Diabetikerschulung

12.11.08 - Interview mit Ulrike Lauschke

Ältere Diabetiker sind mit Begeisterung dabei

Zwei Jahre strukturierte Schulung für geriatrischer Patienten mit Diabetes (SGS)

Ältere Menschen mit Diabetes brauchen eine spezielle Diabetesschulung. Am Kaiser Auguste Victoria Krankenhaus in Aßlar bei Gießen setzen der Diabetologe Dr. Rolf Göbel und die Diabetesassistentin Ulrike Lauschke seit zwei Jahren auf die strukturierte Schulung ihrer älteren Diabetiker mit dem SGS-Schulungsprogramm. Etwa 20 ältere Patienten werden dort monatlich mit dem SGS-Programm geschult. Wir sprachen mit Ulrike Lausche über ihre Erfahrungen.

Frau Lauschke, was sind die gravierendsten Probleme älterer Diabetiker?

Es fällt ihnen schwer, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren. Während der Schulung muss man deshalb vermehrt Pausen einlegen. Die Patienten machen mit ganz viel Freude mit, sie wollen auch immer eine Wiederholung haben. Es ist aber wirklich so, dass man von der Konzentrationsfähigkeit Abstriche machen muss. Das habe ich mir am Anfang auch nicht so vorgestellt. Womit die meisten älteren Patienten auch Probleme haben sind Mobilität und Motorik. Ich lasse sie deshalb viel praktisch üben. Man merkt aber schon, dass z.B. das Zusammenschrauben eines Pens mitunter schon ein echtes Problem ist.

Warum „lohnt“ es sich trotz der vielen einschränkenden Faktoren, auch und gerade Ältere zu schulen?

Ältere Menschen sind ein sehr dankbares Klientel. Sie sind von ihrer Art her sehr diszipliniert. Sie haben zum Teil noch die harten Kriegsjahre mitgemacht und haben zu vielen Dingen noch eine ganz andere Einstellung. Sie wollen geschult werden. Nur weil ein Mensch älter ist, kann man nicht sagen, dass sich das nicht mehr lohnt. Sie haben ein eigenes Interesse daran, die Zusammenhänge zu verstehen. Und sie haben auch ein ganz großes Interesse daran, ihre Selbständigkeit, soweit sie sie noch haben, zu erhalten. Ich arbeite sehr gerne mit älteren Menschen und finde auch, dass das eine sehr dankbare Aufgabe ist, weil sie für alles, was sie selbst können, ganz viel Positives zurückgeben. Das allein ist schon ein Grund, warum sich die Schulung lohnt. Klar hat man andere Normalwerte und man legt auch den Schwerpunkt auf andere Dinge. Ich bin aber immer stolz, wenn ich es sehe, dass sie es schaffen, die Patrone im Pen zu wechseln. Und wenn ich sehe, dass sie die Spritzstellen richtig wählen. Und sie sind auch stolz. Mir macht es Spaß und Freude, wenn ich sehe, wie viele das eigenständig lösen können.

Wie lange arbeiten Sie schon mit dem SGS?

Im Prinzip arbeite ich schon von Anfang an mit diesem Programm. Dr. Göbel und ich waren vor zwei Jahren beim ersten Trainerseminar von Berlin-Chemie und Herrn Dr. Zeyfang in Berlin dabei und fanden das direkt für uns eine ganz gute und sinnvolle Sache. Wir haben dann auch direkt danach mit der Umsetzung begonnen. Wir befinden uns hier in einem sehr ländlichen Gebiet, in dem es viele ältere Leute gibt, dementsprechend hoch ist der Bedarf.

Wie haben Sie früher geschult und was machen Sie durch SGS heute anders?

Früher haben wir länger geschult und wir haben mehr auf die Wissensvermittlung gesetzt. Wir haben immer versucht, mehr Wissen „durchzupowern“ – das ist eigentlich jetzt zweitrangig geworden. Wir setzen viel mehr auf praktische Dinge: Blutzucker messen, Insulin spritzen oder richtige Einnahme der Tabletten – das hat sich geändert durch SGS.

Empowerment und Motivation zur Veränderung ist ja ein wichtiges Thema in der Diabetesschulung: Wie motivieren Sie gerade ältere Patienten?

Es sind ein paar dabei, die depressive Verstimmungen haben, wobei man schon sagen muss, dass die in so einer Schulung richtig aufblühen können, weil sie Kontakt zu anderen haben, weil sie anschließend immer noch sitzen bleiben, noch ein bisschen schwätzen, sich austauschen. Im Großen und Ganzen sind sie sehr diszipliniert und das macht die Sache etwas einfacher. Wir machen viel Praktisches, z.B. Gymnastik. Wir haben extra eine Einheit mit eingebaut, wo mit einem Thera-Band® gearbeitet wird. Wir führen damit dann Übungen im Sitzen durch. Wir haben Übungen dabei, welche die Konzentration fördern und die ihr Fingerspitzengefühl ein bisschen trainieren. Ich versuche immer, die Stunde mit ein paar Konzentrationsübungen zu starten, auch wenn ich merke, dass gerade die Luft raus ist. Dann reicht es schon, wenn ich mal was von meinen Kindern erzähle oder ein kurze Pause einlege und dann sind die wieder ganz gut bei der Sache. Sie erzählen auch gerne von sich und ihrem Leben, also von Dingen, die nichts mit der Schulung zu tun haben. Man muss dann sehen, dass man „die Kurve wieder kriegt“, aber durch dieses kurze Abschweifen bleiben sie doch eher bei der Sache, als wenn ich das stur durchziehen würde.

Haben Sie schon einmal Feed-Back von Ihren älteren Patienten bekommen? Woran können Sie den „Erfolg“ messen?

Die Patienten drücken vor allem ihre Dankbarkeit aus. Es sind ganz viele dabei, die bringen mir Pralinen, Schokolade oder auch Blumen mit. Das machen sie dann auch ganz eigenständig. Oftmals ist es auch so, dass sie als Gruppe sammeln und einen beauftragen, der dann was besorgen soll.

Frau Lauschke, vielen Dank für das Gespräch!