Berlin-Chemie Newsletter vom 02. April 2020

Berlin-Chemie Newsletter vom 02. April 2020

Interview:
  • Wie können Start-ups im Gesundheitswesen gefördert werden?
EinBlick sprach mit Lina Behrens, Geschäftsführerin von Flying Health – einem Ökosystem für die Zukunft des Gesundheitswesens

Kurzstrecke:
  • Aus KOM-LE wird KIM
gematik setzt auf neuen Namen
  • Hilfen für Krankenhäuser und Ärzte
Bundesregierung brachte Gesetz innerhalb weniger Tage auf den Weg
  • Sichere Hilfsmittelversorgung
GKV-Spitzenverband veröffentlicht Empfehlungen
  • Suche nach Impfstoffen und Medikamenten
Weltgesundheitsbehörde verzeichnet intensive Forschungstätigkeit

Young Health:
  • Digitale Kompetenzen in der Medizin
Jana Aulenkamp sieht einfachere Prozesse und neue Informationen durch Digitalisierung

Meldungen:
  • Mental-Health in der Corona-Krise
Mehr Online-Sprechstunden in der Psychotherapie
  • #WirvsVirus
Hackathon der Bundesregierung suchte digitale Lösungen für Corona-Krise
  • EU-Kommission will bürokratischen Aufwand vermeiden
Zertifizierung von Medizinprodukten um ein Jahr verschoben
  • Angehörige von Demenzpatienten häufig unter Stress
Online-Tool »eDEM-Connect« soll beim Umgang mit Erkrankten helfen


Preis für Gesundheitsnetzwerker – ausgezeichnete Projekte 2020

Wie im letzten EinBlick angekündigt, wurde am 17. März der Preis für Gesundheitsnetzwerker vergeben.


Hier die Preisträger-Projekte mit der Entscheidung der Jury

1. Preis: HaffNet - Vernetzte Versorgung aus einer Hand
Der 1. Preis geht an die HaffNet Management GmbH für die »Vernetzte Versorgung aus einer Hand«, wie sie im Vertrag »Mein AOK-Gesundheitsnetz« seit Jahren erfolgreich vorangetrieben wird. Das HaffNet und die AOK Nordost versorgen dabei sektorübergreifend gut 7.000 Versicherte. Zusammen mit örtlichen Kliniken wurde mit Hilfe einer gemeinsamen digitalen Patientenakte das Einweisungs- und Entlassmanagement etabliert. Über definierte Qualitätskriterien werden die medizinischen Outcomes gemessen; die wirtschaftliche Evaluation erfolgt im Rahmen der Netzarbeit.

»Ein Leuchtturmprojekt mit Nachahmungsmöglichkeiten«, heißt es in der Jurybegründung: »Hier wurde eine jahrelange erfolgreiche Netzarbeit stetig inhaltlich und technisch auf der Höhe der Zeit weiterentwickelt. Das HaffNet hat damit Vorbildcharakter und nutzt gleichzeitig Elemente, die auch in anderen Regionen zur Verfügung stehen.»
 
2. Preis: MuM Bünde - SoMa-WL Wundmanagement
Mit dem 2. Preis wird das Projekt »SoMa-WL Wundmanagement« der Medizin und Mehr eG ausgezeichnet, bei dem Telemedizin im Bereich der Wundversorgung eingesetzt wird. Eine Case Managerin versorgt dabei die Patientinnen und Patienten vor Ort und kann über die elektronische Visite haus- oder fachärztliche Beratung hinzuziehen. Die Dokumentation erfolgt für alle nachvollziehbar in einer speziellen Praxissoftware. Die Ärzte haben somit jederzeit Einblick in den Heilungsverlauf, können steuernd eingreifen und sind am gesamten Behandlungsprozess beteiligt, ohne dafür lange Wegezeiten auf sich nehmen zu müssen. Die Behandlung kann damit zugleich patientenorientiert und ressourcenschonend erfolgen.

»Hier wurden die Rahmenbedingungen des Wundmanagements so gestaltet, dass alle Fälle des Netzes in kompetenter eigener Hand liegen. Die technische Unterstützung auf der Höhe der Zeit macht das Projekt nachhaltig und übertragbar«, begründet die Jury ihre Entscheidung.
 
3. Preis: MQW e. V. - TelemedNetz.SH
Der 3. Preis kürt das Projekt TelemedNetz.SH des Medizinischen Qualitätsnetzes Westküste (MQW), ein sektorübergreifendes Telemedizinnetz, das die Sektoren Pflege, Arztpraxis und Krankenhaus verbindet. In der strukturschwachen Region des Ärztenetzes MQW e. V. erfolgt dabei sowohl die Routine- und Akutbetreuung von Heimbewohnern als auch die Notfalltriage mit telemedizinischer Unterstützung. Möglich ist das durch eine umfangreiche telemedizinische Diagnostik, die so bislang einzigartig angeboten wird.

Die Jury hebt vor allem die umfangreiche Implementierung diagnostischer Möglichkeiten hervor, die sich perspektivisch auch noch erweitern lässt. „Damit werden die telemedizinischen Möglichkeiten weiter ausgebaut und praktisch eingesetzt“, so die Jurybegründung.

Weitere Informationen zum Kongress der Gesundheitsnetzwerker und
zum Preis für Gesundheitsnetzwerker finden Sie unter www.gesundheitsnetzwerker.de



Wie können Start-ups im Gesundheitswesen gefördert werden?

EinBlick sprach mit Lina Behrens, Geschäftsführerin von Flying Health   ­

 
 Lina Behrens

 ist Geschäftsführerin von Flying Health – einem Ökosystem für die Zukunft des
 Gesundheitswesens. Die gebürtige Bremerin hat viele Jahre im Ausland gelebt und
 unter anderem für die Boston Consulting Group im Gesundheitsteam in England gearbeitet.

 Lina Behrens ist zudem stellvertretende Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Startups.





Frau Behrens, welche finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten können Start-ups im Gesundheitswesen erhalten?

Lina Behrens: Wenn ein Unternehmen noch ganz am Anfang steht, sind staatliche Förderprogramme eine gute Möglichkeit. Ein anderer Weg können Inkubatoren sein, die oft auch ihr Netzwerk und Know-how zur Verfügung stellen. In einer späteren Phase wählen Start-ups meist den Weg einer Finanzierungsrunde durch Venture Capital Fonds.

Was für Hilfe, neben Geldmittel, können Start-ups noch in Anspruch nehmen?

Lina Behrens: Es existieren verschiedene inhaltliche Programme, die entweder auf Gründungen allgemein oder speziell auf Digital Health fokussiert sind. Start-ups sollten dabei schauen, was zu ihnen und ihrer Zielgruppe passt. Beispielsweise gibt es strukturierte Inkubator-Programme, bei denen der Fokus konkret auf Gründungen im Digital Health Bereich liegt. Auch viele internationale Firmen, beispielsweise im Pharmabereich, bieten Programme für Digital Health Start-ups an. Außerdem finden Camps im Sommer speziell für Gründer und Gründerinnen statt. Bei Flying Health unterstützen wir Start-ups unter anderem im Bereich des Markteintritts.

Was müssen Gründerinnen und Gründer mitbringen, um eine Förderung zu erhalten?

Lina Behrens: BJedes Programm hat unterschiedliche Anforderungen. Staatliche Förderprogramme veröffentlichen dazu die jeweils notwendigen Voraussetzungen online. Eine gute Anlaufstelle sind die Wirtschaftsförderungen, für Berlin ist das zum Beispiel Berlin Partner, die vom Berliner Senat mitgetragen werden. Firmen suchen Start-ups meist über Ausschreibungen, teils allgemein im Digital Health Bereich, teils zu spezifischen Themen. Wir sehen außerdem, dass Unternehmen im Gesundheitswesen oft erfolgreich sind, wenn sich im Gründerteam verschiedene berufliche Hintergründe vereinen – wenn beispielsweise eine Person mit medizinischem oder wissenschaftlichem Hintergrund gemeinsam mit einer Person aus der Wirtschaft gründet.

Warum sollten mehr Start-ups Förderungen im Gesundheitswesen erhalten?

Lina Behrens: Start-ups sind oft Treiber von Innovationen. Sie sehen Probleme und lösen sie auf ganz neue Art und Weise – und das häufig schneller, als es innerhalb einer großen Firma möglich wäre.

Welchen Vorteil erhalten Patientinnen und Patienten dadurch?

Lina Behrens: Start-ups agieren meist nah an Patientinnen und Patienten. Oft werden diese von Personen gegründet, die selbst betroffen sind oder waren. Start-ups denken typischerweise lösungsorientiert und stellen den Nutzen für die Patientinnen und Patienten in den Vordergrund. Dabei ist es natürlich umso wichtiger, dass die Lösungen zertifiziert und evidenzbasiert sind – wie wir es auch vermehrt im Digital Health Bereich sehen.
 


 

Kurzstrecke

 

Aus KOM-LE wird KIM

gematik setzt auf neuen Namen

Die gematik GmbH führt einen neuen Namen ein: Die ehemalige Fachanwendung »Kommunikation mit Leistungserbringern« (kurz: KOM-LE) wird nun in »Kommunikation im Medizinwesen« (kurz: KIM) unbenannt. Damit betont die gematik die Offenheit für alle Nutzergruppen.
 
Der alte Name bezog sich ausschließlich auf Personengruppen, die mit den Krankenkassen in der Versorgung zusammenarbeiten. Das sind unter anderem Vertragsärzte, Krankenhäuser, Hersteller von Arzneimitteln oder Apotheken. »Das gehört definitiv der Vergangenheit an«, sagt gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken zur Namensänderung.
 
Mit dem Namen «Kommunikation im Medizinwesen« will die gematik alle Nutzergruppen im Gesundheitswesen ansprechen. Über KIM können künftig sensible Dokumente, wie Befunde, Röntgenbilder oder Abrechnungen über ein sicheres E-Mail-Verfahren untereinander ausgetauscht werden. Es steht allen offen, die an der Patientenversorgung beteiligt sind und miteinander kommunizieren wollen.              

Hilfen für Krankenhäuser und Ärzte

Bundesregierung brachte Gesetz innerhalb weniger Tage auf den Weg

Um die Gesundheitsversorgung in Deutschland weiterhin sicherzustellen, hat die Bundesregierung finanzielle Maßnahmen für Krankenhäuser und Ärzte und Ärztinnen entwickelt. Zum einen erhalten Krankenhäuser einen finanziellen Ausgleich für verschobene planbare Operationen und Behandlungen.
 
Weiter erhalten Kliniken aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds 50.000 Euro
pro neu geschaffenes Intensivbett. Um Mehrkosten, wie zum Beispiel persönliche Schutzausrüstung zu bezahlen, können Kliniken 50 Euro für jeden neuen Patient oder jede neue Patientin beantragen. Außerdem erhöht sich der vorläufige Pflegeentgeltwert um rund 38 Euro auf 185 Euro pro Tag.
 
Zum anderen will die Bundesregierung auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeuten und -therapeutinnen unterstützen. Sie sollen die Mehrkosten ausgeglichen bekommen, die sie durch die Versorgung von Corona-Patienten haben. Dies soll durch eine zeitnahe Anpassung der Honorarverteilung geschehen.

Sichere Hilfsmittelversorgung

GKV-Spitzenverband veröffentlicht Empfehlungen

Der GKV-Spitzenverband hat in Abstimmung mit den Verbänden der Krankenkassen Empfehlungen zur Sicherung der Hilfsmittelversorgung während Covid-19 veröffentlicht. Hilfsmittel sind unter anderem Hörgeräte, Brillen oder Rollstühle. Dadurch soll die Versorgung erleichtert und aufrechterhalten werden.
 
Ist beispielsweise ein persönlicher Kontakt zur Anpassung eines Rollstuhles nicht zwingend notwendig, soll die Übergabe von Hilfsmitteln an Patientinnen und Patienten möglichst ohne diesen geschehen. Diese können vorrangig versendet werden. Auch müssen Patientinnen und Patienten die Annahme nicht unterschreiben. Können Versicherte ihre Hilfsmittel nicht fristgerecht zurücksenden, sehen die Krankenkassen zunächst von Sanktionen ab. Außerdem wird die Frist von Abrechnungen um sechs Monate verlängert. Zusätzlich können nicht aufschiebbare Versorgungen auch ohne Vorliegen einer vertragsärztlichen Verordnung beginnen. Die Empfehlungen gelten zunächst bis zum 31. Mai.

Suche nach Impfstoffen und Medikamenten

Weltgesundheitsbehörde verzeichnet intensive Forschungstätigkeit

Weltweit forschen mindestens 58 Institutionen und Unternehmen an einem Impfstoff zur Bekämpfung von SARS-CoV-2. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt 54 Projekte, hinzukommen mindestens vier weitere Unternehmen, die die WHO bis jetzt noch nicht erfasst hat.
 
Die Akteure nähern sich dem Impfstoff auf unterschiedliche Art und Weise. Die meisten Projekte können dabei in drei Kategorien erfasst werden: Impfstoffe mit Vektoviren – das bedeutet, dass die Forscherinnen und Forscher Viren nutzen, die sich in Menschen vermehren, ohne eine Erkrankung auszulösen. Die zweite Möglichkeit sind Totimpfstoffe mit Proteinen des Virus. Und schließlich gibt es die Möglichkeit genbasierter Impfstoffe, bei denen der Impfstoff ausgewählte Gene des Virus enthält.
 
Die Tübinger Biotechfirma Curevac will mit einer Förderung von bis zu 80 Millionen Euro durch die EU-Kommission ihre Produktion deutlich ausbauen. Ihren Fokus legt das Unternehmen derzeit auf die Entwicklung eines Impfstoffes auf Basis ausgewählter Gene des Virus.
 
Neben der Suche nach einem Impfstoff wird auch an Medikamenten gegen die Corona-Krankheit Covid-19 geforscht. Im Fokus stehen hier Arzneimittel, die schon gegen eine andere Krankheit zugelassen oder sich in der Entwicklung befinden. Sie umzufunktionieren kann schneller gelingen als eine grundständige Neuentwicklung eines Wirkstoffes. So werden derzeit eine Reihe vorhandener Medikamente auf ihre Eignung geprüft.  ­


    
young health

Digitale Kompetenzen in der Medizin
 

 
 Jana Aulenkamp

 ist Ärztin und Doktorandin an der Ruhr-Universität Bochum. Während ihres Medizinstudiums
 war sie bis 2018 Präsidentin der Bundesvertretung der  Medizinstudierenden in
 Deutschland e. V. (bvmd). Außerdem lehrt sie an der Fachhochschule in Ravensburg-
 Weingarten zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen.
 Sie ist Gründungsmitglied von Hashtag Gesundheit e. V.




 

Welche digitalen Kompetenzen benötigen Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2020?
 
Jana Aulenkamp: Es gibt einige Basic-Kompetenzen, die Ärztinnen und Ärzte brauchen. Auf der einen Seite sollten sie Grundlagen zum Informationsmanagement und zum Datenaustausch kennen – sie sollten Fragen beantworten können, wie »was heißt überhaupt Schnittstelle?« oder »was ist eigentlich Machine-Learning?«. Auf der anderen Seite sollte sich das ärztliche Personal anwendungsbezogenes Wissen aneignen. Sie müssen verstehen, wie eine medizinische App funktioniert, damit sie darüber mit Patientinnen und Patienten sprechen können.

Welche digitalen Möglichkeiten sind in Zeiten von Corona sinnvoll?
 
Jana Aulenkamp: Endlich werden Videosprechstunden genutzt. Aber auch Tagebücher, in denen Patientinnen und Patienten Informationen über sich eintragen und diese mit der Ärztin oder dem Arzt teilen können, haben ihre Berechtigung. Online-Therapie ist sinnvoll, solange sie mit ärztlicher Begleitung durchgeführt wird. Keiner sollte sich selber alleine behandeln. 

Wie kann sich ärztliches Personal im Hinblick auf digitale Kompetenzen weiterbilden?
 
Jana Aulenkamp:  Für Medizinstudierende entwickeln wir gerade in der Arbeitsgruppe digitale Kompetenzen im Rahmen des Medizinstudiums 2020 einen Lernzielkatalog für die digitalen Basics. Ansonsten bieten die Ärztekammern der einzelnen Länder Weiterbildungsseminare dazu an.
 
Warum ist Digitalisierung in der Medizin sinnvoll? 

Jana Aulenkamp: Digitalisierung kann, wenn sie ethisch und technisch sinnvoll eingesetzt wird, Prozesse vereinfachen, Ressourcen sparen und neue Informationen zur Verfügung stellen, die wir vorher noch nicht hatten. Wenn Patientinnen und Patienten beispielsweise ihre Blutdruckwerte regelmäßig online übersenden, können Ärztinnen und Ärzte viel schneller eingreifen. Außerdem können wir durch digitale Kommunikation mit Menschen über die Ferne zusammenarbeiten.
 
Was sind die Vor- und Nachteile der digitalen Transformation für Patientinnen und Patienten
 
Jana Aulenkamp: Die Menschen können sich mehr informieren. Das kann zwar gut sein, führt aber häufig auch zu Fehlinformationen. Bei einigen Patientinnen und Patienten entsteht dadurch eine Anspruchshaltung – sie meinen, sie wüssten, welche Therapie für sie sinnvoll ist, weil sie es gegoogelt haben.
Schön ist hingegen zu sehen, dass durch neue digitale Anwendungen sich Bürgerinnen und Bürger viel mehr mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen. Eine Smartwatch kann da zum Beispiel eine nette Spielerei sein, um den eigenen Puls zu messen.



Meldungen


Mental-Health in der Corona-Krise

Mehr Online-Sprechstunden in der Psychotherapie

Seit Mitte März dürfen Psychotherapeuten und -therapeutinnen ihren Patientinnen und Patienten vermehrt die Video-Sprechstunde anbieten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband (GKV-SV) einigten sich darauf, die bestehenden Einschränkungen aufzuheben. Auch Initiativen und Start-ups setzen auf digitale Angebote gegen Depression in der Corona-Krise.

Normalerweise sind der Umfang der Video-Therapiegespräche auf 20 Prozent begrenzt. Durchschnittlich dürfte folglich nur jeder fünfte Patient ausschließlich per Video ohne persönliche Präsenz behandelt werden. Doch aufgrund der aktuellen Covid-19-Situation empfehlen GKV-SV und KBV nur noch in medizinisch dringenden Fällen die Patienten und Patientinnen in Praxen zu behandeln. Die Video-Sprechstunde ist ab sofort auch bei denjenigen möglich, die zuvor noch nicht in Therapie waren. Diese Möglichkeit ist zunächst bis zum 31. Mai beschränkt. Danach prüft die kassenärztliche Bundesvereinigung mit den Krankenkassen, ob eine Verlängerung erforderlich ist.

Weiter offerieren einige Initiativen und Start-ups kostenlose, digitale Angebote.
Das Online-Programm »iFightDepression« der deutschen Depressionshilfe soll den Alltag strukturieren und Betroffene beim eigenständigen Umgang mit Symptomen einer Depression unterstützen. Das Programm ist für Menschen mit einer leichten Depressionsform ab 15 Jahren erhältlich. Grundsätzlich wird es nur mit einer ärztlichen Behandlung herausgegeben. Doch da Ärztinnen und Ärzte an ihre Belastungsgrenzen stoßen, ist das Programm für sechs Wochen auch ohne Begleitung zugänglich.
 
Die Tele-Psychotherapie-Startups HelloBetter und Selfapy bieten derzeit unabhängig voneinander Programme für die psychische Unterstützung der Corona-Krise an. »Wir haben vergangene Woche ein Online-Programm veröffentlicht, das Menschen im Zuge der Corona-Krise psychologische Unterstützung im Umgang mit Quarantäne, Stress, Angst und Einsamkeit bietet«, sagt Farina Schurzfeld, Mitgründerin von Selfapy. Das Angebot steht bundesweit kostenlos zur Verfügung. 

#WirvsVirus

Hackathon der Bundesregierung suchte digitale Lösungen für Corona-Krise

Die Bundesregierung rief Anfang März zum bundesweiten Hackathon gegen das Corona-Virus auf. Ziel war es, neue Ideen und Projekte zu entwickeln, die jetzt zur Bewältigung der Covid-19-Krise beitragen können. Der Aufruf richtete sich an lösungsorientierte Menschen aus der Tech- und Kreativbranche, aber auch sozial engagierte Bürgerinnen und Bürger.

Der digitale Wettbewerb war ein Erfolg: Über 42.000 Menschen meldeten sich an und knapp 3.000 Mentorinnen und Mentoren standen über 28.000 Teilnehmenden zur Verfügung. Die Teams arbeiteten vom 20. bis 22. März Tag und Nacht, um ihre Ideen auszuarbeiten. Daraufhin prüfte ein Auswahlteam und eine Jury die fast 3.000 abgegebenen Ideen auf ihren gesellschaftlichen Mehrwert, Verständlichkeit und Fortschritt. Die Projekte sind in die Sektoren Gesundheit, Ernährung, Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und Fürsorge aufgeteilt.
 
Die Veranstalter zeichneten 20 digitale Projekte aus. Darunter befindet sich unter anderem das »digitales Wartezimmer« zur Optimierung von Terminvergaben von Fachärzten, »Coronav«, das die Notruf-Hotlines entlasten soll und »U:DO«, das beim Antrag auf Kurzarbeitergeld hilft. In den nächsten Wochen werden die Ideengeberinnen und Ideengeber der einzelnen Projekte von Mentorinnen und Mentoren weiterhin unterstützt. »Bei vielversprechenden Projekten übernehmen wir auch gerne die Patenschaft«, sagte Digitalstaatsministerin Dorothee Bär bei der Vorstellung der Projekte. Die Bundesregierung werde dafür auch Mittel bereitstellen.

»Die Bereitschaft dabei mitzuarbeiten war überwältigend«, freute sich Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramtes. »Unser Hackathon #WirvsVirus war der bisher größte Hackathon, der weltweit stattgefunden hat.« Der bundesweite digitale Wettbewerb wurde gemeinsam von der Bundesregierung und sieben sozialen Initiativen veranstaltet: Tech4Germany, Code for Germany, Initiative D21, Impact Hub Berlin, ProjectTogether, Prototype Fund und SEND e. V. Das Bundeskanzleramt und der Digitalrat unterstützen das Projekt.

Nach dieser erfolgreichen Veranstaltung hat nun auch die weltweite Tech-Community dazu aufgerufen, an ihrem #BuildforCOVID19 Hackathon teilzunehmen. Neben Fachleuten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beteiligen sich daran das soziale Netzwerk Facebook, der Computerhersteller Microsoft und der Nachrichtendienstleister Slack.

EU-Kommission will bürokratischen Aufwand vermeiden

Zertifizierung von Medizinprodukten um ein Jahr verschoben

Die Europäische Kommission will die Zertifizierung von Medizinprodukten um zwölf Monate verschieben. So soll in der aktuellen Krise weiterer bürokratischer Aufwand bei der Herausgabe medizinischer Geräte und Schutzausrüstungen vermieden werden. Bis Anfang April will die EU-Kommission den nationalen Gesetzgebern einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten. Die Normen für bestimmte Medizinprodukte hat die Kommission ebenfalls geändert.

Damit tritt die Verordnung über Medizinprodukte erst 2021 in Kraft. Sie sah vor, dass ab Ende Mai nur noch besonders zertifizierte Medizinprodukte auf den Markt dürfen. Dies war eine Konsequenz des Brustimplantate-Skandals von 2010.

Darüber hinaus hat die EU-Kommission neue harmonisierte Normen beschlossen, um beispielsweise die Versorgung von medizinischen Gesichtsmasken, Desinfektionsgeräten, Operationsabdecktüchern oder Mänteln und Schutzkleidung sicherzustellen. Diese Normen sollen schneller und kostengünstiger sein.

»Wir dürfen bei unserem Kampf gegen das Coronavirus keine Sekunde verlieren. Mit den heute von uns ergriffenen Maßnahmen können sichere und lebenswichtige medizinische Geräte und Schutzausrüstungen wie Masken und OP-Kleidung viel schneller auf den EU-Markt gelangen«, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. »Auf diese Ausrüstung sind die mutigen und unermüdlichen im Gesundheitswesen tätigen Frauen und Männer angewiesen, damit sie weiter Leben retten können.«

Der Beschluss ist eine weitere Maßnahme der Kommission als Reaktion auf den Ausbruch des Coronavirus. Nach einem dringenden Appell der Kommission haben das Europäische Komitee für Normung (CEN) und das Europäische Komitee für elektrotechnische Normung (Cenelec) in Abstimmung mit allen ihren Mitgliedern zahlreiche europäische Normen für bestimmte Medizinprodukte und persönliche Schutzausrüstungen verfügbar gemacht. 

Angehörige von Demenzpatienten häufig unter Stress

Online-Tool »eDEM-Connect« soll beim Umgang mit Erkrankten helfen

Eine Online-Plattform soll künftig pflegende Angehörige von Demenzpatienten unterstützen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke entwickeln dazu das chatbotbasierte Tool »eDEM-CONNECT«. Das Projekt wird über drei Jahre mit 2,3 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

In Deutschland leben rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Rund 80 Prozent der Erkrankten werden von ihren direkten Angehörigen versorgt. Doch diese sind oft auf sich alleine gestellt. Eine besondere Herausforderung stellt für sie die sogenannte Agitation der Demenz-Patienten dar. Das bedeutet, dass die Patientinnen und Patienten unruhig werden, weglaufen oder gereizt und aggressiv auftreten. Außerdem stellen Betroffene häufig wiederholt Fragen oder lehnen Hilfe gänzlich ab. Das Projekt »eDEM-Connect« will Informationen zu dem Thema Agitation bündeln und so den Angehörigen eine Hilfe im Umgang mit den Erkrankten bieten.

An dem Projekt arbeiten pflegende Angehörige mit Expertinnen und Experten eng zusammen. »Ein derartiger, nutzerinnenzentrierter Ansatz gewährleistet, dass wir die Bedürfnisse pflegender Angehöriger in Bezug auf digitale Lösungen in die Entwicklung direkt einfließen lassen können«, erklärte Prof. Dr. Margareta Halek, die am Lehrstuhl für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke arbeitet und die Verbundkoordination übernimmt. »Ist dies nicht der Fall, sehen wir oft, dass Technologien kaum genutzt werden, da sie nicht zielgruppengerecht sind.«

An »eDEM-CONNECT« beteiligen sich verschiedene Institutionen und Einrichtungen. Maßgebliche Unterstützung erhält es durch das Netzwerk Demenz Witten - Wetter - Herdecke und die Alzheimer Gesellschaft Hattingen und Sprockhölvel e. V. Ferner sind sechs weitere Partner an der Durchführung beteiligt. Dazu gehören das Fraunhofer ISST Dortmund, das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Witten, der Lehrstuhl Mobile Multimediale Informationssysteme der Universität Rostock, das Institut für Pflegeforschung, Gerontologie und Ethik der Evangelischen Hochschule Nürnberg, die Ergosign GmbH sowie die YOUSE GmbH.

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