Diabetikerschulung

SGS auf dem Prüfstand: Auftakt zum Start der Evaluationsphase in Berlin

Das SGS baut auf Vertrauen des Patienten in sich selbst und in die Gruppe

„Das SGS lebt von Interaktion, Dialog und Praxisnähe“, unterstrich Dr. Dr. med. Andrej Zeyfang, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Geriatrie“ auf dem Seminar in Berlin. Das übergeordnete Ziel des SGS ist es, Menschen mit Diabetes in die Lage zu versetzen, auf der Basis von eigenen Entscheidungen die Diabeteserkrankung bestmöglich in ihr Leben zu integrieren. Auch Menschen jenseits des 65. Lebensjahres sind in der Lage, zukunftsorientierte Entscheidungen zu treffen. Dies wurde eindrucksvoll anhand eines Videomitschnittes einer bereits durchgeführten SGS-Schulungsstunde gezeigt.
Stand früher die reine Wissensvermittlung im Vordergrund einer Schulung, zeichnen sich moderne Schulungskonzepte vor allem durch die Förderung des Selbstmanagements im Umgang mit einer Erkrankung aus. Der Schulungsteilnehmer wird hier nicht als Schüler sondern als Partner gesehen. Dies ist besonders für geriatrische Patienten von Bedeutung, da die Lernfähigkeit im Alter abnimmt.

Die individualisierte Zielfindung muss in einem strukturierten Schulungsprogramm integriert sein. Daher wird bereits im Vorfeld der Schulungsmaßnahme großen Wert auf die individuelle Betreuung gelegt. In einem Vorgespräch kann der Betroffene über seine Alltagsprobleme und seine Lebenssituation zu Hause sprechen aber auch über seine Lebensziele und Wünsche. Das Interesse, an der Schulung teilzunehmen muss jedoch von dem Patienten selbst kommen. „Der Patient muss mit dem Herzen dabei sein“, hiermit betonte Irene Feucht, Diplom-Ökotrophologin und Diabetesberaterin DDG, als Mitinitiatorin des SGS das Prinzip der Freiwilligkeit.

Zu Beginn der Schulung werden Ziele und Erwartungen, die der Teilnehmer an die Schulung, aber auch an seine eigene Zukunft hat, erfragt. Hierdurch wird eine gute Kommunikationsbasis geschaffen, so dass sich der Einzelne besser öffnen kann und sich in der Gruppe wohl fühlt. Die Lerngeschwindigkeit wird den Fähigkeiten der Teilnehmer angepasst, häufiges Wiederholen unterstützt zusätzlich den Lernprozess. Es geht darum, Möglichkeiten für eine Verbesserung der Lebenssituation aufzuzeigen. „Vermittelt werden soll, was verändert werden kann und nicht, was verändert werden muss“, schloß Zeyfang.

Mit Empowerment zum Schulungserfolg

Empowerment ist mehr als nur ein Modewort und steht für eine Verbesserung der Selbstmanagementkompetenzen. Wie Diplom-Psychologe Thomas Kubiak in Berlin ausführte, ist ein Therapiekonzept erst dann effektiv, wenn es an die Erfahrungen des Patienten anknüpft, ein Problembewusstsein schafft und durch die veränderte Einstellung ein konkretes Therapieverhalten bewirkt. Ein Schulungsprogramm sollte daher individuell auf den Patienten zugeschnitten sein. Dies gewinnt insofern an Bedeutung, da das SGS eine sehr heterogene Gruppe an Patienten beschult, die sehr unterschiedliche Fähigkeiten aufweist. Neben dem individualisierten Vorgehen ist die Umsetzbarkeit des Erlernten im Alltag für den Therapieerfolg bei Diabetes mellitus von entscheidender Bedeutung. So ist es wenig sinnvoll, den Blutzuckerwert für alle geriatrische Diabetiker als einen fixen Sollwert zu definieren, sondern es ist wichtiger, einen individuell auf den Patienten abgestimmten akzeptablen Wert anzustreben.

Im Anschluss an jede Schulungsstunde wird von dem Teilnehmer selbst ein Ziel bestimmt, das er in den nächsten 3 Monaten umsetzen möchte, so z.B. „den Diabetikerausweis immer bei sich zu tragen“ oder „regelmäßig zur Fußpflege zu gehen“. Durch die individuelle Festlegung erreichbarer Ziele ist ihre Umsetzbarkeit im Alltag gegeben. Werden die persönlichen Ziele dauerhaft eingehalten, können Lob und Ermutigung die Kompetenzen des geriatrischen Patienten zusätzlich stärken.

Die Evaluation

Ab Dezember dieses Jahres soll das SGS über einen Zeitraum von 6 Monaten in einer prospektiven, randomisierten, multizentrischen Studie gegen das Schulungsprogramm des Zentral Instituts der Kassenärztlichen Vereinigung (ZI-Schulung) evaluiert werden, wie Anke Braun, Verantwortliche für die Durchführung der Evaluation, im Rahmen des Seminars in Berlin ausführte. Die Auswertung der Evaluation erfolgt über das Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim sowie über das Universitätsklinikum Jena und wird voraussichtlich im Herbst 2004 abgeschlossen sein. Ziel ist die Akkreditierung des SGS durch die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und die Krankenkassen.

Prüfung unter Praxisbedingungen
Zu Beginn der Evaluationsphase wählt jedes der 21 geriatrischen Zentren geeignete Probanden aus. Eingeschlossen sind Patienten, die mindestens 65 Jahre alt sind, ein oder mehrere geriatrische Syndrome wie Harninkontinenz oder Gehbehinderung sowie mindestens eine weitere Nebendiagnose aufweisen und als Typ 2-Diabetiker mit Insulin behandelt werden. Diabetes-Patienten, bei denen ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall weniger als 2 Wochen zurückliegt sowie Personen mit starken kognitiven Einschränkungen sind von der Studienteilnahme ausgeschlossen. In einem Vorgespräch wird der Patient über die Schulung informiert und entscheidet selbst über die Teilnahme, so dass das Prinzip der Freiwilligkeit gewahrt bleibt.
Neben einer Eingangsuntersuchung des Patienten, die den körperlichen Gesundheitszustand erfasst, werden drei kognitive Testverfahren durchgeführt, um homogene Schulungsgruppen zu bilden bzw. sicherzustellen, dass lediglich leichte kognitive Einschränkungen vorliegen. Hierfür wurde der Alters-Konzentrations-Test, der DemTect und die Mini Mental State Examination ausgewählt. Die Einteilung der Schulungsgruppen in die beiden Studienarme erfolgt per Los.

Wissen beweisen
Nach einem Zeitraum von 6 Monaten erfolgt eine persönliche Nachuntersuchung der Patienten. Anhand eines Wissens- bzw. Handling-Tests werden die Kenntnisse der Patienten im Umgang mit ihrer Erkrankung überprüft. So kann der Erfolg des jeweiligen Schulungskonzeptes gemessen und verglichen werden. Ein zusätzlicher Fragebogen gibt Auskunft über die Zufriedenheit mit der Diabetestherapie.
Nach Abschluss der Evaluierungsphase ist geplant, das SGS von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) zu akkreditieren, um eine Abrechnung über die Krankenkassen zu ermöglichen.