieter ausgeschlossen ist“, so das Bundesvorstandsmitglied Dr. Peter Bobbert. Die elektronische Patientenakte brauche einen widerspruchsfreien Rechtsrahmen, der allen Akteuren Rechtssicherheit gebe. Und da gibt es noch viel Klärungsbedarf. Dass es nach wie vor offene haftungsrechtliche Fragen zur Nutzung der ePA durch Ärzte gebe, kritisiert auch die FDP-Fraktion in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung. Zudem fehle ein „klarer Fahrplan zur verbindlichen Spezifikation […] und zur Finanzierung“, heißt es weiter in der Anfrage.

Weil eben so vieles unklar ist, holt sich das Bundesministerium für Gesundheit wohl Hilfe ins Haus. Es gibt Gerüchte, dass Christian Klose, Chief Digital Officer der AOK Nordost, für einen auf zwei Jahre befristeten Zeitraum in das Spahn-Ministerium wechseln könnte. Dort soll er Stellvertreter von Dr. Gottfried Ludewig, dem Chef der Abteilung Digitalisierung, werden – und sich wohl maßgeblich um die Einführung und Umsetzung der elektronischen Patientenakten kümmern. Dass Klose in diesem Bereich bereits Erfahrungen gemacht hat, ist bekannt. Er arbeitete schließlich maßgeblich am AOK-Gesundheitsnetzwerk mit – ein Kernbestandteil dessen ist eine digitale Akte. Die Personalie wäre durch ihre zeitliche Befristung auch brisant, denn gerade mit ihren eigenen Patientenakten und Gesundheitskonten stehen die Kassen im Wettbewerb. Und genau in diesem Bereich haben viele Kassen, ob Vivy oder das TK-/IBM-Konstrukt, bereits eigenständig Vorstöße gemacht. Eine Bestätigung des Ministeriums steht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch aus.

Versorgungsgesetz: Mehr als Effekthascherei?

Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schnellere Termine für gesetzlich Versicherte. Klappt das?

Die Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen mag politische Übergriffe von oben überhaupt nicht. Nun werden ihr wieder einmal viele Vorgaben gemacht, die sich im direkten Versorgungsalltag auswirken sollen. Mit dem TSVG verkündet Jens Spahn eine bessere Versorgung. Schnellere und vor allem mehr Termine und eine Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit? Klingt auf jeden Fall toll. Im Endeffekt wälzt der Minister jedoch die Verantwortung auf die Selbstverwaltung ab. Diese steht vor einem Berg Arbeit, sollte das Gesetzesvorhaben zum 1. April 2019 so oder in ähnlicher Form wie geplant in Kraft treten. Streit ist vorprogrammiert. Im Mittelpunkt des Ideen-Pakets steht der Kapazitätsausbau in der ambulanten Versorgung.

Ärzte sollen künftig 25 Stunden pro Woche als Sprechstundenzeit anbieten – fünf Stunden mehr als bisher. Arztgruppen der unmittelbaren und wohnortnahen Versorgung (z.B. Haus- und Kinderärzte, konservativ tätige Augenärzte, Frauenärzte, HNO-Ärzte), müssen mindestens 5 Stunden pro Woche als offene Sprechstunde anbieten, also ohne vorherige Terminvereinbarung. Besuchszeiten zählen mit in diese 25 Stunden. Gegen diese Vorschriften hatten sich die Ärzte im Vorfeld bereits gewehrt. Die nach Studien in Deutschland im Schnitt am besten bezahlte Berufsgruppe, die Ärzteschaft, verdient sich ihr Honorar nicht mit ausgedehnten Nickerchen während der Arbeitszeit. Zahlen des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung (ZI) zeigen, dass die Mehrheit der Ärzte schon jetzt deutlich über der von Spahn geforderten Ausweitung der Sprechstunden liegt. Es ist also gar nicht klar, ob es wirklich mehr Termine geben wird für Versicherte. Viele Ärzte, so jedenfalls ihre Interessensvertreter, befürchten dennoch eine deutliche Mehrarbeit ohne spürbare Verbesserung der Honorierung. Denn obwohl Spahn den Ärzten eine ordentliche Entlohnung für diesen Mehraufwand verspricht, ist gar nicht gesichert, dass es auch so kommt. Ärzte, die kurzfristig Patienten annehmen oder Patienten behandeln, die über die Terminservicestelle vermittelt werden, sollen mehr Geld bekommen. Auch die Vermittlung eines Facharzt-Termins durch einen Hausarzt soll vergütet werden, wenn auch zunächst nur mit zwei Euro. Dies könnte sich mit einer Aufnahme in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) erhöhen. Daneben sollen Akut- und Notfälle während der Sprechstunden sowie Hausarztbesuche und die Sprechende Medizin, also die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, besser entlohnt werden. 500 bis 600 Millionen Euro könnten die Reformen jährlich kosten, meint Spahn. Was nach einer Teil-Endbudgetierung klingt und somit den Ärzten gefallen müsste, könnte aber der Gesetzlichen Krankenversicherung scheitern. Die Vergütungsregelungen müssen schließlich noch ausgehandelt werden und die Ärzte erwarten eine Blockade der Kassen.

Mit dem 24-Stunden-Ausbau der Terminservicestellen über die bundesweit einheitliche Notdienstnummer 116117 und ein Online-Angebot folgt Spahn hingegen einer Forderung der Ärzteschaft selbst – die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte sich bereits länger die Freigabe für den Ausbau der 116117 gewünscht. Interessant wird darüber hinaus sicherlich, wie folgender Entwurfsteil zur Stärkung der Versorgung auf dem Land umgesetzt wird: Kassenärztliche Vereinigungen werden verpflichtet, in unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Gebieten eigene Praxen oder Versorgungs-Alternativen (Patientenbusse, mobile Praxen, digitale Sprechstunden) anzubieten.

TSVG: Was steckt sonst noch im Entwurf?

In dem Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes hat das Bundesministerium für Gesundheit neben all den Macht- und Geldthemen noch weitere Versorgungsmaßnahmen angedockt.

So sollen Versicherte mit erhöhtem HIV-Infektionsrisiko Anspruch auf die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) erhalten. Die erforderliche ärztliche Beratung, Untersuchungen und Arzneimittel werden dann von den Kassen künftig erstattet. Zudem soll der Leistungsanspruch auf künstliche Befruchtung um die Kryokonservierung von Keimzellgewebe, Ei- und Samenzellen in Fällen, in denen Krebserkrankung zu Fertilitätsverlust führen könnte, und Kryokonservierung erforderlich ist, erweitert werden, sodass nach Genesung eine künstliche Befruchtung ermöglicht werden kann.

Der Festzuschuss für Zahnersatz soll zudem ab dem Jahr 2021 von 50 auf 60 Prozent erhöht werden. Dies könnte vielleicht für so manchen Arzt- oder Kassenvertreter von Interesse sein, der angesichts der Reform des Schiedswesens zu oft mit den Zähnen geknirscht hat. Ein Aussitzen von Verfahren soll künftig nicht mehr möglich sein. Der Gesetzgeber sieht eine Vereinheitlichung des Schiedswesens vor. Auf Landesebene sollen demnach die Kassenärztlichen Vereinigungen, die Landesverbände der Krankenkassen sowie die Ersatzkassen je ein gemeinsames Schiedsamt für die vertragsärztliche und die vertragszahnärztliche Versorgung bilden. Neben diesen Landesschiedsämtern bilden Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband (GKV-SV) je ein gemeinsames Bundesschiedsamt für die vertragsärztliche und vertragszahnärztliche Versorgung. Besetzt werden alle Schiedsämter mit je vier Vertretern der Ärzte und vier Vertretern der Krankenkassen sowie einem unparteiischen Vorsitzenden und zwei weiteren unparteiischen Mitgliedern. Die Mitglieder im Schiedsamt führen ihr Amt als Ehrenamt und auf die drei unparteiischen Mitglieder sollen sich Ärzte- und Kassenvertreter einigen. Geschieht dies nicht, dann werden diese durch die jeweilige Aufsichtsbehörde, also die Sozialministerien der Länder oder das Bundesministerium für Gesundheit, berufen. Und genau da beginnt das Zähneknirschen für die Selbstverwaltung, denn der Gesetzgeber baut gehörigen Zeitdruck auf. Trifft das Schiedsamt innerhalb von drei Monaten nach Einleitung des Verfahrens keine Entscheidung, setzt die für das Schiedsamt zuständige Aufsichtsbehörde eine Frist zur Entscheidung. Nach Ablauf der Frist setzen die unparteiischen Mitglieder des Schiedsamtes den Vertragsinhalt fest. Die unparteiischen Mitglieder können auf Kosten der Vertragsparteien Datenerhebungen, Auswertungen oder Sachverständigengutachten in Auftrag geben. Bei der Entscheidung über einen Vertrag, der nicht alle Kassenarten betrifft, wirken nur Vertreter der betroffenen Kassenarten im Schiedsamt mit.

Zudem sollen nach ähnlichem Vorgehen „sektorenübergreifende Schiedsgremien“ auf Länder- und Bundesebene unter Einbindung der Krankenhausgesellschaften geschaffen werden.

Schleichende Entmachtung?

Der Berufsverband Deutscher Internisten wettert gegen Spahns neues Gesetz und sieht darin eine weitere Entmachtung der Selbstverwaltung.

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz ist ein Gesetz für die Patienten und nicht für die Ärzte. Dementsprechend fallen die Reaktionen aus. Der Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), Dr. Wolfgang Eßer, erklärte: „Die vielfältigen Versorgungsverbesserungen, die der Gesetzgeber damit realisieren will, begrüßen wir ausdrücklich. Dazu zählen insbesondere Regelungen zu kieferorthopädischen Behandlungen, die gesetzliche Verankerung des bewährten vertragszahnärztlichen Gutachterwesens sowie die geplante Erhöhung des Festzuschusses beim Zahnersatz von 50 auf dann 60 Prozent. Rechte von Patientinnen und Patienten werden mit dem TSVG nachhaltig gestärkt, Leistungsansprüche der Versicherten ausgeweitet und die Transparenz in der Versorgung erhöht. Die Abschaffung der Degression beseitigt zudem Leistungsungerechtigkeit und hilft dabei, eine gute Versorgung auch in ländlichen und strukturschwachen Regionen zu gewährleisten. Mit der Beseitigung dieser demotivierenden Regelung hat die Regierung ein seit Jahren artikuliertes, zentrales Anliegen der Vertragszahnärzteschaft endlich aufgegriffen.“

Besonders harsch ist der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) mit seiner Kritik, der in dem Gesetz eine weitere Entmachtung der Selbstverwaltung sieht. Problematisch sei zudem, dass die Details der extrabudgetären Vergütung nicht geklärt werden. BDI-Präsident Dr. Hans Friedrich Spies sagt: „Würden diese unter dem Deckel der seitherigen Gesamtvergütung verrechnet, so bleibe von einer versprochenen Zusatzvergütung nicht viel übrig.“

Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) begrüßt hingegen viele Punkte des Referentenentwurfs, kritisiert aber auch, dass der Entwurf keine Regelungen vorsieht, die dem Aufbau von Dentalketten gegensteuert. Für die Techniker Krankenkasse bedeutet der neue Gesetzesentwurf die Aufwertung der sprechenden Medizin. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Jens Baas erklärte: „Ärztinnen und Ärzte, die in unterversorgten Gebieten praktizieren, sollen künftig bundesweit verbindlich über regionale Zuschläge besonders unterstützt werden.“ Auch die Aufnahme des Kriteriums „Landarztpraxis“ als Praxisbesonderheit betrachtet die Krankenkasse als durchweg positiv. Der BKK Dachverband ist da skeptischer. Der Vorstandschef Franz Knieps erklärt, dass die angekündigte Erhöhung der Wochenstunden von 20 auf 25 bereits eine Welle von Vergütungsforderungen der Vertragsärzte nach sich gezogen hätte. Das kostet die Kassen und die Versicherten. Dem entgegnet der Chef des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt: „Der Minister attestiert der Ärzteschaft, dass ihr für zusätzliche Leistungen auch mehr Geld zusteht. Dies ist zunächst einmal eine wichtige und bemerkenswerte Botschaft, da lässt sich ansetzen.“

Pflegekräfte dürfen hoffen

Die im Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums angekündigten Verbesserungen für das Pflegepersonal in Kranken- und Altenpflege sollen nun im PpSG realisiert werden.

Die Krankenhäuser können ab 1. Januar 2019 so viele Pflegekräfte einstellen, wie sie brauchen und finden. Denn dann wird jede zusätzliche Pflegekraft am Krankenhausbett voll von den Krankenkassen finanziert. Der Staat will zudem künftig kontrollieren, dass genug Pflegepersonal zur Verfügung steht. Ab 2020 gelten Personaluntergrenzen, die im Falle des Nichteinhaltens bestraft werden.

Auch in der Altenpflege soll sich was zum Besseren verändern. In den Pflegeheimen sollen 13.000 zusätzliche Stellen geschaffen werden. Einrichtungen bis zu 40 Bewohner haben Anspruch auf eine halbe zusätzliche Stelle. Einrichtungen mit 41 bis 80 Bewohnern auf eine Stelle. Heime mit 81 bis 120 Bewohnern bekommen 1,5 und Häuser mit über 120 Bewohnern zwei zusätzliche Stellen.
Doch schon heute ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Woher sollen die Pflegekräfte kommen? Der Bundesagentur für Arbeit zufolge sind derzeit 36.000 Stellen in der Alten- und Krankenpflege unbesetzt. Hinzu kommen die zusätzlichen Stellen, die durch das neue Gesetz erst noch geschaffen werden. Die Antwort auf diese Frage beantwortet die Regierung mit einer Initiative, um den Beruf attraktiver zu machen. Sie will die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, die betriebliche Gesundheitsförderung stärken und Ausbildungsanreize setzen.

Die Kritiker haben bereits ihre Stimmen erhoben. Der Marburger Bund mahnte beispielsweise an, dass die Begrenzung der geplanten Neuregelung auf das Pflegepersonal „fundamentale Auswirkungen auf die Krankenhausvergütung und auf die anderen in der Patientenversorgung tätigen Berufsgruppen im Krankenhaus“ habe. Ohne Änderungen an dem Gesetzentwurf würde es zu neuen Brüchen und Fehlanreizen kommen. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) kritisierte ebenfalls, dass ein schlüssiges Gesamtkonzept zur Finanzierung der Pflegeversicherung fehlt und das Gesetz zu kurz greife.

Kostentreiber oder cleverer Gestalter?

„Minister mit der Lizenz zum Geldausgeben“ liest und hört man zurzeit häufiger über Jens Spahn. Eines ist er seit Amtseintritt ganz sicher nicht: ein Sparkommissar. Zumindest öffnet das die Möglichkeit neuer Gestaltungswege in der Gesundheitspolitik.

Wandlungsfähigkeit gehört, glaubt man erfahrenen Politikbeobachtern, zu den Fähigkeiten, die ein Politiker auf dem Weg nach oben haben sollte. Schon Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde der Spruch „Wat juckt mich denn mein Jeschwätz von gestern…“ zugeordnet, wenn es galt, plötzlich andere Ziele zu priorisieren. Da steht der aktuelle Bundesgesundheitsminister Jens Spahn keineswegs hintenan, wenn man aktuelle Aktivitäten des ganz offensichtlich nach höheren Weihen strebenden 38-Jährigen verfolgt: Spahn, vor wenigen Wochen noch klarer Verfechter marktliberaler Positionen, gefällt sich aktuell ganz offensichtlich in der Rolle des populären Sozialpolitiker à la Nobert Blühm. Kommentatoren und Moderatoren, die noch Spahns Positionen vom Frühjahr als er Hartz IV als „nicht arm“ einstufte im Ohr haben, staunen nun nicht schlecht, wenn der Minister nun eher den mitfühlenden Patientenanwalt gibt. Offenbar ist das wohl kalkuliert, denn mit dem Image des Neoliberalen machte sich Spahn zwar in Wirtschaftskreisen Freunde, weniger aber ein populäres Image, das auf dem Weg ins Kanzleramt aber unabdingbar ist.

Die drei großen Gesetzesvorhaben, die Spahn seit Amtsantritt angestoßen hat, passen absolut in das Popularitätsschema. Mehr Pflegekräfte – wer will das nicht. Mehr Sprechstunden und kürzere Wartezeiten bei Facharztterminen – das macht Patienten zu Freunden - und Geld zurück von der Kasse ist doch ein populäres Programm. Vorhaben des Koalitionsvertrags übererfüllt Spahn derzeit reibungslos. Doch in der Politik weiß man auch: Das wird teuer. Längst ist hinter den Kulissen deshalb eine Diskussion im Gange, die den Minister als Kostentreiber sieht: Der Minister „mit der Lizenz zum Geldausgeben“ heißt es in einer überregionalen Zeitung. Schon jetzt ist klar, dass zumindest der Satz der Pflegeversicherung nächstes Jahr um 0,5 Prozentpunkte steigen wird. Die Rücklagen des Gesundheitsfonds und der Kassen schaffen aber noch Spielraum – vorerst. Ein externer Blick auf das deutsche Gesundheitswesen gibt Spahn dabei durchaus Recht. Mit einem Anteil von 11,3 % am BIP liegt Deutschland im internationalen Vergleich noch durchaus gut (USA 17,2, Schweiz 12,4). Nur: Die Summe der Sozialausgaben in Deutschland darf nicht höher werden. Dank der anhaltend guten Konjunktur hat Spahn also noch ruhiges Fahrwasser. Wenn man den Minister fragt, wie es danach weitergeht, antwortet er ganz als Politikprofi: „Na, schau‘n wir mal…“. Herausforderungen warten natürlich noch einige. Beispielsweise das große Thema Digitalisierung. Das Gesundheitsministerium hat sich hier neu aufgestellt. Man darf also gespannt sein, ob von dort der lang erwartete Schub für die Gesundheits-IT kommt.

Deutschland: Gesundheit wird weggeschenkt

Ein neuer Report zur Gesundheit der Menschen in Deutschland zeigt: Viele Menschen erfüllen in ihrem Alltag nicht einmal die niedrigsten Anforderungen, die zum langfristigen Erhalt der Gesundheit beitragen.

Immer weniger Menschen achten bewusst auf Bewegung/körperliche Aktivität, Ernährung, Nikotin- und Alkoholkonsum sowie auf einen gesunden Umgang mit Stress. Zu diesem Ergebnis kommt der DKV-Report „Wie gesund lebt Deutschland?“. Waren es 2010 zur Erstauflage des Reports noch 14 Prozent, die den Benchmark für ein gesundes Leben erreichten, schaffen es dieses Jahr nur noch ganze neun Prozent der Befragten. Menschen, die älter als 65 Jahre sind, erreichen am häufigsten die Ziele. Männer kommen in der Befragung mit acht Prozent Benchmark-Quote schlechter weg als Frauen (elf Prozent). In beiden Fällen sind dies jedoch schlechte Ergebnisse, denn: „Die Hürde der Benchmarks liegt sehr tief, aber über diese Hürde muss man springen, um langfristig keine gesundheitlichen Schäden davonzutragen“, so der wissenschaftliche Leiter des Reports, Prof. Dr. Ingo Froböse, Leiter ZfG – Deutsche Sporthochschule Köln. Nach diesen folgenden Kriterien wurden die Benchmarks definiert: Grundlage zur Bewertung der körperlichen Aktivität sind die 2010 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichten (Mindest-)Aktivitätsempfehlungen für Ausdaueraktivitäten sowie die nationalen Bewegungsempfehlungen. Über alle Lebensbereiche (Arbeit, Transport, Freizeit) sollten pro Woche mindestens 150 Minuten moderater körperlicher Aktivität, mindestens 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität oder eine Kombination beider Belastungen nachgegangen werden. Der Report bewertet den Benchmark Ernährung nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Werden zwei Drittel der Ernährungsempfehlungen erreicht, dann gilt der Benchmark als erreicht. Beim Thema Rauchen wird der Benchmark von den Befragten als Nichtraucher erreicht. Zuviel Alkohol ist ungesund. In der Befragung wurden die Mengen verschiedener konsumierter alkoholischer Getränke abgefragt. Als gesundes Verhalten gilt im Report, wenn entweder gar kein Alkohol getrunken oder nur gelegentlich zu Wein oder Bier gegriffen wird. Stress ist in einer Befragung schwer messbar, da es sich um ein subjektives Empfinden handelt. Als gesund beurteilt der Report diejenigen, die keinen Stress empfinden oder diesen mit Kompensationsmöglichkeiten (Sport, Entspannung, Musik,…) ausgleichen können. Der Report stellt geschlechtsspezifische Unterschiede in den Gesundheitsbereichen fest: Männer bewegen sich häufiger und intensiver – vor allem auf der Arbeit und in (Mannschafts-)Sportarten. Frauen achten hingegen mehr auf die Ernährung und rauchen weniger.
Werden die Befragungsergebnisse nach regionaler Zugehörigkeit aufgeschlüsselt, dann zeigt sich trotz keiner gewaltigen Unterschiede ein anhaltender Trend: Menschen aus Hamburg und Sachsen sind in diesem Jahr Spitzenreiter in puncto gesunder Lebensstil. Zwölf Prozent der Befragten erreichen hier alle Benchmarks. Das Schlusslicht bildet Hessen mit einem Anteil von knapp sieben Prozent.

Eines der größten Gesundheitsprobleme: Zu viele Menschen in Deutschland bewegen sich nicht ausreichend. Waren es laut DKV-Report 2010 noch 60 Prozent, die den Richtwert für körperliche Aktivität erreichten, sind es nach Hochrechnung der Zahlen des neuesten Reports nur noch 43 Prozent aller Deutschen. Folgen des Bewegungsmangels können vor allem Erkrankungen wie Rückenschmerzen, Übergewicht, Bluthochdruck, verschiedene Krebsarten und Diabetes Typ II sein. Zehn Prozent der Befragten gaben sogar überhaupt keine körperliche Aktivität an, der sie länger als zehn Minuten am Stück nachgehen – weder während der Arbeit noch beim Transport noch in der Freizeit. Und wer sich nicht bewegt, der sitzt wahrscheinlich. 7,5 Stunden sitzen die Deutschen täglich im Durchschnitt. Menschen in Berlin sind mit täglich 8,6 Stunden die Sitzmeister. Am besten schneidet im Bundesvergleich Sachsen-Anhalt ab: Sieben Stunden und zehn Minuten verbringen die Menschen dort im Schnitt sitzend. „Wir haben Vielsitzer und Bewegungsmuffel zusammengebracht. Fast 30 Prozent der Befragten sind sowohl Vielsitzer als auch Bewegungsmuffel – eine explosive Mischung“, so Froböse.

Neben der Bewegung spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle für die Gesundheit. Über Zuckersteuern und Lebensmittelampeln wird zwischen Fachgesellschaften, Industrie und Politik seit Monaten wieder verstärkt diskutiert. Ím Osten der Bundesrepublik essen die Befragten am gesündesten. Aufholbedarf hat hier laut Report vor allem Nordrhein-Westfalen. Immerhin: Fast vier Fünftel der Bundesbürger sind Nichtraucher. Die meisten davon leben in Hessen, Baden-Württemberg und Hamburg (je 82 Prozent). Schlusslicht in diesem Bereich ist Mecklenburg-Vorpommern. Hier greifen 28 Prozent zu nikotinhaltigen Produkten. Stressbedingte Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gründen für eine Krankschreibung. „Knapp die Hälfte aller Befragten (43 Prozent) schafft es laut den Ergebnissen nicht, ihren Stress ausreichend zu kompensieren“, so Froböse. Dies können die Menschen in Baden-Württemberg am besten (62 Prozent). Den höchsten Stresslevel haben Personen aus Sachsen-Anhalt, Hessen und Brandenburg: Nur jeder zweite Bewohner gibt hier an, den Stress gut kompensieren zu können.

„Lärm“ ist ein Schwerpunktthema des Reports. Das Lärmempfinden ist subjektiv, bei jedem Menschen anders ausgeprägt. „Die gesundheitlichen Folgen reichen von Schlafstörungen und Stresssymptomen über Hörschäden bis hin zum Herzinfarkt“, so der Experte aus Köln.
Von den Befragten, die ihren Gesundheitszustand als „überhaupt nicht gut“ einschätzen, stufen sich 38 Prozent mit der höchsten Lärmempfindlichkeit ein. Andersherum haben sich Menschen mit einem „sehr guten“ Gesundheitszustand tendenziell weniger lärmempfindlich eingeordnet. Vor allem im Berufsleben wird eine starke Lärmbelästigung, vor allem durch Maschinen, Kollegen und Baustellenlärm, wahrgenommen. 49 Prozent fühlen sich im Arbeitsleben zumindest etwas von Lärm belästigt, in ihrem Privatleben geben dies nur 41 Prozent an. Straßenlärm, Nachbarschafts- und Kinderlärm sind hingegen Störfaktoren im Privatleben. Zwischen Feldern und Wiesen ist die Lärmbelästigung deutlich geringer als in Großstädten ab 500.000 Einwohnern. Dort ist die Lärmbelästigung am stärksten ausgeprägt. Nachvollziehbar, oder?

Importquote: Braucht es sie noch?

Ausgerechnet aus dem Kassenlager erhalten die Apotheker Unterstützung bei einem Vorhaben, das die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) Geld kosten könnte.

Wenn Fritz Becker, der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), die Abschaffung einer den Apotheken unangenehmen Regelung fordert, dann ist dies eine Notiz wert, aber mehr auch nicht. Wenn dann aber jemand, der in monetären Dingen berufspolitisch oftmals eine andere Meinung vertreten muss, sich dieser Forderung anschließt, dann wird es interessant. Und das ist jüngst geschehen. Die Aufarbeitung des Falles gestohlener Krebsmedikamente aus Griechenland, mit denen Apotheken in mindestens neun Bundesländern beliefert worden sein sollen, läuft noch. Becker fordert derweil die sofortige Streichung der verpflichtenden Importquote für rezeptpflichtige Arzneimittel aus dem Ausland. Der Vorfall kommt den Apothekern gelegen. Aktuell müssen sie im Interesse der GKV-Finanzen mindestens fünf Prozent ihres Fertigarzneimittelumsatzes mit Importen bestreiten. Für die Quote zählen nur Importe, die entweder 15 Prozent oder 15 Euro billiger als das heimische Originalpräparat sind. Die Apotheken argumentieren: Umso länger die Lieferkette und umso mehr Grenzen überwunden werden müssen, desto höher ist das Risiko, dass Produkte fragwürdiger Herkunft eingeschleust werden – trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, die Hersteller und Großhändler unternehmen.
Becker bezeichnet die Importquote als „überholtes Kostendämpfungsinstrument“. In Zeiten der Arzneimittel-Rabattverträge erziele dieses kaum noch Einsparungen, so Becker weiter. Protest der Krankenkassen? Weit gefehlt. Dr. Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, gestaltete die Rabattverträge mit und verhandelt diese seit ihrer Einführung stellvertretend für alle AOKen. Und genau von diesem Mann stammen nun folgende Sätze: „Die Quote ist ein bürokratisches Monster und trägt zur dringend notwendigen Transparenz im Markt Nullkommanix bei.“ Die Quote sei Teil des Problems der europaweiten Intransparenz über Versorgungswege und Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln. „Vermeintliche Steuerungsinstrumente aus der planungswirtschaftlichen Steinzeit gehören nicht ins 21. Jahrhundert, sondern abgeschafft“, so Hermann weiter. Die AOK Baden-Württemberg habe 2017 hat durch Reimporte ganze sieben Millionen Euro weniger für Arzneimittel ausgegeben. Dies sei mit „jeder Menge überbordender Bürokratie verbunden“ gewesen. Die Arzneimittelrabattverträge hätten im selben Jahr zu Entlastungen von 230 Millionen Euro geführt. Und bei Betrachtung der gesamten GKV bestätigt sich dieser Eindruck: Unter Berücksichtigung der Herstellerabschläge betrugen die Einsparungen durch die Importquote 120 Millionen Euro – die Rabattverträge sparten im Vergleich dazu vier Milliarden Euro ein.
 
 


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