Berlin-Chemie Newsletter vom 29. August 2018

Berlin-Chemie Newsletter vom 29. August 2018

  • Scheitert Watson an den hohen Erwartungen?
    Mehrfach falsche Diagnosen durch Künstliche Intelligenz
  • Patient sein kann gefährlich sein – das soll sich ändern
    Vorschläge für eine bessere Patientensicherheit
  • Honorarergebnis fällt durch
    Die Ärzteschaft fühlt sich abgehängt
  • Forschungsstandort Deutschland – andere Länder als Vorbild?
    Ausgaben für Forschung und Entwicklung steigen
  • Sieben Minuten für mehr Leben 
    Telemedizin-Studie zu Herzinsuffizienz erfolgreich abgeschlossen
  • Das soll Selbstverwaltung sein?
    Anhörung zum TSVG ruft Kritik auf den Plan
  • Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch
    Barmer Krankenhausreport zeigt Handlungsbedarf bei der Prävention

Scheitert Watson an den hohen Erwartungen?

Bekannt gewordene interne Dokumente sorgen für Zweifel an IBMs Vorzeigeprojekt Watson Health.

Deep Learning in Kombination mit künstlicher Intelligenz: Kaum jemand zweifelt daran, dass Ärzte künftig bei der Diagnosefindung und Therapieauswahl durch intelligente Datenbanken und Algorithmen unterstützt werden. Damit soll auch sichergestellt werden, dass Ärzte nach dem aktuellen Stand der evidenzbasierten Medizin entscheiden und behandeln können. Laut Virginia Rometty, Präsidentin und CEO von IBM, verdoppelt sich das medizinische Wissen alle 75 Tage. Andere Studien gehen mit einem etwas konservativeren Ansatz von einer Verdopplung alle drei Jahre aus. In beiden Fällen kann ein Arzt trotz Fort- oder Weiterbildungen nicht über den neuesten Wissensstand verfügen. Und genau hier sieht IBM ein gewaltiges Geschäftspotential. Ein Unternehmenssprecher behauptete unlängst, dass bisher 230 Krankenhäuser weltweit auf die Technologie von Watson Health zurückgreifen und die Algorithmen bei 84.000 Patienten eingesetzt worden seien. Interne IBM-Dokumente sollen nun belegen, dass medizinische Spezialisten des US-IT-Riesen dem Vorzeigeprojekt und Supercomputer Watson "vielfache Beispiele für unsichere und falsche Behandlungsempfehlungen" in der Krebsbehandlung nachgewiesen haben. Ein Patient soll durch Watson bisher nicht Schaden erlitten haben. „Watson for Oncology“ soll für den Einsatz bei 13 Krebs-Arten trainiert worden sein. Aber genau hier wurde nicht immer die Wahrheit erzählt. Die Schuld für die falschen Ergebnisse liegt laut den internen Papieren im Training durch IBM-Ingenieure und Ärzte des renommierten Memorial Sloan Kettering Cancer Centers in New York City. Demnach sei die Watson-Software mit künstlichen und hypothetischen Krebsfällen anstatt echter Patientendaten trainiert worden. Bisher hatte IBM wiederholt verkündet, dass Watson-Entscheidungen auf echten Patientendaten beruhen würden. Zudem sollen hinterlegte Empfehlungen nicht auf wissenschaftlichen und medizinischen Richtlinien/Evidenz basieren, sondern auf der Expertise einiger weniger Krebsspezialisten zu bestimmten Krebstypen. IBM hat sich bisher nur oberflächlich zu den Vorwürfen geäußert. Das Feedback der Kunden werde zur Weiterentwicklung genutzt. Im vergangenen Jahr soll es elf Software-Updates gegeben haben – inklusive der Einbindung nationaler Richtlinien für Krebs von Darmkrebs bis Leberkrebs.

Patient sein kann gefährlich sein – das soll sich ändern

Im Weißbuch Patientensicherheit stehen Hygiene und Meldepflichten im Vordergrund.

Kein Mensch möchte im Krankenhaus noch kränker werden. Dass dies nicht immer klappt, zeigen schon allein die über 12.000 Fälle von vermuteten Behandlungsfehlern, welche der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) jedes Jahr im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen begutachten muss. Natürlich geschehen auch vermeidbare Behandlungsfehler in der Praxis um die Straßenecke. Das nun vom Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) herausgegebene Weißbuch Patientensicherheit legt seinen Schwerpunkt jedoch eindeutig auf den stationären Bereich, wo 90 bis 95 Prozent aller Krankenhausbehandlungen ohne Zwischenfälle verlaufen. Vermeidbar wären bis zu 800.000 „unerwünschte Ereignisse“ jährlich, heißt es im Buch – darunter 20.000 vermeidbare Todesfälle. Neue Konzepte müssen her, um diese – trotz aller Bemühungen (z.B. Aktion Saubere Hände) – stabilen Zahlen weiter senken zu können. Patientensicherheit werde heute fast ausschließlich aus der Perspektive der Einrichtungen und für operative Akuterkrankungen, wie zum Beispiel der Komplikationen einer „Hüft-OP“, diskutiert. „Patientensicherheit ist jedoch mehr als die Vermeidung bestimmter Komplikationen“, so Prof. Dr. Matthias Schrappe, Autor des Buches und Lehrbeauftragter für Patientensicherheit an der Universität Köln. Man müsse neu über die zugrundeliegenden Konzepte von Patientensicherheit nachdenken. Zum Beispiel seien unterlassene Maßnahmen in Behandlungen ebenfalls unerwünschte Ereignisse und somit zu adressieren.
Genauso wie Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist nach Meinung vieler Wissenschaftler auch Patientensicherheit ein Thema, das in der Führungsebene angesiedelt werden muss. So sollen Kliniken, Pflegedienste, Arztpraxen, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und Co. einen Verantwortlichen für Patientensicherheit benennen/einstellen. Dieser soll, so die erste der sieben Forderungen im Weißbuch, erforderliche Veränderungen anstoßen, durchsetzen, koordinieren und dauerhaft begleiten. Wie bei den meisten Forderungen wünscht sich das APS hier verbindliche gesetzliche Regelungen. Ein Dauerthema ist die Hygiene. Jährlich erkranken in Deutschland über 400.000 Patienten an einer Krankenhausinfektion, davon etwa 30.000 an multiresistenten Erregern (MRE). Hier fordert das APS eine vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und Robert-Koch-Institut zu entwickelnde verbindliche bundeseinheitliche Hygiene-Richtlinie. Zudem wird von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eine Aufklärung der Patienten und Angehörigen zum Thema Selbstschutz und Hygiene erwartet. Einrichtungsinterne Fehlermeldesysteme sind bereits heute für alle Kliniken verpflichtend. Für die Krankenhäuser sollte auch die Teilnahme an einrichtungsübergreifenden Fehlermeldesystemen verpflichtend werden, fordert das APS. Bislang beteiligt sich weniger als ein Drittel der Krankenhäuser an diesen einrichtungsübergreifenden Systemen. Ebenso sollte der Gesetzgeber eine Teilnahme an wichtigen Registern für alle Hersteller, Kliniken und Krankenkassen verpflichtend regeln – zum Beispiel im geplanten Deutschen Implantateregister. Im Weißbuch wird weiterhin kritisiert, dass in den meisten Aus- und Weiterbildungen medizinischer Berufe die Patientensicherheit nur eine untergeordnete Rolle spiele. Zudem müsse es, gerade vor Operationen, Simulationstrainings für das gesamte Team geben. Bislang existiert in Deutschland übrigens nur eine einzige Professur für Patientensicherheit. Aktivitäten des G-BAs erhofft sich das APS auch bei der Aufklärung von Patienten. Eine Richtlinie soll unter anderem vorschreiben, dass Patienten und ihre Angehörigen über anstehende Behandlungen und Alternativen aufgeklärt werden müssen. Auch die letzte große Forderung dreht sich wieder um den Patienten: Sie sollen häufiger und tiefer befragt werden. Fragebögen wie sie das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) derzeit für Patienten mit Herzkatheter/Stent, schizotype Störungen sowie Nierenersatztherapie erarbeitet, müssten für weitere Erkrankungen und Behandlungen entwickelt und verbindlich eingesetzt werden. Die Ergebnisse sollen anschließend veröffentlicht werden.
Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, lehnte die Vorschläge nicht ab, verwies aber darauf, dass Sicherheit Geld koste und Investitionen erfordere. Er wünsche sich mehr Unterstützung von den Krankenkassen bei der Förderung der Patientensicherheit. „Tatsache ist, wenn es um die Bereitstellung der Geldmittel für Sicherheitseinrichtungen in den Krankenhäusern geht, stehen die Krankenkassen auf der Bremse. Ob Einstellung von Hygienebeauftragten oder Patientenbeauftragten oder die Installierung von Fehlermeldesystemen, überall werden nur begrenzte Mittel bereitgestellt.“
Am Ende wird es wohl ohne ein Einschreiten des Gesetzgebers keine wirklichen Fortschritte bei der Patientensicherheit geben.

Honorarergebnis fällt durch

GKV und KBV haben über das Vertragsarzthonorar 2019 verhandelt. Das Ergebnis würde bestenfalls einen Inflationsausgleich darstellen, sagen die Kritiker.

Die Entscheidungen zum Vertragsarzthonorar 2019 sind bei der Ärzteschaft durchgefallen. Die allgemeine Meinung lautet: Die Steigerung um 1,58 Prozent beim Orientierungswert geht an der Realität vorbei. Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, erklärte: „Worauf sich KBV und GKV-Spitzenverband geeinigt haben, ist im besten Fall ein Inflationsausgleich. Das als einen Erfolg der Selbstverwaltung zu verkaufen, ist ein starkes Stück.“ Die Steigerungsrate liege unterhalb der Preissteigerungsrate und sei auch niedriger als die verhandelten Personalkosten der Medizinischen Fachangestellten.
Auch der NAV-Virchow-Bund sieht Probleme, das Praxispersonal zu entlohnen. Mit dem erhöhten Orientierungswert ließen sich nicht einmal die Gehaltssteigerungen der Medizinischen Fachangestellten auffangen, die in den vergangenen Jahren 2,6 Prozent (2017) und 2,2 Prozent (2018) betrugen. Ein weiterer großer Kritikpunkt bezieht sich auf die weiterhin schlechte Vergütung der Hausbesuche. Gerade mal 22 Euro bekommt der Arzt hierfür. Weigeldt fordert eine substanzielle Erhöhung, die dem Aufwand tatsächlich gerecht wird.
Unterstützung bekommen die Hausärzte vom Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa), dessen Vorsitzender Dirk Heinrich erklärt: „Ärztliche Versorgung wird teurer, innovativer und die Intensität der Behandlung der Patienten nimmt zu. Zusätzlich lässt sich die Versorgung immer schwerer flächendeckend organisieren. Nur die Krankenkassen wollen diese Realität nicht sehen.“ Allein die Inflationsrate in Deutschland liege zehnmal höher als das Angebot der GKV. „Wir fordern die KBV auf, dieses Thema in den weiteren Verhandlungen ganz oben auf die Agenda zu setzen und den Kassen deutlich zu machen, dass die momentane Situation untragbar ist“, so Heinrich weiter. Es sei mehr als unverständlich, warum die Kassen Milliarden horten und gleichzeitig argumentieren dürfen, dass es kein Geld für die Versorgung von Patienten gibt, die den Weg zum Arzt nicht schaffen.
Prof. Jürgen Wasem hält die Kritik jedoch für fehl am Platz und schrieb auf Twitter: „Dass beim Honorarabschluss der Ärzte im EBM der Inflationsausgleich nicht erreicht wurde, ist fake news. Je nach Messkonzept liegt die Inflationsrate in Arztpraxen deutlich unter 1,58 %. Zudem ist die Kostenquote in Arztpraxen im Durchschnitt bei 54%, die Erhöhung gilt für 100%.“ Auf Nachfrage des SpiFa betonte er, dass dies seine persönliche Meinung sei und er nicht in der Rolle des Unparteiischen Vorsitzenden des Erweiterten Bewertungsausschusses geschrieben habe. Weitere Verhandlungen (z.B. Neubewertungen von Hausbesuchen) folgen.

Forschungsstandort Deutschland – andere Länder als Vorbild??

War die Forschungsförderung lange eine Forderung der Industrie, so gibt es inzwischen sogar Rückhalt auf Ministerialebene.

Die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie wird im laufenden Jahr mit ihren Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) wahrscheinlich erstmals die 11-Milliarden-Euro-Grenze erreichen. 2017 stiegen die F&E-Budgets mit 10,8 Milliarden Euro auf einen Rekordwert – ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr, teilte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) kürzlich in Frankfurt mit. Über fünf Prozent ihrer Umsätze stecken die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie jährlich in ihre Forschung. Nur im Fahrzeugbau und in der Elektroindustrie ist die F&E-Intensität höher.
Ebenso intensiv ist jedoch auch der internationale Innovationsdruck. „Der Wettbewerbs-vorsprung des Chemie-Forschungsstandorts Deutschland schmilzt. Staaten wie die USA, China und andere asiatische Länder nehmen viel Geld für die Forschung in die Hand, gestalten die Rahmenbedingungen für Innovationen günstig und verschaffen sich so Wettbewerbsvorteile", warnte Thomas Wessel, Vorsitzender des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung im VCI. Deutschland brauche einen „beherzten Moderni-sierungskurs“ mit der zentralen Komponente einer steuerlichen F&E-Förderung. Sie sei entscheidend, damit die gesamtwirtschaftlichen Forschungsinvestitionen auf 3,5 Prozent steigen. Deutschland liegt hier im internationalen Vergleich zurzeit auf Rang 7. International ist die Forschungsförderung nicht ungewöhnlich. Viele Wettbewerber-Nationen in der EU, sowie auch Japan und die USA, haben eine steuerliche Forschungsförderung implementiert: Firmen können hier ihre Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) direkt steuermindernd geltend machen. Frankreich wirbt beispielsweise sehr stark mit einem 50-prozentigen Steuerabzug im ersten Jahr um die Ansiedlung innovativer Firmen. Österreich hingegen hat seinen Steuerabzug seit 2018 auf 14 % erhöht. In Österreich sind zuletzt die Bruttoinlandsausgaben für F&E am Volkseinkommen deutlich gestiegen. Weit über die Hälfte der industriellen F&E-Ausgaben in Österreich stammt von ausländischen Konzernen. "Investitionen, die uns in Deutschland ebenfalls gut zu Gesicht stünden", so Wessel. Durch die Lohnsteuerzahlungen der zusätzlich eingestellten Forscher sollen die Kosten der österreichischen Forschungsförderung etwa zur Hälfte gedeckt werden.
Unwahrscheinlich ist die Einführung einer solchen Maßnahme hierzulande nicht, denn es wird viel geforscht: Deutschland war 2016 erneut weltweit die Nr. 2 bei klinischen Arzneimittel-Studien forschender Pharma-Unternehmen. Das geht aus einer Auswertung des öffentlichen Studienregisters "clinicaltrials.gov" durch den Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) hervor. Mit 594 Studien liegt Deutschland vor UK (554), nur überboten von den USA (2.360).
Der Wirtschaftsrat der CDU e.V. unterstützte zuletzt die von Bundesministerin Anja Karliczek vorgeschlagene Ausgestaltung der steuerlichen Forschungsförderung und forderte die Bundesregierung auf, so schnell wie möglich ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Nach Ansicht des Wirtschaftsrates sollte Unternehmen eine Steuergutschrift in Höhe von mindestens zehn Prozent ihrer jährlichen F&E-Ausgaben gewährt werden. Wie von der Bundesministerin vorgeschlagen, sollten dabei nicht allein die eigenen Personalkosten zählen, da externe Kooperationen mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ansonsten nicht förderfähig wären.
Wessel möchte zudem das Potential von Start-ups besser genutzt sehen: Er spricht sich für eine bessere Unterstützung privater Wagniskapitalgeber für Start-ups aus. So sollten steuerliche Verlustvorträge zeitlich und in der Höhe unbeschränkt erhalten bleiben. Mit ihrer schlanken Organisationsform würden Start-ups eine hohe Geschwindigkeit im Innovationswettlauf ermöglichen.
Übrigens: Wird beim Thema Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen fast immer über Dokumentation, Organisation, Monitoring und Co. gesprochen, so kann sie auch gerade beim Thema Forschung in Unternehmen hilfreich sein: Durch die exponentiell gestiegene kann die aktuelle Hardware eine erheblich größere Variantenvielfalt für chemische Reaktionen und Produktformulierungen berechnen als noch vor fünf Jahren. "Und künstliche Intelligenz findet relevante Fundstellen bei Literatur- und Patentrecherchen schneller als der Mensch und trägt zur Konzentration auf geeignete Lösungsansätze bei", so Wessel in Frankfurt.

Sieben Minuten für mehr Leben

Die Effekte regionaler Versorgungsunterschiede sollen durch den Einsatz digitaler Möglichkeiten reduziert werden.

Es klingt erst einmal wieder wenig schlank und ziemlich aufwändig: Patienten mit einer chronischen Herzinsuffizienz brauchten vier (!) Geräte daheim, um an dieser Studie zur telemedizinischen Versorgung teilnehmen zu können. Die klinische TIM-HF2-Studie, die im Rahmen des Projekts "Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane" von 2013 bis 2017 an der Berliner Charité durchgeführt wurde, ist abgeschlossen und die Ergebnisse wurden nun vorgestellt. Der Aufwand für die Patienten fiel trotz des heimischen Gerätepotpourris gering, ja geradezu zeitsparend aus.
Den eingeschriebenen Patienten wurden ein EKG mit Fingerclip zur Messung der Sauerstoffsättigung, ein Blutdruckmessgerät, eine Waage sowie ein Tablet zur Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes und zur mobilfunkbasierten Übertragung der Vitaldaten und Einschätzungen an das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité (TMZ) gestellt. Die Nutzung brachte eine Pflegekraft des TMZ den bis zu 92-jährigen Patienten bei. Das Morgenprogramm soll rund sieben Minuten gedauert haben. Professor Dr. Friedrich Köhler, Studienleiter des Fontane-Projekts der Charité, sprach von einer „gigantischen Compliance“. 97% der Telemedizinpatienten hätten an mindestens 70% aller möglichen Messtage ihre täglichen Messungen durchgeführt. Ein Designpreis könne mit den Geräten nicht gewonnen werden. Aber: „Für den Erfolg war auch entscheidend, dass wir eine sehr einfache Technik eingesetzt haben, die für die Patienten auch alltagspraktikabel war. Eine nächste wichtige Aufgabe besteht nun darin, ein Alltagsmodell zu entwickeln, um ein Vielfaches der Patientenzahl der Studie zu versorgen", äußerte sich Köhler zur Skalierbarkeit. Denn es gibt viel mehr mögliche Patienten als die 1500 Studienteilnehmer, die von der telemedizinischen Mitbetreuung, bei der Ärzte und Pflegekräfte die übertragenen Messwerte 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche bewerten, profitieren könnten. Rund 1,8 Millionen Deutsche leiden an einer chronischen Herzinsuffizienz, jährlich kommen rund 300.000 Neuerkrankungen hinzu. In den vergangenen zehn Jahren war sie die häufigste Ursache für stationäre Aufnahmen.
Die Telemedizinpatienten verbrachten in ihrer Studienzeit durchschnittlich 17,8 Tage im Krankenhaus – die Kontrollgruppe kam im Vergleich auf 24,2 Tage. Zudem starben von hundert Herzinsuffizienzpatienten in einem Jahr unter den regulären Bedingungen etwa elf Patienten, mit telemedizinischer Mitbetreuung hingegen nur acht Patienten. Dabei spielte es keine Rolle, ob der Patient in einer strukturschwachen ländlichen Gegend oder in einer Metropolregion lebte. „Das telemedizinische Angebot dient in erster Linie den Patienten, es stärkt aber auch die Hausärzte in ländlichen Regionen, die dort hauptsächlich die Versorgung von Herzpatienten übernehmen. Darüber hinaus ist sie ein herausragendes Beispiel, wie hausärztliche Versorgung und universitäre Forschung der Charité ganz praxisnah und länderübergreifend zusammenarbeiten können", so Prof. Dr. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité.
Die ärztliche Betreuung der Patienten am Wohnort wurde bundesweit durch 113 kardiologische und 87 hausärztliche Einrichtungen gewährleistet. Ziel der Studie war es, die Patienten möglichst lange außerhalb eines Krankenhauses behandeln zu können und die Lebenserwartung sowie die Lebensqualität zu erhöhen. Das BMBF hat das Projekt von 2009 bis 2018 mit 10,2 Millionen Euro gefördert. Ob und wann diese Form der telemedizinischen Betreuung Einzug in die Regelversorgung erhält, konnte nicht gesagt werden.

Das soll Selbstverwaltung sein?

Gesundheitsminister Jens Spahn muss sich die Kritik gefallen lassen, die Selbstverwaltung zu konterkarieren.

Die Verbändeanhörung zum Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG), das unter anderem 25 statt bisher 20 Stunden für Sprechzeiten vorsieht, hat viele Schwachstellen des Gesetzes aufgetan. Die Bundesärztekammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) glauben etwa nicht, dass das Gesetz etwas am Problem ändern wird, dass Patienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Seitens der KBV heißt es: "Es erstaunt (...), dass in dem Gesetz keine Maßnahmen enthalten sind, die zu einer Behebung des Ärztemangels beitragen könnten.“ Die KBV und auch die BÄK sehen in der Ausweitung der Medizin-Studienplätze eher eine Lösung des Problems als in dem TSVG. Zudem kritisieren sie, dass Spahn mit einem solchen Gesetz die Selbstverwaltung defacto außer Kraft setze.
Die Verbände haben verschiedene Dimensionen aufgezeigt, wo das Gesetz nicht oder zu wenig Probleme löst. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) hat etwa erneut auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Übernahme zahnärztlicher Versorgung durch Großinvestoren und Private Equity-Fonds zu stoppen. Dr. Martin Zentgraf, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), erklärte: „Der Referentenentwurf greift Themen auf, die die Menschen beschäftigen. Dennoch sollte der Gesetzgeber die Probleme der Gesundheitsversorgung primär patientenorientiert und nicht politisch motiviert lösen.“
Trotzdem gibt es nicht nur Kritik für Spahns Gesetzesentwurf. Die geplante Aufwertung der Terminservicestellen (TSS) zu Versorgungs-Vermittlungs-Stellen und die geplante Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit bezeichnet die Bundesärztekammer als „wichtigen Schritt zur Umsetzung eines sektorenübergreifenden Konzepts der Notfall- und Akutversorgung“. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) beschäftigt vor allem das Auswahlspektrum für Impfstoffe und die Änderung der Arzneimittelpreisverordnung auf der Großhandelsebene. Der Verband begrüßt „das Ziel, eine ausreichende Auswahl an Impfstoffen zu garantieren und zugleich der Wirtschaftlichkeit der Versorgung Rechnung zu tragen“. Nach der neuen Regelung sollen die Krankenkassen „die Kosten bis zum Preis des zweitgünstigsten Herstellers übernehmen“.

Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch

Immer mehr Krankenhaustage entfallen auf psychische Erkrankungen. Das treibt die Kosten nach oben.

Ein fast überraschendes Fazit: Obwohl die Deutschen im Durchschnitt immer älter werden, ist die Zahl der Krankenhausfälle im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen. Pro 1000 Versicherte mussten im vergangenen Jahr nur noch 214 Menschen im Krankenhaus behandelt werden. Dabei gibt es größere regionale Unterschiede: Während in Thüringen im Jahr 2017 nur 243 und im Saarland 242 von 1.000 Personen einen Krankenhausaufenthalt hatten, waren es in Hamburg nur 184 und in Baden-Württemberg 174. All diese Zahlen beziehen sich nur auf die Versicherten der Ersatzkasse, die sie im neuen Krankenhausreport zusammengefasst hat.
Von 2006 bis 2017 ist die Zahl der Krankenhaustage aufgrund körperlicher Erkrankungen zwar um 4,4 Prozent gesunken, allerdings sind die Steigerungen im Hinblick auf die psychischen Erkrankungen besorgniserregend, hier ging die Zahl um 24 Prozent nach oben. Vor allem Depressionen waren im Jahr 2017 dafür verantwortlich, dass Patienten viele Tage stationär behandelt werden mussten. So machten depressive Störungen 4,9 Prozent aller Krankenhaustage aus und depressive Episoden 3,1 Prozent.
All das kostet: Dem Barmer-Report zufolge schlug eine vollstationäre Krankenhausbehandlung im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 4280 Euro je Behandlung eines körperlichen Leidens bei Männern und 3773 Euro bei Frauen zu Buche. Stationäre Behandlungen von psychischen Erkrankungen sind entsprechend der längeren Liegezeiten teurer. Bei Männern sind durchschnittlich 5959 Euro zu zahlen und bei Frauen 7518 Euro. Lohnenswert erscheinen da Investitionen in Präventions-programme, die darauf abzielen, psychische Erkrankungen zu vermeiden.

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