Berlin-Chemie Newsletter Covid-19 Special Juni 2020

Berlin-Chemie Newsletter Covid-19 Special Juni 2020

Besondere Zeiten brauchen besondere – Newsletter. Diese Ausgabe des EinBlick beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Digitalisierung des ambulanten Versorgungsalltags, denn viele Lösungen der akuten Probleme von Ansteckung und Versorgung waren digital.
 
Kurzfristig mussten sich Hausarztpraxen mit Krisenmanagement beschäftigen: Wie gehe ich mit Covid-19-Erkrankten oder Verdachtsfällen um? Wie schütze ich das Personal vor Ansteckung? Hierfür gibt Joachim Deuser mit seinem Fallbeispiel Bamberg eine gute Blaupause. Andere Praxen mussten mit den Folgen des Shutdown umgehen, (vermeintlich) vermeidbare Besuche wurden aufgeschoben, Fragen nach Kurzarbeitergeld für MFA stellten sich. Unter anderem der Bundesverband Medizinische Versorgungszentren (BMVZ) hat darum gekämpft, dass Praxen dieses Instrument nutzen können, wie Susanne Müller, Geschäftsführerin des BMVZ, erläutert.
 
Bei Infektionsgefahr stellte sich für Praxen und Patientinnen und Patienten auch die Frage nach der Konsultation per Videosprechstunde anders. Sie erlebten einen ungeahnten Boom und die nun gemachten Erfahrungen werden bleiben. Viele der digitalen Tools der KBV Zukunftspraxis zeigten in der Krise zusammen mit den Hygieneanforderungen erst richtig Wirkung – vorausgefüllte Anamnesebögen ersparen zum Beispiel die Desinfektion des Stiftes.
 
Digitale Prozesse sind dann sinnvoll, wenn sie die Versorgung erleichtern. Mitten in der Pandemie haben nun einige Praxen und Patientinnen und Patienten positive Erfahrungen damit gemacht. Diese Tools werden ihren Weg in den Versorgungsalltag finden.


Wie Praxisinhaber jetzt die Weichen für die Zukunft stellen

Interview mit Dipl.-Kfm. Joachim Deuser, Geschäftsführer von time pro med, Berlin

 


 Dipl.-Kfm. Joachim Deuser
 
 Gründer und Geschäftsführer
 von time pro med
 






Sie haben in Bamberg zu Beginn der Krise die Versorgungswege für Covid-19-Patienten neu strukturiert. Was haben Sie dort aufgebaut?
Am 3. April erreichte uns seitens des Versorgungsarztes der Region Bamberg die Bitte, bei der Konzeption einer Corona-Schwerpunktpraxis zu helfen. Die Praxen waren damals leer, die Notaufnahmen voll und Intensivbetten standen bereit. Unser Ziel war es, den ambulanten Bereich wieder mehr ins Spiel zu bringen, denn sechs von sieben Corona-Patienten können ambulant betreut werden. Niedergelassene Ärzte genießen das größte Vertrauen in der Bevölkerung, waren aber bei der Versorgungsplanung zunächst außen vor. Die Steuerung der Patienten war chaotisch, viele berichteten von ewigen Warteschleifen bei Gesundheitsämtern und bei der 116117.  
 
Wie sieht Ihre Lösung aus?
Wir haben eine Internet-Plattform entwickelt und bereitgestellt, mit der Praxen direkt und online Termine in der Corona-Schwerpunktpraxis buchen konnten und noch können. Gleichzeitig erhielten die Patienten eine Mail mit Terminbestätigung und genauen Anweisungen. Die Corona-Schwerpunktpraxis war durch unser Triagesystem, das wir mit einer Bamberger Infektiologin entwickelt haben, perfekt vorbereitet, da bei der Terminplanung die Kernsymptome mit übermittelt wurden. Binnen sieben Tagen waren rund 62 Prozent aller niedergelassenen Ärzte, die Notaufnahmen und die Bereitschaftspraxen der Region an Bord. Ein toller Erfolg! Das hat für mich ganz klar widerlegt, dass Ärzte der Digitalisierung skeptisch gegenüberstünden. Es kommt darauf an, wie man es macht. Kein Arzt verweigert sich, wenn es darum geht, seine Patienten gut zu versorgen.
Details zum Projekt: www.corona-schwerpunktpraxen.de
 
Wie sehen Sie die Situation heute? Was kommt auf die Praxen zu?
Von der Panikphase kommen wir in die Adaptionsphase, jede Praxis muss sich jetzt überlegen, wie sie mit den neuen Realitäten umgeht. Wir sehen in den aktuellen Zahlen, dass Grundversorgerpraxen mit viel HzV wahrscheinlich mit einem blauen Auge davonkommen, ein hoher Privatanteil führt zu mehr wirtschaftlichem Druck. Für fast alle gilt: Die Fallzahlen gehen nach unten, ebenso wie die durchschnittlichen Fallwerte. Ich warne zudem davor, darauf zu bauen, dass die KV oder die Regierung die Praxen schon retten werden. Die Praxisinhaber müssen selbst aktiv werden, um nicht nur in der nahen Zukunft gut gerüstet zu sein.
 
Was raten Sie Praxisinhabern konkret?
Das hängt stark von der individuellen Situation ab. Eine stark frequentierte Landpraxis, die als einzige weit und breit die Versorgung sicherstellt, wird weniger Probleme bekommen als eine Praxis, die in einer Innenstadtlage einem hohen Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist. Eine Praxis, die über 15 Prozent ihres Umsatzes mit IGeL-Leistungen erwirtschaftet, wird stärker betroffen sein, als ein Grundversorger, bei dem IGeL nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das ist nur die Umsatzseite. Gleichzeitig muss die Kostenseite betrachtet werden.
 
Wir haben folgende Handlungsfelder ausgemacht:
 
1. Praxisorganisation und Personaleinsatz
Nach über 500 Reorganisationsprojekten in den letzten 25 Jahren wissen wir: Entscheidend ist, dass die Praxis konsequent auf die effektive Nutzung der ärztlichen Arbeitszeit ausgerichtet wird. Die Praxis muss so strukturiert sein, dass der Arzt sich voll und ganz auf die Medizin konzentrieren kann und alles andere komplett an ein kompetentes Team delegiert wird.
 
2. Aktive Patientensteuerung
Praxen mit aktiver Patientensteuerung hatten bereits Mitte April nahezu dieselben Patientenzahlen wie im Vorjahreszeitraum. Das wichtigste Instrument der Patientensteuerung ist der Terminplaner der Praxis. Denn darauf basiert die Arztzeit, die Personalbedarfsplanung und damit die Personalkosten.
 
3. Praxismarketing
Patientenservice ist jetzt mehr denn je ein Muss. In Krisenzeiten muss die Praxis den Patienten klar kommunizieren, dass sie in der Praxis sicherer sind als beim Einkauf im Supermarkt.
 
4. Permanentes Controlling
Wir empfehlen den Praxisinhabern eine Statistik mithilfe der Praxis-EDV zu erstellen, mit der wichtige Leistungen in der Praxis erkannt werden können. Klassische Kennzahlen hierzu sind: Zahl der Vorsorgen, Gewinnung neuer Patienten, der HzV und DMP, um nur einige wichtige zu nennen. Die Kennzahlen sollten sich an den Zielen der Praxis orientieren.
 
5. Digitalstrategie
Unser Job ist es, clevere, preiswerte Lösungen anzubieten, die Arzt und Team maximal entlasten und gleichzeitig für mehr Rechtssicherheit und Freude an der Arbeit sorgen. Solche Lösungen sind möglich und sie können auch mit den zahlreichen neuen Anforderungen wie Datenschutz und elektronische Patientenakte mithalten.
 
Was hat sich für Sie in Ihrem Unternehmen verändert? Wie werden Sie Ihre Kunden künftig betreuen?
Mein Team und ich freuen uns nach der langen Home-Office-Zeit natürlich wieder sehr auf die Termine vor Ort. Wir haben das persönliche Gespräch von Angesicht zu Angesicht doch sehr vermisst. Gleichzeitig haben wir uns in der Krise von einem 60 Prozent-Online-Unternehmen zu einem nahezu 100 Prozent-Online-Unternehmen entwickelt, wie so viele andere Unternehmen auch. Wir haben praktisch unser gesamtes Förderantragswesen digitalisiert. Was viele nicht wissen: Unsere Beratungsleistungen werden gefördert – je nach Programm erhalten die Praxisinhaber zwischen 50 und 80 Prozent des an uns gezahlten Honorars vom Staat als Zuschuss. So können wir gerade in diesen Zeiten auch Praxen mit kleinem Budget sehr gut unterstützen. Wir werden auch deutlich mehr von unserem Know-How online verfügbar machen. Da ist gerade viel in Bewegung…
 
Die time pro med Unternehmensberatungs GmbH besteht seit 1992. »Mehr Zeit für Mensch & Medizin« ist das Leitmotiv des Unternehmens, das bestmögliche Praxisorganisation, Terminplanung und Qualitätsmanagement für Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten anbietet.
www.praxismanager.de


Videosprechstunden stark nachgefragt

Seit Jahresanfang sind die virtuellen Angebote der Praxen um 1460 Prozent gestiegen

 

 Der IT-Branchenverband Bitkom hat eine Verdoppelung der Nachfrage nach Onlinebesuchen beim Arzt binnen
 Jahresfrist ermittelt. Hatte im März 2019 noch knapp ein Drittel aller Bundesbürger danach verlangt, ist dieser
 Wunsch bei der Folgeumfrage im März 2020 auf zwei Drittel gestiegen.    
 
Während vor der Corona-Krise die Videosprechstunde nur sehr zurückhaltend von vielen Ärztinnen und Ärzten angenommen wurde, ist sie inzwischen weit verbreitet. Über 25.000 Praxen bieten laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) ein virtuelles Beratungsgespräch an. Das ist jede vierte Praxis der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten. Anfang des Jahres waren es lediglich 1700 Praxen, bei denen Patienten mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt per Video in Kontakt treten konnten. Die Steigerung beträgt enorme 1460 Prozent.
 
Den Grundstein für die Nutzung des medizinischen Gespräches via Bildschirm, legte Mitte März die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Die KBV hatte mit dem GKV-Spitzenverband die Begrenzungsregelungen vorerst aufgehoben. Fallzahlen und Leistungsmengen waren ab Ende März nicht mehr limitiert. Damit sollen Patientinnen und Patienten mit leichten Beschwerden fernbehandelt werden, um Kontakte und somit eine weitere Ausbreitung des Coronavirus in den Praxen zu reduzieren.
 
Die Stimmen von Ärztinnen und Ärzten sind in Bezug auf die Videosprechstunde größtenteils positiv. »Wir hatten das schon länger vor«, sagte Arzt Dirk Wetzel gegenüber der HNA – Hessische Niedersächsische Allgemeinen. »Durch die Corona-Pandemie ist es jetzt eine sinnvolle Ergänzung, um für uns und die Patienten die Infektionsgefahr zu senken.« Auch im Universitätsklinikum in Dresden wird die Videosprechstunde in der Krebstherapie mit eingesetzt. »Gerade unsere Krebspatienten, die aus ganz Sachsen und über die Landesgrenzen hinaus zu uns kommen, profitieren davon, wenn sie für ein Aufklärungsgespräch vor einer Operation, eine Zweitmeinung oder zur Nachsorge in unsere Ambulanz kommen«, sagt Professor Jürgen Weitz, Direktor der Klinik für Viszeral- Gefäß und Thoraxchirurgie. »Diese Termine sind oft mit mehrstündigen Fahrten verbunden. Das lässt sich mit unserer Videosprechstunde vermeiden.« Gerade für Krebspatienten, die zur Risikogruppe in der Corona-Krise gehören, sei das Videoangebot besonders wichtig: »Das Immunsystem vieler Krebspatienten ist durch Chemotherapie oder durch die bereits erfolgte Operation geschwächt«, so Weitz. »Durch den Wegfall der Anfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln oder der Aufenthalt in den Wartebereichen lässt sich das Infektionsrisiko deutlich senken.«
 
Etwas kritischer hingegen sieht Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, die Einführung der Videosprechstunde. Er sagte dem Ärztenachrichtendienst (änd) gegenüber, dass es für die Arztwahl unwichtig sei, ob eine Ärztin oder ein Arzt das Gespräch via Video anbietet. »Das Vertrauen zum Arzt und zur Ärztin ist meiner Einschätzung nach das entscheidende Kriterium«, so Gassen im änd. Er kenne Rückmeldungen von Patienten, die zeigen würden, dass lediglich zehn Prozent der Patienten die Videosprechstunde als hilfreich empfunden haben. Für ihn sei die Videosprechstunde »die Sahne auf der Torte«. Dennoch gehe er davon aus, dass Videosprechstunden in fünf bis zehn Jahren zum normalen Angebot einer Praxis gehören werden.
 
Bis zum 30. Juni gilt die Sonderregelung zur unbegrenzten Nutzung der Videosprechstunde. Laut KBV würden Krankenkassen und Ärzte rechtzeitig über eine mögliche Verlängerung entscheiden.


Die Hürde des ›ersten Mals‹ ist bei vielen gefallen

Susanne Müller, Geschäftsführerin des BMVZ, zu Herausforderungen für MVZ


 
 
 Susanne Müller
 
 
 Geschäftsführerin Bundesverband Medizinische  Versorgungszentren – Gesundheitszentren –
 Integrierte Versorgung e.V. (BMVZ)
 







Wie kamen die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und Gesundheitszentren (GZ) durch die Corona-Krise?
Im Detail hängt das – wie bei allen Arztpraxen – von den Fachrichtungen ab, die ja auf unterschiedliche Arten betroffen sind. Und die Honorarauswirkungen sind fast überall noch unklar. Insgesamt kam aber schon  der Größenvorteil zum Tragen. Gerade im März, April – als gefühlt jeden Tag neue Beschlüsse und Informationen von den Ärzten umzusetzen waren, konnten viele Zentren davon profitieren, dass Nicht-Ärzte die Praxisorganisation unterstützen und so den Medizinern den Rücken frei gehalten haben.
 
Sind die MVZ inzwischen ausreichend mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln versorgt? Man liest derzeit, dass die vom BMG bereitgestellten Schutzmasken beispielsweise nicht vor Ort ankommen.
Hier gibt es kaum Unterschiede zwischen MVZ und klassischen Niederlassungspraxen. Die Situation schwankt zwischen katastrophal und ziemlich unbefriedigend. Viele haben sich Material aber auch Plexiglaswände, etc. auf eigene Faust besorgt und wissen nicht, ob sie das jemals refinanziert bekommen.
 
Arztpraxen standen und stehen in finanzieller Not, trotz des Honorar-Schutzschirms für Praxen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte sich an Bundesarbeitsminister Heil gerichtet und die zunächst übliche Ablehnung von Anträgen auf Kurzarbeit und die konkrete Definition von Honoraren bemängelt. Wie sehen Sie die Situation für MVZ?
Exakt so. Bereits zwei Tage vor der KBV hatten wir in einer Pressemeldung vom 27. April unter der Fragestellung »Zynismus oder Ahnungslosigkeit?« scharf Stellung gegen den pauschalen Ausschluss von Arztpraxen vom KUG-Bezug bezogen.
 
Wurde Kurzarbeit von MVZ und GZ beantragt und wie sehen Sie die Zukunft im Bereich der Auslastung von MVZ?
Ja, es gibt Praxen und MVZ, die in Kurzarbeit gegangen sind. Denken Sie hier etwa an operierende Fachrichtungen, wo es – wie bei Dermatologen, Augenärzten oder in der Kleinchirurgie – oft nicht um Leben und Tod geht. Den betroffenen Ärzten sind ab Mitte März fast völlig die Patienten weggebrochen, weil alle Termine verschoben wurden. Dagegen werden Sie sicher kaum einen Hausarzt finden, der KUG beantragt hat. Generell gehen wir davon aus, dass sich die Patientenströme seit Mitte Mai normalisieren. Letztlich hängt das aber auch vom weiteren Infektionsgeschehen insgesamt ab.
 
Wie sehen Sie die Entschädigungsansprüche nach Infektionsschutzgesetz: Wurden von MVZ Ansprüche auf dieser Grundlage angemeldet und wie wurde mit diesen Verfahren?
Da es eine ganze Reihe MVZ gibt, die in der ein oder anderen Form von Quarantäneanordnungen betroffen waren, bestehen hier natürlich Ansprüche nach dem IfSG. Allerdings haben wir noch keine Rückmeldungen zur Abwicklung.
 
Videosprechstunden boomen – auch bei den Ärzten in den MVZ und GZ? Welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Es wird unterschätzt, wie viel Aufwand diese Kommunikationsform auch bedeutet. Die Zeitvorteile liegen klar beim Patienten hinsichtlich der Einsparung von Wege- und Wartezeit – für den Arzt ist es jedoch ‚nur‘ eine andere Art der Kommunikation, die nicht weniger Zeit kostet und vielleicht sogar noch mehr berufliche Erfahrung voraussetzt. Die Entscheidung, wann ein Patient doch in die Praxis kommen sollte, wird in vielen Fällen schwierig zu treffen sein; und was, wenn der Patient das anders sieht als der Arzt?
Bedeutet die Corona-Krise einen Schub in der Digitalisierung auch bei den MVZ? Welche Beispiele möchten Sie anführen?
Ja, die MVZ sind hier keine Ausnahme. Es ist an vielen Stellen und bei vielen Personen die große ›Hürde des ersten Mals‹ gefallen hinsichtlich digitaler Anwendungen – das wird nachhaltige Effekte haben. Folge wird sein, dass das bisherige Besondere zu Normalität wird – was nicht meint, dass der klassische Arzt-Patientenkontakt ersetzt wird. Nur, dass beide Formen – analog und digital –     als gleichermaßen normal nebeneinander existieren.
 
Wie planen sie als Bundesverband ihre eigenen Veranstaltungen? Planen Sie digitale Formate und wann gehen Sie mit diesen an den Start?
Natürlich müssen auch wir über Alternativen zum klassischen Arbeitstreffen nachdenken. Es ist ja über einen längeren Zeitraum mit massiver Unsicherheit zu rechnen, ob überregionale Treffen überhaupt durchführbar sind. Inhalte digital zu vermitteln ist vergleichsweise einfach. Wie wir jedoch mit der Netzwerkkomponente dieser Treffen umgehen, wie sich also der so wichtige persönliche Austausch organisieren lässt, daran arbeiten wir noch.
 
BMVZ-Vorsitzender Dr. Peter Velling schrieb unlängst, dass Corona nicht wieder weggeht. Wie glauben Sie, werden sich die MVZ in der kommenden Zeit aufstellen.
Die letzten Monate haben gezeigt, dass gerade MVZ, aber auch größere Berufsausübungsgemeinschaften (BAG)  mit ihren nicht-ärztlichen Verwaltungsfachleuten und Organisationsexperten besser, soll heißen professioneller durch die erste Phase gekommen sind. Und insbesondere auch in der Patientenversorgung vergleichsweise schnell gut aufgestellt waren, da, wie gesagt, die hohe Schlagzahl an Veränderungen den klassischen Einzelarzt schlichtweg überfordern musste. Dieser Vorteil gilt für alle weiteren Veränderungen.
 
Konkret: Wie bereiten sich MVZ auf eine neue Normalität vor und gibt es Planungen für eine mögliche zweite Welle an COVID-19-Erkrankungen?
Auf jeden Fall. Aber die Herausforderung bleibt ja, dass niemand weiß, was kommt. Die beste Vorbereitung ist somit eine allgemeine Bereitschaft und Möglichkeit, sich kurzfristig auf geänderte Umstände einstellen zu können. Hier haben es Ärzte in den MVZ aufgrund ihrer Größe sowie der häufigen Unterstützung durch eine nichtärztliche Verwaltung tendenziell leichter.   
 
Zuletzt: Welche Forderungen stellt der BMVZ an die Politik im weiteren Umgang mit der Corona-Krise? Was sind die Herausforderungen für MVZ im Gegensatz zu Einzel- und Gemeinschaftspraxen?
Nicht nachvollziehbar ist, weshalb der Schutzschirm für die ambulanten Ärzte nur auf die GKV-Einnahmen erstreckt wurde, während er für die extrabudgetäre Vergütung ins Ermessen der KVen gestellt wurde. Es hängt von der jeweiligen Region ab, wie stark der Honorarschutzschirm wirkt. Das ist meines Erachtens ein falsches Verständnis von Föderalismus. Alle Praxen, BAG und MVZ  brauchen eine Grundsicherheit für ihre Honorare, die momentan nicht gegeben ist. Auch, weil bisher nur zwei KVen erklärt haben, wie sie die Schutzschirmvorgaben regional umsetzen. Außer in Sachsen und Sachsen-Anhalt können Ärzte daher nur schlecht kalkulieren, was mit ihren Einnahmen wirklich passiert, da der Schutzschirm ihnen ja nur einen Kollektivanspruch auf die Gesamteinnahmen einer KV-Region gewährt. Was davon beim einzelnen Arzt ankommt, ist von den KVen zu entscheiden. Die warten aber offensichtlich auch erst mal ab. Die einzelne Praxis steht damit, trotz Schirm, weiter im Regen.


Suche nach der Praxis der Zukunft

In der KBV-Zukunftspraxis sammeln neue digitale Projekte Praxiserfahrung

Zehn digitale, medizinische Start-ups hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) Ende 2018 in ihrem Ideenwettbewerb ›KBV Zukunftspraxis‹ geehrt. Diese digitalen Anwendungen wurden mit Hilfe der KBV seit 2019 in den Praxisalltag nach und nach eingeführt – gerade launchten drei weitere Anwendungen.
 
Mit dem Projekt will die KBV herausfinden, wie eine sinnvolle Digitalisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland gestaltet werden kann. Unter den bereits eingeführten Programmen ist die App zur Hautkrebsfrüherkennung ›intellimago‹, die bekannte App zur Diagnose ›ada‹, aber auch eine Datenbrille namens ›XpertEye‹, die Informationen zwischen Pflegekräften und Ärzten schneller übertragen soll. Den ersten Praxisalltagstest machte ›Aaron.ai‹, ein KI-basierter Telefonassistent, der Anrufe in der Praxis entgegennimmt, wenn Medizinische Fachangestellte überlastet sind.
 
Über die Implementierung in den Praxisalltag konnten sich nun die weiteren Anbieter ›Idana‹, ›Klindo‹ und ›Red Medical‹ freuen. Während ›Idana‹ und ›Klindo‹ sich mit digitalen Fragebögen bei der Anamnese beschäftigen, wobei ›Klindo auf psychologisch-psychotherapeutische Praxen spezialisiert ist, fokussiert sich die KBV-zertifizierte Softwarelösung ›Red Medical‹ auf sichere Prozesse für Abrechnung, Dokumentation und praxisinternen Datenaustausch.
 
»Digitalisierung ist immer dann sinnvoll, wenn sie dem medizinischen Personal Arbeit abnimmt und den Bürokratieaufwand reduziert«, sagt KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. »Ob ›Klindo‹ und die anderen gestarteten Projekte dies leisten, wird der Praxistest zeigen.«
2022 möchte die KBV alle Projekte evaluieren.


Digitaler Anamnesebogen

Start-up ›Idana‹ hilft Corona-Patientenschnell ausfindig zu machen

Damit Ärzte möglichst genaue Informationen über ihre Patientinnen und Patienten erhalten, können diese vorab digitale Fragebögen von ›Idana‹ ausfüllen. Dabei sendet die Ärztin oder der Arzt einen Anamnesebogen dem Patienten zu. Dieser kann dann seine persönlichen Informationen entweder via Email von Zuhause aus oder während der Wartezeit in der Praxis auf dem Tablet ausfüllen.
 
Das Projekt wurde vom eHealth-Start-Up Tomes GmbH, welches sich 2016 gegründet hat, entwickelt. Mit Idana sollen Ärzte bei der Erhebung und Dokumentation der Anamnese unterstützt werden.
 

Dabei hilft die Idee des Start-ups gerade in der Corona-Zeit. Denn auf Grundlage der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts entwickelten im März die medizinischen Redakteure von Idana einen Fragebogen, mit dem Corona-Verdachtsfälle identifiziert und Covid-19-Patienten beobachtet werden können. »Für das Praxispersonal ist es eine Gratwanderung infizierte Patienten schnell ausfindig zu machen und gleichzeitig ›reguläre‹ Patienten und sich selbst vor einer Ansteckung zu schützen«, sagt Dr. Lucas Spohn, Gründer und Geschäftsführer der Tomes GmbH. Laut eigenen Angaben des Unternehmens sagte eine Arzt über Idana: »Sie können sich gar nicht vorstellen, was das in der aktuellen Pandemie-Zeit für eine Erleichterung ist. ›Idana‹ spart uns gerade mehr Zeit und Arbeit als wir es uns jemals hätten vorstellen können.«

Handlungsfelder für die Praxis der Zukunft

Joachim Deuser, Geschäftsführer Time pro med, im Interview

 
1. Praxisorganisation und Personaleinsatz
Unsere Erfahrung zeigt, dass der Veränderungsdruck in vielen Praxen hoch ist. Das wissen  wir nach über 500 Reorganisationsprojekten in den letzten 25 Jahren. Entscheidend ist, dass die Praxis konsequent auf die effektive Nutzung der ärztlichen Arbeitszeit ausgerichtet wird. Das bedeutet, eine Praxis so zu strukturieren, dass der Arzt sich voll und ganz auf die Medizin konzentriert und alles bürokratische, Patientenvorbereitung etc. an ein kompetentes Team delegiert. Der Praxisinhaber muss sich explizit um die internen Praxisprozesse und das Personalmanagement kümmern. Bei einer Zunahme der Patientenzahlen darf man nicht mit mehr Arztkapazität reagieren. Besser ist es, an der Organisation zu arbeiten. Wenn der Steuerberater den Praxisinhaber wegen zu hoher Personalkosten anspricht, bedeutet das in 95 Prozent aller Fälle nicht, dass Praxen zu viel Personal haben. Sondern dass der Umsatz je Mitarbeiterstunde zu gering ist und die Praxisorganisation dringend auf den Prüfstand sollte.
Unsere Erfahrung aus den letzten 25 Jahren Arbeit mit Praxen, ist, dass nahezu jeder Arzt pro Tag ein Zeitsparpotenzial von ein bis drei Stunden hat. Das ist ein gigantisches Potenzial an Produktivität, das die Praxen heben können. Das Motto muss lauten: Don´t work hard, work SMART. Das tut auch der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut.
 
2. Aktive Patientensteuerung
In den intensiven Phasen der Corona-Krise haben uns viele Anrufe und Mails von Praxisinhabern erreicht, die aufgrund der leeren Praxen verständlicherweise stark irritiert, wenn nicht gar entsetzt waren. Diese Situation war ihnen nach vielen Jahren mit teils überfüllten Wartezimmern verständlicherweise völlig fremd. Aber wir haben auch Anrufe von Klienten erhalten, die uns gerade jetzt sehr dankbar für unsere Empfehlung waren, die Patienten zu mindestens 99 Prozent zu steuern, was in allen Fachrichtungen bei kurzen Wartezeiten auch an 90 Prozent aller Arbeitstage definitiv möglich ist. Diese Praxen hatten bereits Mitte April nahezu dieselben Patientenzahlen wie im Vorjahreszeitraum. Konkret bedeutet das: Das wichtigste Instrument der Patientensteuerung ist der Terminplaner der Praxis. Und damit meine ich nicht Online-Terminplanung, sondern die Struktur des Planers. Der erste Schritt ist, sich zu überlegen: Wie viele Termine, genauer gesagt: wie viele Terminslots von welcher Terminart brauche ich eigentlich? Wieviel Sprechstundenkapazität muss ich eigentlich realistisch bereithalten? Interessanterweise konnte mir weder bei all den vielen Vorträgen, die ich in den letzten 20 Jahren gehalten habe, noch vor dem Beginn unserer Beratungen ein Praxisinhaber diese entscheidende Frage tatsächlich beantworten. Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend, denn darauf basiert letztendlich die Entscheidung, wieviel Arztzeit und wieviel Personal ich bereitstellen muss.
 
3. Praxismarketing
Für mich war erschreckend zu sehen, dass viele Praxisinhaber noch nicht einmal in Krisenzeiten den Patienten klar kommuniziert haben, dass sie in der Praxis sicherer sind als beim Einkauf im Supermarkt. Ein Schild, eine Anzeige in der Lokalzeitung oder wenigstens ein Hinweis auf der Praxiswebseite, was die Praxis tut, damit die Patienten sicher sind, haben viel zu wenige Praxen umgesetzt. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass unser Vorschlag für diese Art der Kommunikation, den wir bereits am 7. März auf unserer Webseite publiziert hatten, circa 1500 mal heruntergeladen wurden: https://praxismanager.de/corona/
 
Je wettbewerbsintensiver das Umfeld ist, desto mehr muss ich mich gerade jetzt um das Praxismarketing kümmern. Patientenservice ist jetzt mehr denn je ein Muss. Das fängt beim Onlineplaner an und hört bei der Webseite und der Suchmaschinenplatzierung noch lange nicht auf.
Spaßeshalber habe ich meinen Vater, Dr. med. Karl-Heinz Deuser – mittlerweile im Ruhestand – gefragt, was er angesichts einer leeren Praxis und beschäftigungsloser MFAs getan hätte. Die Antwort war wie erwartet: »Ich hätte meine Mitarbeiterinnen permanent Suchläufe mit der Praxis EDV machen lassen, um nach potenziellen DMPs, Vorsorgepotenzialen, IGeL-Potenzialen und so weiter zu suchen. Und dann hätten alle zehn MFAs permanent Patienten kontaktiert.« Das wäre ein guter Anfang, meine ich.
 
4. Permanentes Controlling
Für immer noch viel zu viele Praxisinhaber beschränkt sich das Controlling auf das vierteljährliche oder jährliche Gespräch mit dem Steuerberater. Das können sich viele Praxisinhaber schlicht nicht mehr leisten. Jeder Praxisinhaber sollte eine Statistik machen, in welcher er die für die Praxis wertvollen Leistungen auflistet. Die Daten sind meist direkt aus der Praxis-EDV verfügbar. Diese Zahlen müssen wöchentlich kontrolliert werden, ggf. muss dann das Leistungsspektrum, die Arztzeit-Kapazität, der Personaleinsatz und die Terminplanung angepasst werden. Kennzahlen können z.B. sein: Zahl der Vorsorgen, Zahl der Neupatienten, Zahl der HzV-Patienten, Einschreibequote bei HzV und DMP und vieles mehr. Bei IGeL-affinen Praxen können das auch Kennzahlen sein wie Anteil der GKV-Versicherten welche eine IGeL-Leistung wahrnehmen, durchschnittlicher IGeL-Umsatz je Nettopersonalstunde oder je Nettoarztstunde Letztlich hängen die Kennzahlen immer von den Zielen ab. So etwas kostet ein paar Minuten pro Woche, bringt aber viel Klarheit. Und man kann bei Fehlentwicklungen auch schnell gegensteuern.
 
5. Digitalstrategie
In der Praxis meiner Eltern hatten wir schon 1986 ein komplett elektronisches Krankenblatt und einen vollelektronischen Terminplaner. Die Potenziale der Praxis-EDV werden in den meisten Fällen nicht ausgenutzt. Für mich haben da auch die meisten Praxis-IT-Betreuer auf ganzer Linie versagt. Deren Geschäftsmodell teure EDV-Anlage samt Supportvertrag mit langer Laufzeit und wenig Service wird noch ein paar Jahre gut gehen und dann zusammenbrechen. Es ist eine Binsenweisheit bei der EDV-Einführung in einem Betrieb, dass Hard- und Software 50 Prozent kosten und die Anpassung des Systems auf die Bedürfnisse des Arztes nochmal 50 Prozent. Letzteres wurde meist damit erledigt, dass ein Servicemitarbeiter kommt und den Mitarbeiterinnen »mal eben zwei Stunden zeigt, wie´s geht«. Das war´s. Oft genug mussten wir den Praxismitarbeiterinnen zeigen, was ihre EDV alles kann. Und das wurde dann dankbar angenommen.
Nach meiner Erfahrung wurden die Anforderungen der DSGVO in 90 Prozent der Praxen allenfalls zu 5 Prozent umgesetzt. Für diese Praxen kann am 30. Juni 2020 das böse Erwachen kommen: Die KBV wird  mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) eine Richtlinie zur Datensicherheit in Arzt- und Zahnarztpraxen veröffentlichen, die für alle Praxen verbindlich ist. Angesichts der Tatsache, dass die Server von rund 20.000 Praxen direkt aus dem Internet zugänglich sind, ist das ein Weckruf. Und nicht erst, wenn die elektronische Patientenakte zum 1. Januar 2021 kommt, sind Praxen nach Meinung fast aller Experten für Datensicherheit auch ein lohnendes Ziel für Hacker: Ein Facebook-Profil hat einen Wert von 50 US Dollar. Eine Patientenakte hat auf dem Schwarzmarkt einen Wert von 150 US Dollar bis zu mehreren 1000 US Dollar. Hier müssen die Ärzte wie alle Unternehmer auch ihre Hausaufgaben machen. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens kommt. Derzeit belegen wir in Deutschland in dieser Disziplin den letzten Platz. Polen ist kürzlich an uns vorbeigezogen. Das BMG versucht zur Zeit unter Jens Spahn im Zeitraffertempo, die Versäumnisse der zehn Jahre davor zu kompensieren. Jetzt kommt es für die Verantwortlichen in den KVen und der Politik darauf an, Chancen und Risiken für die Ärzte gleichermaßen zu kommunizieren. Da besteht noch sehr viel Nachholbedarf. Die Veränderungen kommen, im Gesundheitswesen dauert es eben nur ein wenig länger. Wie in jedem Wirtschaftszweig wird es Gewinner und Verlierer geben. Aber auch Praxisinhaber sind in der Pflicht, sich der aktuellen Situation zu stellen und können nicht erwarten, dass die Politik sie vor allen gesellschaftlichen Entwicklungen schützt. Wie schon Goethe sagte: »Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt. Der Andere packt es an und handelt.«
Unser Job ist es, clevere, preiswerte Lösungen anzubieten, die Arzt und Team maximal entlasten und gleichzeitig für mehr Rechtssicherheit und Freude an der Arbeit sorgen. Und unsere Klienten können sich sicher sein, dass wir sie auch in punkto KBV-BSI-Richtlinie nicht im Regen stehen lassen.
 
www.praxismanager.de

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