Diabetikerschulung

11.12.08 - Interview mit Dr. med. Dr. Univ. Rom Andrej Zeyfang, Urheber von SGS

Keine Verlängerung der Lebenszeit, sondern Verlängerung der Lebenszeit mit Lebensqualität

Herr Dr. Zeyfang, 2 Jahre strukturiertes Schulungsprogramm für geriatrische Patienten: Nahezu 1500 Teilnehmer haben bislang an den SGS-Ausbildungsseminaren für Diabetologinnen und Diabetologen und Diabetesberaterinnen und –berater teilgenommen. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Natürlich bin ich positiv überrascht und sehr angetan. Die SGS hat zu Recht großen Zuspruch und weite Verbreitung gefunden, da es ein außergewöhnliches Programm ist. Wir haben eine absolute Lücke geschlossen, denn es gab vorher kein Schulungsprogramm, das sich Gedanken darüber gemacht hat, wie man der enormen Anzahl von älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes gerecht werden könnte. Man hat im Prinzip Schulungsprogramme, die für junge Menschen entwickelt wurden, unreflektiert auf den alten Menschen angewendet. Das war natürlich nicht erfolgreich und hat niemanden genützt.

Für welche Patienten ist das SGS geeignet?

Die SGS ist generell für alle Diabetiker über 80 Jahre geeignet, aber auch für jüngere Diabetiker ab 65 Jahre, die bereits multimorbide sind, also gleich unter mehreren Krankheiten leiden und zum Beispiel Funktionsstörungen wie Einschränkungen beim Gehen oder beim Denken aufweisen.

Müssen ältere Menschen denn überhaupt geschult werden?

Es ist wirklich so, dass man ältere Menschen bisher vernachlässigt hat, weil man ihnen keine Schulung zugetraut hat. Ich bin nicht nur Diabetologe, sondern auch Altersmediziner und habe die Erfahrung gemacht, dass sehr viele ältere Menschen sehr wohl bereit sind, viel Energie und Zeit zu investieren, um ein gesundes Altern zu erleben. Dabei geht es nicht um das Verlängern der Lebenszeit, sondern um das Verlängern der Lebenszeit mit Lebensqualität. Die älteren Menschen wollen ihre Selbstständigkeit bewahren. Für dieses Ziel sind sie bereit zu lernen. Niemand will an Demenz oder Harninkontinenz leiden oder gar bettlägerig werden und jeder will sich möglichst körperlich und geistig fit fühlen.

Spielen für Sie auch die Kosten bei der Frage nach einer Schulung eine Rolle?

Ältere Menschen mit Diabetes verursachen sehr hohe Krankheitskosten, wenn sie nicht dazu in der Lage sind, zu ihrem Gesunderhalt beizutragen. Dabei geht es nicht um langfristige Folgeerkrankungen, sondern es geht um näherliegende Probleme, zum Beispiel um Schlaganfall oder das diabetische Fußsyndrom. Der Patient muss um den Problembereich Fuß wissen, denn es ist eine klassische Alterserkrankung. Aber es geht natürlich auch um Ernährung. Dem Patienten muss erklärt werden, dass er sich nicht mit speziellen Diätprodukten plagen muss, sondern dass er sich gesund und abwechslungsreich ernähren soll.

Was ist das Besondere an SGS – warum reichen konventionelle Schulungen nicht aus?

SGS richtet sich von den Inhalten und von der Didaktik her ganz speziell an den älteren Menschen. Konventionelle Schulungsprogramme legen großen Wert auf Wissensvermittlung, z. B. den Mechanismus der Insulinwirkung und -freisetzung. Das ist schon für junge Leute manchmal schwer zu verstehen. Für den älteren Menschen stellt das einen überflüssigen Ballast in einer Schulung dar. Diese Inhalte haben wir deshalb herausgenommen. Wir haben in der SGS komplett auf Fremdwörter verzichtet und damit den Inhalt für den älteren Menschen einfacher und verständlicher gestaltet. Die Beispiele, anhand derer gelernt wird, sind aus dem Alltag der älteren Menschen. Unsere Motivation und unsere Empowerment-Vermittlung zielt nicht auf Abstraktes ab wie Folgeerkrankungen in 10 Jahren, sondern auf die Verbesserung der momentanen Lebenssituation: weniger Schwindelgefühl haben, das Gedächtnis verbessern zu können oder weniger Stürze zu erleben. Das versteht der ältere Mensch sofort, das macht Mut, das motiviert.

Gibt es thematische Unterschiede bei der Schulung jüngerer und älterer Diabetiker?

Bei jüngeren Menschen ist zum Beispiel Übergewicht das Hauptproblem, deshalb zielen die Schulungsprogramme alle auf das Thema Gewichtsreduktion ab. Beim alten Menschen haben wir oft sogar das Gegenteil. Er ist in einer Lebensphase, in der er gegen das Gebrechlich-werden ankämpft. Die richtige Kaloriendichte und gesunde Ernährung müssen also einen zentralen Punkt darstellen.

Wie sieht eine Unterrichtseinheit der SGS aus?

Nicht nur die Inhalte sind auf die Wünsche und Ziele des alten Menschen abgestimmt, sondern auch die Didaktik der SGS ist seniorengerecht. Es gibt einen Leitfaden, der vorgibt, dass die Inhalte der 7 Unterrichtseinheiten so gegliedert werden, dass das Gespräch im Vordergrund steht.
Es wird in Kleingruppen von 4 – 6 Personen gearbeitet und die Patienten werden aufgefordert unter Moderation ihre Erfahrungen untereinander auszutauschen. Damit findet ein Lernen auf Augenhöhe statt. Das ist etwas ganz neues, was die anderen Schulungskonzepte so nicht vorsehen. Die erste Viertelstunde der 45-minütigen Unterrichtseinheit ist ein Wiederholen der Lerninhalte der vorhergehenden Stunde. Diese Wiederholung findet in der Diskussion untereinander statt. Die nächste Viertelstunde ist die Wissensvermittlung der neuen Inhalte und die letzte Viertelstunde ist wieder eine Wiederholung des eben Gelernten – es gibt also sehr viele Wiederholungselemente und dazu viele Praxiselemente.

Gibt es bereits einen Nachweis für den Erfolg der SGS?

Wir haben eine Evaluationsstudie durchgeführt mit Patienten, die über 65 Jahre alt und multimorbide waren, in welcher die SGS mit einem etablierten Schulungsprogramm verglichen wurde. Die Evaluation zeigte, dass die SGS ebenbürtig ist und mit ihr eine signifikante HbA1c-Senkung erreicht werden kann. Wir konnten signifikante Lernerfolge, den Rückgang von Unterzuckerungen und eine Verbesserung der Selbstmanagementfähigkeit, also eigenständig Insulin spritzen und Blutzuckermessen, feststellen. Die Studie wird in der international renommierten Zeitschrift „Age and Aging“ publiziert.

Sie haben an der Leitlinie Diabetes im Alter der DDG mitgearbeitet. Wie ergänzen sich die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Geriatrie und die SGS?

25 – 33 % der älteren Menschen haben ein metabolisches Syndrom, das heißt jeder Vierte über 75 Jahren ist betroffen. Im Jahre 2002 wurde die Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Geriatrie in der DDG gegründet, die ich seither leite. Wir haben verschiedene Projekte, aber eines der wichtigsten Ziele war die evidenzbasierte Leitlinie „Diabetes im Alter“. Diese wurde 2004 publiziert. Gleichzeitig wurde in der AG das Thema ältere Patienten und die zur Verfügung stehenden ungeeigneten Schulungen aufgegriffen. Ein Arbeitskreis bestehend aus Diabetologen, Diabetesberatern, Geriatern, Altenpflegekräften, Pädagogen und Psychologen hat dann die SGS entwickelt. Von Anfang an wurden wir von der DDS und der Fa. Berlin-Chemie unterstützt, wodurch die Entwicklung der SGS erst möglich wurde – dafür an dieser Stelle herzlichen Dank.
Natürlich ging die Leitlinienarbeit und die SGS Hand in Hand. Das heißt alle Vorgaben und Aussagen der SGS basieren auf den modernen Erkenntnissen der evidenzbasierten Leitlinie.

Wie geht es weiter, was werden die nächsten Schritte sein?

Ursprünglich war geplant, dass die Seminare zur Ausbildung der Ärzte und Diabetesberater komplett im Jahr 2007 durchgeführt werden. Da die Nachfrage so hoch war, hatte BERLIN-CHEMIE beschlossen, auch im Jahr 2008 weiterhin Ausbildungsseminare durchzuführen, damit noch mehr Multiplikatoren zur Verfügung stehen und noch mehr Patienten davon profitieren können. BERLIN-CHEMIE wird auch im Jahr 2009 weiterhin Seminare anbieten. Weiterhin haben wir jetzt auch Anfragen von verschiedenen Krankenkassen bekommen, die SGS außerhalb des DMPs durchführen wollen, weil sie erkannt haben, wie wichtig der Stellenwert einer strukturierten Schulung gerade für ältere Menschen mit Diabetes ist.
Zudem versuchen wir stets die SGS auf dem neuesten Stand zu halten. SGS ist keine statische Sache, sondern befindet sich in einem positiven Weiterentwicklungsprozess. - Sie dürfen gespannt sein.

Herr Dr. Zeyfang, vielen Dank für dieses Interview!